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  • Regulierung der Banken geplant

    Aufsichtskollegien sollen Institute kontrollieren. Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen will bald Ergebnisse vorlegen

    Angesichts des befürchteten Einbruchs der Wirtschaft ist die Ursache der Misere, die Finanzkrise, schon beinahe in Vergessenheit geraten. Von der Öffentlichkeit weitgehend unbeobachtet arbeiten die Regierungen daran, das Finanzsystem und die Banken besser zu regulieren. So bemüht sich eine vom deutschen Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen geleitete internationale Arbeitsgruppe darum, neue Aufsichtsorgane für Geldinstitute zu konstruieren.

    Nach Informationen dieser Zeitung geht es darum, so genannte Aufsichtskollegien zu gründen, die Bankhäuser grenzübergreifend überwachen. Beispielsweise der Deutschen Bank würde ein Gremium zur Seite gestellt, das mit staatlichen Aufsehern aus Deutschland, Großbritannien, den USA und anderen Ländern besetzt wäre, in denen die Bank wichtige Niederlassungen unterhält. Das Aufsichtskollegium könnte unter anderem kontrollieren, ob die Bank ausreichend Eigenkapital zur Verfügung hat, um risikoreiche Geschäfte abzusichern. Erste Ergebnisse wird Asmussen in etwa zwei Wochen vorlegen.

    Neben der Arbeitsgruppe unter deutscher Beteiligung arbeiten drei weitere Fachgremien, die die künftige Finanzregulierung entwerfen. Diese beschäftigen sich unter anderem mit Transparenz, besserer internationaler Kooperation, sowie der Reform des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. Ins Leben gerufen wurden die Arbeitsgruppen nach der Tagung der 20 wichtigsten Wirtschaftsnationen (G20) Mitte November 2008 in Washington.

    Die Regierungen verabschiedeten damals eine umfangreiche Abschlusserklärung, die nicht mit deutlicher Kritik an den Banken sparte. Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Kollegen kritisierten, dass „Marktteilnehmer größere Gewinne“ angestrebt hätten, ohne die „Risiken zu beachten“ und „ausreichende Sorgfalt“ zu praktizieren. Aber auch ihre eigenen Versäumnisse thematisieren die Politiker: Die Aufsicht und Kontrolle sei hinter der Entwicklung auf den Finanzmärkten zurückgeblieben.

    Dem will man nun abhelfen. Beim nächsten Treffen der Staats- und Regierungschefs der G20 in London Anfang April soll ein Katalog mit konkreten Regulierungsschritten beschlossen werden. Das streben zumindest die Bundesregierung und einige andere Länder an. Ob es tatsächlich dazu kommt, hängt nicht zuletzt von der Positionierung des neuen US-Präsidenten Barrack Obama ab.

    In seiner Zeit als Mitglied des US-Senats hat Obama auch in dieser Hinsicht hohe Erwartungen geweckt. Anfang 2007 brachte er zusammen mit zwei anderen Senatoren den Stop Tax Havens Abuse Act ein, einen US-Gesetzentwurf zum Kampf gegen Steueroasen. Der weitgehende Vorschlag wäre eine gute Vorlage für das, was die G-20-Regierungschefs in London beschließen könnten.

    Obamas Gesetzentwurf stuft 34 Territorien weltweit als illegale Steueroasen ein, darunter die britischen Kanalinseln, die Cayman-Inseln, aber auch die Niederlande, die Schweiz und Liechtenstein. Dort würden nicht nur den USA Hunderte Milliarden Steuern entzogen, sondern durch verdeckte Geschäfte auch die internationale Finanzsysteme destabilisiert. Obama und seine Kollegen schlugen unter anderem vor, Banken, die in Steueroasen arbeiten, die Ausgabe von Kreditkarten für die USA zu verbieten.

  • Investitionen hoch, Abgaben runter

    Die Vorschläge von SPD und Union zum Konjunkturprogramm

    Umfang
    50 Milliarden Euro will die Union mobilisieren, um die kommende Wirtschaftskrise abzumildern. Jeweils rund 25 Milliarden sollen in 2009 und 2010 zur Verfügung stehen. Die SPD stellt dagegen 40 Milliarden Euro in Aussicht.

    Investitionen
    Beide Parteien befürworten ein staatliches Investitionsprogramm des Bundes in Höhe von mindestens zehn Milliarden Euro. SPD-Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier will Schulen und Kindergärten modernisieren und die Klassenräume besser ausstatten. Davon, dass mehr Lehrer und Erzieherinnen eingestellt werden, ist nicht die Rede. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betont neben besserer Bildungs- und Verkehrsinfrastruktur, dass die Telekommunikation ausgebaut werden müsse. Ein Lieblingsanliegen der Kanzlerin ist es, Glasfaserkabel für schnelle Internetzugänge möglichst bis zum letzten Bauernhof zu verlegen.

    Ökonom Dieter Vesper schätzt, dass öffentliche Investitionen von zehn Milliarden Euro eine zusätzliche private Nachfrage von rund fünf Milliarden Euro mobilisieren. Dieser wirtschaftliche Impuls, so Vesper, würde etwa 150.000 bis 180.000 Arbeitsplätze sichern oder neu schaffen. Stocken die Bundesländer das Programm auf, stiege die Zahl entsprechend.

    Krankenkassen-Beiträge
    Außerdem strebt die SPD an, dass der Bund die 0,9 Prozent der Krankenkassenbeiträge, die die Beschäftigten heute alleine tragen, künftig aus Steuermitteln finanziert. Das würde Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) rund 10 Milliarden Euro pro Jahr kosten und die privaten Verbraucher in gleicher Höhe entlasten. Trotzdem würde diese Summe nicht komplett als zusätzliche Nachfrage in den Wirtschaftskreislauf fließen. Einen Teil des Geldes – etwa zehn Prozent – geben die Bürger nicht aus, sondern sparen ihn. Nach Ansicht vieler Ökonomen ist die Senkung der Sozialbeiträge nichtsdestoweniger ein gutes Mittel, um die Konjunktur zu stützen. Die Sparquote fällt dabei geringer aus, als bei Steuersenkungen, die die Union befürwortet.

    Die Union plädiert dafür, die Krankenkassenbeiträge sowohl für die Beschäftigten, als auch für die Unternehmen zu senken. Die Firmen dürften einen Teil des zusätzlichen Geldes in ihre Gewinne oder Rücklagen stecken, so dass es die Konjunktur nicht unterstützt. Die Kassenbeiträge zu senken, dürfte laut CDU-Überlegungen rund sieben Milliarden Euro pro Jahr kosten.

    Steuer-Freibetrag
    CDU und CSU haben vereinbart, den Grundfreibetrag der Einkommensteuer von heute 7.664 auf künftig 8.000 Euro anzuheben. Eine Person, die weniger als 8.000 Euro jährlich verdient, müsste dann keine Steuer mehr zahlen. Das klingt gut, sieht es doch so aus, als würden besonders die Niedrigverdiener gefördert. Allerdings gilt die Erhöhung des Grundfreibetrages für alle Steuerpflichtigen, auch für Millionäre. Diese würden überproportional begünstigt und zudem einen Teil des zusätzlichen Geldes bei Seite legen, da ihre Bedürfnisse bereits gedeckt sind. Weil gesparte Einkommen auf Bankkonten oder Aktiendepots die Wirtschaft nicht direkt unterstützen, sind sie in der gegenwärtigen Situation teilweise wirkungslos.

    Steuerprogression
    Im Zusammenhang mit dem höheren Grundfreibetrag will die Union auch den Verlauf der Steuerprogression ändern. Darauf drängt vor allem die CSU. Bezieher mittlerer und höherer Einkommen würden in der Steuertabelle etwas nach unten rutschen, also weniger Steuern zahlen als heute. Die Steuerentlastungen würden ebenfalls rund sieben Milliarden Euro jährlich kosten.

    Spitzensteuersatz
    Um das Thema „Gerechtigkeit“ zu besetzen, will Steinmeier die öffentlichen Investitionen zum kleinen Teil durch höhere Steuern für Spitzenverdiener finanzieren. Der Spitzensatz der Einkommenssteuer soll dazu vorübergehend für zwei Jahre von 45 auf 47,5 Prozent steigen. Dieser Steuersatz würde dann auch schon ab 125.000 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen bei Ledigen und 250.000 Euro bei Verheirateten gelten (heute 250.000 Euro/ 500.000 Euro).

    Kindergeld
    Die SPD schlägt zudem vor, das Kindergeld 2009 einmalig um 200 Euro pro Kind zu erhöhen. Weil Familien mit Kindern das meiste Geld sofort in die Geschäfte tragen, würden ein großer Teil der 3,6 Milliarden Euro die Wirtschaft unmittelbar stützen. Ein Nachteil dieser Maßnahme ist allerdings nicht zu übersehen: Alle Eltern, auch wohlhabende und reiche, kämen in den Genuss des höheren Kindergeldes. Wer mehr hat, kann aber auch mehr sparen – der Nachfrageeffekt dieser Gießkannen-Maßnahme ist also geringer, als der einer gezielten Erhöhung niedriger Einkommen. Um diesem Nachteil auszubügeln, setzt sich Steinmeier gleichzeitig dafür ein, den Kinderzuschlag für rund 800.000 Hartz-IV-Empfänger von 211 auf 246 Euro monatlich anzuheben. Eine Erhöhung aller Hartz-IV-Leistungen peilt die SPD dagegen nicht an.

  • Für Raser wird es teuer

    Ab Januar 2009 gilt der neue Bußgeldkatalog/ Der Grüne Punkt ist nicht mehr Pflicht/ Glühbirnen werden abgeschafft

    Verkehrssünder werden im nächsten Jahr stärker zur Kasse gebeten. Mit der Einführung des neuen Bußgeldkatalogs werden vor allem schwere und vorsätzlich begangene Vergehen härter bestraft. Gleich doppelt so teuer wird das Fahren unter Alkoholeinfluss oder Drogen. Wer in der Vergangenheit zu tief ins Glas geschaut hatte und sich dennoch ans Steuer setzte, wurde beim ersten Verstoß mit 250 Euro belangt. Im nächsten Jahr sind es 500 Euro. Wer bei Glätte oder Regen nicht vom Gaspedal steigt und mit unangepasster Geschwindigkeit unterwegs ist, muss anstatt der vormals 50 Euro ganze 100 Euro für das Vergehen hinblättern. Auch auf Drängler kommen teurere Zeiten zu. Dichtes Auffahren wird, je nach Geschwindigkeit, künftig mit bis zu 400 Euro bestraft. Zuvor waren es 250 Euro. Bei diesen Strafen, so hofft die Politik, werde den Sündern endlich ein Licht aufgehen und Einsicht einkehren.

    Garantiert kein Licht wird demnächst mehr aus herkömmlichen Glühbirnen strahlen können. Die Stromfresser sollen ab September 2009 schrittweise abgeschafft und durch Halogen- und Energiesparlampen ersetzt werden. Verbraucher dürfen zwar ihre alten Glühlampen zuhause aufbrauchen. Im Geschäft können sie aber nur noch zugelassene Lampen kaufen.

    Auch bei der Müllentsorgung ändert sich etwas. Künftig müssen alle Hersteller ihre Verpackungsmaterialien von einem der neun in Deutschland zugelassenen Dualen Systeme erfassen lassen. Das soll die Müllentsorgung gerechter machen und verhindern, dass Trittbrettfahrer ihre Abfälle auf Kosten anderer beseitigen. Durch die Registrierung wird die Kennzeichnung der Produkthüllen überflüssig. Das bedeutet, dass die Hersteller künftig keinen Grünen Punkt oder ein anderes Zeichen vom Dualen System auf ihre Produkte drucken müssen. Für die Verbraucher heißt dies: in Zukunft dürfen auch Verpackungen in die gelbe Tonne, die kein Zeichen tragen. Die Müllgebühren für die privaten Haushalte werden durch diese Änderung mit aller Wahrscheinlichkeit nicht steigen. „Die Bevölkerung ist es gewohnt, Verpackungen in der Gelben Tonne zu entsorgen und wird es auch ohne Kennzeichnung weiterhin tun“, weiß Dr. Norbert Kopytziok, Geschäftsführer des Büros für Umweltwissenschaften Berlin. Die Gebühren für den Restmüll, den die Haushalte nach Menge bezahlen, stiegen somit nicht.

    Ab Juni 2009 dürfen in der EU auch keine Quecksilberthermometer mehr verkauft werden. Wer dann noch ein quecksilberhaltiges Thermometer benutzt, begeht zwar keine Straftat. „Dennoch sollten Verbraucher die alten Messgeräte nicht mehr im Haushalt benutzen“, rät Florian Noto, Experte vom Deutschen Naturschutzring. Gerade wenn man krank ist, sei die Gefahr groß, dass einem das Thermometer aus den Händen rutscht, auf den Fußboden fällt und die giftigen Gase entweichen. Noto empfiehlt, die alten Thermometer zu den kommunalen Müllwerken zu bringen, die sie dann fachgerecht entsorgen.

    Wer noch mit einem alten Funktelefon telefoniert, sollte indes die Baureihe des Gerätes überprüfen. Denn im nächsten Jahr dürfen analoge Schnurlostelefone der Baureihen CT1+ sowie der Baureihe CT2 im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland nicht mehr benutzt werden. Die Weiternutzung der alten Geräte stört den Funkverkehr und kann den Verursacher der Störung teuer zu stehen kommen. Wer sich nicht ganz sicher ist, ob er mit einem künftig verbotenen Altgerät telefoniert, kann sich an eine Außenstelle der Bundesnetzagentur wenden. Alle Adressen stehen im Internet unter www.bundesnetzagentur.de.

  • Viele Änderungen im neuen Jahr

    2009 kommen auf die Deutschen viele Neuregelungen zu/ Einige davon entlasten, andere belasten die privaten Haushaltskassen

    Abgeltungsteuer:
    Ab 1. Januar 2009 werden Zinserträge, Dividenden und Kursgewinne einheitlich mit einer Abgeltungsteuer von 25 Prozent besteuert. Dazu kommen noch Solidaritätszuschlag und eventuell die Kirchensteuer. Kursgewinne bleiben künftig nur noch bei Aktien und Investmentfonds steuerfrei, die bis 31. Dezember 2008 erworben wurden und mindestens ein Jahr gehalten werden. Wer nur ein geringes Einkommen hat und gar keine Steuern bezahlt, kann sich von der Abgabe befreien lassen.

    Erbschaftsteuer:
    Selbst genutztes Wohneigentum kann künftig steuerfrei an Ehepartner, eingetragene Lebenspartner und Kinder vererbt werden, vorausgesetzt, sie bleiben zehn Jahre darin wohnen. Für Kinder gilt bei der Steuerbefreiung zusätzlich eine Höchstgrenze der Immobiliengröße von 200 Quadratmetern. Zudem werden die Freibeträge für Vermögen für nahe Angehörige angehoben: Für Ehegatten von bisher 307.000 Euro auf 500.000 Euro, für Kinder von 205.000 Euro auf 400.000 Euro und für Enkelkinder von 51.200 Euro auf 200.000 Euro. Geschwister, Nichten und Neffen zahlen künftig mehr. Ihr Steuerfreibetrag liegt bei 20.000 Euro.

    Gesundheitsfonds:
    Im kommenden Jahr gilt ein einheitlicher Beitragssatz von 15,5 Prozent für die gesetzliche Krankenversicherung – einschließlich des Sonderbeitrags von 0,9 Prozent für Arbeitnehmer. Der Beitragssatz wird jedes Jahr aufs Neue festgelegt. Im Gegenzug wird der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung von 3,3 auf 2,8 Prozent sinken. Mitte 2010 soll er wieder steigen – auf drei Prozent.

    Krankengeld:
    Selbständige in einer gesetzlichen Krankenkasse zahlen ab Januar den ermäßigten Beitrag von 14,9 Prozent. Gegen Arbeitsunfähigkeit müssen sie sich extra absichern. Das kann über einen speziellen Wahltarif geschehen, den alle gesetzlichen Kassen anbieten.

    Private Krankenversicherung:
    Im neuen Jahr müssen die privaten Krankenkassen einen Basistarif anbieten, der dem Leistungsniveau der gesetzlichen Versicherungen entspricht. Er darf nicht teuerer sein, als der Höchstbeitrag der gesetzlichen Kassen.

    Beitragsbemessungsgrenzen für Pflichtversicherungen:
    Ab Januar 2009 gelten in der gesetzlichen Pflege-, Kranken- sowie Arbeitslosen- und Rentenversicherung neue Grenzen für die Versicherungspflicht und die Beitragsbemessung. Die Beitragsbemessungsgrenze – also die Grenze, die angibt, bis zu welcher Einkommenshöhe Pflege- und Krankenversicherungsbeiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung gezahlt werden müssen, steigt von 3.600 Euro auf 3.675 Euro im Monat. Alles was darüber hinausgeht, wird nicht mehr zusätzlich mit Pflege- und Krankenversicherungsbeiträgen belastet. In den alten Bundesländern steigt die Beitragsbemessungsgrenze für Arbeitnehmer in der gesetzlichen Rentenversicherung sowie in der Arbeitslosenversicherung auf 5.400 Euro im Monat. In den neuen Bundesländern erhöht sich der Satz um 50 Euro auf 4.550 Euro monatlich.

    Bausparvertrag:
    Wer im neuen Jahr einen Bausparvertrag abschließt, muss diesen fortan wörtlich nehmen. Denn Bausparer, die ab 2009 einen Vertrag abschließen, erhalten die Wohnungsbauprämie nur noch dann, wenn sie das Angesparte für den Bau oder die Renovierung, oder den Kauf eines Hauses oder einer Wohnung verwenden. Eine Ausnahme gilt für Sparer, die unter 25 Jahre alt sind. Sie trifft diese Regelung nicht.

    Pendlerpauschale:
    Fast alle Berufstätigen, die einen längeren Weg zur Arbeit haben, können sich Anfang 2009 auf Steuerrückzahlungen vom Finanzamt freuen. Denn aufgrund eines Urteils des Bundesverfassungsgerichts ist die alte Regelung zur Pendlerpauschale wieder in Kraft. Wer in der Steuererklärung eine Angabe über die Entfernung zum Arbeitsplatz gemacht hat, bekommt die Rückerstattung automatisch. Wer nichts angegeben hat, sollte dem Finanzamt nachträglich die Zahl der Arbeitstage und die Entfernung zum Job mitteilen.

    Wohngeld:
    Das Wohngeld erhöht sich ab Januar von momentan durchschnittlich 90 Euro auf 140 Euro. In Zukunft werden bei der Berechnung des Wohngeldes auch die Heizkosten mit einbezogen. Außerdem werden die Miethöchstbeträge angehoben.

  • Privatanleger gucken in die Röhre

    Private Investoren werden hierzulande schlecht beraten, sagt eine neue Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums. „Vermögensschäden von 20 bis 30 Milliarden Euro“.

    Die Beratung privater Kapitalanleger in Deutschland ist oft von schlechter Qualität. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Studie im Auftrag des Bundesverbraucherministeriums. „Die Vermögensschäden auf Grund mangelhafter Finanzberatung werden auf jährlich 20 bis 30 Milliarden Euro geschätzt“, sagt Marco Habschick vom Hamburger Forschungsinstitut Evers&Jung, das die Studie erarbeitet hat.

    Wer einige tausend oder auch zehntausend Euro übrig hat, sollte eine schöne Reise machen, das Geld für durchschnittliche Zinsen auf ein Sparkonto einzahlen oder Bundesanleihen kaufen, anstatt sich von Finanzberatern Aktien, Fonds, Lebens- oder Rentenversicherungen aufschwatzen zu lassen. Das liegt nicht daran, dass diese Formen der Kapitalanlage grundsätzlich schlecht wären. Wenn heute trotzdem viele private Kapitalanleger Verluste statt Gewinne machen, ist die Ursache unter anderem in falscher Beratung zu suchen.

    „Fehlleistungen sind eher die Regel als die Ausnahme und auch empirisch zu belegen“, heißt es in der Studie. „Die Beratung kann man in vielen Fällen mit einer Einbahnstraße vergleichen“, sagt Habschick. Die Mitarbeiter von Finanzagenturen aber auch Banken würden ihre Kunden bei Neuinvestitionen unterstützten, sie aber nicht beraten, wenn es Zeit sei, aus Aktienfonds oder ähnlichen Produkten wieder auszusteigen. Deshalb haben Privatanleger im Zuge der aktuellen Finanzkrise Milliarden Euro verloren.

    Oft würden den Kunden auch die falschen Versicherungen verkauft. Hoch im Kurs stehe beispielsweise die Unfallversicherung, während eine Berufsunfähigkeitversicherung für die meisten Beschäftigten viel sinnvoller sei, so Habschick. Dass trotzdem eher Unfallpolicen verkauft würden, liege an den dabei höheren Provisionen für die Verkäufer.

    Große Mängel haben die Forscher zudem bei langfristig laufenden Kapitalanlagen ermittelt. „50 bis 80 Prozent aller Langfristanlagen werden mit Verlust vorzeitig abgebrochen“, schreiben die Forscher. Der Grund: Verträge mit 30jähriger Laufzeit seien für moderne Arbeitsnehmer mir ihren wechselhaften Jobs und Biografien oft nicht die richtige Kapitalanlage.

    Die analysierten Mängel betreffen in erster Linie die Branche der freien Beratungsagenturen. Bei Banken sei die Qualität der Beratung manchmal, aber nicht durchweg höher.

    Als Ergebnis ihrer Studie formulieren die Forscher, dass die Politik die Regulierung der privaten Anlageberatung verbessern müsse. Ein zentraler Ansatz wäre es, Beratung und Verkauf zu trennen. Den privaten Kapitalanlegern in Deutschland sollten mehr Einrichtungen zur Verfügung stehen, die gegen ein Beratungshonorar Produkte prüfen und empfehlen, ohne vom Verkauf dieser Aktien, Fonds und Versicherungen zu profitieren.

    Verbraucherpolitiker Peter Bleser (CDU) denkt dabei unter anderem an die „Stärkung der Verbraucherzentralen“. Außerdem wolle die große Koalition die Beratung auf gesetzlichem Wege verbessern. Die Berater sollten den Kunden künftig ein Protokoll des Beratungsgespräches aushändigen und von diesen unterschreiben lassen. Dadurch lasse sich leichter nachvollziehen, ob grundsätzliche Qualitätsanforderungen eingehalten würden. Auf welche Art Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) auf die Empfehlungen der Studie reagieren will, ist bislang unklar. Darüber soll unter anderem ein Kongress im März 2009 entscheiden.

  • Geiz ist teuer

    Kommentar

    Sparer sind bei den professionellen Beratern der Banken schlecht aufgehoben. Um dies festzustellen, hätte die neue Verbraucherministerin Ilse Aigner eigentlich keine Studie lesen müssen. Die Berichte über geschädigte Zertifikate-Käufer haben dies zuletzt eindrucksvoll belegt. Der Fehler steckt weniger in der zuweilen mangelnden Sachkenntnis der Anlageexperten als vielmehr im System. Und daran sind die Verbraucher nicht ganz unschuldig.

    Die Banken leben von den Provisionen, die sie für jeden abgeschlossenen Versicherungsvertrag oder den Fondsparplan erhalten. Der Anreiz besteht folglich darin, die einträglichsten Produkte anzupreisen und nicht die sinnvollsten. Daraus lässt sich aber keine Alleinschuld der Verkäufer ableiten. Denn die Kunden kommen auch mit unrealistischen Erwartungen in den Schalterraum. Die wenigsten kennen sich mit Finanzprodukten so gut aus, dass sie die Offerten des Fachmanns beurteilen können. Zugleich soll der Beratungsservice kostenlos sein. Es liegt auf der Hand, dass beides nicht zusammen passt. Sage niemand, die Verbraucher seien überfordert. Vor jedem Autokauf werden stundenlang Prospekte gewälzt und Preise verglichen. Dass dies bei einem Produkt Vorfreude bereitet, bei einem weniger attraktiven Sparvertrag langweilt, ist halt leider so.
    Ein Alternativmodell zum Schnellkurs in Geldfragen ist der Aufbau eines unabhängigen Beraternetzes. Das bedeutet, der Experte wird nicht von den Versicherungen oder Investmenthäusern bezahlt, sondern vom Anleger. Dazu fehlt bisher bei vielen Sparern die Bereitschaft. Doch nur so kann die Qualität der Anlageberatung nachhaltig verbessert werden. Schließlich geht es bei lang laufenden Verträgen wie Rentenversicherungen schon mal um Unterschiede von einigen Tausend Euro zwischen den besten und den schlechtesten Angeboten. Da sollten vielleicht 100 Euro Beraterhonorar durchaus drin sein. Geiz kann sonst teuer werden.

  • Etwas Osten ist überall

    Kommentar

    Jammern konnten die Deutschen immer schon besonders gut. Darin unterscheiden sich Ost und West nur wenig. Erst waren es die Ostdeutschen, die sich nach der Wende über die Besserwessis und über die gar nicht blühenden Landschaften ärgerten. Mittlerweile blicken viele im Westen neidvoll auf die teilweise bestens ausgestattet Infrastruktur im Osten, auf die prachtvoll hergerichteten Stadtzentren in Dresden, Erfurt oder Berlin, während im Ruhrpott das Straßennetz kollabiert oder in Bremerhaven die Armut grassiert. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist die Stimmungslage nicht entgangen. Infrastrukturinvestitionen würde sie gerne vornehmlich in den alten Bundesländern vorantreiben.

    Prompt entbrennt eine neue Debatte um die innerdeutsche Verteilungsgerechtigkeit, steht der Jammerossi wieder protestierend auf der Matte. Doch beide Seiten liegen falsch. Es gibt weder den einen Osten noch den einen Westen. Es gibt vielmehr ein Land mit vielen unterschiedlichen Regionen, zwischen denen die Wohlstandskluft wächst.

    Doch zunächst ein Blick zurück. Im kommenden Jahr wird ein historisches Jubiläum gefeiert. Im November vor zwanzig Jahren fiel die Mauer. Zwei Welten prallten aufeinander. Der moderne Westen mit einer bestens ausgebauten Infrastruktur und der marode, von Verfall gekennzeichnete Osten. Der Aufbau Ost war eine Selbstverständlichkeit, zumal der Zustand der neuen Länder letztlich eine Folge des gemeinsam verlorenen Zweiten Weltkriegs war. Seither sind über 100 Milliarden Euro an Aufbauhilfen geflossen. Bis Ende des nächsten Jahrzehnts wird sich der Betrag locker verdoppeln. Vorwürfe, die alten Länder wollen nun die Solidarität aufkündigen, sind angesichts dieser Leistung schamlos.

    Die Ergebnisse können sich sehen lassen, auf den Autobahnen, in den Innenstädten und schmucken Promenaden an der Ostsee. Der Blick hinter die Fassaden zeigt ein anderes Bild. Es gibt keinen bedeutenden Konzern mit Sitz in den neuen Ländern. Die Arbeitslosigkeit in manchen Regionen doppelt so hoch wie im Durchschnitt des Landes, Talente wandern scharenweise ab und ganze Dörfer werden mangels Einwohnschar dicht gemacht. Armut verbreitet sich viel stärker als im Westen, vor allem bei den alten Menschen. Umgekehrt ist im Westen bei weitem nicht alles so schlimm, wie es in dieser Diskussion gerne dargestellt wird. Vor allem die wohlhabenden Südländer haben keinen Grund zur Klage. Und gerade die Westwirtschaft hat von den Folgen des Mauerfalls am meisten profitiert. Denn am Ende war dieses Ereignis auch der Auftakt zur Globalisierung zum Nutzen der Exportunternehmen.

    Es gibt auch im Osten etwas Westen. Die zukunftweisende Solarindustrie erobert die Welt aus Brandenburg und Sachsen heraus. Dresdens City lockt Millionen Touristen aus aller Welt. Es gibt aber auch den Osten im Westen, zum Beispiel im darbenden Duisburg oder den strukturschwachen Regionen des Saarlands oder der Oberpfalz. Die Diskussion muss also andere Fragen ins Zentrum stellen. Wie viel Ungleichheit darf es in Deutschland geben? Wie helfen Bund und Länder strukturschwachen Gegenden auf die Beine?

    Die wachsenden Ungleichgewichte sind keine Folge der Einheit. Sie haben brandaktuelle Ursachen. Die demographische Entwicklung schlägt hüben wie drüben zu, der ländliche Raum droht zu verkümmern. Der Sog der Ballungszentren mit seinen Arbeitsplätzen nimmt zu. Randgebiete verlieren dagegen Unternehmen und Wirtschaftskraft. Dies sind die Prozesse, die einer tieferen Analyse bedürfen und durch eine Neiddebatte nicht ansatzweise erklärt werden.

  • Über 30 Milliarden für die Konjunktur

    Beim zweiten Paket der Bundesregierung wird geklotzt / Geld für Infrastruktur und Bildung

    Das zweite Konjunkturpaket der Bundesregierung nimmt Formen an. Wie aus Kreisen der großen Koalition verlautet, soll eine „deutlich zweistellige“ Milliardenspritze der lahmenden Wirtschaft auf die Beine helfen. Bundeskanzlerin Angela Merkel schließt auch eine Senkung der Einkommensteuer nicht aus. Die genaue Höhe der zusätzlichen Ausgaben steht noch nicht fest. Am kommenden Dienstag treffen sich zunächst einmal die Fachleute von Regierung und Fraktionen. In drei Arbeitsgruppen werden dann bis Anfang Januar die Details des Programms ausgearbeitet. Unter dem Strich dürfte mehr als 30 Milliarden Euro stehen, mehr als ein Prozent der jährlichen deutschen Wirtschaftsleistung. Erst in dieser Größenordnung wird ein spürbarer Impuls für die Wirtschaft nach Ansicht vieler Fachleute geleistet.

    In einem Interview mit der Neuen Presse aus Hannover deutete die Regierungschefin schon einmal an, wie sie der Konjunktur zu neuem Schwung verhelfen will. Der größte Teil soll für Investitionen in Straßen, Schulen und Universitäten ausgegeben werden. Darüber hinaus hat Merkel den Ausbau schneller Internetverbindungen außerhalb der Zentren angekündigt.

    „Wir müssen versuchen, möglichst viel Beschäftigung zu halten“, sagt der SPD-Finanzexperte Joachim Poß. Investitionen würden dabei schneller helfen als Steuerentlastungen. Vor allem die Kommunen könnten davon profitieren. Der Chef des Deutschen Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, schätzt den Investitionsbedarf bis zum Jahr 2020 auf rund 700 Milliarden Euro. Allein die über 40.000 Schulen in Deutschland benötigen gut 70 Milliarden Euro. Zusätzliche Mittel können auch ohne große Planungsvorläufe eingesetzt werden. In Schulen, Universitäten und Kindertagesstätten könnten rasch Räume gestrichen und Heizungen modernisiert werden. „Hier liegen die Pläne oft in der Schublade“, erläutert Landsberg. Auch die Anschaffung von mehr Computern für die über neun Millionen Schüler können sich die Kommunen vorstellen. Derzeit teilen sich rechnerisch 100 Schüler einen Laptop.

    Die Bauindustrie freut sich schon auf mögliche Aufträge. Allein den Bedarf für die Erneuerung der kommunalen Straßen beziffert die Wirtschaft auf 30 Milliarden Euro. An den Kapazitäten des Baugewerbes werde ein Investitionsprogramm nicht scheitern, versichert der angehende Chef des Bauindustrieverbands, Herbert Bodner. Ein Drittel der Branchenfirmen leide bereits unter den Folgen der Rezession.

    Kanzlerin und Kommunen haben auch das Internet als Konjunkturstütze ausgemacht. 1000 kleinere Städte mit fünf Millionen Einwohnern verfügen noch über Telefonnetze, die den Internzugang nur mit ISDN-Tempo zulassen. Einige ländliche Regionen sind ebenfalls von den schnellen Datenautobahnen abgekoppelt. Allein die Kosten für die Verlegung von Breitbandkabeln die DSL-Anschlüsse taxieren die Städte auf bis zu zwei Milliarden Euro.

  • Soziale und unsoziale Kapitalisten

    Gute Unternehmer streben nicht nach größtmöglichem Gewinn

    Zur aktuellen Finanzkrise hat Schokoladen-Erbe Alfred Ritter eine klare Meinung. Als Ursache des Crash betrachtet er nicht zuletzt die zu hohen Gewinnerwartungen der Banken. „Es gibt ein Renditestreben, das nur darauf baut, jemanden über´s Ohr zu hauen“, sagt der Chef der Firma Ritter Sport. „Wenn der Markt um fünf Prozent wächst, das Unternehmen aber 25 Prozent Gewinn anstrebt, muss es diesen Profit irgendwem abnehmen“. Weil sie andere Marktteilnehmer schädige, sei eine solche Geschäftsstrategie weder nachhaltig noch sozialverträglich, meint Ritter.
    Eine derart zugespitze Position ist unter Unternehmern selten zu hören. Und doch beschreibt sie treffend den Unterschied zwischen zwei Typen von Managern. Die einen dominieren das Wirtschaftsgeschehen und prägen die Logik des grenzen- und schrankenlosen Marktes. Die anderen sind in der Minderheit und vertreten eine zivilisierte Variante des Kapitalismus. Die einen unternehmen alles, um möglichst hohe Renditen zu erreichen. Die anderen machen ebenfalls Gewinn, sonst gäbe es ihre Unternehmen nicht mehr, doch das Renditeziel nimmt bei Ihnen keine isolierte Stellung ein.
    Nennen wir diesen zweiten Unternehmer-Typ den „sozialen Kapitalisten“. Hin und wieder, und das macht den Unterschied aus, ist er bereit, auf kurzfristige Maximalprofite zu verzichten. Er lässt es zu, dass andere Ziele wie ökologischer Fortschritt und sozialer Frieden seinen Gewinn schmälern.
    Schokoladenproduzent Ritter beispielsweise baute vor Jahren ein umweltfreundliches Blockheizkraftwerk neben seine Fabrik, um Strom und Wärme gleichzeitig zu erzeugen. Es kostete ihn ziemlich viel Geld und verringerte seinen Gewinn. Wegen der stark gestiegenen Energiepreise, die die Firma ohne Eigenerzeugung zahlen müsste, spart das Kraftwerk Ritter heute allerdings Geld. Der Gewinnverzicht von einst hat sich in einen langfristigen Vorteil verwandelt.
    Ähnlich denkt Michael Otto, der Mehrheitsinhaber und Aufsichtsratschef des Hamburger Handelshauses Otto Gruppe. Auf seine Initiative beschlossen die großen deutschen Textilimporteure 1996, ihren weltweiten Zulieferfirmen bestimmte soziale Mindeststandards abzuverlangen. Otto war unter anderem daran gelegen, die Kinderarbeit in Asien, Afrika und Lateinamerika zurückzudrängen. Auf die sozialen Qualitätskriterien der Produkte zu verzichten, wäre Otto billiger gekommen. Aber er ist sich sicher: „Heute mag man die soziale und ökologische Qualität als Zusatznutzen verstehen. Morgen wird sich kein Produkt mehr ohne diesen Standard verkaufen lassen.“ Auch hier hält eine langfristige Orientierung das kurzfristige Renditestreben in Grenzen.
    Die Unterscheidung zwischen unsozialen und sozialen Kapitalisten ist natürlich zugespitzt. Denn selbst die vermeintlich asozialen Kapitalisten halten sich an Gesetze und oft auch Tarifverträge. Sie sponsern Opernhäuser und Kindergärten. Aber in ihrem Kerngeschäft hat das Ziel der maximalen Rendite doch die weitaus dominierende Rolle eingenommen. Beispiele dafür sind die großen deutschen Autohersteller, die jahrzehntelang unökologische Fahrzeuge verkauft haben, obwohl sich die epochalen Verwerfungen des Klimawandels bereits ankündigten. Die Entwicklung benzinsparender und abgasarmer Motoren war ihnen schlicht zu teuer.
    Ein anderes Beispiel sind die transnational tätigen Großbanken. Auch sie zahlen oft überdurchschnittliche Löhne, kümmern sich um die Familien ihrer Mitarbeiter und geben zentimeterdicke Broschüren über ihre „Corporate Social Responsibility“, ihre gesellschaftliche Verantwortung, heraus. Und doch haben sie eine Eigenkapitalrendite von 30 Prozent angestrebt, die Welt mit extrem risikoreichen Wertpapieren überschwemmt und die erste globale Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren ausgelöst. Wer die Gesellschaft, in der er lebt und Geld verdient, dermaßen schädigt, ist wohl eher ein unsozialer, als ein sozialer Kapitalist.
    Die Finanzkrise zeigt, dass eine regellose Wirtschaft dazu neigt, aus dem Ruder zu laufen. Die Konsequenz für die Politik ist deshalb eindeutig: Ein maßvoller Rahmen muss die Ökonomie in sinnvolle Bahnen lenken. Die Politik sollte ihre Gestaltungsaufgabe wahrnehmen. Nur so lässt sich zuvilisiertes Wirtschaften durchsetzen.
    Gewiss betreiben Ritter, Otto und Werner ihre vergleichsweise sozialverträgliche Unternehmenspolitik selbstständig. Gesetze haben sie nicht dazu verpflichtet. Allerdings könnten bessere Gesetze dafür sorgen, dass es mehr soziale Kapitalisten gibt.
    Gegen die Banken, die die Finanzkrise ausgelöst haben, scheint die Politik nun durchgreifen zu wollen. Die Finanzminister der wichtigsten Industriestaaten planen, schärfere Regulierungen einzuführen. Geldinstitute müssten dann künftig bei risikoreichen Geschäften mehr Eigenkapital einsetzen und sämtliche Transaktionen in ihren Bilanzen ausweisen. Beides würde sie vorsichtiger machen und ihre Gewinne reduzieren.
    Ebenso könnte die Politik eine umfassende soziale und ökologische Unternehmenspolitik fördern. Schulen kaufen Computer, die Polizei erwirbt Fahrzeuge, die Feuerwehr Uniformen: Würden die öffentlichen Aufträge, die in Deutschland rund 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes ausmachen, an soziale und ökologische Kriterien geknüpft, entstünde ein Schub für zivilisiertes Wirtschaften. Nur Firmen kämen in den Genuss dieser Aufträge, die bestimmte Mindeststandards erfüllten. Das könnte dazu beitragen, aus der der Minderheit der sozialen Kapitalisten eine Mehrheit zu machen.

    Andrew Murphy
    Der 1968 geborene Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters ist einer der beiden Chefs der Investmentfirma Murphy&Spitz in Bonn. Unternehmen, deren Aktien gekauft werden, dürfen nichts mit dem Militär zu tun haben. Sie sollen nicht an der Atomwirtschaft beteiligt sein, nicht mit Tieren experimentieren, keine Kinderarbeit praktizieren und die Menschenrechte achten. An den Aktiendepots und Fonds der Bonner Investoren sind etwa 2.000 Privatanleger beteiligt. Über fast 60 Millionen Euro Kapital verfügt diese Anlegergemeinschaft mittlerweile.

    Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell
    Der Graf (Jahrgang 1941) ist Inhaber und Chef der Schreibwaren-Firma Faber-Castell in Stein bei Nürnberg. Das Unternehmen betreibt eine Pinienplantage in Brasilien, wo die Bäume wachsen, deren Holz zu Stiften verarbeitet wird. Raubbau am Regenwald wird so vermieden. Außerdem schloss die Firma einen Vertrag mit der Gewerkschaft IG Metall, der soziale Mindeststandards in allen Faber-Castell Werken weltweit festschreibt. Dazu gehören Mindesturlaub und Mindestbezahlung.

    Götz Werner
    Götz Werner (Jahrgang 1944) ist Eigentümer der zweitgrößten deutschen Drogerie-Kette. Der Kenner der klassischen deutschen Literatur dichtete einen Goethe-Vers um zum Werbespruch für seinen dm-drogerie markt: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“. Was merkwürdig anmutet, hat einen sinnvollen Kern. Werner verweigert sich der Strategie des Lohndumpings, die die Branche der Drogerie-Discounter prägt. Er zahlt seinen Verkäuferinnen angemessene Löhne und ermöglicht ihnen Mitsprache im Unternehmen.

  • T-Shirts ohne Kinderarbeit

    Soziale Kapitalisten (5): Versandhändler Otto engagiert sich für Umweltschutz und gegen Kinderarbeit

    Michael Otto ist ein zurückhaltender Mensch. Als Aufsichtsrat-Vorsitzender der Otto-Gruppe und Oberhaupt seiner Familie meidet er die Öffentlichkeit, so weit es geht. Diese Haltung des reichen Hamburger Unternehmers entspringt hanseatischer Tradition, aber auch der Vorsicht: 1997 forderte ein Erpresser 2,5 Millionen D-Mark und schickte als Drohung per Post eine Patrone, auf die der Name „Otto“ geschrieben war.

    Manchmal allerdings gibt der Chef des weltweit größten Versandhauses und bedeutenden Internethändlers seine Zurückhaltung auf. Gerne informiert er die Öffentlichkeit über die Erfolge seiner 1993, zur Feier seines 50. Geburtstages gegründeten Michael-Otto-Stiftung, die sich vornehmlich dem Schutz von Meeren, Seen und Flüssen widmet.

    Mitte der 1990er Jahre gelang Stifter Otto ein vielbeachteter Coup. Er vermittelte zwischen Bundesverkehrsminister Matthias Wissmann (CDU) und den Umweltverbänden. Zuvor hatte der Streit schon vier Jahre gedauert: Die Regierung wollte die Elbe zur Hochleistungswasserstraße ausbauen. Die Umweltschützer dagegen forderten, den Fluss für Schiffe quasi zu sperren. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Größere Strecken der Elbe wurden verschont und stattdessen der Elbeseiten- und Mittellandkanal ausgebaut.

    „Otto war bereits ein Grüner, bevor es die Grünen überhaupt gab“, sagt sein früherer Pressesprecher Detlev von Livonius. Otto rühmt sich, in seinem Hamburger Garten das Ungeziefer mit einer „Brennnesselbrühe“ zu vertreiben, der er selbst ansetzt. „Scharfe Putzmittel“ haben Böden und Möbel seines Hauses noch nie gespürt, „grüne Seife“ reinigt ebenso gut. Als einer der ersten Unternehmer führte Otto auch in seiner Firma Elemente des Umweltschutzes ein. Die Versandkartons sind aus Recyclingpappe gefertigt, Tierpelze findet man nicht im Sortiment, das Holz der Gartenmöbel stammt aus zertifiziertem Anbau und nicht aus gefährdeten Tropenwäldern.

    Dieses Engagement kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Otto Gruppe überwiegend ein normales kapitalistisches Unternehmen ist, das seinen Gewinn nicht nur in Harmonie mit seiner Umgebung verdient. Auch Otto wächst auf Kosten der Konkurrenz und versucht mitunter, gegen seine Beschäftigten und die Gewerkschaft schlechtere Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

    Trotzdem versteht Michael Otto sich zu einer Logik des gebremsten Profits. Nicht alles ist er bereit, dem Gewinn unterzuordnen. So lud er 1996 die großen deutschen Einzelhandelsunternehmen wie C&A, Karstadt, Metro und Quelle ein, um ihnen vorzuschlagen, gemeinsame Mindeststandards für die Textilproduktion in den weltweiten Zulieferbetrieben festzulegen. Otto ging es unter anderem darum, Kinderarbeit in Asien, Afrika und Lateinamerika zu verhindern.

    Die Initiative funktionierte und mündete in die Business Social Compliance Iniative (BSCI). In dieser in Brüssel ansässigen Organisation haben sich mittlerweile über 80 vor allem europäische Handelsunternehmen auf Regeln für ihre Importe geeinigt. Ausbeutung und Kinderarbeit in Entwicklungsländern werden dadurch zwar nicht verhindert, aber immerhin erschwert

    Ob sein Unternehmen – betriebswirtschaftlich betrachtet – von dieser Geschäftspolitik heute profitiere, wisse er nicht, sagt Michael Otto. Aber er ist sich sicher: „Heute mag man die soziale und ökologische Qualität als Zusatznutzen verstehen. Morgen wird sich kein Produkt mehr ohne diesen Standard verkaufen lassen.“

    Hannes Koch: Soziale Kapitalisten – Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch 2007. 192 S.. 19,80 €.

  • Finanzieller und moralischer Mehrwert

    Soziale Kapitalisten (4): Andrew Murphy investiert das Geld seiner Anleger unter Beachtung sozialer und ökologischer Kriterien

    Vor dem Bildschirm, an dem sonst Millionen Euro bewegt werden, sitzt ein Mädchen. Es ist neun Jahre alt und spielt ein Computerspiel. Auf dem Schreibtisch steht ihr Bild – da lacht sie in die Kamera. Ihr kleiner roter Rucksack lehnt am Regal, daneben wartet der Rollkoffer. Morgen früh geht es los – nach Berlin, mit Papa, über´s Wochenende. Andrew Murphy schnippt mit Daumen und Zeigefinger. „Man wacht plötzlich auf, wenn man Vater wird. Ein Kind erziehen“, sagt er, „und gleichzeitig Geld so investieren, dass es seiner Zukunft schadet – das geht nicht“.

    Andrew Murphy, 1968 geborener Sohn einer deutschen Mutter und eines irischen Vaters, ist einer der beiden Chefs der Investmentfirma Murphy&Spitz in Bonn. 1999, ein Jahr nach der Geburt seiner Tochter Thalia, hat er das Unternehmen gegründet. Ihm vertrauen mehr oder weniger vermögende Mitbürger viel Geld an. Murphy&Spitz kaufen und verkaufen Aktien in großem Stil, und sie beteiligen sich an Unternehmen.

    Die Investmentfirma investiert unter Beachtung sozialer und ökologischer Kriterien – anders als die meisten konventionellen Institute. Und auch anders als die Deutsche Bank, bei der Murphy seine Laufbahn begann. Dort habe ein schlichtes Ziel über allem gestanden, berichtet Murphy: maximaler Profit. Als „geistige Verarmung“ bezeichnet der grüne Investor das heute. „Man macht sich zu einem amoralischen Wesen“.

    Nun will Murphy „Wahlfreiheit herstellen“. Die Anleger sollen sich entscheiden können. Deutsche Bank oder Murphy&Spitz. Dort der schiere Profit. Hier Gewinn plus „zweite Ernte“. Finanzieller und moralischer Mehrwert gleichzeitig. Die Investment-Spezialisten aus Bonn versprechen, die Welt besser zu machen, indem sie das Geld der Anleger an die richtigen Stellen lenken.

    An den Aktiendepots und Fonds der Bonner Investoren sind etwa 2.000 Privatanleger beteiligt, gemeinsam gehören ihnen Anteile von rund 40 Gesellschaften, darunter der Solarfirmen Phoenix und Repower, von Schmack Biogas, sowie der Medizintechnik-Unternehmen aap Implantate und Drägerwerk. Über fast 60 Millionen Euro Kapital verfügt diese Anlegergemeinschaft mittlerweile.

    Zu den Auswahlkriterien von Murphy&Spitz gehört, dass Firmen, deren Aktien gekauft werden, nichts mit dem Militär zu tun haben dürfen. Sie sollen nicht an der Atomwirtschaft beteiligt sein, nicht mit Tieren experimentieren, keine Kinderarbeit praktizieren und die Menschenrechte achten. „Das heißt, dass wir uns bei Unternehmen, die in China produzieren oder sich von dort beliefern lassen, nicht engagieren“, sagt Murphy.

    Angesichts der aktuellen Finanzkrise bleibt Murphy gelassen. Zwar haben auch er und seine Anleger Wertverluste zu verschmerzen, doch er sagt: „Wir gehören zu den Profiteuren“. Mehr Menschen investieren ihr Geld bei Murphy&Spitz, und auch die Summe des angelegten Kapitals steigt. Selbst im Krisenjahr 2008 beträgt der Zuwachs rund 30 Prozent. Diese Entwicklung entspricht den Erfahrungen, die auch andere Anbieter ethischen Investments wie etwa die Umweltbank in Nürnberg oder die GLS-Bank in Bochum machen. Ökologische und soziale Geldanlage ist bislang noch eine Nische, aber sie wächst stark.

    Vor allem zwei Gründe scheinen für den Wechsel der Anleger eine Rolle zu spielen: das Bedürfnis nach relativer Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit. Viele Privatinvestoren haben die Nase voll von risikoreicher Spekulation an den globalen Finanzmärkten. Anstatt in fantastische Wertpapiere stecken sie ihr Geld lieber in reale Firmen, die moderne und aussichtsreiche Produkte wie Solaranlagen und umweltfreundliche Fahrzeuge herstellen. Diesen Klientel spricht Andrew Murphy gezielt an. Den Anlegern, aber auch seiner Tochter Thalia, verspricht er, mit ihrem Geld verantwortungsbewusst umzugehen.

    Hannes Koch: Soziale Kapitalisten – Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch 2007. 192 S.. 19,80 €.

  • Grüne Schokolade aus Schwaben

    Soziale Kapitalisten (3): Firmenerbe Alfred Ritter setzt auf die ökologisch bewussten Konsumenten

    Zur aktuellen Finanzkrise hat Schokoladen-Erbe Alfred Ritter eine klare Meinung. Als Ursache des Crash betrachtet er nicht zuletzt die zu hohen Gewinnerwartungen der Banken. „Es gibt ein Renditestreben, das nur darauf baut, jemanden über´s Ohr zu hauen“, sagt der Chef der Firma Ritter Sport. „Wenn der Markt um fünf Prozent wächst, das Unternehmen aber 25 Prozent Gewinn anstrebt, muss es diesen Profit irgendwem abnehmen“. Weil sie andere Marktteilnehmer schädige, sei eine solche Geschäftsstrategie weder stabil, noch nachhaltig oder sozialverträglich, meint Alfred Ritter.
    Für sich selbst und sein Unternehmen nimmt Ritter in Anspruch, eine gewisse Selbstbeschränkung zu praktizieren. So habe man beispielsweise die unteren Lohngruppen im Betrieb abgeschafft und zahle auch den wenig qualifizierten Beschäftigten einen etwas höheren Lohn.
    Solche Geschichten höheren sich gut an. Sie sind nicht erfunden, aber natürlich werden sie strategisch eingesetzt, um den Ruf des im schwäbischen Waldenbuch bei Stuttgart beheimateten Familienbetriebs zu polieren und den Absatz der quadratischen Schokolade zu fördern.
    Dass sozialer Ausgleich und Ökologie in Ritters Geschäftspolitik eine größere Rolle spielen als in anderen Firmen, hat aber auch mit der Biografie der heutigen Eigentümer zu tun. Runde John-Lennon-Brille, die Haare über dem Kragen, um den Hals eine gelbe Stoffkette mit rotem Anhänger – lange Zeit hat Alfred Ritter, genau wie seine Schwester Marli Hoppe-Ritter, einen Bogen um die Schokoladenfabrik gemacht. Als der Vater früh verstarb, setzten die Geschwister einen angestellten Geschäftsführer ein. Alfred Ritter (Jahrgang 1953) eröffnete eine psychotherapeutische Praxis und gründete eine Firma für Ökoenergie. Seine Schwester, die sich als „Alt-68erin“ bezeichnet, widmete sich ihrer Kunstsammlung. Beide sind linken, alternativen und in gewisserweise auch wirtschaftskritischen Ideen nicht abgeneigt.
    Erst allmählich näherten sich die Geschwister dem Unternehmen an, das sie nun in dritter Generation führen. 2005 übernahm Alfred Ritter die Geschäftsführung der Firma mit heute rund 800 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 290 Millionen Euro (2007). Ihre Gewöhnung an den unternehmerischen Alltag der Schokoladenproduktion erleichterten sich die Erben, indem sie ein Entwicklungsprojekt in Nicaragua anschoben.
    Im feuchttropischen Bergwald des zentralamerikanischen Landes unterstützt Ritter seit 1990 eine Bauerngenossenschaft, die organischen Kakao ohne Chemie-Dünger anbaut. Jahrelang war das ein Zuschussgeschäft, nun aber beginnt es sich zu rentieren. Denn seit April verkauft Ritter in Deutschland Bio-Schokolade, die unter anderem auf Basis des nicaraguanischen Kakaos hergestellt wird.
    Als erster Massenhersteller für Schokolade reagiert Ritter damit auf den Bioboom und das sich verändernde Kaufverhalten neuer Konsumentenschichten. Eine zunehmende Zahl von Verbrauchern orientiert ihre Kaufentscheidung nicht mehr nur an Gebrauchswert und Preis eines Produktes, sondern neuerdings auch an dessen sozialer und ökologischer Qualität.
    Für Alfred Ritter ist das eine gute Nachricht, die in sein Weltbild passt. „Nachhaltigkeit“ bedeutet für ihn auch, eine gewisse Selbstbeschränkung beim Gewinn zu akzeptieren, gleichzeitig aber moderate, langfristige Renditen anzustreben. „Ich fühle mich wohl in der Rolle des Marktführers, der früh ein Bio-Produkt herausbringt“, sagt Ritter, „diese Position verbessert unsere Ertragssituation“.

    Hannes Koch: Soziale Kapitalisten – Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch 2007. 192 S.. 19,80 €.

  • Zahnpasta und Goethe-Verse

    Soziale Kapitalisten (2): Drogerie-Unternehmer Götz Werner behandelt seine Beschäftigten zivilisiert und fordert ein staatliches Grundeinkommen für alle

    Unternehmer sitzen eher selten in der ARD-Talkrunde von Anne Will am Sonntag Abend. Das mag zu tun haben mit der Angst der Manager, in einer für sie ungewohnten Situation zu sehr unter Druck zu geraten. Götz Werner ist da in einer besseren Position. Er hat gute Nachrichten zu verkünden. Deshalb nahm er Wills Einladung unlängst an.

    Götz Werner, Jahrgang 1944, 1,87 Meter groß, peilender Blick, behaarte Handwerker-Arme, ist Eigentümer der zweitgrößten Drogerie-Kette Deutschlands. Mit angeblich knapp einer Milliarde Euro Privatvermögen steht er auf Platz 110 der Liste der reichsten Deutschen, mit der alljährlich das Manager Magazin herauskommt. Werners Konzern dm-drogerie markt umfasst über 2.000 Filialen, die eine Hälfte in Deutschland, die andere in Österreich, Ost- und Südosteuropa. Selbst in Serbien und Rumänien findet man dm-Geschäfte. Jede Woche kommen irgendwo in Europa zwei bis drei neue Filialen hinzu.

    Seinen Geschäftserfolg hat Werner freilich nicht gegen seine Beschäftigten erzielt, sondern mit ihnen. Die Entwicklung von dm beweist, dass ein harmonisches Verhältnis zwischen Unternehmen und Personal auch in der hart umgekämpften Branche der Drogerie-Märkte möglich ist.

    Obwohl dm offiziell nicht tarifvertraglich gebunden ist, gilt der von der Gewerkschaft Ver.di ausgehandelte Tarif als Basis der Arbeitsverträge. Darüberhinaus gibt es Zulagen, die abhängig sind von der persönlichen Leistung und dem Erfolg der Filiale. Außerdem genießen die Beschäftigten am Arbeitsplatz einen gewissen persönlichen Freiraum. Über die Aufteilung der Arbeitsschichten entscheidet in der Regel nicht der Vorgesetzte allein, sondern die Belegschaft der jeweiligen Filiale beschließt gemeinsam.

    „Motivation und Zufriedenheit“ nennt der Berliner Ver.di-Sekretär Achim Neumann die leitenden Prinzipien bei dm. Für das Konkurrenzunternehmen Schlecker, den Marktführer, stellt Neumann dagegen: „Druck und Angst“. 1998 verurteilte das Amtsgericht Stuttgart das Ehepaar Schlecker zu zehn Monaten Haft auf Bewährung, weil man den Mitarbeitern jahrelang den Tariflohn vorenthalten und weniger gezahlt hatte.

    Obgleich Unternehmer und Zahlenfuchs, ist Werner ein Menschenfreund. Er hat die Werke Schillers, Goethes und die Bücher des Begründers der Antroposophie, Rudolf Steiners studiert. Der autodidaktisch gebildete Drogerieunternehmer sagt, er wolle „die Menschen behandeln, wie sie sein könnten“. Im Sinne des klassischen Bildungsideals betont er das Mögliche, das Potenzial, das in jedem Menschen steckt, das Gute, das man in ihm wecken kann. Er versucht ernsthaft, dieses Prinzip in seinem Unternehmen zu beherzigen – wobei er manchmal Gefahr läuft, auf den Holzweg zu geraten. So verwandelte er eine Goethe-Weisheit selbst in den dm-Werbespruch: „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein“.

    Als Drogerie-Chef alleine hätte es Werner jedoch nie zu seiner heutigen Popularität gebracht. Die verschafft ihm ein utopisch anmutender Plan, den er auch bei Anne Will propagierte. Werner fordert ein bedingungsloses, staatliches Grundeinkommen für alle – aktuell auch als ein Mittel gegen die Wirtschaftskrise. Er schlägt vor, dass jeder Bundesbürger etwa 1.000 Euro pro Monat vom Staat erhalten solle – ohne Arbeit und die Pflicht, die Bereitschaft zur Arbeit unter Beweis zu stellen. Damit wären alle Sozialleistungen abgegolten. Jeder Mensch wäre auf einem bescheidenen Niveau materiell abgesichert und könnte sich überlegen, was er mit seinem Leben anfängt. Werner, der Menschenfreund, ist überzeugt: Die allermeisten Menschen würden nicht die Kelle fallen und ihr Leben vor dem Fernseher ausklingen lassen. „Jeder Mensch will doch tätig sein“, sagt er, „eine Gesellschaft ohne Angst, das ist mein Polarstern“.

    Hannes Koch: Soziale Kapitalisten – Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch 2007. 192 S.. 19,80 €.

  • Adel unter Kontrolle der Gewerkschaft

    Soziale Kapitalisten (1): Schreibwaren-Produzent Graf Faber-Castell will bei allen Zulieferern soziale Mindeststandards durchsetzen

    Zu Beginn des Jahres 2009 wird Faber-Castell einmal mehr unterstreichen, dass man kein normales Unternehmen ist. Der Besitzer der Schreibwaren-Firma, Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, setzt sich dann mit Berthold Huber, dem Chef der Industrie-Gewerkschaft Metall, an einen Tisch und unterzeichnet eine Erklärung. Der Graf wird sich verpflichten, bei allen Zulieferbetrieben seines Unternehmens vernünftige Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

    Dass eine Firma sich derart bindet, ist eine Seltenheit. Nach Informationen der IG Metall haben nur rund 50 transnationale Konzerne weltweit so genannte Sozialchartas mit den Gewerkschaften abgeschlossen. Faber-Castell garantiert in allen seinen Werken die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO). Dazu gehören das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit, überlanger Arbeitszeiten, sowie das Gebot, Mindestlöhne zu zahlen, freie Lohnverhandlungen zu ermöglichen und „anständige Arbeitsbedingungen“ zu gewährleisten. Mit der neuen Vereinbarung geht Faber-Castell noch einen Schritt weiter: Die Sozialstandards sollen künftig nicht nur im eigenen Unternehmen, sondern auch bei den Zulieferern gelten.

    Die im Örtchen Stein bei Nürnberg ansässige Firma mit ihren insgesamt 7.000 Beschäftigten ist eines der ältesten Markenunternehmen der Welt. Gegründet wurde es 1761, gut 100 Jahre später wurde die Familie in den Adelsstand erhoben. Diese Herkunft betrachtet man bei Faber-Castell als Ansporn, bestimmte Werte zu pflegen. Geradlinigkeit gehört dazu, unbedingt auch Bescheidenheit. Und „Verpflichtung“, sagt der Graf (Jahrgang 1941). „Eine Dynastie kann man nur fortzuführen, wenn man sich um seine Leute kümmert.“

    Zum persönlichen Gespräch erscheint der Graf Faber-Castell, wie meist, hochgeschlossen. Edler Hemdkragen und noble Krawatte sind ihm nicht genug. Unter dem Krawattenknoten hat er zusätzlich eine Spange montiert, die die Spitzen des Kragens zusammenhält. Das ist sein Markenzeichen. Der Krawattenknoten wird in die Höhe gedrückt, was einen Eindruck von Strenge und Disziplin hervorruft.

    Ganz selbstlos hat sich der Patriarch freilich nicht mit der IG Metall eingelassen. 1997 gab es Ärger im Stammwerk. Gewerkschaft und Betriebsrat warfen der Firmenleitung vor, gut bezahlte Arbeitsplätze in Deutschland zu vernichten und durch Jobs in der Dritten Welt zu ersetzen.

    Diesen Vorwurf wollte der Graf nicht auf sich sitzen lassen. Er finanzierte den Beschäftigten-Vertretern eine Reise zum Faber-Castell-Werk nach São Carlos in Brasilien. Dort angekommen, fand die Delegation der Arbeitnehmer erstaunlich gute Arbeitsbedingungen vor. So zahlte Faber damals etwa das Dreifache des in Brasilien üblichen Lohn.

    Um ihren Mitgliedern in Deutschland die Angst vor der Globalisierung wenigstens etwas zu nehmen und Lohndumping zu verhindern, handelte die Gewerkschaft einen Vertrag mit Faber-Castell aus. Die brasilianischen Arbeitsbedingungen wurden als Untergrenze auch für alle anderen Faber-Werke definiert. Damit war die Sozialcharta geboren.

    Dass Graf Faber-Castell die Mindeststandards jetzt auch für die Zulieferbetriebe garantieren will, hat nicht zuletzt etwas mit Image zu tun. Er sagt: „Die Öffentlichkeit muss darauf vertrauen können, dass die Marke in Ordnung ist. Auch sozial.“ Nicht nur gute Produktqualität, sondern auch akzeptable Produktionsbedingungen sind Verkaufsargumente für die mitunter nicht ganz billigen Stifte und Füller aus dem Hause Faber-Castell.

    Was ihr soziales Engagement betrifft, hat aber selbst diese Firma hat noch einen langen Weg vor sich. Bis heute, so wird in Stein eingeräumt, weiß man kaum, unter welchen Bedingungen bei den Zulieferfirmen gearbeitet wird. Von Verbesserungen kann zunächst also keine Rede sein – vor allem geht es erst einmal darum, sich selbst einen Überblick zu verschaffen.

    Hannes Koch: Soziale Kapitalisten – Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch 2007. 192 S.. 19,80 €.

  • Die wichtigsten Fragen und Antworten zur US-Geldpolitik

    Warum haben die Amerikaner die Zinsen fast auf Null gesenkt?

    Grundsätzlich treiben niedrige Zinsen aber die Wirtschaft an. Für Unternehmen wird es billiger, sich Geld für Investitionen zu beschaffen. Privatleute können günstiger auf Pump konsumieren oder bauen. Nach Einschätzung des Konjunkturexperten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Christian Dreger, dauert es ein Jahr, bis sich der Schritt auf die Wirtschaft auswirkt. Allerdings hegen viele Experten Zweifel daran, dass diese Rechnung aufgeht. Dann müssten die Banken die niedrigen Zinssätze auch an ihre Kunden weitergeben. Stattdessen horten die Institute aber das Geld und leihen es nur zu ungünstigen Konditionen aus. Laut Dreger steckt die US-Wirtschaft zudem in einer strukturellen Krise. Damit sind zum Beispiel die Autobauer gemeint, die durch eine verfehlte Modellpolitik in die Krise geraten sind und erst einmal saniert werden müssen. An der schlechten wirtschaftlichen Lage wird sich durch den Schritt der Zentralbank also vorerst nichts ändern.

    Werden sich nun auch in Europa die Banken bald kostenlos Geld bei der Europäischen Zentralbank ausleihen können?

    So tief wie in den USA werden die Zinsen im Euroraum nach Meinung der meisten Experten nicht sinken. Trotzdem wird auch die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsschraube in den nächsten Monaten lockern. Erwartet wird ein Zinsniveau von einem Prozent im kommenden Frühjahr. Momentan liegt der Zinssatz noch bei 2,5 Prozent. Inflationsgefahren gehen von den anstehenden Zinsschritten derzeit nicht aus. Die Teuerungsrate ist nach dem �l- und Energiepreisschocks im Sommer wieder deutlich gesunken. 2009 werden die Preise durchschnittlich um weniger als ein Prozent steigen. Deshalb kann die EZB problemlos den Amerikanern folgen.

    Was bedeutet dies für die Unternehmen und Verbraucher in Deutschland?

    Wenn die EZB die Zinsen senkt, werden die Geschäftsbanken Kredite billiger anbieten können. Zumindest bei den Privatkunden dürften sie dies auch tun. Der Autokauf mit einer Finanzierung oder der Baukredit werden günstiger. Ob sich die Kreditsituation auch für Unternehmen entspannt, ist schwer vorherzusagen, weil die Banken derzeit sehr vorsichtig bei der Kreditvergabe sind. Mit einer gewissen Verzögerung beflügeln die Zinssenkungen dann auch die Konjunktur hierzulande. Aus dem Abschwung wird schneller wieder ein Aufschwung als bei hohen Zinsen.

    Die USA türmen gewaltige Schuldenberge auf, um die Finanzkrise zu bewältigen und den Abschwung zu bekämpfen. Wer bezahlt die Rechnung am Ende?

    Die Schwindel erregend hohen Summen, die die USA zur Krisenbewältigung in die Hand nehmen, stellen laut DIW bei genauer Betrachtung kein allzu groÃ?es Problem dar. Die Verschuldung beträgt etwa drei Viertel einer jährlichen Wirtschaftsleistung, also des Bruttoinlandsproduktes. â??Da ist noch Luft nach obenâ??, versichert Dreger. Länder wie Japan oder Belgien sind mit weit mehr als dem BIP eines Jahres verschuldet, ohne dass dies gravierende Folgen zeitigt.

    Hat der Dollar noch eine Zukunft als Weltwährung?

    Tendenziell gerät der Dollar gegenüber anderen Währungen unter Druck. Der Euro hat in den letzten Tagen schon wieder massiv an Wert gegenüber der US-Währung gewonnen. Ein Ersatz für den Dollar als Weltwährung ist aber nicht in Sicht. Die USA sind nach wie vor die stärkste Volkswirtschaft der Welt und werden dies auch trotz der Krise noch bleiben. Zudem haben die �lländer, China und Japan kein Interesse an einem Verfall der US-Währung. Denn diese Staaten sitzen auf riesigen Dollarbergen, deren Wert dann drastisch sinken würde.

    Sinken die deutschen Exporte weiter, wenn der Dollarkurs gegenüber dem Euro fällt?

    Für die Exportwirtschaft ist ein steigender Eurokurs schlecht. Denn die Produkte aus Deutschland werden teurer. Da aber nur ein Teil der Ausfuhren in den Dollarraum geht, sind die Auswirkungen begrenzt. Umgekehrt werden Importe preiswerter. Das könnte sich vor allem beim Erdöl positiv bemerkbar machen.

    Zu niedrige Zinsen nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 haben die Finanzkrise mit ausgelöst. Macht die US-Notenbank jetzt nicht denselben Fehler wie damals?

    Die Auswirkungen können erst in einigen Jahren bewertet werden. Nach 2001 haben eine ganze Reihe von Fehlentwicklungen in den USA zur Bildung einer Spekulationsblase auf dem Immobilienmarkt geführt. Billige Kredite waren eine Ursache, fehlende Kontrollen der Finanzmärkte eine andere. Ob sich diese Entwicklung nun wiederholt, wird von Experten eher bezweifelt.

    Wann geht es mit der Wirtschaft wieder aufwärts?

    Genau wei� dies niemand. Das DIW sieht aber die europäischen Länder besser für die Krisenbewältigung gewappnet. Ein gro�er Teil der Wirtschaftsforscher geht von einer Erholung in Deutschland in der zweiten Jahreshälfte 2009 aus. In den USA kann es dagegen länger dauern, bis der Abschwung beendet ist.

  • Klotzen nicht kleckern

    Kommentar

    Die Nachrichtenlage erweckt den Anschein, diesseits und jenseits des Atlantiks gerät die Politik in Panik. Dazu tragen die gewaltigen Summen bei, die in den Kreislauf der Finanzwelt und den der realen Wirtschaft gepumpt werden. Doch der Eindruck trügt.

    Unbestreitbar befindet sich die Weltwirtschaft auf einer Talfahrt. Das Ausmaß ist aus verschiedenen Gründen höher als in anderen Abschwungphasen. Die Finanzkrise blockiert nach wie vor den normalen Wirtschaftskreislauf und alle Länder sind mehr oder minder gleichzeitig und gleich hart von der Entwicklung betroffen. Auch die Reaktionen sind generell ähnlich. Die Regierungen nehmen viel Geld in die Hand und schirmen Risiken ab.

    Allein die deutschen Haushaltsrisiken summieren sich nach ersten Schätzungen auf rund 200 Milliarden Euro zusätzlicher Schulden in den nächsten vier Jahren. Vor einigen Jahren hätte diese Aussicht noch gereicht, rasch den Finanzminister und womöglich auch den Regierungschef in die Wüste zu schicken. Doch die Situation ist heute bei weitem nicht so dramatisch, wie die nackten Zahlen Glauben machen. Aus dem Schuldenberg werden auch viele Investitionen finanziert, die sich irgendwann bezahlt machen. Auch der über den Banken aufgespannte Schutzschirm ist nicht automatisch weggeworfenes Geld. Wenn es gut geht, zieht der Staat auf längere Sicht unter dem Strich sogar noch einen Gewinn aus der Hilfsaktion. Schließlich verzichtet die Bundesregierung auf Ausgabenkürzungen, um die Wirtschaft nicht noch weiter abzuwürgen. Das alles ist fraglos erst einmal teuer. Entscheidend sind aber die Fragen, ob es ernsthafte Alternativen gibt und wann Deutschland wieder aus der Rezession herausfindet. Andere Handlungsoptionen sind derzeit nicht erkennbar und die jetzt getroffenen Entscheidungen lassen auf einen glimpflichen Verlauf der Talfahrt hoffen.

    Die deutsche Wirtschaft ist im Gegensatz zur amerikanischen fit genug, um vergleichsweise schnell wieder auf die Beine zu kommen. In den USA wird es trotz der jüngsten Zinssenkung länger dauern, weil die Wirtschaft sich nicht rechzeitig modernisiert hat. Dafür will nun der neue Präsident mit viel Geld sorgen und auf Umwelthightech setzen. Das viele Geld wird also auf beiden Seiten des Atlantiks gar nicht verschwenderisch, sondern verantwortungsvoll eingesetzt.

  • Der Ruf des grünen Geldes

    Wegen der Finanzkrise erfreut sich ethisches Investment zunehmender Beliebtheit

    In der deutschen Sprache gibt es eine schöne Formulierung für Geschäftserfolg. „Verkauft sich wie geschnitten Brot“, sagen die Verkäufer, wenn ihre Produkte gut laufen. In der Branche des ethischen Investments ist dieser Satz gegenwärtig oft zu hören. Geldanlagen, die sich nicht nur an der Gewinnerwartung, sondern an bestimmten moralischen Kriterien orientieren, boomen – und zwar wegen der Finanzkrise.

    „Die Leute rennen uns die Bude ein“, sagt Christof Lützel, Sprecher der GLS-Bank in Bochum. Die Bank mit anthroposophischem Hintergrund verzeichnet in normalen Monaten einen Zuwachs ihrer Kundeneinlagen um acht bis neun Millionen Euro. Im Oktober 2008, einem Höhepunkt der Finanzkrise, kamen jedoch 40 Millionen hinzu. Und im November setzte sich dieser Trend fort, wenn auch gebremst: Der Zuwachs betrug 18 Millionen Euro. Andere Institute berichten über eine ähnliche Entwicklung. Die Umweltbank in Nürnberg gewann alleine im Oktober rund 1.000 neue Kunden – 66.000 Personen vertrauen dem Haus inzwischen ihr Geld an.

    Zwei Motive der Anleger spielen beim Wechsel von konventionellen zu ökosozialen Banken offenbar eine besondere Rolle. Von der Finanzkrise und den dramatischen Wertverlusten an den Börsen verschreckt, suchen Privatinvestoren nach vergleichsweise sicheren Investments. Die Anbieter ethischer Geldanlagen scheinen von dieser Sorge besonders zu profitieren.

    Plausibel ist diese Hoffnung etwa im Hinblick auf Aktien und Firmenanteile aus dem Bereich der Erneuerbaren Energien, die die GLS-Bank und andere Öko-Banken schwerpunktmäßig anbieten. Durch Fördergesetze garantieren Deutschland, Spanien und andere Staaten die Gewinne aus der Stromproduktion mit Wind, Sonne und Biogas. Weil die saubere Energie zu fixierten Preisen in die öffentlichen Netze eingespeist wird, ist die Wahrscheinlichkeit großer Kapitalverluste begrenzt. „Deshalb stellen wir einen größeren Zulauf von Anlegern fest“, sagt Georg Hetz, Geschäftsführer von UmweltDirektInvest, einer Kapitalanlage- und Beratungsfirma in Nürnberg.

    Viele Anbieter erklären außerdem, dass sie das Geld der Anleger nicht in zweifelhafte, risikoreiche Wertpapiere stecken, sondern hauptsächlich Kredite an Unternehmen finanzieren. Auch diese Betonung der realen Wirtschaft im Vergleich zur in Verruf geratenen Börsenspekulation macht moralische Anlagen gegenwärtig attraktiv. Die Öko-Banken profitieren in dieser Hinsicht vom selben Trend, der auch den Sparkassen und Volksbanken aktuellen Zulauf beschert.

    Hinzu kommt, dass eine gesellschaftliche Strömung einflussreicher wird, die das Wirtschaftsleben aus verschiedensten Gründen an ethische Kriterien binden möchte. Am augenfälligsten zeigt sich dieser Trend in der Zunahme bestimmter Marktsegmente wie dem Handel mit biologisch angebauten Nahrungsmitteln und fair gehandelten Textilien oder der Produktion ökologischen Stroms. Um diesen neuen Bedürfnissen von Anlegern Rechnung zu tragen, präsentiert die GLS-Bank einen Katalog von 15 Ausschlusskriterien. Die Bochumer Bank investiert unter anderem nicht in Firmen, die etwas mit Atomenergie, grüner Gentechnik, Rüstung, und Tierversuchen zu tun haben. Zusätzlich achten die Bankmanager darauf, dass ihr Kapital niemanden unterstützt, der die Menschen- und Sozialrechte seiner Beschäftigten missachtet.

    Das wachsende Interesse kann freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass ethisch orientierte Anleger in den vergangenen Monaten ähnliche Wertverluste ihrer Fonds und Aktien verschmerzen mussten wie konventionelle Investoren. Im Zuge der Finanzkrise sank auch mancher ökologische Fonds auf die Hälfte seines Höchststandes.

    Insgesamt ist das Marktsegment der ethischen Geldanlage bislang eine Nische geblieben – wenngleich eine, die überproportional wächst. Jörg Weber vom Branchen-Informationsdienst Ecoreporter zählt mitterweile rund 200 Investmentfonds mit nachhaltiger Anlagepolitik, die in Deutschland gehandelt werden – etwa doppelt so viele wie Anfang 2007. Das Anlagevolumen stieg im selben Zeitraum um rund 30 Prozent auf 25 Milliarden Euro. Setzt man diese Summe ins Verhältnis zu allen deutschen Anlagen in Wertpapieren und Beteiligungen, die rund 1.400 Milliarden Euro ausmachen, ergibt sich ein Anteil von etwa 1,5 Prozent – Tendenz steigend.

  • Selbstverständlichkeit

    Kommentar

    Drogenhandel und Morde sind verboten. Trotzdem wird getötet und gedealt. Diebstahl gehört sich ebenfalls nicht, geklaut wird trotzdem. Die Wirkung von Gesetzen ist folglich beschränkt. Das gilt auch für den mittlerweile verbreiteten illegalen Datenhandel. Mit verschärften Regeln und höheren Strafen lassen sich nicht alle Täter abschrecken, die Taten aber wohl erschweren. Insofern wird auch ein verbesserter Datenschutz, wie ihn die Bundesregierung jetzt plant, nicht alle Auswüchse beseitigen.

    Dennoch zielen die Vorschläge in die richtige Richtung. Es gilt, zwei Interessen gegeneinander abzuwägen. Die Wirtschaft will für ihre Produkte oder Dienstleistungen werben. Die Kunden wollen einen verantwortungsvollen Umgang mit ihren persönlichen Daten. Die bisherige Praxis räumte den Unternehmen faktisch mehr Recht ein als den Konsumenten, weil sie dessen Steckbrief ohne besondere Absichtserklärung nutzen konnten. Künftig ist es umgekehrt. Der ausdrückliche Wille des Kunden ist Voraussetzung für die Weitergabe. Das ist fair, weil beide Seiten nun auf Augenhöhe sind. Anders gesagt: Persönliche Daten gehören erst einmal dem dazugehörigen Verbraucher. Wenn Kunden andere damit freiwillig hantieren lassen, ist das in Ordnung, sonst nicht. Diese Verteilung der Rechte ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit.