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  • Mit wenigen Ausnahmen stabile Preise

    Inflation II: Die Verbraucherpreise für Benzin, Strom, Gas und Lebensmittel steigen spürbar. Die meisten anderen Waren verteuern sich aber kaum

    Der Blick auf die Preisanzeigen der Tankstellen jagt Autofahrern in diesem Tagen einen Schrecken ein. Weit über 1,50 Euro kostet der Liter Superbenzin bereits, auch der Dieselpreis ist jenseits der Marke von 1,40 angelangt. Der kräftige Preissprung wird von den Konzernen mit den Unruhen im Ölförderland Libyen begründet. Kostet der Liter Sprit bald zwei Euro?

    Wenn es auch in anderen Förderregionen zu Aufständen kommen sollte, wird der Ölpreis weiter in die Höhe schnellen. Zusätzlich steigt durch das Wirtschaftswachstum besonders in Asien und Lateinamerika die weltweite Nachfrage nach Öl. Parallel dazu wird es schwieriger, neue Erdölquellen zu erschließen. Und beim Diesel kommt noch eine Besonderheit hinzu. Es fehlen Raffinerien zur Herstellung des Treibstoffs, der zudem als Heizöl verkauft wird. Auch dieses mangelnde Angebot treibt den Preis. Deshalb werden die Verbraucher für Kraftstoff langfristig wohl mehr Geld ausgeben müssen, selbst wenn sich die Lage in Nordafrika wieder beruhigt.

    Auch beim Gas wird sich die Teuerung in den nächsten Jahren bemerkbar machen. Der Gaspreis ist noch immer an den Ölpreis gekoppelt. Sollte dieser krisenbedingt hoch bleiben, wird nach einiger Zeit auch das Gas zum Heizen oder Kochen teurer.

    Bei Elektrizität wirken weitere Faktoren preistreibend. So steigt die Umlage für Ökostrom an, die die Privatkunden zahlen, und verteuert jede Kilowattstunde. Bald müssen außerdem neue Stromleitungen gebaut werden, damit die zusätzliche Energie beispielsweise aus den Windparks in der Nordsee zu den Verbrauchern gelangt. Die Milliardenkosten für den Netzausbau werden sich die Versorger mittels höherer Strompreise zurückholen.

    Der zweite entscheidende Faktor für die höhere Inflationsrate von zwei Prozent im Februar 2011 ist die Preissteigerung bei Lebensmitteln. Ende des Jahres 2010 lag die Inflationsrate bei Nahrungsmitteln um 2,5 Prozent über der durchschnittlichen Inflationsrate. Einer der wesentlichen Gründe dafür ist das hohe Wirtschaftswachstum in Schwellenländern wie China, Indien und Brasilien. Die Menschen dort werden wohlhabender, wodurch ihre Nachfrage nach Fleisch und anderen höherwertigen Lebensmitteln, sowie nachfolgend die Weltmarktpreise steigen. Hinzu kommt die Finanzspekulation mit Nahrungsrohstoffen, die sich aufgrund unzureichender Daten aber bislang schwer beziffern lässt.

    Trotz der stärker steigenden Preise für Energie und Nahrungsmittel bleibt die gesamte Inflationsrate, in die alle in Deutschland verkauften Waren einbezieht, vergleichsweise niedrig. Es dauere einfach eine gewisse Zeit, bis sich höhere Rohstoffkosten in den Verbraucherpreisen niederschlügen, erklärt Ökonom Ferdinand Fichtner von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. Außerdem könnten die Industrieunternehmen wegen des scharfen Wettbewerbs nicht jede Kostensteigerung umstandslos an die Endkunden weiterreichen. Deswegen bestehe vorläufig keine große Gefahr, so Fichtner, dass die „Kerninflation“ für alle Waren ohne Energie und Nahrungsmittel über zwei bis drei Prozent pro Jahr hinaus steige.

    Auch den Arbeitnehmern glaubt der Ökonom eine optimistische Botschaft schicken zu können. Nicht unwahrscheinlich sei es, dass die zwischen Unternehmensverbänden und Gewerkschaften in diesem Jahr zu verhandelnden Lohnsteigerungen den inflationsbedingten Kaufkraftverlust ausgleichen könnten. Fichtner rechnet damit, dass die Firmen ihrem Personal rund ein Prozent mehr Lohn zugestehen, um die Produktivitätssteigerung weiterzureichen. Hinzu käme ein Inflationsausgleich von etwa zwei Prozent. Diese durchschnittlichen Lohnerhöhungen von rund drei Prozent wären nach Fichtners Einschätzung volkswirtschaftlich tragbar und würden die Inflation nicht zusätzlich antreiben. „Die Akteure haben aus den Fehlern der 1970er Jahre gelernt“, sagt der Wirtschaftsforscher.

  • Der Inflation ein Schnippchen schlagen

    Inflation III: Die steigende Inflation kann das private Vermögen bedrohen. Was sollten Privatanleger wissen?

    In der nächsten Zeit wird die Inflationsrate wahrscheinlich nicht dramatisch steigen – aber sie zieht an. Für dieses Jahr rechnen viele Ökonomen mit einer Preissteigerungen von durchschnittlich zwei Prozent, 2012 etwas mehr. Weil wir aber aus einer Zeit sehr niedriger Inflation kommen, müsse man sich über leicht höhere Werte „keine Sorgen“ machen, sagt Karin Baur von der Zeitschrift Finanztest. Welche Bedeutung hat die Inflation dennoch für Ersparnisse und Vermögen? Unsere Zeitung analysiert die wichtigsten Wirkungen.

    Sparkonten

    Eine Inflationsrate von 1,9 Prozent, wie im Januar gemessen, bedeutet: Die Kaufkraft des Geldes nimmt pro Jahr um diesen Prozentsatz ab. Die Guthaben-Zinsen für Sparkonten liegen dagegen nur bei einem Prozent oder leicht darüber. Das heißt: Anleger, die nur auf ihr Sparkonto vertrauen, machen Verlust. Die Kaufkraft ihres Kapitals sinkt schneller, als sie der Zuwachs durch Zinsen ausgleicht.

    Festgeldkonten

    Für diese Art des Sparens bieten Banken höhere Zinsätze von bis zu zwei Prozent. Weil das Geld nur für beispielsweise ein oder zwei Jahre festgelegt ist, kann man danach einen neuen Vertrag zu höherem Zinssatz abschließen, der auch die künftige Inflationsrate ausgleicht. Damit fährt man besser als mit dem Sparkonto.

    Festverzinste Wertpapiere

    Ähnliches gilt für Staatsanleihen mit festem Zinssatz, zum Beispiel deutsche Bundesanleihen. Karin Baur von Finanztest rät hier ebenfalls zu kurzen bis mittleren Laufzeiten. Nach dem Auslaufen erhält man sein Geld zurück und kann dann eine aktuelle Anleihe mit eventuell höherem Zinssatz erwerben. Nach Berechnungen von Finanztest haben Anleger mit einjährigen Bundesanleihen in den vergangenen 40 Jahren die Inflationsrate fast immer ausgeglichen – wobei die Rendite gering ausfiel.

    Immobilien

    Wer in Eigentumswohnungen oder Häuser als Kapitalanlage investiert, kann verhindern, dass die Kaufkraft seines Kapitals durch Inflation abnimmt. Andererseits profitiert er möglicherweise durch inflationsbedingt steigende Mieten. Dieser Mechanismus funktioniert jedoch nur, wenn die Immobilie in einer guten Lage steht, die zumindest Wertstabilität garantiert und entsprechende Mieteinnahmen bringt. Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen rät, dass der Kaufpreis einer als Kapitalanlage gedachten Immobilie „das 15- bis 20-Fache der erzielbaren Nettokaltmiete“ nicht übersteigen sollte.

    Gold

    Mit fast 1.415 US-Dollar pro Feinunze (1.032 Euro, 24.2.11) hat der Preis des Goldes ein „sehr hohes Niveau“ erreicht, schreiben die Experten des Edelmetallhändlers Heraeus in Frankfurt am Main. Die Botschaft: Mit einem weiteren starken Anstieg des Goldpreises sollte man nicht unbedingt rechnen. Entgegen seinem Ruf der Sicherheit bietet Gold keinen automatischen Schutz gegen Kaufkraftverlust. Der Gold-Kurs schwankt teilweise stark und beschert den Anlegern mitunter große Verluste.

    Silber

    Auch der Silberpreis ist laut Heraeus „dramatisch angestiegen“ (24.2.11: 33 Dollar/ Feinunze, 24 Euro). Und auch hier ging es in den vergangenen Jahren teilweise massiv hoch und runter. Für Privatanleger heißt es deshalb: Vorsicht.

    Aktien

    Wer die Inflation ausgleichen will, kann eine Investition in Aktien und Aktienfonds in Erwägung ziehen. Wesentliche Indizes von Aktienwerten wie der Deutsche Dax haben sich im vergangenen Jahr gut entwickelt. Wegen der wirtschaftlichen Erholung nach der Finanzkrise steigen die Kurse möglicherweise auch in der näheren Zukunft noch weiter. Was für Deutschland zureffen mag, muss allerdings nicht für andere Weltregionen gelten, etwa die USA, wo die ökonomische Entwicklung fragiler ist. Ein weiterer Risikofaktor: Die Aufstände in Arabien, die den Erdölpreis steigen lassen und damit die Aktienkruse drücken.

    Altersvorsorge

    Bei Lebensversicherungen könnte die Überschussbeteiligung zugunsten der Anleger bald wieder zulegen, denn die Versicherungsunternehmen profitieren von den vermutlich steigenden Zinsen von Staatsanleihen. Gleiches gilt für private und kapitalgestützte Verträge wie die Riester-Rente.

    Festverzinste Firmenanleihen

    Bei längeren Laufzeiten von mehreren Jahren sollte man vorsichtig sein. Würde die Inflationsrate steigen, fräße sie den festgelegten Zins von Unternehmensanleihen allmählich auf. Ähnlich wie bei Staatspapieren sind kürzere Laufzeiten augenblicklich besser.

    Investitionen im Ausland

    Zwar ist das Geld außerhalb der Eurozone vor einem Wertverlust der Gemeinschaftswährung sicher, aber die Währung, in der die Anlage investiert wird, kann aus vielen Gründen ebenfalls an Wert verlieren.

  • Angelockt und abgezockt

    Immer wieder schaffen es Immobilienvermittler, überteuerte Wohnungen unters Volk zu bringen – und ihre Opfer in die Pleite zu treiben

    Verbraucherschützern sind sie ein Dorn im Auge. Wer auf sie hereingefallen ist, dem droht nicht selten der finanzielle Ruin. Immer wieder gelingt es dubiosen Vermittlern, ahnungslosen Bürgern überteuerte Eigentumswohnungen oder gar Schrottimmobilien aufzuschwatzen. Die Abzockmaschen sind so gut ausgetüftelt, dass im Prinzip jeder in die Falle tappen könnte.

    „Die Abzockerei beginnt fast immer mit einem Telefongespräch und einer Meinungsumfrage zum Steuersystem: Finden Sie, dass Sie zu viele Steuern zahlen?“, sagt Ariane Lauenburg, Redakteurin bei der Zeitschrift Finanztest. Das Perfide: Am anderen Ende der Leitung sitzen meist Studenten, die sich nichts ahnend für drei oder vier Euro Stundenlohn in einem Call-Center etwas dazu verdienen. Wenig später folgt dann ein weiteres Telefonat, in dem der Anrufer dem Opfer die Ergebnisse mitteilt.

    „Da heißt es dann, dass 90 Prozent der Befragten der Meinung sind, zu viele Steuern zu zahlen. In Ihrem Fall habe ich ein ganz besonders tolles Steuersparmodell“, so Lauenburg. Gleich schnappt die Falle zu: Jetzt nämlich fragt der Mitarbeiter, wann man Zeit habe, Mittwoch 16 Uhr oder Freitag 19 Uhr. Und schon ist der Angerufene überrumpelt, weil er sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheidet.

    Mit dem Erwerb von Immobilien als Kapitalanlage werden seit den 1990er Jahren private Anleger gelockt. „Der geschätzte jährliche Schaden, den die Verbraucher durch solche und andere Produkte des Grauen Kapitalmarkts erleiden, geht in die Milliarden“, sagt Sascha Straub, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern. „Über Vorträge, Telefonakquise oder beispielsweise direkte Ansprache durch einen Verwandten werden potentielle Anleger geködert“, erläutert der Jurist. Unseriöse Vermittler erkenne man daran, dass sie Steuervorteile und hohe Renditen versprechen, die Risiken aber verschweigen.

    Doch zurück zum Telefongespräch: Der potentielle Käufer hat also einem Treffen zugestimmt, welches auch noch in seiner Wohnung stattfindet. „Das Treffen dient allein dem Zweck, herauszufinden, wie viel Geld der Betroffene locker machen kann“, erläutert Expertin Lauenburg. Sämtliche Unterlagen von Kontoauszügen bis hin zu Sparverträgen werden gesichtet. „Das Opfer legt so zusagen einen regelrechten Finanzstriptease hin“, erläutert die Redakteurin. Dass es sich bei allem um eine „Steuerspar-Immobilie“ handelt, ahne es immer noch nicht.

    Der Betrug geht weiter. Im Anschluss wird der künftige Immobilienbesitzer in ein Büro eingeladen. Mit einem teueren Auto wird er dorthin gebracht und dann solange bearbeitet, bis er bereit ist, eine Patenschaft für ein Denkmalprojekt zu übernehmen. Das koste so gut wie nichts, durch die Steuerersparnis würde sich das Ganze von selber tragen und dem Anleger später einen schönen Gewinn bescheren. Schließlich ist das Opfer weichgekocht und bereit zu unterschreiben. 

    „Die Leute werden dann zum Notar gefahren und unterschreiben dort den Kaufvertrag für eine vermietete Eigentumswohnung als Kapitalanlage“, so Redakteurin Lauenburg. Der Knackpunkt: Die Verbraucher haben die Immobilie erstens nicht gesehen, haben zweitens dafür eigentlich nicht das nötige Kapital und nehmen einen Kredit auf. Drittens gibt das Mietobjekt die versprochenen Einnahmen nicht her, weil der Vermittler die Mieten schön gerechnet hat oder weil die Wohnung anstelle in der glitzernden Innenstadt mitten in der Pampa liegt.

    „Die Betroffenen rufen uns an und haben Angst, wir würden denken, dass sie total blöd sein müssen, auf ein solches Geschäft hereingefallen zu sein“, sagt Redakteurin Lauenburg. Aber hinter dem Betrug stecke ein ausgetüfteltes Überrumpelungssystem. Doch wie kommen Betrogene nun aus den Verträgen heraus? Die Verbraucherzentralen zumindest sind machtlos, weil der Eigentümer in diesem Fall als Vermieter auftritt und nicht als privater Endverbraucher.

    „Hier hilft ein Anwalt“, sagt Liza Banzhaf von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Wie hoch die Chancen stehen, aus einem ungewollten Vertrag herauszukommen, lässt sich pauschal nicht beantworten. Es kommt auf die Umstände an. Experten zufolge funktioniert die Rückabwicklung, wenn festgestellt wird, dass der Kaufpreis sittenwidrig überteuert ist, die Käufer über die monatlichen Belastungen getäuscht oder die Informationspflichten verletzt wurden. Das muss der Käufer allerdings beweisen. 

  • „Es mangelt an Zivilcourage!“

    Das Interview

    Immer wieder schockieren brutale Überfälle in U- und S-Bahnen die Öffentlichkeit. Das Gefühl der Unsicherheit ist unter den Fahrgästen weit verbreitet. Das Problem beschäftigt auch den Leiter der Konzernsicherheit der Deutschen Bahn, Prof. Gerd Neubeck. Der frühere Richter und Berliner Vize-Polizeipräsident setzt auf Prävention. Neubeck ist 59 Jahre alt und verheiratet.

    Frage: Im Restaurant oder Einkaufszentrum garantieren die Betreiber die Sicherheit der Kunden. Warum können sich die Fahrgäste im Nahverkehr nicht auf den Schutz der Unternehmen verlassen, zumal die Bahn Personal an den Bahnhöfen eingespart hat?

    Gerd Neubeck: Grundsätzlich sind neben dem Staat die Unternehmen für die Sicherheit verantwortlich. Aber bei der Bahn sind die Dimensionen ganz andere. Im Kaufhaus postieren sie einen Wachmann am Eingang, der alles kontrollieren und gegebenenfalls einschreiten kann. Das ist bei den 5.700 Bahnhöfen und täglich 27.000 Zügen schlicht unmöglich. Als DB machen wir schon heute viel für die Sicherheit. Zusätzlich haben wir beschlossen, in diesem Jahr nochmals unsere Sicherheitskräfte um 500 auf 3.700 zu erhöhen. Dazu kommen noch die rund 5.000 Bundespolizisten.

    Frage: Warum wächst trotzdem die Gefahr, brutal überfallen zu werden?

    Neubeck: Ich kann ein Stück weit beruhigen: Schon heute ist die Bahn sicherer als die meisten anderen öffentlichen Räume, da sind alle Statistiken eindeutig. Aber die Gewaltbereitschaft steigt insgesamt, das ist ein Gesellschaftsproblem. Die Ursachen sind vielfältig. Es gibt einen Verlust von Werten, schon junge Menschen vereinsamen und wollen mit einem Gewaltausbruch aus der Masse herausragen. Auch Computerspiele leisten einen Beitrag. Darauf muss eben die gesamte Gesellschaft reagieren – das können wir allein als DB nicht ausgleichen.

    Frage: Aber immer häufiger reagieren nicht einmal Zeugen auf Übergriffe, in dem sie helfen oder Hilfe holen. Sind wir ein Volk von Feiglingen?

    Neubeck: Es mangelt an Zivilcourage. Das Risiko, selbst in eine schwierige Lage zu kommen, wird von vielen nicht in Kauf genommen. Das ist teilweise auch verständlich. Sich allein gegen Gewalttäter zu stellen ist unvernünftig. Aber in diesem Fall kann man andere ansprechen und gemeinsam einschreiten oder laut um Hilfe rufen. Dann verschwinden die Täter oft schon. Nur die Augen verschließen darf niemand.

    Frage: Reichen denn die Strafen für die Täter aus?

    Neubeck: In so einer Situation denkt kein Täter an das Strafmaß. Höhere Strafen würden da nichts bewirken. Das ist eher im Vorfeld abschreckend. Im Erwachsenenstrafrecht wurde der Strafrahmen bei Körperverletzungen verschärft. Früher wurde ein Diebstahl oft härter bestraft. Bei den Jugendlichen sind spürbare und schnelle Sanktionen nötig. Daran hapert es noch. Wichtig ist aber, dass es erst gar nicht zu diesen Situationen kommt. Dazu tragen wir mit der verstärkten Präsenz von Mitarbeitern mit Videoüberwachung und Notrufsäulen bei. Noch wichtiger ist jedoch die Prävention auf Seiten der Täter.

    Frage: Versagen die Eltern, der Staat oder auch die Unternehmen?

    Neubeck: Es gibt überall Nachholbedarf und es müssen alle anpacken. Die Deutsche Bahn wird in diesem Jahr in Schulen und Jugendeinrichtungen gehen. Dort bieten wir Trainings an, damit Konflikte gewaltfrei vermieden oder bewältigt werden können. Es wäre schön, wenn andere Unternehmen mitmachen würden. Auch mancher Ausbilder im Betrieb sollte den Azubis deutlich machen, dass es im Umgang untereinander bestimmte Regeln gibt. Gefragt sind auch die Eltern. Viele sind überfordert damit, einerseits zu arbeiten und die Familie zu ernähren, andererseits noch Zeit mit ihren Kindern zu verbringen und ihnen Werte zu vermitteln. Und mitunter spart der Staat kurzsichtig bei der Hilfe für Jugendliche. Das ist auf lange Sicht teuer: Sehen Sie sich die Schäden durch Vandalismus und Grafitti an. 50 Millionen Euro muss allein die DB zur Beseitigung aufbringen. Das Geld würden wir lieber für den Kunden einsetzen.

  • Neue Firmenstiftung für den Klimaschutz

    Energie aus Abfall, Frachtschiffe mit Segeln – die Stiftung 2 Grad will klimaschonende Verfahren in der Wirtschaft voranbringen

    Aus Abfällen lässt sich immer noch etwas herausholen – in diesem Fall jede Menge Energie. Mit „Ecoloop“ entwickelt der Baustoff-Hersteller Xella gerade ein neues Verfahren. Aus einem Gemisch kohlenstoffhaltiger Abfälle, Pflanzenresten und Kalk lässt sich dabei ein Synthesegas gewinnen, das man als Brennstoffersatz für Kohle oder Erdöl nutzen kann. Erstmals will die Firma die Methode demnächst in einem Kalkwerk im Harz anwenden.

    Auf die Idee sind die Xella-Ingenieure gekommen, weil Kalk für die Baumaterial-Firma (Ytong, Silla) ein Grundstoff ist. Möglicherweise aber interessieren sich noch weitere Unternehmen für das innovative Verfahren. Auch deshalb ist die ehemalige Haniel-Tochter kürzlich der neuen Unternehmensstiftung 2 Grad beigetreten, die Maßnahmen des Klimaschutzes in der Wirtschaft voranbringen will.

    Xella mit Zentrale in Duisburg, sowie Standorten in NRW, Brandenburg, Niedersachsen, Hessen, Baden-Württemberg und anderen Ländern, gehört mittlerweile den Investment-Firmen PAI Partners und der Großbank Goldman Sachs. Neben dem Baustoff-Hersteller wirken fünf weitere Firmen in der Klimaschutz-Stiftung mit: die Deutsche Bahn AG, der norddeutsche Energiekonzern EWE, die M + W Group, die unter anderem Solarkraftwerke plant und baut, der Handelskonzern Otto und der Sportartikel-Produzent Puma.

    Die Stiftung ist eine Schwesterorganisation der schon bestehenden „Initiative 2 Grad“, in der sich weitere Unternehmen zusammengeschlossen haben. Mit ihrem Namen beziehen sich die Firmen auf das politische Ziel, die Erwärmung der Erdatmosphäre möglichst auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, um die schädlichen Folgen des Klimawandels in Grenzen zu halten.

    Zunächst hat die gemeinnützige Stiftung 500.000 Euro pro Jahr aus Beiträgen der Mitgliedsunternehmen zur Verfügung. Damit will man den Austausch zwischen Wissenschaftlern und Unternehmern fördern. Die Notwendigkeit dafür begründet Marek Wallenfels, der Geschäftsführer der Stiftung, so: „Wissenschaftliche Institute dringen mit ihren Erkenntnissen zur Klimapolitik oft nicht in die Wirtschaft durch.“ Vielfältiges Wissen über den Klimawandel sei zwar vorhanden, werde in der Praxis aber zu wenig umgesetzt „Die Stiftung soll deshalb Wissenschaft und unternehmerischen Alltag zusammenbringen“, so Wallenfels.

    Die beteiligten Unternehmen haben nichts dagegen, wenn ihr Name durch die Mitwirkung in Initiative und Stiftung mit dem positiven Anliegen des Klimaschutzes in Verbindung gebracht wird und der Verkauf ihrer Produkte steigt. Die Firmen haben sich allerdings auch eine gewisse Glaubwürdigkeit beim Klimaschutz erarbeitet.

    So lässt die Bremer Reederei Beluga, Mitglied der Initiative, eines ihrer Frachtschiffe teilweise von einem riesigen Zugdrachen übers Meer schleppen. Wenn der Wind günstig steht, fliegt der Kite voraus und überträgt seine Zugkraft per Seil auf das Schiff. Das spart den Motoren tonnenweise Treibstoff. Der Kohlendioxidausstoß sinkt.

    Auch der Handelskonzern Otto, dessen Eigentümer Michael Otto den Anstoß für Initiative und Stiftung gab, versucht Klimaschutz zu praktizieren. Seit 1994 habe die Otto-Tochter Hermes ihren Kohlendioxid-Ausstoß pro Warensendung um 40 Prozent reduziert, sagt das Unternehmen.

    Ob die Firmen von einzelnen positiven Beispielen abgesehen insgesamt allerdings klimaschonend arbeiten, bleibt fraglich. Bei Xella beispielsweise existieren keine Zahlen zur Gesamtklimabilanz. Der Energiekonzern EWE, ebenfalls ein Stiftungsmitglied, hat sich zwar den Verkauf sauberen Stroms aus erneuerbaren Quellen auf die Fahnen geschrieben, vertreibt aber zu fast 70 Prozent Energie aus Atom- und Kohlekraftwerken.

    Fotos zu Skysail finden Sie hier:

    http://www.skysails.info/deutsch/infothek/presselounge/fotos-grafiken/ms-beluga-skysails/

  • Bildung füllt den Geldbeutel

    Ein Studium zahlt sich nicht nur für den Einzelnen aus. Auch der Staat profitiert – selbst wenn er die Kosten dafür vorstreckt. Am Donnerstag verhandelte der Landtag in Nordrhein-Westfalen, ob er die Studiengebühren wieder abschafft

    Einige Bundesländer kassieren sie: die Studiengebühren. Andere hatten die Extrazahlungen zwar eingeführt, einige Zeit später aber wieder abgeschafft. Bis zu 500 Euro können die Universitäten pro Semester vom Akademikernachwuchs verlangen. Trotzdem ist diese Summe nur ein Bruchteil dessen, was der Staat für jeden einzelnen Studienplatz aufwenden muss.

    „7.000 Euro kostet ein Studienplatz im Durchschnitt im Jahr“, sagt Axel Plünnecke vom Institut für Wirtschaft (IW) Köln. Beim Großteil der Bundesländer springt der Staat und somit der Steuerzahler für die volle Summe ein. Nicht jeder Student ist jedoch gleich teuer. Zum einen spielt es eine Rolle, welchen Beruf der- oder diejenige später einmal ergreifen möchte. So kommt ein Medizinstudent der Volkswirtschaft mit weit über 10.000 Euro teurer zustehen als ein angehender Betriebswirt oder eine Geisteswissenschaftlerin. Zum anderen schwanken die Summen, die die einzelnen Hochschulen in Studiengänge investieren.

    Durchschnittlich 3.540 Euro haben die Universitäten zum Beispiel für die Lehre eines Kunststudenten im Jahr 2008 berappt. 5.550 Euro waren es für einen Ingenieur. Das hat das Hochschul- Informations-System für das Bachelor-Studium in Berlin, Bremen, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ausgerechnet. Auch Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein waren an der Studie beteiligt. Am niedrigsten fielen die Kosten mit 2.040 Euro an der Universität Greifswald aus. Die Humboldt Universität in Berlin griff mit 4.560 Euro am tiefsten in die Tasche.

    Doch nicht nur dem Staat kostet die Lehre der jungen Menschen etwas. Auch die Studenten haben Ausgaben. Während ein angehender Akademiker, der einen Mastertitel anstrebt, nach ganzen drei Jahren längst noch nicht mit Bücher wälzen und Büffeln fertig ist, verdienen andere Gleichaltrige schon gutes Geld – vielleicht als Mechatroniker oder Rechtsanwaltsgehilfin. Hat ein Berufsanfänger monatlich 2.000 Euro beisammen, schafft es dagegen der Student mit Bafög und Unterstützung der Eltern gerade einmal auf 1.000 Euro pro Monat. Innerhalb von zwei Jahren gehen ihm also 36.000 Euro durch die Lappen. Rentiert sich das Studium da überhaupt?

    Ja, das Geld ist eine gute Investition. Hochschulabsolventen erzielen in der Regel deutlich höhere Einkommen. So verdient ein westdeutscher Akademiker IW-Berechnungen zufolge pro Stunde 78 Prozent mehr als ein Hilfsarbeiter. Diese Zahl mag erstaunlich niedrig anmuten. Sie kommt aber dadurch zustande, dass das Wirtschaftsinstitut die unbezahlten Überstunden, die Gelehrte häufiger leisten, gleich mit einberechnet. Auch gegenüber Fachkräften, die in den alten Bundesländern pro Stunde 26 Prozent mehr erreichen als Menschen ohne Abschluss, stehen Mediziner oder Wissenschaftler viel besser da. Ebenso sind die Aussichten auf einen Arbeitsplatz für Höherqualifizierte besser als für andere. In den neuen Bundesländern verdienen Akademiker zwar in der Regel weniger – im Schnitt bekommen sie dennoch 50 Prozent mehr pro Stunde als unqualifizierte Arbeitnehmer.

    „Während von den Menschen ohne Berufsabschluss nur rund die Hälfte in Lohn und Brot stehen, sind es von jenen mit Berufsausbildung 75 Prozent und von den Akademikern annähernd 86 Prozent“, heißt es aus dem IW Köln. Deutlich wird die Bildungsrendite am Ende des Berufslebens. Während ein Facharbeiter inklusive seiner Altersvorsorge rund 162.000 Euro zusammenspart, erwirtschaften Akademiker durchschnittlich fast eine halbe Million Ersparnisse.

    Und was hat der Staat davon, dass er für die Ausbildung von Naturwissenschaftlern, Informatikern oder Juristen aufkommt? Wissen steigert die Produktivität. Davon profitieren die Unternehmen, die mit guten Leuten höhere Gewinne erzielen und mehr Steuern zahlen. Auch die Akademiker zahlen vergleichsweise hohe Steuern und Sozialabgaben. So profitiert die ganze Volkswirtschaft von einer guten Ausbildung.

    Studiengebühren halten im Übrigen nicht vom Studieren ab. „Zwischen 2006 und 2008, also in der Zeit in der Studiengebühren eingeführt worden sind, können wir keine Effekte beobachten“, so
    IW-Bildungsökonom Plünnecke. Die Anzahl der Studienbeginner pro Semester habe sich in den Ländern mit und ohne Studiengebühren in etwa gleich entwickelt. Schließlich greift der Staat Studierenden, die finanziell schlechter dastehen, unter die Arme. „Bafög ist ganz wichtig“, sagt Plünnecke.

  • Fünf Euro plus eine Currywurst

    Fragen und Antworten zur Hartz-IV-Reform

    Um wie viel steigt der Regelsatz beim Arbeitslosengeld II nun wirklich?

    Es bleibt grundsätzlich bei der ursprünglich angestrebten Erhöhung des Regelsatzes von 359 Euro auf 364 Euro für die rund 4,7 Millionen Hartz-IV-Empfänger. Die Opposition konnte aber einen weiteren Zuschlag von drei Euro am Anfang 2012 durchsetzen. Dieser Betrag soll die Preissteigerungen bei den Lebenshaltungskosten im ersten Halbjahr 2010 abdecken. Dazu erhalten die Betroffenen im nächsten Jahr noch einen Ausgleich für die Teuerung, die danach zu verzeichnen ist. Die Sätze für Kinder bleiben gleich. Im Alter von weniger als sechs Jahren bekommen sie 215 Euro, bis sie 14 sind 251 Euro und danach 287 Euro. Die Kinder können sich nicht auf drei Euro mehr im nächsten Jahr freuen. Hier steht nur fest, dass der Preisausgleich, wenn es überhaupt einen gibt, deutlich niedriger ausfallen wird.

    Ab wann gilt diese Regelung?

    Die Regelung gilt rückwirkend zum 1. Januar 2011. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen rechnet mit einer Auszahlung des höheren Betrags ab dem 1. April. Für die ersten drei Monate des Jahres erhalten die Betroffenen dann einen Nachschlag von 15 Euro.

    Was hat die Opposition durch die langen Verhandlungen erreicht?

    Neben dem Extraaufschlag von drei Euro legte die Bundesregierung auch beim Bildungspaket etwas drauf. 120 Millionen Euro stehen in den nächsten drei Jahren für Sozialarbeiter an den Schulen zur Verfügung. Außerdem wurden Mindestlöhne für drei Branchen vereinbart. Bei der Leiharbeit, im Sicherheitsgewerbe und bei Weiterbildungsunternehmen wird künftig eine Lohnuntergrenze eingezogen. Hier hatte sich insbesondere die FDP bisher quer gestellt. Die Mindestlöhne sollen einen Dumpingwettbewerb verhindern, den viele Experten erwarten, wenn im Mai die europäischen Grenzen für Dienstleistungen fallen.

    Wie hoch sind die Mindestlöhne?

    Bei den Leiharbeitern beträgt der Mindestlohn, den Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften ausgehandelt haben, 7,59 Euro pro Stunde im Westen und 6,89 Euro in den neuen Ländern. Hier würden trickreiche Abweichungen von der Untergrenze unterbunden. Die Arbeitgeber der Branche sehen die Einigung weniger klar. Es sei immer noch offen, wie hoch der Mindestlohn tatsächlich sein wird, kritisiert der Bundesverband Zeitarbeit. Im Wach- und Weiterbildungsgewerbe legen die Tarifparteien einen Mindestlohn fest, der dann gesetzlich verankert wird. Nach wie viel Monaten Leiharbeiter und die Stammbelegschaften gleich bezahlt werden müssen, bleibt auch noch offen. Erst wenn die Tarifparteien sich darüber nicht innerhalb eines Jahres einigen können, will die Bundesregierung aktiv werden.

    Wie geht es mit dem Bildungspaket weiter?

    Auch die Leistungen für die Kinder werden, wenn Ausgaben dafür belegt werden, rückwirkend ausgezahlt. Das Paket sieht monatlich zehn Euro für den Sportverein oder den Musikuntericht vor. Zuschüsse gibt es auch für Schulausflüge. Außerdem bezahlen die Ämter ein Starterpaket für Hefte und Stifte von 100 Euro im Jahr, Nachhilfe bei Bedarf und zwei Euro Zuschuss zum Mittagessen.

    Warum konnten sich Bund und Länder auf einmal so schnell einigen?

    Dafür gibt es zwei Gründe. So ist der öffentliche Druck angesichts des Kleinkriegs um ein paar Euro mehr vor dem Hintergrund der Milliardenhilfen für Banken immer größer geworden. Andererseits haben die Länder handfeste Eigeninteressen an einer Lösung. Denn der Bund versüßt den Kommunen den Kompromiss mit vielen Milliarden Euro. Denn künftig bezahlt die Bundesregierung die Ausgaben für die Grundsicherung im Alter. Das sind allein bis 2014 rund zölf Milliarden Euro. Da die Altersarmut zunimmt, werden auch diese Ausgaben weiter steigen. Die Kommunen werden also deutlich entlastet.

    Ist der Kompromiss ein Erfolg?

    Darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Kritik setzt es vor allem von Gewerkschaften und Sozialverbänden. Der DGB kritisiert, dass das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit weiterhin nicht gilt. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hält die Anhebung um fünf Euro für zu wenig. Das sei erbärmlich, schimpft der Verband.

  • „Ägypten muss eine liberale Demokratie werden“

    Die ägyptische Bloggerin Dalia Ziada sagt: „Demokratie ist nicht westlich oder östlich. Sie ist eine Regierungsform, die die Rechte der Menschen schützt.“ Sie warnt davor, dass die Moslem-Bruderschaft einen „religiösen Staat errichten“ wolle

    Hannes Koch: Sie sind eine der bekanntesten Bloggerinnen Ägyptens und haben am Aufstand auf dem Tahrir-Platz teilgenommen. Wie stellen Sie sich das politische System ihres Landes in der Zukunft vor?

    Dalia Ziada: Wir wollen ohne Angst leben. Wir wollen frei sprechen, öffentlich diskutieren und schreiben, was uns am Herzen liegt. Vor einem Jahr habe ich eine regimekritische Untersuchung veröffentlicht. Am nächsten Morgen standen Polizisten vor meinem Büro. Als ich morgens ankam, sah ich sie rechtzeitig und bin ihnen gerade noch entgangen. Sie behandeln uns wie Kriminelle. Das soll ein Ende haben. Ägypten muss eine liberale Demokratie werden.

    Koch: Eine Demokratie westlicher Prägung?

    Ziada: Demokratie ist nicht westlich oder östlich. Sie ist eine Regierungsform, die die Rechte der Menschen schützt. Zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frauen.

    Koch: Was würde sich dann ändern?

    Ziada: Frauen in Ägypten haben heute grundsätzlich das Recht zu arbeiten und Geld zu verdienen. Aber die meisten bleiben doch zu Hause, obwohl viele ein anderes Leben führen möchten. Das hat mit dem Artikel 11 unserer Verfassung zu tun. Darin ist von den „Pflichten der Frauen gegenüber ihren Familien“ die Rede. Nicht nur diesen Artikel wollen wir ändern. Frauen müssen mehr Zugang zu Bildung und zur Politik bekommen.

    Koch: Sie sind gläubige Muslimin. Soll das neue Ägypten religiöser werden als das alte?

    Ziada: Keinesfalls, unser Land ist kein zweiter Iran. Der Glaube an Gott gehört zur Privatsphäre und hat in der Politik nichts zu suchen. Religion darf nicht dazu dienen, die Menschen zu kontrollieren. Ich bin dagegen, aus Ägypten einen islamistischen Staat zu machen.

    Koch: Haben Sie Angst, dass die einflussreiche Moslem-Bruderschaft genau das plant?

    Ziada: Ja, die Moslem-Bruderschaft will einen religösen Staat errichten. In ihrem Programm von 2008 steht, dass Frauen und Christen keine führende Rolle in der Politik spielen sollten. Derartige Absichten bestreitet die Moslem-Bruderschaft zwar, aber ich glaube ihr nicht. Zum Glück wird sie nicht viel Unterstützung erhalten bei ihrem Versuch, das islamische Recht der Scharia einzuführen.

    Koch: Was macht Sie so sicher?

    Ziada: Mehr als 50 Prozent der Menschen in unserem Land sind jünger als 25 Jahre. Die meisten von ihnen sind gegen die Moslem-Bruderschaft und gegen einen religiösen Staat. Hinzu kommen Christen und Juden, die 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Die Moslem-Bruderschaft kann höchstens ein Drittel der Wähler hinter sich versammeln. Und das reicht nicht, um ihre Ziele durchzusetzen.

    Koch: Welche nächsten Schritt müssten die Aktivisten unternehmen, damit die Revolution nicht verloren geht?

    Ziada: Am wichtigsten ist es, das zu sichern, was wir bisher erreicht haben. Die Regierung muss uns Garantien geben, dass sie nicht wieder alles zurückdreht, wenn die Menschen nicht mehr auf der Straße sind. Ein Punkt dabei ist die Garantie der Straffreiheit für alle, die die Regierung kritisieren.

    Koch: Wie wollen Sie das erreichen?

    Ziada: Wir müssen schnell eine Führung benennen, die unsere Interessen offiziell vertreten kann. Einer, der auf jeden Fall dazu gehören sollte, ist Wael Ghoniem von der Gruppe „Khaled Saed“, die auf facebook hunderttausende Anhänger hat. Wael Ghoniem sollte an den Verhandlungen mit der Regierung teilnehmen.

    Koch: Und Sie – würden Sie auch eine Rolle übernehmen?

    Ziada: Wenn man mich fragte, würde ich mitmachen. Im Augenblick ist allerdings alles sehr unübersichtlich. Es ist schwierig, an die richtigen Leute heranzukommen.

    Dalia Ziada (29) betreibt einen in Ägypten bekannten Internet-Blogg. Sie hat mehrere internationale Preise erhalten, veröffentlicht unter anderen in der Washington Post und arbeitet bei der Bürgerrechtsorganisation American Islamic Congress in Kairo.

  • „Frauen sind gefordert, mehr zu fordern“

    Aufsichtsrätin Frauke Vogler rät Frauen, eigene Netzwerke aufzubauen, um Führungspositionen in der Wirtschaft zu erobern

    Hannes Koch: Frau Vogler, Sie sitzen im Aufsichtsrat des Solarherstellers Q-Cells und sind damit eine von recht wenigen Frauen in Führungspositionen der Wirtschaft. Wie haben Sie es dorthin geschafft?

    Frauke Vogler: Ich habe die Berufung meinem eigenen beruflichen Netzwerk zu verdanken. Weil ich als Anwältin und Steuerberaterin schon früher Mandanten aus der Solarindustrie betreute, brachte ich Branchenkenntnisse und Fachkompetenz für den Prüfungsausschuss des Aufsichtsrates mit. Deshalb wurde ich gefragt.

    Koch: Viele Frauen verfügen ebenfalls über hohe Qualifikationen und packen es trotzdem nicht. Welche Fehler haben Sie vermieden, die andere Kandidatinnen behindern?

    Vogler: Ein wichtiger Punkt war wahrscheinlich, dass ich nicht zu lange mit der Antwort gezögert habe. Nach einer Stunde habe ich zugesagt. Frauen neigen dazu, zu lange zu überlegen. Nach zwei Tagen aber ist die Chance möglicherweise vertan.

    Koch: Können sich Frauen auf so ausgeprägte Netzwerke stützen wie Männer – gibt es weibliche Burschenschaften?

    Vogler: Organisierte Netzwerke berufstätiger Frauen existieren nur wenige. Eines davon ist Soroptimist International. Die eigenen Verbindungen müssen Frauen meistens selbst aufbauen. Kontakte zu pflegen gehört ja zu den besonderen weiblichen Sozialkompetenzen. Diese Fähigkeit sollten sie auch im beruflichen Interesse zielgerichtet nutzen. Empfehlen würde ich ebenso, dass Frauen sich ältere, erfahrene Managerinnen als Mentoren suchen, um von ihnen zu lernen.

    Koch: Welches sind die wesentlichen politischen Gründe für Karrierebrüche von Frauen?

    Vogler: Dass das öffentliche Betreuungsangebot für Kinder qualitativ und zeitlich oft nicht ausreicht, ist ein ganz wesentliches Problem.

    Koch: Frauen werden durchschnittlich um 23 Prozent schlechter bezahlt als Männer in ähnlichen Tätigkeiten. Welche Rolle spielt die geringere Dotierung, wenn es darum geht, ob die Frau oder der Mann überwiegend für Haushalt und Kinder zuständig ist?

    Vogler: Ehepartner führen diese Debatte nicht immer mit plausiblen Sachargumenten. Aber natürlich haben Frauen potentiell einen Nachteil in der ehelichen Auseinandersetzung, wenn der Mann auf sein höheres Gehalt verweisen kann.

    Koch: Was ist der entscheidende Hebel, um die Bezahlung in den Unternehmen anzugleichen?

    Vogler: Frauen sind gefordert, mehr zu fordern. Sie sollten recherchieren, was Männer auf einer entsprechenden Position verdienen und dasselbe Gehalt verlangen. Von falscher Bescheidenheit kann ich nur abraten. Damit gibt man Geringschätzung für die eigene Leistung zu Protokoll. Gerade Frauen müssen auf ihre finanziellen Interessen achten und nicht die üblichen Einstellungspakete akzeptieren, die vermeintliche Zugeständnisse wie beispielsweise Teilzeit-Tätigkeiten enthalten.

    Koch: Raten Sie Frauen, mehr zu arbeiten?

    Vogler: Für die eigene Karriere ist es wichtig, nach der Elternzeit so schnell wie möglich so viel wie möglich zu arbeiten. Das kann ein Teilzeit-Arbeitsplatz sein – aber eher einer mit 30, als mit 20 Stunden pro Woche. Sonst funktioniert der berufliche Aufstieg nicht.

    Koch: Verhindern Männer in Unternehmen das Fortkommen der Frauen – oder ist das ein Vorurteil?

    Vogler: Nein, das ist kein Vorurteil. Männer behindern Frauen, weil sie sich etwa männliche Nachfolger suchen. Dieser Auswahlprozess erfolgt oft nicht absichtsvoll, sondern intuitiv. Junge Männer werden bevorzugt und junge Frauen im selben Team erscheinen oft gar nicht als geeignete Kandidatinnen.

    Koch: Wäre also die gesetzlich vorgeschriebene Mindestquote für Frauen in Beruf und Führungspositionen eine richtige politische Maßnahme?

    Vogler: Ja, davon habe ich mich inzwischen überzeugen lassen. Die Quote ist nicht elegant, aber das einzige wirksame Mittel. Wenn später die Zahl der Frauen in Führungspositionen groß genug ist, kann man die Quote wieder abschaffen.

    Bio-Kasten

    Frauke Vogler (45) ist Partnerin der Berliner Kanzlei Vogler-Roessink-Chalupnik. Die seit 1999 selbstständige Rechtsanwältin und Steuerberaterin sitzt im Aufsichtsrat der Solar-Firma Q-Cells in Bitterfeld.

    Info-Kasten

    Null Frauen

    Einen Index für den Frauenanteil in Führungspositionen der Wirtschaft hat am Donnerstag erstmals die Initiative „Frauen in die Aufsichtsräte“ (Fidar) veröffentlicht. Nur 6,5 Prozent der Aufsichtsrats- und Vorstandsposten in deutschen Aktiengesellschaften sind demnach mit Frauen besetzt. Sie haben zehn Prozent der Aufsichtsratsposten und drei Prozent der Vorstandsjobs inne. An der Spitze des Rankings steht mit jeweils drei Aufsichtsrats- und Vorstandssitzen das Konsumforschungsunternehmen GfK (Frauenanteil in der Führung: 40 Prozent). Dann folgen Douglas und Deutz. Die Hälfte der großen deutschen Unternehmen glänzt mit einem Frauenanteil in der Führung von exakt Null, darunter sind Fresenius, Hochtief und Linde. Befragt wurden alle 160 in den Aktienindizes DAX, MDAX, SDAX und TecDAX vertretenen Firmen.

  • Finanzschwacher Zappel-Phillip

    Studie: Erfolg im Berufsleben ist schon in jungen Jahren vorhersagbar

    Ambitionierter  Manager oder alkoholkranker Arbeitsloser: Beruflicher Erfolg lässt sich schon in der Kita vorhersagen. Wer in jungen Jahren seine Gefühle kaum im Griff hat, bekommt auch im späteren Leben Schwierigkeiten. Das berichtet ein internationales Forscherteam um die Psychologin Terry Moffitt von der Duke University in Durham, USA. Vorprogrammiert sind Lebensläufe dennoch nicht.

    1.000 Kinder im Alter von drei Jahren hatten die Wissenschaftler untersucht und 30 Jahre lang in ihrer Entwicklung begleitet. Sie wollten herauszufinden, wie sich kindliche Selbstkontrolle auf Wohlstand, Gesundheit und Kriminalitätsrate auswirken. Das Ergebnis: Unruhige, emotional labile Kinder litten später nicht nur häufiger an Übergewicht, Bluthochdruck, Geschlechtskrankheiten und Atemwegsproblemen. Sie hatten auch mehr Schulden, seltener ein Eigenheim, waren häufiger alleinerziehend und konsumierten öfter Drogen und Alkohol.   

    Doch woran liegt es, dass manche Kinder Selbstkontrolle entwickeln, pflichtbewusst, selbstdiszipliniert und ausdauernd sind, andere wiederum nicht? Die Antwort darauf kommt aus der Bindungsforschung: Ob ein Kind so etwas wie Selbstkontrolle entwickelt, hängt stark
    davon ab, welche Erfahrungen es in den ersten Lebensmonaten und –jahren macht. „Die Qualität von Beziehungen spielt für die menschliche Entwicklung
    eine entscheidende Rolle“, sagt Klaus Grossmann. „Zwar sind auch genetische Veranlagungen entscheidend, dennoch gibt die Qualität der Beziehung zur primären Bezugsperson den
    Ausschlag, ob ein Mensch im späteren Leben eher organisiert oder desorganisiert ist“, so der emeritierte Professor. Machen Kinder in den ersten Lebensjahren gute Bindungserfahrungen entwickeln sie häufiger eine psychische Sicherheit. Und das zeigt sich darin, dass sie sich, vor allem in schwierigen Situationen, immer besser selbst organisieren können, Lebensfreude zeigen oder über eine angemessene Selbstkontrolle verfügen.

    Primäre Bezugsperson für ein Kind ist in der Regel die Mutter. Heißt das jetzt, dass allein die Mutter daran Schuld ist, wenn der Sohn in die Alkoholsucht abrutscht oder die Tochter ständig im Büro fehlt? Die Forschung sagt ,Nein’. „Versagen Bindungspersonen, dann tun sie das ungewollt“, erläutert Psychologe Grossmann. Oft hätten sie keine Einblicke in die Zusammenhänge und wüssten nicht, welches Verhalten das richtige ist.
    Feinfühlig müssen die Reaktionen sein, sagt Professor Karl Heinz Brisch vom Haunerschen Kinderspital der Universität München. „Es ist nicht schwierig, Kinder abzuhärten und sie solange schreien zu lassen bis sie damit aufhören“, erläutert er. Doch das habe fatale Auswirkungen auf ihr Verhalten, weil sie nicht lernten, mit Stress gelassener und mit gutem sicheren Gefühl umzugehen. Im Kindergarten könnten solche Kinder dann zum Beispiel kein ,Nein' akzeptieren. In der Schule würden sie aus der Klasse fliegen und später im Arbeitsleben der cholerische Kollege sein, der ständig überreagiert, wenn er wütend ist.

    Was in der frühen Kindheit passiert, hat langfristige Auswirkungen in vielen Bereichen. Aber definitiv ist es kein Schicksal. „Wenn das Bindungssystem unsicher ist, hilft es zum Beispiel, wenn die Eltern eine Beratung annehmen“, so Psychologe Brisch. „Dass sie nicht feinfühlig auf ihr Kind eingehen können, hängt oftmals damit zusammen, dass sie in der eigenen Kindheit schlechte Erfahrungen gemacht haben“, sagt er. Einem Kind, das eine Verhaltensstörung entwickelt habe, helfe unter anderem eine Psychotherapie.

    Auch der Staat kann helfen. „Nur in den westlichen Kulturen werden Mütter beim Großziehen ihrer
    Kinder alleine gelassen“, kritisiert Bindungsforscher Grossmann. Nirgendwo anders würde es dazu kommen, dass
    eine allein stehende Mutter überfordert ihre vier Kinder in der 
    Dreizimmerwohnung allein großziehen muss. „In solchen Kulturen gibt es
    auch keine kaum Mutterdepressionen“, sagt er und fordert mehr Kindertagesstätten, die Mütter entlasten. Allerdings müsse auch die Ausbildung der Erzieher besser werden.

  • Unterwegs für den Chef

    Auf Dienstreisen heißt es, gut abgesichert zu sein/ Die gesetzliche Unfallversicherung deckt nicht jeden Ausrutscher ab

    Begeben sich Mitarbeiter für ihre Firma auf Reisen, sollten sie ihren Versicherungsschutz prüfen. Zwar springt die gesetzliche Unfallversicherung ein, wenn ihnen im geschäftlichen Rahmen etwas zustößt. Zusätzliche Policen  sind jedoch unabdingbar.

    Rund-um-die-Uhr-Schutz ist bei der gesetzlichen Unfallversicherung Fehlanzeige. Zwar zahlt sie bei Arbeitsunfällen zum Beispiel Rehabilitationsmaßnahmen, Lohnersatz oder eine Verletztenrente. Doch selbst wenn der Chef seine Mitarbeiter auf einen dreitägigen Kongress nach London schickt, sind diese nicht die gesamte Dauer der Reise abgesichert. Denn so genannte eigenwirtschaftliche Tätigkeiten schließt die Police aus.

    „Dinge, die man vorwiegend im eigenen Interesse erledigt, deckt die gesetzliche Unfallversicherung nicht ab“, erläutert Stefan Boltz, stellvertretender Pressesprecher der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV).
    Angestellte sollten deshalb vor Reiseantritt sicherstellen, dass sie gegen sämtliche Vorfälle ausreichend geschützt sind. Einer Lehrerin, die sich während einer Klassenfahrt Verletzungen zugezogen hatte, half der gesetzliche Unfallschutz zum Beispiel nicht (BSG, 18.11.2008 – B 2 U 31/07 R). Nach einem Wanderausflug nahm sie am Abend eine Dusche, rutschte dabei in der Duschkabine unglücklich aus und erlitt Knochenbrüche am rechten Fuß. Die gesetzliche Versicherung beurteilte den Unfall nicht als Arbeitsunfall und verweigerte jegliche Leistungen. Damit wollte sich die Pädagogin, die keinen privaten Unfallversicherungsschutz besaß, nicht abfinden und verklagte den Unfallversicherungsträger – ohne Erfolg.

    „Auf Dienstreisen gibt es auch immer private Momente“, sagt Bianca Boss vom Bund der Versicherten (BdV). So hilft die gesetzliche Unfallversicherung beispielsweise nicht, wenn ein Arbeitnehmer abends auf dem Weg ins Kino ausrutscht. Kann der Verunglückte nach dem Unfall seiner Arbeit nicht mehr nachgehen, weil er sich etwa das Bein kompliziert gebrochen hat, zahlen nur eine private Unfallversicherung oder eine Berufsunfähigkeitsversicherung eine lebenslange Rente. „Hat der Betroffene keine solche Police abgeschlossen, kann das den finanziellen Ruin für ihn bedeuten“, urteilt Boss.

    Unternehmen, die regelmäßig Mitarbeiter ins Ausland schicken, schließen in der Regel Gruppenverträge bei Versicherungen für ihre Mitarbeiter ab. Die enthalten dann gleich mehrere Policen gebündelt wie Unfall-, Auslandskranken- oder Reisegepäckversicherung. Auch darin lauern Tücken. „Arbeitgeber zahlen bei solchen Kompaktpaketen drauf, wenn sie Versicherungen abschließen, die vielleicht gar nicht notwendig sind“, so Boss. Zum anderen seien in manchen Komplettpaketen zwar viele Policen versammelt, aber mit zu geringen Haftungen oder Ausschlüssen. „Bei Reisen in Kriegs- oder Krisengebiete, bestimmten Berufsgruppen oder Lösegeldforderungen springen sie nicht ein“, bemängelt die BdV-Expertin.

    Krankheit, Rücktransport und Unfall heißen die drei größten Risiken, gegen die Mitarbeiter auf Geschäftsreisen abgesichert sein sollten. „Arbeitnehmer sollten sich vor einer Dienstreise beim Arbeitgeber erkundigen, welcher Versicherungsschutz besteht, ob sie etwa ausreichend abgesichert sind, wenn sie im Ausland krank werden“, rät Boss. Eine Auslandskrankenversicherung, die Kosten für den Rücktransport abdeckt und zahlt, wenn der Erkrankte teure Privatarztrechnungen begleichen soll, ist also anzuraten. Hat der Chef eine solche nicht für seine Mitarbeiter abgeschlossen, sollten diese sich selbst um eine private Auslandskrankenversicherung kümmern. Eine private Haftpflichtversicherung sollte ohnehin jeder Bürger im Policedepot haben.

    Doch was ist, wenn der Chef verlangt, dass der eigene PKW für die Dienstreise herhalten soll? In dem Fall trägt der Arbeitnehmer das volle Risiko. Wer nicht möchte, dass er auf den Kosten, die ein Unfall mit sich bringt, sitzen bleibt, handelt mit seinem Chef einen Zusatzvertrag aus. „Da kann dann drinstehen, dass der Chef sämtliche Kosten trägt“, BdV-Betriebswirtin Boss.

  • "Wir wollen keine handzahme Gewerkschaft sein!"

    Im Interview

    Am kommenden Sonntag kann der Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) seinen 52. Geburtstag feiern. Ab Montag hat der Sachse alle Hände voll zu tun. Ab dann sollen Warnstreiks die Arbeitgeber im Schienenverkehr zurück an den Verhandlungstisch zwingen, nachdem die Verhandlungen über einen Flächentarifvertrag gescheitert sind. Über die Gründe des Arbeitskampfes und die Folgen für die Fahrgäste sprach unser Korrespondent Wolfgang Mulke mit dem GDL-Vorsitzenden.

    Frage: Herr Weselsky, ab wann und wo stehen sich die Fahrgäste der Bahn die Füße am Bahnsteig platt, weil Sie wieder streiken?

    Claus Weselsky: Wir werden vor dem 21. Februar 2011 nicht streiken, weil wir die Skiweltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen nicht beeinträchtigen wollen. Machen uns die Bahnen ein verhandelbares Angebot, müssten wir überhaupt keinen Arbeitskampf organisieren.

    Frage: Müssen die Fahrgäste immer in Sippenhaft für ihre Forderungen genommen werden?

    Weselsky: Wir nehmen niemanden in Sippenhaft. Aber wir haben nun einmal nur den Streik als Mittel, mit dem wir unsere Forderungen durchsetzen können. Wir hoffen auch auf Verständnis für die besondere Situation der Lokführer und werden die Auswirkungen des Streiks auf die Bahnkunden möglichst gering halten.

    Frage: Die andere Bahngewerkschaft EVG hat einen Tarifvertrag abgeschlossen, der in zweieinhalb Jahren fünf Prozent mehr Lohn bringt. Dem könnten Sie sich anschließen. Wollen Sie immer mehr als der Rest der Beschäftigten?

    Weselsky: Zunächst einmal hat die EVG keine fünf Prozent mehr Lohn durchgesetzt, sondern 1,8 Prozent im ersten und 1,9 Prozent im zweiten Jahr. Aber es geht uns nicht darum, auf unserer Forderung nach fünf Prozent mehr Lohn zu beharren, sondern um einen Flächentarifvertrag für alle Lokführer der Deutschen Bahn (DB) und der privaten Bahnen. Dafür sind wir bei der Entgelterhöhung auch kompromissbereit.

    Frage: Wie geht es jetzt weiter?

    Weselsky: Neben den Warnstreiks werden wir die Urabstimmung einleiten. Ob es dann zu einem unbefristeten Arbeitskampf kommt, hängt von den Arbeitgebern ab.

    Frage: Fällt für Bahnkunden am Ende der Osterausflug ins Wasser?

    Weselsky: Bis Ostern ist es noch einige Wochen hin. Aber garantieren kann ich derzeit nichts.

    Frage: Zeigen Sie doch einmal ein wenig Kompromissbereitschaft….

    Weselsky: Unsere Forderung von fünf Prozent mehr Lohn bei einer Laufzeit von einem Jahr werden wir sicher nicht aufrecht erhalten. Aber an einem Flächentarif, der ein einheitliches Niveau bei den Löhnen, den Zuschlägen und der Wochenarbeitszeit auf dem Niveau der Deutschen Bahn festschreibt, lassen wir nicht rütteln. Danach wollen wir mit den Privatbahnen in Haustarifverträgen vereinbaren, in welchen Schritten dieses Niveau erreicht wird. Was macht die DB? Sie hat uns eine Stunde Mehrarbeit ohne Lohnausgleich angeboten. Da machen wir nicht mit.

    Frage: Kleine Gewerkschaften mit großer Macht setzen immer wieder bessere Arbeitsbedingungen durch als die Massengewerkschaften, die sich auch für Arbeitnehmer ohne eigene Streikmacht einsetzen. Ist das nicht das Ende der Solidarität?

    Weselsky: Das ist doch eine Kampagne der Arbeitgeber und des Deutschen Gewerkschaftsbunden (DGB) gegen Berufsgewerkschaften. Warum sollen wir unsere Interessen nicht wirksam vertreten? Wir wollen keine handzahme Gewerkschaft sein wie die Massengewerkschaften im DGB. Wir wollen, dass die Gewinne der Unternehmen für soziale Verbesserungen der Arbeitnehmer eingesetzt werden. Der DGB will uns als lästige Konkurrenz loswerden und die Arbeitgeber wollen den erholsamen Umgang mit Großgewerkschaften erhalten. Wo sind denn die englischen Verhältnisse, die 2007 beim letzten Arbeitskampf immer beschworen wurden? Bei den Streiktagen liegt Deutschland nach wie vor weit hinten.

  • Vom Lastenträger zum Euro-Beschützer

    Wenn Kanzlerin-Berater Jens Weidmann Bundesbank-Präsident wird, verbindet er geldpolitische Stabilitätsorientierung mit europäischem Pragmatismus

    Angela Merkels wichtigster Mann lehnt irgendwo hinten an der Kabinenwand und steuert nur kurz ein Info-Detail bei, wenn die Kanzlerin ihn anspricht. Dann verschwindet Jens Weidmann bald und liest noch ein paar Akten. So war es oft, wenn Merkel auf dem Rückflug von internationalen Gipfeltreffen ein abendliches Plauderstündchen mit Journalisten abhielt. Nun könnte der 42jährige Weidmann bald die Nachfolge von Axel Weber als Präsident der Deutschen Bundesbank antreten.

    In Selbstverständnis und Auftreten ist der Wirtschaftsberater im Kanzleramt weniger Politiker, als vielmehr politischer Beamter. Dieses Profil begünstigt seinen Wechsel zur Bundesbank, die auf Unabhängigkeit von der Politik bedacht ist. In diesen Tagen laufen zwischen Regierung und Opposition die letzten Abstimmungen. In Kürze dürfte die Personalie verkündet werden.

    Ausgelöst wird die Rochade durch Webers Entscheidung, weder eine zweite Amtszeit als Bundesbank-Präsident noch eine Kandidatur für den Chefsessel der Europäischen Zentralbank (EZB) anzustreben. Während die Ansprüche der Bundesregierung auf die Besetzung des Chef-Sessels der EZB dadurch unrealistischer geworden sind, braucht Merkel aber zumindest einen guten Ersatz für die Bundesbank.

    Jens Weidmann wuchs in Solingen auf, studierte Ökonomie unter anderem bei Axel Weber, als dieser noch Professor war, ging später zum Internationalen Währungsfonds und wurde dann Generalsekretär des Sachverständigenrates, der die Bundesregierung berät. Nach einer dreijährigen Station als Chef der geldpolitischen Abteilung der Bundesbank empfahl ihn Weber an´s Bundeskanzleramt. Dort diente der verheiratete Vater zweier Kinder Merkel als Unterstützer (Sherpa) bei der Besteigung internationaler Finanzgipfel und versuchte, die politische Reaktion auf die Finanzkrise zu steuern.

    Der parteilose Weidmann ist ein pragmatischer Marktliberaler. Zu seinen Anliegen dürfte es gehören, die traditionelle Orientierung der Bundesbank an der Geldwertstabilität fortzusetzen. Diese Position wird Weidmann auch in den Gremien der EZB vertreten. Beispielsweise teilt er Webers Kritik an der Politik des scheidenden EZB-Präsidenten Jean-Claude Trichet, der abgewertete Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder wie Griechenland aufkaufen ließ und die schwachen Staaten quasi mittels der Notenpresse mit Geld versorgte. Wie Weber hält Weidmann dies für eine Gefährdung des Euro-Wertes.

    Andererseits war Weidmann wesentlich daran beteiligt, den europäischen Rettungsfonds ESFS zu konstruieren und schwache Euro-Staaten vor dem Zusammenbruch zu bewahren. Auch kann er sich damit anfreunden, dass die Euro-Zone gemeinsame Anleihen herausgibt, damit die schwachen Staaten von den besseren Kreditkonditionen der starken Länder profitieren. Mit Weidmann an der Spitze könnte die Haltung der Bundesbank etwas weniger deutsch und stattdessen europäischer werden. Weil er nur wenige Jahre im Regierungsapparat verbrachte, verfügt er über die nötige Unabhängigkeit, um sich in dieser Hinsicht nicht aus Berlin hineinreden zu lassen.

    Info-Kasten

    Berufung des Bundesbank-Chefs

    Den Präsidenten der Bundesbank wählt die Bundesregierung aus. Der Bundespräsident ernennt ihn, nachdem der Vorstand der Bank angehört wurde. So steht es im Bundesbank-Gesetz. Weil Kanzlerin Merkel daran gelegen ist, einen breiten Konsens herzustellen, spricht sie auch mit der SPD.

  • Venedig mit sintflutartigem Regen

    In Deutschland werden extreme Regenfälle bei milden Temperaturen zunehmen / Katastrophenschutz mahnt bessere Vorbereitung an

    Die Wetterextreme werden in den nächsten Jahrzehnten stark zunehmen. Insbesondere sind häufiger sintflutartige Regenfälle zu erwarten. Davon geht der Deutsche Wetterdienst (DWD) aus, der sich gemeinsam mit dem Umweltbundesamt sowie den Katastrophenschutzeinrichtungen auf veränderte Klimabedingungen einstellt.

    Bis Ende des Jahrhunderts erwartet DWD-Vizepräsident Paul Becker in Deutschland Durchschnittstemperaturen, wie sie heute in Venedig gemessen werden. Zwar bleibt es im Winter kalt. Doch die Zahl der Hitzetage im Sommer wächst an. Die Zahl der Tage mit mehr als 30 Grad Celsius wird sich danach mindestens verdoppeln. Diese Entwicklung sorgt für zusätzliche Energie in der Atmosphäre. „Das Schadenpotenzial durch Wetterextreme würde deutlich wachsen“, warnt der Experte.

    Insbesondere im Norden nach der Simulation der Forscher immer mehr starke Regenfälle geben. In den Alpenregionen erwarten die Wissenschaftler dagegen keine gravierenden Veränderungen. Starkregen bedeutet, dass innerhalb von 24 Stunden je nach Region zwischen zehn und 100 Liter Wasser vom Himmel fallen. Was heute etwa drei bis vier Mal im Jahr vorkommt, könnte dann alle zwei Monate auftreten. Den Rekordniederschlag verzeichnete bisher der Ort Zinnwald Georgenfeld. Dort prasselten 2002 an einem Tag 312 Liter pro Quadratmeter auf die Erde. Trotzdem wird es insgesamt trockener, vor allem im Sommer. „Es regnet weniger, aber wenn es einmal regnet, dann meist wolkenbruchartig“, glaubt Becker.

    Der anscheinend unaufhaltbare Trend zur Erwärmung sorgt die Katatrophenschutzeinrichtungen. „Überschwemmungen, Infrastrukturausfälle, Schäden an Gebäuden und Gewegen stellen möglicherweise eine Gefahr für die Bevölkerung dar“, warnt der Chef des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, Christoph Unger. Gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk (THW) und dem Umweltbundesamt (UBA) mahnen die Fachleute eine bessere Vorbereitung auf Extremfälle an. So muss die Verkehrswegeplanung laut UBA-Chef Jochen Flasbarth nicht mehr am Normalbetrieb, sondern an den extremen Anforderungen ausgerichtet werden. Die Kommunen müssten für ausreichend großen Sickerflächen, die Länder für hohe Deiche an den Flüssen sorgen.

    Das THW hat neben der noch fehlenden Vorbereitung auf neue Anforderungen eine zweite Sorge. Der Abschaffung der Wehrpflicht, eine immer ältere Bevölkerung und Wanderungsbewegungen der jungen Menschen verringert die Zahl der freiwilligen Helfer in vielen Regionen. Konkrete Vorschläge zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels haben die Organisationen noch nicht auf den Tisch gelegt. Zunächst soll die gemeinsame Erforschung des Bedarfs fortgeführt werden.

  • Kleines Geld siegt gegen große Politik

    Berliner bringen per Volksentscheid Licht in dunkle Wassergeschäfte / Bundesweit haben die Bürger von der Privatisierung der Daseinsvorsorge die Nase voll

    Ganze 12.000 Euro hat der Berliner Wassertisch eingesammelt und damit die Kampagne für einen erfolgreichen Volksentscheid geführt. Seit diesem Sonntag kann sich die Bürgerinitiative als Sieger fühlen. Denn fast 670.000 Berliner gingen an die Wahlurne und stimmten fast komplett dem vorgeschlagenen Gesetzestext zu. Nun muss der Senat alle Verträge veröffentlichen, die im Zusammenhang mit dem Teilverkauf der Wasserbetriebe 1999 abgeschlossen wurden. Das ist ein Novum. Bei anderen Fragen wie der Schließung des Tempelhofer Flughafens oder einem Streit um den Religionsunterricht fielen die Anträge durch.

    Der rotrote Senat hielt die Abstimmung für überflüssig. Schon im letzten Herbst wurden die umfangreichen Vertragstexte ins Internet gestellt. Doch der Wassertisch hat Zweifel, dass auch wirklich alle Abreden bekannt gemacht wurden. Wenigstens fünf Zusatzvereinbarungen gebe es noch, glauben die Aktivisten. „Wir wissen nicht, was noch alles geheim gehalten wird“, sagt ihr Sprecher Thomas Rudek.

    Die mächtigen Gegner auf der anderen Seite konnten in den letzten Jahren ganz andere Summen einsetzen. Auf 1,3 Milliarden Euro summiert sich der Gewinn der beiden Konzerne Veolia und RWE aus dem Geschäft mit dem Wasser in der Hauptstadt. Um diese satten Erträge geht auch der Streit. Denn Berlin als Mehrheitseigentümer der Pumpen und Klärwerke musst sich mit gerade einmal halb so viel Gewinn begnügen. Die Konzerne bekamen beim Kauf der Anteile eine hohe Rendite garantiert. Das geht aus dem schon veröffentlichten Verträgen hervor. Da die Erlöse dafür nicht langten, erhöhte das Unternehmen regelmäßig die Preise für Trink- und Abwasser. Mit über zwei Euro für das Trinkwasser nimmt Berlin eine Spitzenposition ein. Um 35 Prozent stieg der Preis seit der Privatisierung. Jetzt haben die Bürger die Nase voll.

    Wirtschaftssenator Harald Wolf von der Linken hat längst den Rückkauf der Wasserbetriebe ins Auge gefasst. Auch der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) würde die Konzern gerne los werden. Mit RWE verhandelt die Stadt bereits, Veolia sträubt sich noch. Doch das könnte teuer werden. Mit rund 1,5 Milliarden Euro haben sich die Unternehmen damals eingekauft. Heute müsste das Land wohl den doppelten Betrag hinlegen, um wieder eigenständig Wasser zu fördern und zu entsorgen. Sinkende Wasserpreise, wie sie die Berliner erhoffen, wären so kaum drin.

    Der Wassertisch hofft auf eine anderen Weg. „Wir wollen die Wasserbetriebe kostengünstig und bürgernah rekommunalisieren“, erläutert Rudek. Die Initiative will die Verträge auf Verstöße gegen europäisches Recht hin überprüfen. Wurden etwa Beihilferegeln oder Ausschreibungsvorschriften umgangen, sollen die Übereinkünfte angefochten und am Ende rückabgewickelt werden. Dann bekäme die Hauptstadt ihren Wasserversorger wohl nahezu kostenlos zurück.

    Auch viele andere deutsche Kommunen bereuen ihre Privatisierungen. Vor allem die Energieversorgung wollen immer mehr Städte und Gemeinden wieder in die eigene Hand nehmen. „Gewisse Kernbereiche werden von den Bürgern gerne in öffentlichen Hand gesehen“, beobachtet Jens Libbe vom Deutschen Institut für Urbanistik (difu). Oft seien die Privatisierungsverträge wie in Berlin geheim. Deshalb misst der Experte dem Volksentscheid auch eine bundesweite Ausstrahlung bei. „Das ist ein Signal für das ganze Land“, sagt Libbe. Allzu große Hoffnungen auf sinkende Preise sollten sich die Bürger dennoch nicht machen, wie das Beispiel Potsdam zeigt. Die Landeshauptstadt erwarb die Anteile am örtlichen Wasserversorger zurück. Trotzdem bezahlen die Bewohner noch höhere Gebühren als die Berliner. Kritiker vermuten, dass die Stadt viel Geld für die neue Eigenständigkeit bezahlen musste. Genau wissen es nur die Beteiligten. Auch hier behalten Stadt und Unternehmen die Details lieber für sich.

  • Die gemeinsamen Schulden Europas

    Der neue Europäische Währungsfonds könnte nationale Schulden vergemeinschaften. Kritik der Bundesregierung

    Europa bereitet sich darauf vor, gemeinsame Schulden aufzunehmen. Ab 2013 soll der Europäische Stabilitätsmechanismus klammen Mitgliedern aus der Krise helfen. Heute beraten darüber die Finanzminister. Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen.

    Kommt der Europäische Währungsfonds?

    Ja, ab 2013 bekommt Europa eine Institution, die dem Internationalen Währungsfonds in Washington ähnlich ist. Sie trägt die Bezeichnung „Europäischer Stabilitätsmechanismus“ (ESM) und könnte bis zu 500 Milliarden Euro verleihen, um Staaten zu helfen, die in Zahlungsschwierigkeiten sind. Deutschland müsste etwa 20 Milliarden Euro zum Grundkapital beitragen.

    Hält die Bundesregierung die Konstruktion für richtig?

    Grundsätzlich ja. Die Idee ist, einen unkontrollierten Staatsbankrott von Euro-Staaten wie Griechenland oder Irland zu verhindern und die gemeinsame Währung zu schützen. Allerdings befürchten deutsche Regierungskreise, dass die Betonung zu sehr auf den Kredithilfen und weniger auf der Sanierung maroder Staatsfinanzen schwacher Staaten liegt.

    Wird der Fonds künftig selbst Anleihen verkaufen?

    Der ESM muss sich das Geld, das er ausleiht, größenteils am Kapitalmarkt beschaffen. Zu diesem Zweck wird er eigene Anleihen verkaufen, die in den vergangenen Monaten bereits unter dem Stichwort „Eurobonds“ diskutiert wurden. Die europäischen Staaten nehmen damit gemeinsame Schulden auf, was bisher nur in geringem Umfang gemacht wurde.

    Wie man schwachen Staaten helfen?

    Der ESM verordnet ihnen ein Sparprogramm und gibt ihnen übergangsweise Kredite. Die EU-Kommission denkt aber auch daran, dass der ESM Staatsanleihen von verschuldeten Mitgliedsstaaten aufkaufen könnte. Die Schulden einzelner Staaten würden damit auf Europa übertragen. Diese Taktik praktizierte im vergangenen Jahr schon die Europäische Zentralbank, was Bundesbank-Präsident Axel Weber bewog, seine Kandidatur für den EZB-Chefsessel zurückzuziehen. Er hält diese Vergemeinschaftung nationaler Schulden für falsch.

    Gibt es bald ein Insolvenzrecht für Staaten?

    Die Bundesregierung möchte durchsetzen, dass klamme Euro-Staaten nicht nur Finanzhilfen erhalten, sondern als letzte Konsequenz auch pleitegehen können. Sie müssten ihren Gläubigern dann erklären, einen Teil ihrer Schulden nicht zu bedienen. Viele EU-Regierungen wollen diese Möglichkeit allerdings in den Hintergrund drängen.

    Müssen private Investoren einen Beitrag leisten?

    Bisher können private Gläubiger davon ausgehen, dass verschuldete Staaten ihre Staatsanleihen immer bedienen. Ein oft sehr gutes Geschäft: Die Zinsen, die die Staaten zahlen, sind hoch, das Verlustrisiko für die Gläubiger beträgt Null. Dies will die Bundesregierung mit ihrem Plan der Staaten-Insolvenz ändern: Auch private Gläubiger müssten im Extremfall dann einen Teil ihrer Forderungen abschreiben. Offenbar allerdings ist die EU-Kommission daran nicht besonders interessiert – der Beitrag der Privaten gerät zunehmend in´s Vergessen.

  • Der schnelle Rückzug des Bundesbank-Chefs

    Axel Weber wird seine Amtszeit als Präsident der Bundesbank nicht erfüllen und schon zum 30. April abtreten. Kanzlerin Merkel fehlt jetzt wohl auch ein aussichtsreicher Kandidat für den Chefsessel der Europäischen Zentralbank

    Für Kanzlerin Angela Merkel brachte das Gespräch am Freitag Nachmittag ein negatives Ergebnis. Die wortkarge Erklärung des Kanzleramtes enthielt denn auch nur die nötigsten Informationen und eine dürre Floskel des Respekts: Bundesbank-Chef Axel Weber wird seinen Posten am 30. April aufgeben. Einen Nachfolger will die Regierung in der kommenden Woche benennen.

    Mit Webers Rückzug sieht Merkel ihre Linie durchkreuzt, einen Deutschen auf dem Chefsessel der Europäischen Zentralbank als Nachfolger des Franzosen Jean-Claude Trichet zu plazieren. Denn nach seinem Rückzug ist Weber wohl auch als Kandidat für die EZB aus dem Rennen. Dass er seine Kandidatur aufgibt, liegt in erster Linie an mangelnder Unterstützung aus anderen Euro-Regierungen.

    Eigentlich braucht Merkel nun einen neuen EZB-Kandidaten. In Frage kommen aus deutscher Sicht beispielsweise der Chef des europäischen Rettungsfonds EFSF, Klaus Regling oder Jürgen Stark, der Chef-Volkswirt der EZB. Ob sich die Mitglieder der Eurozone auf einen der beiden besser einigen könnten als auf Weber, erscheint allerdings fraglich. Auch deshalb sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble: „Deutschland hat nie erklärt, dass es auf einen deutschen Kandidaten besteht.“

    Dem Wortlaut nach mag diese Formulierung stimmen, sinngemäß allerdings weist sie in die falsche Richtung. Gerade die Bundesbank als ehemalige Hüterin der harten D-Mark und die konservativ-liberale Bundesregierung haben in der gegenwärtigen Situation der latenten Euro-Krise ein großes Interesse daran, die Geld- und Finanzpolitik der Europäischen Zentralbank von der Spitze aus zu lenken.

    Denn die Bundesbank stellt den stabilen Wert des Euro, die Bekämpfung der Inflation und Sparsamkeit bei den staatlichen Ausgaben mehr in den Vordergrund, als es andere Euro-Regierungen tun. Axel Weber sollte und wollte als Garant dieser deutschen Position in der EZB wirken. Merkel gedachte ihm auch eine Rolle bei dem schwierigen Unterfangen zu, die Bundesbürger mit der teuren Rettung des Euro angesichts der Währungskrise in Griechenland und Irland zu versöhnen.

    Wer Trichet anstatt Weber nachfolgen könnte, ist noch nicht klar. Als ein aussichtsreicher Kandidat erscheint der italienische Notenbanker Mario Draghi. Gegen ihn spricht freilich, dass unlängst bereits ein anderer Südeuropäer, der Portugiese Vitor Constancio, EZB-Vizepräsident wurde. Diesen hatte Merkel unterstützt, um danach den „Nordeuropäer“ Weber leichter als Präsident installieren zu können. Mit im Rennen sind zudem der luxemburgische Notenbank-Präsident Yves Mersch und der Chef der finnischen Notenbank, Erkki Liikanen.

    Auch für die Spitze der Bundesbank braucht Merkel nun einen neuen Kopf. Hier wiederum kommen EZB-Volkswirt Jürgen Stark oder auch Wirtschaftsexperte Jens Weidmann aus dem Kanzleramt in Frage. Und was will der 53jährige Axel Weber künftig tun? Pläne für einen Wechsel an die Vorstandsspitze der Deutschen Bank hat er bislang nicht kommentiert. In jedem Fall müsste er erstmal Pause machen. Gesetzliche und arbeitsvertragliche Regelungen sehen vor, dass ein Bundesbankvorstand erst nach einer Karenzzeit zwischen einem halben und zwei Jahren eine neue Tätigkeit in der Privatwirtschaft aufnehmen kann.

  • Etwas besserer Anlegerschutz

    Koalition verabschiedet Anlegerschutzgesetz / Verbraucherschützer sind enttäuscht

    Der Bundestag hat ein Anlegerschutzgesetz verabschiedet. Damit sollen die Sparer besser vor schlechten Bankberatern geschützt werden. Das sind die wichtigsten Fragen und Antworten dazu:

    Wie werden Kunden künftig besser über die Chancen und Risiken der Geldanlagen informiert?

    Künftig erhalten Anleger einen Beipackzettel zu allen Finanzanlagen, die ihnen ihr Bankberater anrät. Auf diesem Informationsblatt müssen die wesentlichen Fakten der Anlage verzeichnet sein, also zum Beispiel Risiken und Kosten. Allerdings hat die Finanzbranche eine ursprünglich vorgesehene schärfere Regelung abbiegen können. So erhalten die Kunden das Blatt erst im Verlauf des Beratungsgesprächs. Ein Vergleich der Angebote verschiedener Institute unabhängig von einem Verkaufsgespräch wird damit nach Ansicht des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) kaum möglich sein. Verzichtet wurde auch auf die Vorgabe einer einheitlichen Gestaltung der Beipackzettel.

    Müssen Banken bei einer falschen Beratung künftig schneller mit Strafen rechnen?

    Das Anlegerschutzgesetz sieht die Einführung eines zentralen Registers für Anlageberater vor. Die Bankangestellten müssen der Bundesfinanzaufsicht gemeldet werden. Beschweren sich Kunden über einen Verkäufer der Anlageprodukte, muss die betroffene Bank dies der Aufsicht melden. Bei gravierenden Verstößen oder falschen Beratungen können die Kontrolleure den Berater eine Zeitlang die Tätigkeit verbieten. Außerdem müssen die Institute die Qualifikation ihrer Mitarbeiter nachweisen.

    Wird nun allen Vermittlern von Geldanlagen auf die Finger geschaut?

    Nein. Das Gesetz beschränkt sich auf die angestellten Berater von Finanzdienstleistungsunternehmen. Freie Vermittler, die ihren Kunden auch zum Kauf oder Verkauf von Aktien, Zertifikaten oder Fonds raten, sollen erst später besser beaufsichtigt werden. Doch die Kontrollen werden vermutlich viel laxer ausfallen als bei den Bankberatern. Denn die Eignungsprüfung und Aufsicht wird in den Händen der regionalen Gewerbeämter liegen und nicht bei der fachlich versierten Finanzaufsicht.

    Was ändert sich bei offenen Immobilienfonds?

    Privatanleger werden künftig besser vor dem plötzlichen Ausstieg großer Investoren aus offenen Immobilienfonds geschützt. Denn wenn ein Fonds schnell viel Geld auszahlen muss, drohen Verluste, weil Wohnhäuser oder Gewerbeparks nur unter starken Wertabschlägen rasch verkauft werden können. Das ist in der Finanzkrise vorgekommen. Ab 2013 wird deshalb eine einjährige Haltefrist für Fondsanteile eingeführt. Bis dahin können sie wie bisher noch täglich zurückgegeben werden. Privatanleger können aus offenen Immobilienfonds künftig 30.000 Euro pro Halbjahr abziehen.

    Was ändert sich noch?

    Das Gesetz enthält auch Regelungen für die Kapitalmärkte. Wichtig ist ein zusätzlicher Schutz vor der heimlichen Übernahme einen Unternehmens durch verdeckte Aktienkäufe. Das so genannte heimliche Anschleichen soll durch schärfere Transparenzvorschriften verhindert werden. Die Investoren müssen schneller melden, wenn sie sich Stimmrechte an Börsenunternehmen verschaffen.

    Wie geht es weiter?

    Der Bundesrat muss dem Gesetz noch zustimmen. Es wird voraussichtlich noch im Frühjahr in Kraft treten.