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  • Mission Asteroidenabwehr

    US-Sonde auf Kollisionskurs mit Himmelskörper. Europäer schicken Raumschiff zur Kontrolle

    Es ist eine der spektakulärsten Missionen im All: Von der Erde aus soll weit draußen die Flugbahn einen Asteroiden verändert werden. Das Geschoss, die US-Raumsonde Dart, ist seit dieser Woche unterwegs. Die Europäer werden in ein paar Jahren nachsehen, ob die Mission erfolgreich war. Die dafür nötige Raumsonde Hera wird gerade mit Millionenaufwand in Deutschland entwickelt.

    Dart und Hera sind Teil eines Programms zur Asteroiden-Abwehr. Was wie Science-Fiction klingt, ist aus Sicht von Weltraumspezialisten nötig. „Die Gefahren aus dem All sind real. Dort gibt es Millionen von Gesteinsbrocken, die im Falle einer Kollision das Leben auf der Erde gefährden könnten“, sagt Marco Fuchs, Chef des Bremer Raumfahrtkonzerns OHB. Sein Unternehmen hat vor gut einem Jahr den Auftrag für Hera gewonnen. Die Bremer sollen als Generalunternehmer die beteiligten Firmen aus 17 EU-Staaten koordinieren. 129,4 Millionen Euro lässt sich die europäische Raumfahrtagentur Esa das Projekt kosten. OHB baut unter anderem auch einen Teil der Satelliten für das Galileo-Programm, eine Art GPS der Europäer. Zum Konzern gehört zudem der Raketenbauer RFA aus Augsburg.

    Dart ist vor wenigen Tagen mit einer Space-x-Rakete in den USA gestartet. Die Raumsonde steuert den Doppel-Asteroiden Didymos an, 150 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Um den größeren Asteroiden kreist wie ein Mond der Asteroid Dimorphos, den die Sonde Ende 2022 treffen und leicht aus der Bahn werfen soll. Vorher wird sie einen Kleinsatelliten aussetzen, der erste Daten zur Erde sendet.

    Doch das reicht den Forschern bei den Raumfahrtbehörden Nasa (USA) und Esa nicht aus. Das Projekt soll schließlich ermöglichen, die Erde in Zukunft vor einem Asteroiden-Einschlag zu schützen. Dazu würde man den Himmelskörper, der auf Kollisionskurs mit der Erde ist, frühzeitig beschießen und weit draußen im All ablenken. Dafür ist wichtig, diese Himmelskörper besser zu verstehen, zum Beispiel zu wissen, aus welchem Material Asteroiden bestehen, wie hart sie sind und ob sich ihr Weg verändern lässt. Oder, wie es bei OHB heißt, „ob Billard im All überhaupt möglich ist.“ Die Esa schickt deshalb im Herbst 2024 die Raumsonde Hera Richtung Didymos.

    Was recht einfach klingt, ist kompliziert: Dart und auch Hera müssen 150 Millionen Kilometer fliegen, um ihr Ziel zu erreichen: Die beiden Asteroiden sind im kosmischen Maßstab klein: Der größere der beiden Asteroiden hat einen Durchmesser von 780 Metern, Dimorphos von 165 Metern Durchmesser. Das entspricht etwa der Größe des Kolosseums in Rom. Den kleineren mit einer Sonde zu treffen, ist in etwa so, als versuche man von Berlin aus, im neuseeländischen Auckland einen Stecknadelkopf mit einem größeren Staubkorn zu beschießen.

    Die Hera-Mission ist noch etwas aufwändiger als Dart. Denn die Raumsonde, die gut eine Tonne wiegt, soll, einmal angekommen am Asteroiden, zwei kleine Satelliten etwa in Schuhkartongröße aussetzen, die sich Didymos genauer anschauen. So wird zum Beispiel mit spezieller Radartechnik auch das Innere des Asteroiden vermessen. OHB plant und koordiniert das Projekt und baut die Hauptsonde, die auch die Daten an die Erde senden soll. Die beiden Kleinsatelliten für besondere Analysen kommen von Tyvak International aus Mailand und GomSpace aus Luxemburg. Gesteuert wird das Projekt vom Esa-Kontrollzentrum in Darmstadt.

    Dass Asteroiden für die Erde gefährlich werden könnten, zeigte sich 2013 im russischen Tscheljabinsk. Damals explodierte in 30 bis 50 Kilometern Höhe ein Asteroid. Die Druckwelle setzte Energie frei, die beim 30-Fachen der Atombombe lag, die Hiroshima zerstörte. In Russland mussten damals 1500 Menschen medizinisch behandelt werden, in sechs Städten wurde die Druckwelle gemessen. Ein Objekt mit einem Durchmesser von 100 Metern könnte beim Auftreffen auf die Erde eine Stadt wie Hamburg oder München zerstören, heißt es bei OHB.

    Rechtzeitig zu erkennen, ob ein Asteroid möglicherweise mit der Erde zusammenstößt, soll das Projekt Flyeye. Das Fliegenauge ist ein Spezialteleskop, das Objekte ab einem Durchmesser von 40 Metern drei Wochen vor dem Zusammenstoß mit der Erde erkennen kann. Die Technik orientiert sich am mehrteiligen Fliegenauge mit seinem sehr weiten Sichtfeld. Das erste dieser Teleskope hat OHB in Mailand gebaut. Es soll vom Berg Mufara auf Sizilien aus den Himmel nach Asteroiden absuchen. Ist der Testlauf erfolgreich, sind weitere Teleskope dieser Art weltweit geplant. Aus allen Daten lässt sich dann berechnen, ob binnen 100 Jahren ein Asteroid mit der Erde kollidiert. Bisher ist das nicht abzusehen. Nasa und Esa wollen aber, dass die Erde gewappnet ist.

  • Die Ventile bleiben zu

    Die Bundesnetzagentur hat das Zertifizierungsverfahren für die Gaspipeline Nord Stream 2 zwischen Russland und Deutschland unterbrochen. Das ist wahrscheinlich eher ein temporäres als ein grundsätzliches Problem für den russischen Konzern Gazprom.

    Die Gaspipeline Nord Stream 2 bleibt wohl noch länger verschlossen als angenommen. Am Dienstag erklärte die Bundesnetzagentur in Bonn, sie habe das Zertifizierungsverfahren für die beiden Rohrleitungen „vorläufig ausgesetzt“. Das ist ein formaler Schritt, der keine grundsätzliche Bedeutung für die Inbetriebnahme des umstrittenen Projekts haben muss. In jedem Fall aber führt er zu einer Verzögerung um mindestens einige Monate.

    Wäre das Zertifizierungsverfahren ohne Komplikationen durchgelaufen, hätte der russische Konzern Gazprom im kommenden Frühjahr mit der Genehmigung rechnen können. Denn technisch sind die beiden Leitungen durch die Ostsee fertig, das Gas wartet in den Röhren, aber die Ventile sind noch zu.

    Gazprom gehört die Projektgesellschaft Nord Stream 2. An der Finanzierung beteiligt sind die Energie-Unternehmen Uniper, Wintershall Dea (Deutschland), Engie (Frankreich), OMV (Österreich) und Shell (Niederlande). Diese, sowie die russische und deutsche Regierung haben das fast zehn Milliarden Euro teure Projekt gegen die EU, USA, Polen und die Ukraine durchgedrückt. Umstritten ist die Pipeline unter anderem, weil sie die bisherigen Gas-Transitländer Ukraine und Polen umgeht und deshalb politischen Erpressungen aus Russland ausliefern könnte.

    Um die Röhren in Betrieb nehmen zu können, fehlt noch die Zertifizierung als „unabhängiger Netzbetreiber“. Den Antrag darauf hat die Nord Stream 2 Aktiengesellschaft bei der Bundesnetzagentur gestellt, einer nachgeordneten Behörde des Bundeswirtschaftsministeriums. Allerdings sitzt die Nord Stream AG in Zug in der Schweiz, außerhalb der Europäischen Union. Das ist jetzt der wesentliche Grund für die Unterbrechung des Verfahrens. „Eine Zertifizierung eines Betreibers der Leitung Nord Stream 2 kommt nur dann in Betracht, wenn der Betreiber in einer Rechtsform nach deutschem Recht organisiert ist“, erklärte die Netzagentur.

    Gazprom muss nun also eine deutsche Tochter gründen, die den Teil der Pipeline kontrolliert, der in deutschem Hoheitsgebiet verläuft. Das kann dauern. Man muss Personal einstellen und die „Vermögenswerte übertragen“, wie die Netzagentur mitteilte. Dann darf Nord Stream einen neuen Antrag stellen, und das Verfahren läuft weiter. Als „regulatorische Naivität“ bezeichnet Energiepolitiker Oliver Krischer (Grüne), dass Gazprom diese Probleme nicht vorhergesehen habe. Offenbar hat sich der Konzern schlecht auf das Zertifizierungsverfahren vorbereitet.

    Die Zertifizierung stellt eine formale Hürde dar, die der Pipeline jedoch nicht grundsätzlich im Wege steht. Sie ist nötig, seit die EU-Gasrichtlinie erweitert wurde. Die französische Regierung lehnte Nord Stream 2 ab, die Bundesregierung befürwortete das Projekt. Als Kompromiss einigte man sich auf den zusätzlichen Verfahrensschritt. Im Prinzip ändert sich jedoch nichts, wenn die deutsche Nord Stream-Gesellschaft als angeblich „unabhängiger Netzbetreiber“ 100 Kilometer Pipeline in deutschem Hoheitsgebiet besitzt. Gazprom kontrolliert nach wie vor das gesamte Unternehmen und bestimmt die Lieferpolitik.

    Das Bundeswirtschaftsministerium begrüßte die Unterbrechung des Verfahrens. Grundsätzlich unterstützt Peter Altmaier (CDU), der scheidende Minister, das Projekt aber. CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt plädierte dafür, die Pipeline „auf Sicht“ zu ermöglichen.

    Dagegen forderte Sascha Müller-Kraenner, der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), die möglicherweise neue Bundesregierung aus SPD, Grünen und FDP auf, den „Spielraum nun zu nutzen und die Inbetriebnahme des größten fossilen Projekts Europas ganz abzusagen“. Müller-Kraenner verwies auf „Fristen im Energiewirtschaftsgesetz“, die „längst abgelaufen“ seien.

    Am Dienstag fand in Sachen Nord Stream 2 auch eine Verhandlung vor dem Oberverwaltungsgericht Greifswald statt. Die DUH klagt dort gegen die Bau- und Betriebsgenehmigung für die Pipeline. Begründung: Klimaschädliche Methan-Emissionen seien bei der Genehmigung nicht ausreichend berücksichtigt worden. Das Gericht wies die Klage ab.

    Ob die neue Pipeline sinnvoll oder gefährlich ist, wird derzeit breit diskutiert. Für sie spricht, dass Deutschland in den kommenden 25 Jahren noch viel Erdgas braucht, weil die erneuerbaren Energien erst ausgebaut werden müssen. Auch mit einer Verbesserung der europäisch-russischen Beziehungen argumentieren die Befürworterinnen und Befürworter. Ein Gegenargument ist die dann zunehmende Abhängigkeit von russischem Gas und das daraus resultierende Erpressungspotenzial seitens der russischen Regierung. Außerdem ist Erdgas eine fossile Energiequelle, die den Klimawandel weiter vorantreibt – das Gegenteil dessen, was etwa bei der jüngsten Klimakonferenz in Glasgow beschlossen wurde.

  • Der Tesla-Faktor

    Warum der E-Autopionier bei Berlin im Rekordtempo baut

    Lärmgeplagte Orte warten jahrelang auf Umgehungsstraßen, neue Bahnschnellstrecken dauern schon mal zwei Jahrzehnte. Und in Brandenburg baut US-Milliardär Elon Musk ein Autowerk in Rekordtempo: Von der Entscheidung für den Standort im November 2019 bis zur fertigen Fabrik in knapp zwei Jahren. Erste Autos sollen noch 2021 vom Band rollen. Wie ist das möglich? Und können deutsche Firmen von Musk lernen? Lassen sich dringend benötigte Bahntrassen, Windparks oder Umgehungsstraßen deutlich schneller bauen?

    Zunächst einmal hatte Musk ein paar Vorteile, die so nicht immer zusammenkommen: Es gab bereits einen fertigen Bebauungsplan für ein Autowerk, erstellt vor 20 Jahren, als die Gemeinde den Autohersteller BMW anlocken wollte. Die Fläche von 300 Hektar gehörte einem Eigentümer: dem Land Brandenburg. Auf dem Gelände standen Fichten in Monokultur für die Industrie. Es liegt direkt an einer Autobahnabfahrt und verfügt über einen Gleisanschluss. Und Tesla-Chef Musk geht mit der amerikanischen Mentalität des Einfach-Machens an die Sache heran – was auch das Risiko des Scheiterns beinhaltet.

    Verwunderlich: Das Werk ist praktisch fertig, die Roboter, Lackierstraßen, Pressen stehen, doch es gibt noch keine abschließende Genehmigung des Landesumweltministeriums, der in Brandenburg zuständigen Behörde. Der US-Konzern hat mit derzeit 19 vorläufigen Teilgenehmigungen gebaut.

    Für Klaus Joachim Grigoleit, Professor für Raumplanungs- und Umweltrecht an der Technischen Universität Dortmund, ist die Tesla-Baustelle nichts Besonderes. „Viele Großprojekte in Deutschland werden mit Teilgenehmigungen gebaut.“ Sonst dauere es noch deutlich länger, sie umzusetzen. Möglich macht das ein besonderes Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz, das für große Projekte gilt: Autofabriken, Kraftwerke, Windparks. Typischerweise greifen sie stark in die Umwelt ein.

    Gerade bei Tesla wirkt es, als wolle die Landesregierung auf jeden Fall das Werk haben und genehmige deshalb alle Teilschritte – völlig losgelöst von der gerade laufenden Bürgeranhörung und den 813 Einwänden gegen das Projekt. „Grundsätzlich setzt eine Teilgenehmigung voraus, dass die Gesamtprognose für das Projekt positiv ist“, sagt Grigoleit. Sei sie positiv, kann das Unternehmen sogar Anspruch auf Genehmigung haben. „Wenn allerdings im Zuge der Bürgerbeteiligung etwas auftaucht, was vorher nicht bekannt war, und die Gesamtprognose dadurch negativ wird, kann die Behörde alle Genehmigungen aufheben.“ Für Tesla bedeutete das: Abriss der Fabrik, geschätzte Kosten 100 Millionen Euro.

    Dieses Risiko geht Firmenchef Musk ein. Für ihn ist wichtig, möglichst schnell Fahrzeuge in Europa zu bauen, weil die Nachfrage rasant steigt und die Konkurrenz zum Elektroauto-Pionier aufholt. Auch deshalb ist Musk mit zwei Jahren Bauzeit sehr schnell. Bisher werden die Fahrzeugteile aus den USA nach Rotterdam verschifft und dort montiert. In Grünheide soll das Elektro-SUV Model Y gebaut werden. Bei einem Windpark dauert es üblicherweise vom Plan bis zum Netzanschluss sechs Jahre.

    Werden privatwirtschaftliche Fabriken über das Bundesimmissionsschutzgesetz genehmigt, ist bei sogenannten Gemeinwohlprojekten wie Bahnstrecken, Straßen oder Stromtrassen ein umfangreiches Planfeststellungsverfahren nötig. Will zum Beispiel die Deutsche Bahn den Brenner-Basistunnel anbinden, die belastete Strecke im Rheintal ausbauen, um den Gotthard-Basistunnel besser anzubinden, die vielbefahrene Strecke zwischen Hannover, Bielefeld und Dortmund ausbauen oder ein Stromnetzbetreiber neue Überlandleitungen bauen, muss das Unternehmen ein Konzept mit Alternativen einreichen, das unter anderem Umweltgutachten enthält. Das Konzept wird öffentlich ausgelegt, eine Behörde sammelt Einwände, wägt dann ab, zum Beispiel, ob die Ruhe der Bevölkerung wichtiger ist als die Bahnstrecke, und empfiehlt der Planfeststellungsbehörde, in einer bestimmten Weise zu entscheiden.

    Ein solches Verfahren dauert mehrere Jahre, weil jeder Einwand geprüft wird. Und weil auf Basis der Entscheidung auch Grundstücke enteignet werden können. „Rechtlich muss da sehr genau gearbeitet werden, damit nichts anfechtbar ist“, sagt Grigoleit. Außerdem wolle der Vorhabenträger möglichst, dass jeder zustimme, was das Verfahren weiter verzögere.

    Lässt sich mehr Tempo machen? Auf Rechtssicherheit könne man nicht verzichten, die Bürgerbeteiligung sei weitgehend durch EU-Recht vorgegeben, man könne aber die Prüftiefe vereinfachen, sagt Grigoleit. Pauschalere Regeln statt intensiver Einzeluntersuchung zum Beispiel. Für Stromtrassen wurde gerade ein Beschleunigungsgesetz verabschiedet. Letztlich hängt es aber an Personen, wie Grigoreit sagt: „Wenn kein Drive da ist, ein Projekt durchzuziehen, dauert es einfach sehr sehr lange.“

  • Schnelles Internet auf Mond geplant

    Deutsch-spanisches Unternehmen arbeitet an Breitbandnetz per Satellit. Erster Start für 2023 vorgesehen.

    Für die Arbeit, Videospiele oder Filme schauen ist ein schneller Internetanschluss inzwischen unerlässlich. Auf der Erde gibt es viele Regionen, die bisher abgeschnitten sind. In Deutschland stockt der Ausbau, vor allem in ländlichen Gegenden. Auf dem Mond soll das nicht passieren. Dort, durchschnittlich 384.400 Kilometer von der Erde entfernt, soll es in wenigen Jahren ein schnelles Breitbandnetz geben – flächendeckend.

    Acht Satelliten, die untereinander vernetzt sind, sollen spätestens von 2028 an den Mond umkreisen. Sie sind dann, so sieht es der Plan vor, per Funk und über Laserstrahlen mit der Erde verbunden. Harmony, wie der Satellitenschwarm heißt, soll auf dem Mond und in einer Umlaufbahn bis zu 1000 Kilometer von der Oberfläche entfernt ein Breitbandnetz mit bis zu 100 Mbit Verbindungsgeschwindigkeit für jeden Nutzer aufspannen. Solches Tempo ist in Deutschland derzeit theoretisch für 94,5 Prozent aller Haushalte verfügbar, für viele praktisch aber nicht. Vorgesehen ist zudem eine Art hochpräzises GPS-Navigationssystem für den Erdtrabanten. Hinter dem Projekt steht das spanisch-deutsche Unternehmen Plus Ultra mit Sitz in Madrid, zu dem sich 2020 weltraumerfahrene Manager zusammengetan haben.

    Wofür braucht der Mond eine schnelle Datenverbindung? In den nächsten zehn Jahren starten geschätzt 100 bis 140 Mondmissionen. Dazu zählen wissenschaftliche, die den Mond besser erkunden sollen. Plus Space rechnet aber auch mit zahlreichen kommerziellen Flügen. Und mit privaten Firmen, die den Mond kommerziell nutzen wollen.

    „Jede Mission, die größer als eine einfache Mondlandung ist, wird die neuen Dienste brauchen, um Ausrüstung abzusetzen, Rohstoffe zu erschließen oder abzubauen“, schreibt Firmenschef und Gründer Carlos Manuel Entrena Utrilla in einem Blogeintrag des Unternehmens. Dazu zählt er auch, Infrastruktur auf dem Mond aufzubauen. „Die USA planen mit Artemis bemannte Mondmissionen und eine dauerhafte Präsenz auf der Mondoberfläche“, sagt Matthias Wachter, Abteilungsleiter beim Industrieverband BDI für Internationale Zusammenarbeit, Sicherheit, Rohstoffe und Raumfahrt. „Eine Satelliten-Konstellation für die Kommunikation ist damit ein sinnvolles Projekt.“

    Der Vorteil von Harmony, jedenfalls aus der Sicht von Plus Ultra: Deutlich geringere Kosten, als wenn die Firmen ihre Anlagen direkt von der Erde aus steuern wollten, weniger Risiko und vor allem: Auch die Rückseite des Mondes wird dauerhaft erreichbar. Bisher ist sie ein riesiges Funkloch. Und Raumfahrzeuge, die den Mond umkreisen, verlieren zeitweise den Kontakt zur Erde, wenn sie von hier aus gesehen, hinter dem Mond herumfliegen.

    Zu den Kosten von Harmony will sich Plus Ultra nicht äußern. Es sei aktuell voll privat finanziert, sagt der Firmenchef, dazu komme ein kleiner Beitrag von „Fit 4 Start“, einem Startup-Programm Luxemburgs. Das Unternehmen selbst ist schlank aufgestellt. Derzeit hat es keine zehn Mitarbeiter. Die Satelliten will Plus Ultra von einem Satellitenspezialisten nach eigenen Vorstellungen bauen lassen. Sie sollen jeweils etwa so groß sein wie drei Waschmaschinen und rund 400 Kilogramm wiegen. Unklar ist auch noch, von wo aus der fertige Satellitenschwarm gesteuert wird. Im Gespräch sind für das zentrale Kontrollzentrum Entrena Utrilla zufolge Spanien, Luxemburg und Deutschland. Das Netz wird 2027/28 fertig sein.

    Der erste Satellit soll Ende 2023 ins All starten und zeigen, dass das Projekt möglich ist. Plus Ultra hat dazu gerade einen Vertrag mit den deutschen Raketenbauern der Rocket Factory Augsburg (RFA) geschlossen, einem Tochterunternehmen des Raumfahrtkonzerns OHB aus Bremen. „Dass ein deutscher Raketenbauer den ersten Satelliten ins All bringen soll, ist ein starkes Signal“, sagt Wachter vom BDI.

    RFA ist wie Post Ultra Teil der kräftig wachsenden New-Space-Industrie, private Unternehmen, die kleinere Raketen und Satelliten entwickeln, die in Masse gefertigt werden können und Flüge wie Anwendungen im All deutlich verbilligen. Den Markt  schätzt die Beratungsfirma Euroconsult zwischen 2021 und 2030 auf 54 Milliarden Euro.

    Bei RFA entsteht gerade eine Trägerrakete für Satelliten, die kleiner ist als die europäische Ariane, die russische Sojus oder die Falcon des US-Unternehmens SpaceX. RFAs One ist rund 30 Meter hoch bei einem Durchmesser von gut zwei Metern, die derzeit viel genutzte Falcon kommt auf knapp 70 Meter bei 3,7 Metern Durchmesser. Die Augsburger Rakete soll bis Ende 2022 fertig entwickelt sein. Zwei weitere deutsche Konkurrenten arbeiten an vergleichbaren Raketen: Isar Aerospace in Ottobrunn bei München und HyImpuls aus Neuenfels nahe Heilbronn.

  • Ein idealer Ort für Lügen

    Umbenennung: Facebook ohne Facebook

    Das US-Unternehmen Facebook steht unter politischem Druck. Dies ist einer der Gründe, warum Gründer Marc Zuckerberg es bald in „Meta“ umbenennen will. Aber der neue Name ist auch ein Zeichen für die Weiterentwicklung des Konzerns.

    Während der vergangenen Jahre hatte das soziale Netzwerk mit seinen bis zu drei Milliarden Nutzerinnen und Nutzern weltweit großen wirtschaftlichen Erfolg, aber auch massive politische Probleme. Kürzlich erst erhob die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen vor dem US-Kongress schwere Vorwürfe gegen ihren früheren Arbeitgeber. Dem Management sei beispielsweise bekannt, dass Teenager unter der Schönheitskonkurrenz im Foto- und Video-Netzwerk Instagram litten, trotzdem strebe die Firma weiteres Wachstum der Nutzerzahlen an. Außerdem verspreche Facebook zwar offiziell, Wahlmanipulation zu verhindern, stelle aber zu wenig Mittel dafür zur Verfügung.

    Das Geschäftsmodell beruht darauf, die Leute möglichst lange auf den Plattformen zu halten. Deshalb wird die Emotionalisierung der Kommunikation gefördert. Es entstehen nahezu ideale Orte für Hassbotschaften und Lügen. Facebook sperrt mittlerweile zwar auch bestimmte Informationen, Personen und Gruppen – trotzdem trägt die Auseinandersetzung zur gesellschaftlichen Polarisierung bei. Viele Politikerinnen und Politiker halten das Netzwerk deshalb für demokratiegefährdend.

    So wird in den USA die Forderung diskutiert, das Unternehmen zu zerschlagen. In Europa strebt die EU-Kommission die Regulierung der Plattformen an – neben Facebook auch US-Konzerne wie Google, Amazon oder Airbnb. Die Nutzerinnen und Nutzer sollen etwa die Möglichkeit erhalten, die personifizierte Werbung auszuschalten, mit der sich die Konzerne wesentlich finanzieren.

    Eine Taktik des Facebook-Managements könnte nun darin bestehen, das teilweise schlechte Image des Unternehmens durch die Umbenennung abzustreifen. Der neue Name Meta weist allerdings weiter voraus. Er leitet sich ab aus dem Kunstbegriff Metaversum, einer assoziativen Verbindung von virtueller Realität und Universum. Mit Computer-Brillen vor den Gesichtern sollen räumlich weit von einander entfernte Menschen später in künstlichen Welten spielen, arbeiten und leben.

    Das kann man als Utopie oder Dystopie betrachten, jedenfalls sehen Zuckerberg und seine Leute darin ein wesentliches neues Geschäftsfeld, das bald wichtiger werden könnte, als die bisherigen Netzwerke Facebook, Instagram und Whatsapp. Der Meta-Konzern würde eine Holding-Struktur erhalten – oben die zentralen Funktionen, darunter die einzelnen Säulen, unter anderem das Metaversum.

    Sowohl betriebswirtschaftlich als auch politisch könnte diese Operation Vorteile bieten. Einerseits ermöglicht sie die Flexibilität, neue Geschäftsfelder zu integrieren und zu steuern. Andererseits mag es dadurch leichter werden, problematische oder weniger profitable Bereiche abzustoßen. Vielleicht kommt es später zur Abspaltung der bisherigen Netzwerke – nicht nur wegen des politischen Drucks, sondern auch aus ökonomischen Gründen. So bereitet sich das Unternehmen auf die Zukunft vor, vielleicht auf diese: Facebook ohne Facebook.

  • Bei der Rente wird es eng

    Gesetzliche Altersvorsorge reicht nicht, um Lebensstandard im Alter zu halten. Deutsche müssen zusätzlich vorsorgen

    Reicht die Rente im Alter? Das fragen sich sicher viele der 38,7 Millionen Versicherten in Deutschland. Gut zwei Drittel vertrauen nur auf die staatliche Rente – und das wird im Alter nicht reichen. Sie müssen zusätzlich vorsorgen – über Riester-Rente oder betriebliche Altersvorsorge. Und für manchen reicht nicht einmal das, wie der Vorsorgeatlas 2021 zeigt. Überraschend: Auch Gutverdiener müssen noch zusätzlich sparen. Zudem gibt es große regionale Unterschiede. Und das System steuert auf große Finanzierungslücken zu.

    Der Vorsorgeatlas 2021 untersucht aufgeschlüsselt nach Regionen, wie die Lage der künftigen Rentner ist. Erstellt hat den Atlas, der alle vier Jahre erscheint, das Forschungszentrum Generationenverträge an der Universität Freiburg im Auftrag von Union Investment, der Investmentgesellschaft der genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken. Sie gehört neben der Deutsche-Bank-Tochter DWS zu den großen Fondsgesellschaften Deutschlands. Ausgewertet wurden unter anderem der Mikrozensus 2018, Daten der Bundesbank und der Deutschen Rentenversicherung.

    Wer nur auf die staatliche Altersvorsorge setzt, muss sich demnach später einschränken. Gesetzliche Rentenversicherung, Beamtenversorgung und berufsständische Versorgung decken im Schnitt nur 48 Prozent des letzten Bruttoeinkommens ab. Nötig sind den Studienautoren zufolge 60 Prozent. Die Versicherten in der staatlichen Altersvorsorge müssen also zusätzlich Geld fürs Alter zurücklegen. Der durchschnittliche Anspruch aus der gesetzlichen Rentenversicherung beträgt zum Renteneintritt 1449 Euro.

    Eine Möglichkeit, sich zusätzlich abzusichern, ist die Riester-Rente. Rund 16 Millionen Verträge gibt es inzwischen. Wer berechtigt ist, bekommt Zuschüsse vom Staat fürs Sparen. Vor allem Menschen mit niedrigen Einkommen werden dem Atlas zufolge überproportional gefördert. Weitere Möglichkeiten sind die betriebliche Altersvorsorge und die Zusatzversorgung im öffentlichen Dienst. Alle drei bringen im Schnitt 18,7 Prozent des ehemaligen Bruttoeinkommens, wie der Atlas ausweist. Zusammen mit der gesetzlichen Altersvorsorge werden die nötigen 60 Prozent für eine entspannte Rentenzeit also übererfüllt.

    Die Riester-Rente ist umstritten, Kritiker bemängeln zum Teil hohe Gebühren und geringe Leistungen und mahnen eine Reform an. Auch Hans Joachim Reinke, Vorstandsvorsitzender von Union Investment, wünscht sich eine Reform, vor allem mehr Flexibilität. Grundsätzlich hält er die Riester-Rente für unterschätzt, sie spreche die Gruppen an, die besonders vorsorgen müssten: Jüngere, Frauen, Menschen mit geringen Einkommen.

    Wegen einer Besonderheit im deutschen Rentensystem kann es sein, dass diejenigen, die viel verdienen und einen Riester-Vertrag oder eine betriebliche Altersvorsorge haben, trotzdem unter der 60-Prozent-Marke bleiben. Der Grund ist die Bemessungsgrenze von 7100 Euro (West) und 6700 Euro (Ost), die die Beiträge zur Rentenversicherung deckelt. Der Rentenhöchstsatz kann dann deutlich niedriger sein als das letzte Bruttoeinkommen. Die Lücke kann auch ein Riester-Vertrag nicht ausgleichen. Diese Menschen müssen zusätzlich sparen, etwa über Aktien oder in dem sie eine Immobilie erwerben.

    Wer mit gesetzlicher Vorsorge, Riester-Vertrag und zusätzlichem Sparen vorsorgt, „ist im Durchschnitt im Alter gut versorgt. Dafür ist jedoch mehr denn je Eigenverantwortung gefordert. Es reicht definitiv nicht, sich auf die erste Schicht und damit in erster Linie auf die gesetzliche Rente zu verlassen“, sagt Studienleiter Bernd Raffelhüschen vom Forschungszentrum Generationenverträge. Einzige Ausnahme: Beamte. Sie sind im Schnitt durch ihre Pensionsansprüche ausreichend versorgt.

    Auch regional gibt es große Unterschiede. So bekommen Rentner aus der gesetzlichen Rentenversicherung in Oberbayern mit durchschnittlich 1657 Euro monatlich am meisten, in Teilen von Sachsen-Anhalt sind es mit 1257 Euro am wenigsten. Überhaupt fällt der Osten dem Versorgungsatlas zufolge im Vergleich vor allem zu Baden-Württemberg und Bayern zurück.

    Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Riester-Verträgen, die monatlichen Beträge im Osten sind deutlich niedriger als im Westen. In Teilen Sachsen-Anhalts liegen sie bei 263 Euro, in Hamburg sind es 481 Euro. Und auch bei der betrieblichen Zusatzrente liegt vor allem Süddeutschland vorn, der Osten eher hinten. Die monatlichen Werte liegen zwischen 748 Euro (Hamburg) und 322 Euro im südlichen Mecklenburg-Vorpommern. einer der Gründe: Betriebliche Altersvorsorge bieten vor allem größere Firmen, von denen es in den strukturschwächeren Gebieten im Osten weniger gibt als in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg.

    Auch bei den Einkünften aus Geld- und Immobilienvermögen zeigt sich im Atlas: reicher Süden, armer Osten. Und auch hoch im Norden sieht es nicht ganz so gut aus. Das monatliche Zusatzeinkommen schwankt zwischen 166 Euro im Ostteil Berlins und 650 Euro in Oberbayern.

    Die Zahlen beruhen darauf, dass alles so bleibt, wie es ist. Weil aber immer mehr Menschen in Rente gehen, als die Arbeit neu aufnehmen, müsste der Beitrag von derzeit 18 auf mehr als 23 Prozent bis Mitte der 2030er Jahre steigen, oder das rechnerische Rentenniveau müsste von heute 48 auf unter 39 Prozent fallen, wie die Autoren des Atlas errechnet haben. Oder der Zuschuss des Staats zur Rentenversicherung müsste deutlich über die derzeit 30 Prozent steigen. Sie mahnen deshalb grundsätzliche Reformen des Rentensystems an.

  • "Keine Überlastung"

    Ärzte-Chef zu Corona im Winter

    Hannes Koch: Die Zahl der Corona-Infektionen steigt wieder schnell. Was halten Sie vom Aufruf Gesundheitsminister Jens Spahns, die über 60-Jährigen, möglichst aber alle sollten sich eine dritte Impfung abholen?

    Andreas Gassen: Diese Ansage ist bisher durch die Datenlage nicht gedeckt. Die Ständige Impfkommission schätzt auf Basis der wissenschaftlichen Studienlage ein, für welche Gruppen die sogenannte Booster-Impfung derzeit sinnvoll ist: Über 70-Jährige, Patienten mit Immunschwäche, Personen, die in sensiblen Bereichen wie Altersheimen arbeiten, und Jüngere, die nur eine Johnson&Johnson-Impfung bekommen haben. Für die Normalbevölkerung ist die dritte Impfung nach jetziger Lage nicht erforderlich. Die Aufforderung dazu sendet eventuell sogar ein schlechtes Signal, weil sie bei Jüngeren Zweifel an der Wirksamkeit Impfstoffen schürt.

    Koch: Dann bringt es auch nichts, die Impfzentren wieder zu öffnen, wie Spahn will?

    Gassen: Nein, das macht keinen Sinn.

    Koch: Was ist sonst gegen die vierte Welle zu tun?

    Gassen: Zum Beispiel könnten die Krankenkassen die über 70-Jährigen zur dritten Impfung in die Artzpraxen einladen. Und man muss versuchen, die wenigen Impfbereiten unter den Ungeimpften noch zu überzeugen. Die Mehrheit der Bevölkerung aber ist gut geschützt. Darunter sind jetzt viele junge Leute und Kinder, die nicht schwer erkranken werden. Deshalb relativiert sich die steigende Zahl der Infektionen auch im Vergleich zum letzten Winter.

    Koch: Vor drei Wochen forderten Sie die sofortige Beendigung aller Corona-Einschränkungen nach dem Vorbild Dänemarks. Halten Sie noch daran fest?

    Gassen: Tatsächlich habe ich das so nicht gesagt.

    Koch: So wurden Sie zitiert.

    Gassen: Meine Position war damals wie heute: Mit einem Vorlauf von sechs bis acht Wochen können wir die verpflichtenden, pauschalen Einschränkungen zurückfahren. Denn es gibt nun eine klare Alternative, in der jeder und jede sich entscheiden muss: impfen – oder erkranken und dann hoffentlich genesen. Damit sind individuelle Schutzmaßnahmen weiter möglich und bei Ungeimpften auch sinnvoll. 2G- und 3G-Regelungen durch Veranstalter blieben davon unberührt.

    Koch: Sie plädieren also dafür, die Krankheit durch die Gruppe der Ungeimpften durchlaufen lassen?

    Gassen: Ich plädiere nicht dafür, aber es wird wohl so kommen. Das meine auch nicht nur ich, sondern das sagen die meisten Virologen. Im Prinzip werden sich wohl alle Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht impfen lassen, in den kommenden Monaten wahrscheinlich bis zum Frühjahr infiziert haben.

    Koch: Unter dem Strich sind Sie aber dafür, die Maßnahmen bald abzuschaffen?

    Gassen: Wir sollten allmählich zu einem Strategiewechsel kommen. Die akute Bedrohung wie im vergangenen Winter und Frühjahr oder Gefahr der Überlastung des Gesundheitssystems existieren so nicht mehr. Pauschale Maßnahmen auf Bundesebene sind daher unangebracht, wir sollten künftig regional reagieren.

    Koch: 75 bis 80 Prozent der Bevölkerung sind mittlerweile geimpft oder genesen. Dieser großen Mehrheit kann man keine wesentlichen Einschränkungen mehr zumuten?

    Gassen: Als Geimpfter braucht man die Beschränkungen letztlich nicht, weil man sehr gut geschützt ist. Und für die Ungeimpften bedeuten auch die Einschränkungen mittelfristig keinen wirklichen Schutz, sie werden sich wohl trotzdem über kurz oder lang anstecken. Die Impfung ist der effektivste Individualschutz.

    Koch: Was halten Sie von flächendeckenden 2G-Regelungen – Ungeimpfte wären dann vielleicht noch ein halbes Jahr von vielen Aktivitäten wie Restaurant- oder Kino-Besuchen ausgeschlossen?

    Gassen: Medizinisch ist 2G sinnvoll. Aber gesellschaftlich ist der sogenannte Lockdown für Ungeimpfte wahrscheinlich kein guter und auch kaum ein praktikabler Weg. Millionen Menschen, von denen sich wohl die meisten einfach leider nicht impfen lassen wollen, weiterhin von Teilen des öffentlichen Lebens auszunehmen, kann zu einer gesellschaftlichen Zerreißprobe führen.

    Koch: Der entscheidende Punkt ist jetzt wieder die drohende Überlastung der Krankenhäuser und Intensivstationen. Wie wahrscheinlich ist es, dass wir diese vermeiden können?

    Gassen: Ich gehe davon aus, dass wir keine Überlastung bekommen werden, auch wenn es ohne Frage eine erhebliche Belastung des Personals auf Intensivstationen gibt. Gegenwärtig sind noch etwa 3.000 Betten auf den Intensivstationen frei. 10.000 sind in der sogenannten Reserve. Diese könnten wir aktivieren, zum Beispiel auch durch das Verschieben von Routineoperationen, wenngleich das natürlich nicht erstrebenswert ist.

    Koch: Wenn es so weiter geht wie augenblicklich, könnten in vier Wochen wieder genauso viele Patientinnen und Patienten auf den Intensivstationen liegen wie im Frühjahr.

    Gassen: Davon gehe ich nicht aus. Viele der jetzt Infizierten sind ja Kinder und Jugendliche, die nicht ins Krankenhaus kommen. Geimpfte Angesteckte müssen keine Angst vor einem schweren Verlauf haben. Außerdem werden die Menschen selbst wieder vorsichtiger, wenn die Zahlen steigen. Selbst Sieben-Tage-Inzidenzen von 500 – obwohl wir solch hohe Zahlen natürlich verhindern wollen – führen nicht automatisch zur Überlastung des Gesundheitssystems.

    Koch: Corona beschäftigt uns nun seit anderthalb Jahren. Hat die Gesundheitspolitik Zeit versäumt, um mehr Intensivbetten zur Verfügung zu stellen?

    Gassen: Das Problem sind nicht die Betten, sondern fehlende Pflegekräfte und ärztliches Personal. Heute können wir die vorhandenen Betten nicht unter Volllast betreiben. Um perspektivisch mehr Pflegepersonal einstellen zu können, müssten die Arbeitsbedingungen besser werden. Und das würde mehr Geld kosten als bisher.

    Andreas Gassen (59) leitet die Bundesvereinigung der Kassenärztinnen und Ärzte (KBV). Er arbeitet als Arzt für Orthopädie, Rheumatologie und Unfallchirurgie in einer Gemeinschaftspraxis in Düsseldorf.

  • Der Trick mit dem Nießbrauch

    Vermögen steuerfrei an Verwandte oder Lebenspartner zu verschenken, hat Grenzen. Dank einer Sonderregelung lassen sie sich ausweiten

    Wer einiges gespart hat und älter wird, möchte vielleicht schon zu Lebzeiten seinen Kindern, Enkeln oder dem Lebenspartner Geld zukommen lassen. Je nach Familienstand und Summe werden schnell höhere Steuerbeträge fällig. Mit einer Nießbrauchsregelung lässt sich steuerfrei mehr übertragen als bei einer klassischen Schenkung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist Nießbrauch?

    Nießbrauch ist das Recht, eine Sache, die einem nicht gehört, umfänglich zu nutzen. Allgemein bekannt ist Nießbrauch etwa, wenn jemand seine Immobilie schon an die Kinder oder jemanden anderen überträgt, sie aber bis zum Tod weiter nutzen kann. Ähnliche Regeln können auch für Wertpapierdepots genutzt werden.

    Wie funktioniert das?

    Sehr vereinfacht schenkt eine Person einer anderen ein Depot mit Wertpapieren, darf aber die Erträge des Depots, etwa Zinsen und Dividenden, selbst nutzen. Genauer: Die beschenkte Person verzichtet auf die Erträge des übertragenen Depots über die Jahre und kann sie deshalb von der Schenkungssumme abziehen. Was übrig bleibt, muss dann versteuert werden – es sei denn, es liegt unter den Freibeträgen von 500.000 Euro bei Ehe- oder Lebenspartnern, 400.000 Euro bei Kindern, 200.000 Euro bei Enkeln und 20.000 Euro bei entfernten und Nicht-Verwandten. Wie hoch die Summe ist, auf die die beschenkte Person verzichtet, hängt von der Lebenserwartung des oder der Schenkenden ab. Männer werden in Deutschland im Schnitt 78,6 Jahre alt, Frauen 83,4 Jahre. Auch die Rendite, die das Depot realistisch erzielen kann, ist wichtig. Maßgeblich sind hier die Annahmen zum Stichtag der Schenkung, nicht so sehr, wie sich das Depot dann tatsächlich entwickelt.

    Um welche Summen geht es?

    Zwei Beispiele, ein Mann schenkt recht früh, eine Frau etwas später: Ein 55-Jähriger möchte seinem kleinen Enkel schon etwas übertragen. Er darf normal bis zu 200.000 Euro steuerfrei schenken. Mit Nießbrauchsdepot und einer angenommenen Verzinsung von 3,5 Prozent sind es 392.641 Euro. Eine 70-Jährige kann ihrer Nichte bis zu 20.000 Euro steuerfrei schenken. Überschreibt sie ein Nießbrauchsdepot, sind bis zu 32.839 Euro möglich. Auch hier ist eine Verzinsung von 3,5 Prozent angenommen.

    Für wen ist das geeignet?

    Das Verfahren ist für alle geeignet, die Verwandten oder Bekannten einen größeren Betrag über die geltenden Freibeträge hinaus übertragen wollen. Beschenkt werden können nahe Verwandte ebenso wie Neffen und Nichten oder ein Lebenspartner. Grundsätzlich gilt: Je eher etwas übertragen wird, desto mehr lässt sich steuerfrei schenken. Wer schenken will, sollte genug gespart haben und nicht zu alt sein. Vermögen kann mit der Nießbrauchsregelung einmal in zehn Jahren übertragen werden. Wer also 2021 noch etwas verschenkt, kann es frühestens 2031 wieder tun.

    Was ist zu beachten?

    „Nicht jede Bank bietet die Möglichkeit, dass Wertpapiere einem neuen Inhaber geschenkt werden, aber die Erträge weiter dem Schenker zugerechnet werden“, sagt René Niemann, Leiter Vermögensnachfolge bei der V-Bank in München, die für Vermögensberater arbeitet. Er empfiehlt auch dringend einen Vertrag mit einem Fachanwalt aufzusetzen. Dieser Vertrag ist zum Beispiel wichtig, damit die beschenkte Person das Geld aus dem Depot nicht verprasst. „Salopp gesagt, kann der Schenkende damit verhindern, dass einfach alles in riskante Optionsgeschäfte gesteckt oder verkauft und in schnelle Autos investiert wird“, sagt Jasper von Hoerner, Fachanwalt bei der LKC Rechtsanwaltsgesellschaft aus Gmund am Tegernsee. Er empfiehlt auch Widerrufsrechte zu vereinbaren, die greifen, sollte der beschenkten Person etwas geschehen oder sie gegen den Vertrag verstößt. Ein Steuerberater kann zudem die genauen steuerlichen Effekte ausrechnen. Dabei muss der Ertrag des Depots realistisch geschätzt und dem Finanzamt begründet werden. Ist der Vertrag unterzeichnet, muss die Schenkung binnen drei Monaten beim Finanzamt angezeigt werden.

    Was ist noch wichtig?

    Die Person, die das Depot übertragen hat und von den Erträgen profitiert, muss diese bei ihrer Steuererklärung angeben. Schließlich handelt es sich um Einnahmen etwa aus Zinsen und Dividenden.

    Was ist, wenn die schenkende Person stirbt?

    Stirbt der oder die Schenkende vor Ablauf der zehn Jahre, zum Beispiel nach sechs Jahren, muss die beschenkte Person für die letzten vier Jahre anteilig nachversteuern.

    Wie kann ich ausrechnen, wie viel Geld ich verschenken kann?

    Einen Anhaltspunkt liefert der einfache Rechner unter www.v-check.de/vermoegen-sichern. Angegeben werden müssen Alter und Geschlecht der schenkenden Person sowie der erwartete Ertrag.

  • Der Stoff, auf den viele hoffen

    Cannabis gilt als illegale Droge. Dabei entwickelt sich seit vier Jahren ein legales Geschäft – mit Arzneimitteln

    Mit den Gesprächen von SPD, Grünen und FDP über eine neue Bundesregierung ist die Debatte über Cannabis wieder aufgetaucht. Sollte das Rauschmittel zum Privatgebrauch entkriminalisiert, Polizei und Gerichte so entlastet werden? Vorbilder sind einige US-Bundesstaaten, Kanada oder etwa Portugal, die Anbau oder Besitz legalisiert haben. Dabei geht es auch darum, wer an dem Stoff verdient.

    Der Cannabismarkt in Deutschland ist zweigeteilt: Da ist zum einen der illegale Markt, auf dem Cannabis im großen Stil illegal angebaut, gehandelt und verkauft wird – für Freizeitzwecke, wie es oft heißt. Und dann existiert der offizielle, seit 2017 durch Gesetz geregelte Markt. Unter ihn fallen Anbau, Verarbeitung, Therapie, alles, was der Arzt verschreiben kann. Und dieser Markt ist deutlich lukrativer und wachstumsstärker.

    Von Medizinalcannabis, die Blüten der Pflanzen und daraus gewonnenes Öl, versprechen sich Pharmaunternehmen ein gutes Geschäft. Eingesetzt werden Cannabis-Wirkstoffe vor allem bei Schmerzpatienten. In Teilen erstatten die Krankenkassen inzwischen auch die Behandlungskosten. Die Produkte unterliegen dem Betäubungsmittelgesetz, der Anbau der Pflanzen und die Herstellung etwa von Tropfen ist sehr stark reglementiert, um eine gleichmäßige Qualität zu sichern. Manch Pharmahersteller baut inzwischen selbst Cannabis an, um die Qualität sicherzustellen und die Kontrolle über die gesamte Produktionskette zu haben.

    Meist werden die Medikamente nach Anweisung eines Arztes in Apotheken aus Tropfen mit Wirkstoff angemischt. Bisher gibt es weltweit nur ein zugelassenes Fertigarzneimittel, das bei Epilepsie eingesetzt wird. Entwickelt hat es eine britisches Firma. Ein deutsches Unternehmen arbeitet gerade an einem Medikament für Schmerzpatienten, denen Arzneimittel auf Morphiumbasis nicht mehr helfen.

    Angebaut wird Medizinalcannabis, das in Deutschland verwendet wird, vor allem im Ausland. Eine staatliche Importerlaubnis haben 87 Unternehmen, die für 2021 mehr als 191 Tonnen des Stoffs einführen wollen – was zeigt, wie hoch die Firmen die Marktchancen einschätzen. Tatsächlich wurden im ersten Halbjahr 2021 nach Zahlen der deutschen Cannabiswirtschaft knapp neun Tonnen importiert, vor allem aus Kanada, den Niederlanden, Dänemark und Portugal – Länder, die gleichbleibende Qualität sicherstellen können. In Deutschland selbst dürfen jährlich 2,6 Tonnen angebaut werden. Die Lizenzen dafür hat die Cannabisagentur beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte an drei Firmen vergeben, die die Pflanzen inzwischen in Hochsicherheitsgewächshäusern anbauen.

    Innerhalb der EU gilt Deutschland als wichtigster Markt. Hier werde besonders intensiv geforscht, berichtet die britische Beratungsfirma Prohibition Partners in ihrer aktuellen Überblicksstudie. In der Bundesrepublik würden neue Produkte auch zuerst auf den Markt kommen. Den EU-Gesamtmarkt für Medizinalcannabis schätzt Prohibition Partners für 2021 auf 403,4 Millionen Euro. Bei Wachstumsraten von im Schnitt 67,4 Prozent sollte die Branche den Experten zufolge 2025 bereits 3,2 Milliarden Euro umsetzen. Tendenz steigend.

    Auf dem illegalen Markt sieht es etwas anders aus. Cannabis-Produkte sind die mit Abstand am meisten gehandelten Rauschmittel in Deutschland, wie das Bundeskriminalamt ermittelt hat. Es bezieht sich auf die knapp 32.000 Fälle von illegalem Handel, die vor allem bei Kontrollen bekannt geworden sind. Die Dunkelziffer ist allerdings groß. Deshalb lässt sich nicht genau sagen, wie groß der – illegale – Markt in Deutschland ist. Der Deutsche Hanfverband schätzt die konsumierte Menge auf 200 bis 400 Tonnen, was einem Marktwert von ungefähr 1,2 bis 2,5 Milliarden Euro entspricht. Das Geld streicht überwiegend die Organisierte Kriminalität ein, wie die Ermittler die Täter nennen. Deutlich lukrativer für Kriminelle sind die Märkte für Kokain, Heroin und synthetische Drogen – die Preise sind um ein Vielfaches höher als die bei Cannabis.

    Haschisch, das Harz der Cannabispflanzen, stammt dem BKA zufolge vor allem aus Marokko. Meist wird es auf dem Seeweg in die Niederlande verschifft und dann nach Deutschland transportiert. Sonst kommt der Stoff über Spanien und Frankreich in die Bundesrepublik.

    Marihuana, die Blüten der Cannabis-Pflanze, das in Deutschland verkauft wird, wird dem BKA zufolge auch meist in Westeuropa angebaut. Größere, auch professionell betriebene Plantagen in Fabrikhallen oder ausgedehnten Kellern produzieren in Belgien, den Niederlanden und Spanien. Auch in Deutschland wird angebaut. So entdeckten Ermittler im vergangenen Jahr in einer ehemaligen Gaststätte im niedersächsischen Holzminden eine professionell betriebene Plantage. Freilandpflanzen kommen aus Albanien und Spanien.

    Sollte Cannabis in kleinen Mengen entkriminalisiert oder gar legalisiert werden, wie die Befürworter hoffen, hätten die Ermittler mehr Zeit und vor allem mehr Personal, um sich um die großen Drogengeschäfte und Banden zu kümmern, etwa bei harten Drogen wie Kokain und Heroin oder Designerdrogen aus dem Chemiebaukasten, die schnell abhängig machen und oft gesundheitsschädlich und auch tödlich sind. Als Vorbild gilt zum Beispiel Portugal. In der Niederlanden hat die Entkriminalisierung allerdings dazu geführt, dass sich die organisierte Kriminalität ausgebreitet hat.

  • Umbau der Finanzaufsicht dauert Jahre

    Erste Schritte der radikalen Reform sind umgesetzt. Neuer Chef Branson arbeitet an moderner und schlagkräftiger Behörde

    Schneller, klarer, schlagkräftiger  – und vor allem wirksam will die Bundesfinanzaufsicht unter ihrem neuen Chef Mark Branson sein. Dazu ist die Behörde in den vergangenen Monaten tiefgreifend umgebaut worden. „Es geht schnell vorwärts“, sagte Branson bei einer Art Bilanz. Sie zeigte auch, wie schlecht die Bafin bisher tatsächlich aufgestellt war, um die komplexe Finanzwelt zu kontrollieren.

    „Wir sind noch nicht, wo wir sein wollen“, sagte Branson. Das brauche mehrere Jahre. Und er skizzierte, wie seine Behörde künftig arbeiten soll: Man wolle ganzheitlich, vernetzt und vorausschauend agieren. Extrem klar sein und schnell. Und auch mutig handeln und ab und zu Risiken eingehen, also nicht alles ins Letzte prüfen, um so besser Gefahren an den Märkten abzuwehren. „Eine solche Kultur entwickelt sich über die Zeit“, sagte Branson. Die Richtung stimme schon mal. Kern der Reform sind mehr Digitalisierung und mehr interne Zusammenarbeit. Jörg Kukies, Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, zeigte sich zufrieden über das Tempo.

    Auslöser der Bafin-Reform war der Wirecard-Skandal 2020. Er hatte gravierende Mängel bei der deutschen Finanzaufsicht und bei anderen Kontrollmechanismen bloßgelegt. Zahlreiche Warnsignale wurden übersehen. De facto waren die Behörden weitgehend ahnungslos, was bei Wirecard tatsächlich geschah. Das Unternehmen hatte im Juni vergangenen Jahres Insolvenz angemeldet, als erstes im Deutschen Aktienindex Dax. Wie damals herauskam, hatten große Teile des Geschäfts nur auf dem Papier existiert. Anleger verloren Milliardenwerte. Der Finanzskandal ist der größte der bundesrepublikanischen Geschichte.

    Im Februar hatte Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) sieben Punkte für eine Reform der Bafin vorgelegt. Im Juni beschloss der Bundestag ein weitreichendes Gesetz. Unter anderem wird die Zahl der Mitarbeiter um gut 150 aufgestockt, die Arbeitsweise verändert. Eine Gruppe von 100 Mitarbeitern aus Bafin und Bundesfinanzministerium sowie externe Experten arbeiten daran, die Behörde moderner aufzustellen. Ende des Jahres soll die Arbeit abgeschlossen sein. Weitere Reformen muss die Bafin dann selbst stemmen.

    Bereits im Einsatz ist eine besondere Einheit, die sich seit Mitte August um Finanzdienstleister mit besonders komplexen oder komplizierten Geschäftsmodellen – eine direkte Lehre aus dem Wirecard-Skandal. Derzeit überwacht diese Fokusaufsicht 17 Unternehmen. Sie soll Risiken schneller erkennen und gegensteuern können. Zudem gibt es eine Art schnelle Eingreiftruppe, die im Verdachtsfall zügig untersuchen kann.

    Firmenbilanzen kontrolliert künftig nur noch die Bafin. Die Mitarbeiter der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung werden bis Ende des Jahres übernommen, zusätzliche eingestellt. Auch hier hatte der Wirecard-Fall gezeigt, dass zu viele verschiedene Stellen zu wenig geprüft hatten. Das soll sich nicht wiederholen.

    Seit wenigen Wochen gibt es auch eine Stelle, an die sich sogenannte Whistleblower wenden können, Mitarbeiter mit brisantem Material und Wissen über Finanzfirmen und -vorgänge. Es gibt künftig verdeckte Testkäufe, um den Verbraucherschutz zu verbessern. Neu ist auch eine zentrale Daten-Analyse-Einheit, die dafür eigens entwickelte Software soll künftig alle für die Arbeit nötigen Informationen anzeigen und analysieren können.

    Die Bafin mit Sitz in Bonn beaufsichtigt Banken, Finanzdienstleister, Versicherer und den Wertpapierhandel. Darunter sind mehr als 1500 Kreditinstitute, gut 1200 Finanzdienstleister und rund 6900 Fonds sowie deutsche Niederlassungen ausländischer Banken. Die Bafin soll sicherstellen, dass das deutsche Finanzsystem stabil ist und funktioniert. Deshalb wacht sie darüber, dass Finanzfirmen zahlungsfähig sind, und kämpft gegen Geldwäsche. Sie kann auch Sonderprüfer entsenden, wie etwa im Fall der Berliner Online-Bank N26, die mit Geldwäscheverdacht zu kämpfen hat.

    Die Anstalt öffentlichen Rechts ist beim Bundesfinanzministerium aufgehängt und beschäftigt derzeit mehr als 2800 Mitarbeiter. Bezahlt wird ihre Arbeit über Gebühren der beaufsichtigten Firmen. Der Jahresetat liegt bei rund 500 Millionen Euro. Er soll nicht steigen. der Ausbau der Bafin soll künftig finanziert werden, in dem die Behörde effizienter wird.

    Der Brite Mark Branson ist seit 1. August Chef der Bafin. Er folgte Felix Hufeld, der im Zuge des Wirecard-Skandals gehen musste. Der 53-Jährige, der auch einen Schweizer Pass besitzt, leitete zuvor sieben Jahre lang die Schweizer Finanzmarktaufsicht. Davor arbeitete der Mathematiker unter anderem in leitender Position bei der Schweizer G

  • „Frühzeitig um Geschenke kümmern“

    Experte rechnet mit Engpässen zum Fest. Große Lieferengpässe. Vor den Häfen stauen sich Schiffe. Es fehlen Container

    Wer versucht, ein Fahrrad zu kaufen oder auch nur reparieren zu lassen, hört derzeit wilde Geschichten im Fachhandel. Etwa von Kollegen, die ihren Urlaub in Frankreich dazu nutzen, auf einem kleinen Umweg nach Bordeaux noch einige Ersatzteile für eine Shimano-Schaltung zu organisieren, die dann in Berlin eingebaut werden. Der Markt ist leergefegt, weil die Deutschen wie viele andere Europäer in der Corona-Pandemie ihre Liebe zum Fahrrad entdeckten – und weil Nachlieferungen aus Asien im Containerstau stecken. Wie viele andere Produkte für Verbraucher und Industrie auch.

    Über Lieferprobleme klagen fast drei Viertel aller Einzelhändler, wie das Ifo Institut aus München ermittelt hat. Besonders groß sind die Nöte demnach im Fahrradhandel, bei Unterhaltungselektronik, in Baumärkten mit jeweils weit über 90 Prozent und bei Haushaltsgeräten und Computern. Wird es also eng mit Weihnachtsgeschenken? „Man sollte sich frühzeitig um Weihnachtsgeschenke kümmern. Es kann sein, dass Waren wegen der Staus an den Häfen erst nach den Feiertagen in die Läden kommen“, sagt Christian Kille, Professor für Handelslogistik in Würzburg und Experte des Logistikverbands BVL.

    Was für Verbraucher misslich ist, hat in der deutschen Industrie dramatische Folgen, wie etwa bei den Autoherstellern zu sehen ist. So legt Opel sein Werk Eisenach bis zum Jahresende still, weil Halbleiter fehlen. Bei Daimler ist die Produktion gedrosselt. Auch Audi hielt die Bänder an.

    „Rohstoffmangel und Lieferkettenprobleme treffen die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite“, sagt Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). „Die aktuelle Entwicklung kann den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Krise merklich erschweren.“

    Wie konnte es soweit kommen? Ein Grund sei „die zum Teil deutlich höhere Nachfrage nach Rohstoffen, da sich die globale Wirtschaft schneller als erwartet erholt“, sagt Marcel Fratzscher, Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung DIW in Berlin. Darauf sind nicht alle vorbereitet gewesen. Manch Experte spricht auch von Fehlplanung der Industrie. Weil ungewiss war, wie lange Corona die Weltwirtschaft belastet, wurde weniger bestellt, die Produktion gedrosselt. Dann ging alles schneller vorbei, es wurde nachgeordert, die Lieferanten kommen nicht nach.

    Dann sind da die Probleme bei den Lieferketten: „Zum einen wirkt die Sperrung des Suezkanals im Frühjahr immer noch nach, zum anderen war im August ein wichtiger chinesischer Hafen wegen Corona geschlossen. Jetzt stauen sich vor den Häfen in Europa die Schiffe“, sagt Logistik-Experte Kille. „Dann fehlen wegen des eingeschränkten internationalen Flugbetriebs Zuladekapazitäten in Passagierflugzeugen. Zudem fehlen in China Container, weil das Land im großen Umfang exportiert, aber nur vergleichsweise wenig importiert, entsprechend wenig Container nach China kommen.“

    Ist die Ware erst in Europa, hapert es auch. Selbst wenn sie in Rotterdam oder Hamburg die Schiffe schneller entladen könnten: Es gibt nicht genug Transportkapazitäten etwa mit Lkw – unter anderem, weil Fahrer fehlen. „Wir gehen momentan allein von 60.000 bis 80.000 fehlenden Lkw-Fahrern in Deutschland aus“, sagt Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Logistikverbands BGL. Jährlich kämen bis zu 15.000 dazu.

    Logistik-Experte Kille rechnet damit, dass sich die Engpässe vor allem in der Autoindustrie vermutlich im zweiten Halbjahr 2022 auflösen werden. Aber: „Es könnten dann als Reaktion auf die große Nachfrage heute neue entstehen.“ Denn derzeit bestellen Händler zum Beispiel 200 Teile, obwohl sie nur 100 benötigen, in der Hoffnung wenigstens 50 zu bekommen. In der Folge ordern die Hersteller mehr Rohstoffe und passen die Produktion an. „Das kann zu einer Teileschwämme führen.“

    Viele Produkte werden sehr wahrscheinlich teurer – für den Endkunden und die deutsche Industrie. In einer Umfrage des Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik gaben 69,6 Prozent der befragten Einkaufsmanager an, dass die Preise zuletzt kräftig gestiegen sind. Weitere 27,3 sprachen von gemäßigten Preiserhöhungen.

    Eine weitere Folge der Knappheit: Die Unternehmen verabschieden sich von der Just-in-time-Produktion, bei der Zulieferer Teile und Material genau dann liefern, wenn sie verbaut werden sollen. Stattdessen bauen die Firmen wieder eigene Lager auf, um in Zeiten von Lieferengpässen noch Material vorrätig zu haben. 45 Prozent der Firmen, die der BME befragt hat, sind dabei, um im vierten Quartal Kundenwünsche bedienen zu können. Der DIHK berichtet sogar von 57 Prozent der befragten Unternehmen. Der Nachteil: Lager kosten und werden die Preise zusätzlich treiben.

  • Vermögen knackt 200-Billionen-Marke

    Deutsche profitieren. Amerikaner sind netto am reichsten. Ungleichheit in der Welt könnte steigen

    Corona hat die Weltwirtschaft 2020 ausgebremst. Viele Länder stürzten in eine Rezession. Dennoch ist die Welt reicher geworden. Das Geldvermögen stieg weltweit um 9,7 Prozent, wie der Allianz Global Wealth Report ermittelt hat. Erstmals knackte es die 200 Billionen-Euro-Marke. Für das laufende Jahr soll es noch einmal um sieben Prozent wachsen. „Während die Wirtschaft Achterbahn fährt, kennt das globale Geldvermögen nur eine Richtung“, sagte Allianz-Chefvolkswirt Ludovic Subran. Doch nicht alle profitieren gleichermaßen.

    Für ihren zwölften Report wertet die Allianz Daten aus 57 Ländern aus. Dort entstehen rund 91 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung. In diesen Ländern leben etwas mehr als zwei Drittel der Weltbevölkerung. Untersucht wird ausschließlich das Geldvermögen. Dazu zählen etwa Aktien, Investmentfonds und Anteile an Pensionsfonds sowie Bargeld und Lebensversicherungen. Abgezogen werden müssen noch Schulden wie Hauskredite. Immobilienbesitz fließt nicht in den Bericht ein.

    Grundsätzlich war 2020 trotz der Pandemie ein gutes Jahr für diejenigen, die bereits Geldvermögen besitzen. Sie profitierten vor allem von der Politik, die Geld bereitstellte, um Firmen zu stabilisieren und zu verhindern, dass Menschen in Arbeitslosigkeit oder Sozialhilfe abrutschten. Gleichzeitig fluteten die Notenbanken die Märkte weiter mit Geld. Das alles zusammen machte sich an den Börsen mit steigenden Kursen bemerkbar. Wegen der Lockdowns kam das öffentliche Leben fast zum Erliegen, die Menschen gaben entsprechend weniger Geld aus. Dieses erzwungene Sparen erhöhte die Vermögen ebenfalls kräftig.

    Allein in Deutschland legte das Nettogeldvermögen um 7,5 Prozent zu, deutlich schneller als im Rest der Euro-Zone, wie Arne Holzhausen, Allianz-Experte und Mitautor der Studie, sagte. Überraschend auch für die Autoren der Studie: Die Deutschen sind dabei, ihren Ruf als Aktienmuffel abzulegen und investierten erstmals seit 2000 mehr Geld in Aktien und Fonds als in Pensionen und Versicherungen. Mit einem Anteil von gut einem Viertel machen Wertpapiere allerdings immer noch einen im Europavergleich geringen Anteil bei den Vermögen aus. Die Finnen haben 51 Prozent in Wertpapieren angelegt.

    Weil die Deutschen in hohem Maße (45 Prozent) ihr Geld einfach auf niedrig bis gar nicht verzinsten Bankkonten liegen lassen, verliert das Vermögen angesichts der aktuell hohen Inflationsraten an Kaufkraft. Die Allianz bezifferte die Verluste auf rund sieben Milliarden Euro – im Monat.

    Insgesamt haben die Deutschen im Schnitt ein Nettovermögen von 61.760 Euro zur Verfügung, das reicht unter den untersuchten Ländern für Rang 18, einen Platz besser als im vergangenen Jahr. Auf Platz eins der Liste liegen die USA mit einem Durchschnittsgeldvermögen von 218.470 Euro vor der Schweiz mit 212.050 Euro. Auf Rang 3 Dänemark mit 149.240 Euro. Auch die Niederlande und Schweden finden sich weit vorn – Länder, in denen es anders als in Deutschland große Pensionsfonds gibt, über die die Einwohner fürs Alter vorsorgen. Ab einem Durchschnittsgeldvermögen von 49.700 Euro gilt ein Land als reich.

    Auch der Ausblick für 2021 ist den Autoren des Reports zufolge positiv. Staatliche Hilfen werden weiter gezahlt, die Notenbanken deuten bisher nur an, dass sie die Zinsen anheben wollen und damit die Politik des billigen Geldes ein Ende hat.

    Am stärksten legten 2020 die Geldvermögen in Osteuropa (19,1 Prozent) zu, gefolgt von Asien ohne Japan (12,7) und den USA (11,6). Wobei Asien über die Jahr betrachtet am meisten gewann, vor allem, weil die Mittel- und Oberschicht in China rasant wächst.

    Dem Bericht zufolge besaßen die reichsten zehn Prozent, etwa 520 Millionen Einwohner der untersuchten Länder, insgesamt 84 Prozent aller Geldvermögen, im Schnitt waren es 250.000 Euro. Das reichste Prozent hatte Zugriff auf 41 Prozent des gesamten Geldvermögens, im Schnitt auf 1,2 Millionen Euro.

    Ganz anders sieht das am unteren Ende der Vermögensskala aus. Gut 2,6 Milliarden Menschen können demnach nur auf ein Prozent der Geldvermögen zugreifen. Etwa 30 bis 40 Prozent der Menschen verfügen der Allianz zufolge über keine nennenswerten Rücklagen, viele sind verschuldet. Diese Menschen sind aber nicht zwingend alle arm. Hier macht sich bemerkbar, dass der Report nur Geldvermögen untersucht. Unter den zehn Prozent der Menschen mit dem niedrigsten Vermögen sind viele, die hochverschuldet sind, was nicht unbedingt auf Armut hindeutet, wie es im Report heißt. So gehörten Haushalte in Dänemark und Schweden zu den am höchsten verschuldeten weltweit, meist besäßen sie allerdings kreditfinanzierte Immobilien – ein deutlicher Unterschied zum Tagelöhner in Indien.

    Auch wenn die Schwellenländer beim Geldvermögen kräftig zulegen, rechnen die Experten der Allianz damit, dass es für sie künftig schwieriger wird. Zum einen konnten die reicheren Länder dank Impfungen schneller durch die Krise steuern. Wegen der Digitalisierung, Geschäftsmodellen rund um große Datenmengen und der grünen Transformation könnten die Schwellenländer zudem ihren Vorteil nicht mehr so gut ausspielen, sagte Axel Holzhausen: ihre vergleichsweise günstige Arbeitskraft. Es bestehe die Gefahr, dass die Ungleichheit weltweit wieder zunehme.

  • Der Arbeitsmarkt wandelt sich rasant

    Experten sehen Trend zu Vollbeschäftigung. Fachkräftemangel wird akut. Mehr Zuwanderung für Wohlstand nötig.

    Mehr Beschäftigte, mehr offene Stellen, weniger Kurzarbeit, weniger Menschen ohne Job: Deutschland hat die Corona-Krise bisher gut verkraftet. Und die Arbeitsmarktzahlen deuten noch auf etwas anderes hin. Die Zeiten, in denen sich große Teile der Bevölkerung Sorgen machen musste, wenn sie ihre Arbeit verloren, sind vorbei. Massenarbeitslosigkeit gehört offenbar der Vergangenheit an. Dafür drohen andere Probleme.

    Zunächst die Zahlen: In Deutschland waren im September 33,7 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, rund 300.000 mehr als vor der Pandemie. „Ohne Corona hätte der Wert sicher noch höher gelegen“, sagt Daniel Terzenbach, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. 2,47 Millionen Menschen suchten Arbeit, die Arbeitslosenquote betrug 5,4 Prozent. Ohne den Corona-Effekt – noch sind 930.000 Beschäftigte in Kurzarbeit – wären es 4,9 Prozent gewesen.

    Die Jugendarbeitslosigkeit ist auf dem niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung, die Zahl der offenen Stellen hat das Vorkrisenniveau mit 799.000 deutlich überschritten. Und das sind nur die Stellen, die bei der Bundesagentur für Arbeit gemeldet sind. Die Herbstbelebung ist deutlich höher ausgefallen als üblich“, sagt Terzenbach. Der Ausblick auf das vierte Quartal: optimistisch auf hohem Niveau.

    Die Zeiten zweistelliger Arbeitslosenquoten sind offenbar vorbei. Noch 2005 suchten rund fünf Millionen Menschen Arbeit, die Quote lag bundesweit bei 13 Prozent. 2019, vor Corona, waren es 5,5 Prozent. Jetzt geht der Trend Richtung unter fünf Prozent. Alexander Herzog-Stein vom IMK in Düsseldorf, dem Forschungsinstitut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, hält noch niedrigere Werte für möglich: „Bei der Arbeitslosenquote ist noch Luft nach unten. Wir können auch unter vier Prozent kommen.“

    Die Folge: „Wir kommen in eine Fachkräfteknappheit“, sagte Bundesagentur-Vorstand Terzenbach. Schon vor Monaten warnte seine Behörde, Deutschland würden künftig 400.000 Fachkräfte fehlen – jährlich. Für die geburtenstarken Jahrgänge endet langsam das Berufsleben, die nachrückenden Generationen sind deutlich kleiner.

    „Wir nähern uns dem Ideal der Vollbeschäftigung“, sagte Friedrich Pfeiffer, Arbeitsmarktexperte des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Vor allem in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Arbeitslosenquote deutlich unter vier Prozent liegt, ist es schwer, Arbeitskräfte zu finden. Nicht so optimistisch ist IMK-Experte Herzog-Stein. „Vollbeschäftigung wird es allenfalls in bestimmten Branchen und Regionen geben.“ Und auch sonst dämpft er Erwartungen, dass sich die Situation für alle Arbeitnehmer auszahlt. „Einen überhitzten Arbeitsmarkt mit Arbeitskräftemangel, in dem die Löhne in der Breite sehr kräftig steigen, halte ich für unwahrscheinlich. Dafür sind die Herausforderungen zu groß.“

    Für die Zukunft ist auch Pfeiffer skeptisch: „Auch wenn die Zahlen am Arbeitsmarkt jetzt sehr gut aussehen, heißt das nicht, dass es in den nächsten zehn Jahren so bleiben wird.“ Der lange Aufschwung zwischen 2009 und 2018 sei schon einmalig. Der Dämpfer durch die Pandemie sei durch Kurzarbeit sehr gut abgefedert worden, sagt der ZEW-Experte. Deutschland habe in den vergangenen 20 Jahren vor allem von der Exportstärke profitiert, etwa dank der Nachfrage aus China. Und: „Von der Exportstärke hängt auch ab, wie sich die Bundesrepublik in Zukunft entwickelt.“ Und auch IMK-Arbeitsmarktexperte Herzog-Stein warnt: „Wir müssen sicherstellen, dass wir nicht naiv sind. Die wirtschaftliche Erholung ist kein Selbstläufer.“

    Die Herausforderungen in Deutschland: „Die Wirtschaft steht vor einer tiefgreifenden Transformation durch Dekarbonisierung und Digitalisierung. Das wird den Arbeitsmarkt verändern“, sagt Herzog-Stein. Oder, wie Bundesagentur-Vorstand Terzenbach formuliert: „Die Arbeit wird nicht ausgehen, sie wird sich aber verändern.“ Vor allem würden Jobs entstehen, die bessere Ausbildung erforderten.

    Eine weitere wichtige Aufgabe ist aus Sicht der Bundesagentur, Zuwanderung strukturiert zu regeln. Deutschland habe perspektivisch viel zu wenig Arbeitskräfte, um den Wohlstand zu erhalten, sagt Terzenbach. „Wir brauchen attraktive Voraussetzungen für Zuwanderung, die Hürden sind noch zu hoch.“ Denn Deutschland stehe im Wettbewerb mit den USA, Japan, China um die besten Arbeitskräfte.

  • Für eine Handvoll Dollar

    Die Lebenshaltungskosten in Europa klaffen kräftig auseinander. Weltweit lässt sich der Unterschied an einem Burger festmachen

    Eine Liege am Strand von Rimini, Eis auf der Promenade von Deauville, eine Bratwurst am Genfer See – Urlaub in Italien, Frankreich und der Schweiz kann teuer werden. Das Leben in den Länder, so scheint es, kostet deutlich mehr als in Deutschland, selbst wenn der gefühlte Aufschlag für Urlaubsgebiete abgezogen wird. Doch das ist nicht überall so, wie frische Zahlen des Statistischen Bundesamtes Destatis zeigen.

    Demnach ist das Leben in Frankreich nur vier Prozent teurer als in Deutschland, in Italien sogar neun Prozent günstiger. In der Schweiz allerdings trügen die Ausgaben im Urlaub nicht und das Gefühl, das Geld rinne einem durch die Finger. Im Vergleich zu Deutschland ist die Lebenshaltung der Eidgenossen 51 Prozent teurer. Besonders günstig lebt es sich den Zahlen nach in der Türkei, wo das Preisniveau nur einem Drittel des deutschen entspricht. Auch Bulgarien, Rumänien und Polen sind um die Hälfte günstiger als Deutschland.

    Dabei fließen in die komplexen Berechnung die regionalen Warenkörbe, Inflation, Steuern und das Kaufverhalten in den jeweiligen europäischen Ländern ein. Wer also in die Schweiz zieht oder nach Ungarn müsste sich genauso verhalten, wie die Durchschnittseinwohner dort, um 51 Prozent mehr auszugeben oder 40 Prozent weniger – gesetzt, das deutsche Gehalt würde weitergezahlt. Denn für den Schweizer mit deutlich höheren Einkommen wirkt das Preisniveau nicht so hoch wie für Deutsche. Dort ist es eher umgekehrt: Deutschland gilt im Hochlohnland Schweiz als besonders billig. Ein Gefühl, das auch die Dänen haben, die gern zum Einkaufen über die Grenze nach Schleswig-Holstein haben, wo es große Einkaufszentren auf der grünen Wiese extra für die Nachbarn gibt.

    Die Statistiker haben sich auch die Preise für einzelne Produkte angesehen, etwa alkoholische Getränke. Am teuersten ist es demnach, Wein und Bier in Skandinavien zu bestellen. In Island kosten solche Getränke 183 Prozent mehr als in Deutschland, In Norwegen sind es 171 Prozent. Deutlich billiger als in Deutschland ist Alkohol in Polen, Spanien, Bulgarien und Ungarn.

    Bei den energiekosten gehört Deutschland zu den teuersten Ländern. In Dänemark sind die Preise 17 Prozent höher, in Italien 14 Prozent. Am wenigsten zahlen die Türken Energie kostet dort im Vergleich zu Deutschland nur ein Drittel. Überraschend: In der Schweiz ist Strom und Gas sechs Prozent günstiger als in Deutschland. Es ist der einzige Wert, bei dem die Deutschen mehr ausgeben müssen – sonst ist es in der Schweiz immer teurer. Bei Fleisch liegen die Preise sogar doppelt so hoch wie hierzulande.

    Eine etwas einfachere Art festzustellen, wie teuer oder günstig es in einem anderen Land im Verhältnis zu Deutschland ist, ist der sogenannte Big-Mac-Index. Seit 1986 erhebt die britische Wochenzeitung die Preise der Cheeseburger-Variante des US-Fastfood-Riesen McDonalds weltweit in der jeweiligen Landeswährung und rechnet den Wert in Dollar um. Die Idee: Weil der Big Mac überall auf der Welt weitgehend gleich ist, zeigen die unterschiedlichen Preise an, wie sehr eine Währung im Vergleich zum Dollar über- oder unterbewertet ist – ein eher für Spezialisten interessantes Unterfangen. Was auch zu sehen ist und für jeden sofort verständlich: Wo die Lebenshaltung günstig oder teuer ist.

    Wobei die Betrachtung des Fastfood-Produkts etwas sehr einseitig ist. Darauf weisen die Statistiker des Destatis hin. Zum einen ist der Burger nicht überall gleich. Zum anderen unterscheiden sich Lohnniveau und Transportkosten. Und im Vergleich zu einem einheitlichen Warenkorb, der die Preise von zahlreichen Produkten wie Gas, Fahrscheine, Brötchen, Salat erfasst, ist ein Big Mac recht eindimensional.

    Er ist allerdings sofort verständlich. Danach gehört die Schweiz (7,04 Dollar für einen Burger) ebenso wie Norwegen (6,30) und Schweden (6,20) zu den eher teuren Ländern – hier gibt es keinen großen Unterschied zur Tabelle des Statistischen Bundesamtes. Die Euro-Zone liegt in der Economist-Liste mit 5,02 Dollar je Burger im oberen Drittel – übrigens hinter den USA mit 5,65 Dollar. Besonders günstig sind Big-Mac demnach in Südafrika (2,28), Russland (2,27) und dem Libanon. Dort ist der Big-Mac mit 1,68 Dollar mit Abstand am günstigsten.

    Dass man vom Burger-Index nicht auf die allgemeine Lebenshaltung schließen kann, zeigt Platz 1 der aktuellen Übersicht. Dort steht Venezuela, wo der Big-Mac im Juli umgerechnet 8,35 Dollar kostete. Anders als die Schweiz und Norwegen ist das Lohnniveau im Land nicht hoch. Das ölreiche Venezuela steckt in der Krise, ist in den vergangenen Jahren wegen Misswirtschaft der kommunistischen Führung ins Chaos gestürzt, die Bevölkerung verarmt. Die Inflation ist hoch, im Mai hatte sie 2719 Prozent betragen. Anfang Oktober werden sechs Nullen an der Landeswährung gestrichen. Der Big-Mac dürfte hier ein Luxusprodukt sein. Für den Urlaub empfiehlt sich das Land derzeit wegen der politischen Lage eher nicht. Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen und bittet um besondere Vorsicht.

  • Körper als Waffe

    Kommentar zum "Hungerstreik der letzten Generation"

    Auf fundamentalen Fehleinschätzungen beruht der Hungerstreik, den zwei Frauen und vier Männer vor dem Bundeskanzleramt in Berlin für einen radikalen Wandel der Klima-Politik führen. Sie wollen Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz, die Spitzenkandidaten der Grünen, Union und SPD, zu einer öffentlichen Diskussion noch vor der Wahl zwingen. Indem sie ihre Gesundheit und ihr Leben auf´s Spiel setzen, nutzen sie ihre Körper als politische Waffe.

    Die Hungerstreikenden meinen, die Situation sei so dramatisch, dass dieses letzte Mittel gerechtfertigt erscheine. Doch das stimmt nicht. Im demokratischen System gibt es jede Menge anderer, wirksamer Instrumente, um Politikwechsel zu erreichen. Die Bewegung Fridays for Future hat es vorgemacht. Die neuen Klima-Gesetze der EU und der Bundesregierung markieren epochale Veränderungen, ebenso das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom April 2021.

    Die jetzige ist auch nicht die letzte Generation, die noch etwas gegen die befürchtete Katastrophe unternehmen kann. Die behauptete Ausweglosigkeit suggeriert ein Ende der Geschichte. Aber diese springt nicht von Weiß auf Schwarz, sondern verläuft meist graduell. Jeder Mensch und jede neue Generation können die künftigen Entwicklungen mehr oder weniger beeinflussen.

    Zwar gibt es ernstzunehmende wissenschaftliche Prognosen über die Menge des noch tolerierbaren Kohlendioxid-Ausstoßes. Möglicherweise gerät die Welt danach an sogenannte Kipppunkte mit schwerwiegenden, nicht mehr rückholbaren Folgen. Ob es wirklich so kommt, weiß man allerdings nicht. Wie die vermutete Zukunft aussieht, wenn sie Gegenwart wird, überrascht die Menschen immer wieder.

    Die sechs Hungerstreikenden riskieren ihr Leben, um andere Leute zu retten. Mit der Drohung ihres Todes wollen sie den vermeintlichen Mord an Milliarden Menschen verhindern. „Ich sterbe, damit Ihr leben könnt“, war schon die Botschaft Jesu Christi. Sich selbst ans Kreuz zu hängen, sollte man Propheten überlassen.

  • Jugendliche fordern Schulfach Wirtschaft

    Umfrage: Schüler sind sich ihres geringen Wissens bewusst und wollen mehr über Grundlagen und Zusammenhänge lernen

    Was wissen Deutschlands Jugendliche über Wirtschaft? Nicht viel, wie eine Umfrage des Bankenverbands zeigt. Schon Grundbegriffe wie Inflation oder die Arbeitsweise der Europäischen Zentralbank bereiten Probleme. An den 14- bis 24-Jährigen selbst liegt es nicht, sie würden gern mehr lernen, können es aber nicht – weil das entsprechende Fach an vielen Schulen fehlt. Der Bankenverband spricht von einer beachtlichen Diskrepanz zwischen dem, was sie wissen, und dem, was sie wissen wollen.

    68 Prozent der Befragten haben an ihrer Schule nichts oder fast nichts über Wirtschaft gelernt. Gleichzeitig wünschen sich 76 Prozent dass das Thema im Unterricht einen höheren Stellenwert bekommt. 77 Prozent halten ein eigenes Schulfach „Wirtschaft“ für wichtig. Nur bei jedem zwanzigsten Befragten gab es das bereits. Übersetzt in eine Schulnote wäre das vielleicht gerade noch eine Vier minus.

    „Die jungen Menschen haben ein klares Bewusstsein, dass sie nicht genug wissen“, sagte Andreas Krautscheid, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands. Er sieht in den Ergebnissen auch ein klares Signal an die Politik, die Situation zu ändern. Der Bankenverband vertritt die privaten Banken in Deutschland.

    Ein eigenes Fach für Wirtschaft gibt es demnach in Baden-Württemberg und in Niedersachsen an bestimmten Schultypen. Seit diesem Schuljahr können Schüler auch in in Nordrhein-Westfalen wirtschaftliches Grundwissen lernen – kombiniert mit Politik. In allen anderen Bundesländern laufen wirtschaftliche Zusammenhänge im Unterricht irgendwie mit – wenn überhaupt. „Das steht und fällt mit dem Engagement der Lehrer“, sagte Krautscheid.

    Die können ihre Schüler zum Beispiel motivieren, am Planspiel Börse der Sparkassen teilzunehmen. Dabei wird mit einem fiktiven Konto an der einer fiktiven Börse spekuliert, die die echte Börse abbildet. Der Bankenverband bietet ein Planspiel, bei dem Schüler eine Bank gründen und durch die Widrigkeiten des echten Lebens steuern müssen. Es gibt auch Newsletter, die Lehrer mit Hintergrundinformationen zu aktuellen Themen versorgen – alles kein echter Ersatz für ein klassisches Schulprogramm, wie Krautscheid sagte.

    Die Kultusminister der Länder vom Thema zu überzeugen, ist offenbar schwierig. Krautscheid berichtete, dass über das Fach Wirtschaft seit Jahren diskutiert wird. Er sagte auch, dass man den Stundenplan nicht beliebig ausweiten könne. Wirtschaft konkurriert da zum Beispiel auch mit Informationstechnologie, ein Bereich, der in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden ist und elementar für den Industriestandort Deutschland. Die Schüler können dann vielleicht in Grundzügen verstehen, wie ein Roboter programmiert wird, nicht aber, was die Altersvorsorge ausmacht.

    Der Bankenverband fragte nach bestimmten Begriffen. „Inflationsrate“ kannten demnach 56 Prozent der Befragten. Das waren deutlich weniger als in der Umfrage 2018. Bei der Höhe mussten allerdings 84 Prozent passen. Dass die Europäische Zentralbank (EZB) darauf achtet, dass die Preise in der Euro-Zone weitgehend stabil bleiben, beantwortete nur ein Drittel richtig. 2018 wussten es noch fast zwei Drittel der Befragten. Mit einem Investmentfonds konnten 40 Prozent etwas anfangen, nur 28 Prozent konnten auch erklären, was sich hinter dem Begriff verbirgt.

    Es ist bereits die siebte Umfrage dieser Art seit 2003. Die Ergebnisse ähneln sich seit Jahren. Sie schwanken etwas, hatten aber einen leichten Aufwärtstrend. Die Jugendlichen lernten offenbar dazu. Im Vergleich zur Umfrage 2018 ist der Wissensstand jetzt allerdings deutlich schlechter. Der Bankenverband erklärt sich das mit der Corona-Krise, die die Schüler bundesweit dazu zwang, von zu Hause aus zu lernen.

    Und die Krise hat Spuren hinterlassen. 83 Prozent der Befragten sind optimistisch, was die Zukunft angeht, allerdings waren es 2015 noch 90, 2018 noch 85 Prozent. Gleichzeitig sehen 44 Prozent der Befragten die Zukunftschancen durch die Corona-Krise beeinträchtigt. Die Politik in der Krise ist an den 14- bis 24-Jährigen vorbeigegangen. Grundsätzlich fühlten sich zwei Drittel im Vergleich zu älteren Menschen benachteiligt.

    Vier von fünf jüngeren Menschen vermissten demnach vor allem Freizeitangebote wie Kino und Clubs. Auch litten sie besonders darunter, Freunde nicht treffen zu können. Die Hälfte der Befragten fühlte sich deshalb frustriert oder gar depressiv – ein deutliches Warnzeichen.

    Für die Jugendstudie hat der Bankenverband im Juli 700 Jugendliche und junge Erwachsene in Deutschland befragen lassen. Die Umfrage ist repräsentativ.

  • Trick mit digitalem Wasserzeichen

    Mit einem weltweit einmaligen Projekt will die Initiative HolyGrail 2.0 das Plastikrecycling in Europa revolutionieren

    In Kopenhagen beginnt gerade eine neue Zeitrechnung in der Geschichte der Kunststoffverpackung. Im Stadtteil Amager entsteht der Prototyp einer Recycling-Anlage, die helfen soll, Abfall besser zu sortieren und so mehr Kunststoff wiederzuverwerten. Das Projekt, für das sich namhafte Konzerne zusammengetan haben, ist weltweit einmalig und nutzt sogenannte digitale Wasserzeichen. Von 2023 an könnte es die Abfallbehandlung in Europa nachhaltig verbessern. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist das Ziel?

    Die EU hat bereits Einwegplastik verboten. Bis 2030 sollen alle anderen Plastikverpackungen vollständig wiederverwertbar sein und zu 55 Prozent auch wiederverwertet werden. Derzeit liegt der EU-Schnitt bei etwas über 40 Prozent. Die Quoten schwanken zwischen mehr als zehn Prozent (Malta) und um die 70 Prozent (Litauen). Deutschland liegt im Mittelfeld. Bis Ende 2022 will das Projekt HolyGrail 2.0 in industriellen Großversuchen nachweisen, dass digitale Wasserzeichen die Recyclingquote nachhaltig erhöhen und die Qualität des Recyklats, wie der aus Plastik gewonnenen Rohstoff heißt, verbessert.

    Was sind digitale Wasserzeichen?

    Ein digitales Wasserzeichen ist eine Art QR-Code in der Größe einer Briefmarke. Es nutzt die Pixel des Verpackungsdesigns und leichte Farbveränderungen, die das menschliche Auge praktisch nicht wahrnimmt, eine geeignete Kamera aber schon. Das Design wird wie üblich aufgedruckt. Für die Konsumenten unterscheidet es sich nicht von einem klassischen, sie sehen zum Beispiel eine Kuh und Frischkäse auf einem Joghurtbecher. Eine Spezialkamera erkennt dafür ein Raster aus QR-Codes. Bei Plastikflaschen lässt sich das Raster einprägen, wenn sie hergestellt werden.

    Wie funktioniert das digitale Wasserzeichen?

    Das Wasserzeichen kann verschiedene Informationen transportieren, die in einer zentralen Datencloud gespeichert werden. Die Kamera im Recyclingbetrieb erkennt anhand des QR-Codes die genaue Materialzusammensetzung und steuert die Sortiermaschine so, dass die Verpackung gezielt in den entsprechenden Behälter sortiert wird.

    Welches Potenzial haben digitale Wasserzeichen?

    HolyGrail 2.0 konzentriert sich auf Recycling, die Wasserzeichen bieten aber mehr Möglichkeiten. So lässt sich mit ihnen eine Packung von der Herstellung bis zum Verkauf lückenlos verfolgen – wichtig zum Beispiel, wenn Arzneimittel fälschungssicher sein sollen. Wer ein Produkt mit der Smartphone-Kamera scannt, könnte künftig weitere Informationen etwa zum Inhalt bekommen. Auch könnte der aufgedruckte Kuhkopf auf einem Frischkäsebecher unter der Smartphone-Kamera anfangen, den Kunden anzusprechen. Weil die Verpackung selbst gelesen werden kann, verschwindet möglicherweise der klassische Barcode, an der Supermarktkasse kann das Scannen schneller werden.

    Was passiert in Kopenhagen und wie geht es weiter?

    In Kopenhagen entsteht in Zusammenarbeit mit der Stadt und dem örtlichen Entsorger eine Recyclinganlage, auf der mit rund 125.000 eigens hergestellten Verpackungen getestet wird, ob die Idee von HolyGrail 2.0 funktioniert. Die Initiative hat Kameras für das digitale Wasserzeichen entwickelt, die in bestehende Sortieranlagen eingebaut werden können. Ist der Test in Kopenhagen erfolgreich, wird in der ersten Hälfte 2022 in Dänemark, Deutschland und Frankreich jeweils im laufenden Recyclingbetrieb ausprobiert, ob das System auch im industriellen Maßstab funktioniert. Dazu muss der Handel auch Produkte verkaufen, die entsprechend verpackt sind. 2023 könnte das neue System flächendeckend in Europa ausgerollt werden .

    Seit wann gibt es die Initiative?

    2016 hat die britische Ellen MacArthur Stiftung gemeinsam mit einigen Konzernen untersucht, wie sich Verpackungen aus Plastik besser codieren lassen, um sie einfacher recyceln zu können. Beteiligt waren zahlreiche große Markenhersteller, Handelsketten und Verpackungsunternehmen. Das Projekt Holy Grail 1.0, Heiliger Gral 1.0, endete 2019 mit einer Empfehlung für digitale Wasserzeichen. Der AIM, der europäische Dachverband der Markenhersteller in Brüssel, legte dann auf Initiative einiger Teilnehmer des ersten Projekts HolyGrail 2.0 auf.

    Wer steht hinter der Initiative und wer finanziert sie?

    Getragen wird das Projekt von mehr als 130 Unternehmen, die bis zu 20.000 Euro pro Jahr zahlen und Knowhow bieten. Allein schon die Anzahl der Firmen zeigt, wie wichtig sie das Projekt einschätzen. Mit dabei sind Markenartikler, Maschinenbauer, Entsorger, Verpackungshersteller und Handelskonzerne – Firmen, denen der europäische Markt wichtig ist. Darunter sind Branchenriesen wie Beiersdorf, Coca-Cola, Dr. Oetker, Danone, Nestlé und Unilever, Lidl und Edeka, DM und Rossmann sowie BASF.

  • Klimaschutz per Gerichtsbeschluss

    Die Deutsche Umwelthilfe und Greenpeace gehen juristisch gegen BMW, Mercedes-Benz, VW und Wintershall vor. Notfalls soll durch alle Instanzen geklagt werden

    Kommende Woche will die deutsche Autoindustrie auf der Branchenmesse IAA in München mit neuen Fahrzeugen und Konzepten glänzen. Die Stimmung ist möglicherweise nicht so gut, wie geplant. Denn die Deutsche Umwelthilfe (DUH) und Greenpeace gehen gegen BMW, Mercedes-Benz und VW vor und bereiten Klagen vor. Auch Wintershall, Deutschlands größter unabhängiger Gas- und Ölförderer, hat Post bekommen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen:

    Worum geht es?

    Das internationale Pariser Klimaschutzabkommen sieht vor, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen. Der Weltklimarat IPCC legte 1,5 Grad nahe. Dafür muss der CO2-Ausstoß sinken. Die Bundesregierung hat ein Klimaschutzgesetz beschlossen, wonach Deutschland bis 2045 klimaneutral ist, also zum Beispiel nur noch soviel CO2 ausstößt, wie gleichzeitig gespeichert wird. Teil der Anstrengungen ist etwa der Kohleausstieg bis 2038. Die Industrie, einer der größten Verursacher von CO2 muss sich auf die Klimaziele einrichten. DUH und Greenpeace sehen hier wenig Bewegung bei den Unternehmen, die sich demnach vor Klimaschutz drücken.

    Was verlangen DUH und Greenpeace?

    Die deutschen Autobauer sollen unter anderem ihr Geschäftsmodell umstellen, sich verpflichten, den Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotoren zu stoppen. Bisher gibt es dafür nur Absichtserklärungen. Wintershall soll spätestens von 2026 an keine neuen Gas- und Ölfelder mehr erschließen. Die Forderungen greifen tief in die unternehmerische Freiheit ein.

    Wer steht hinter dem Vorgehen?

    Weil Verbänden in Fällen wie diesen nicht klagen dürfen, schickt Greenpeace zwei Geschäftsführer vor. Mit dabei ist auch Clara Mayer, aktiv bei Fridays for Future. Sie ist bei VW bekannt: Sie redet auf der Hauptversammlung 2019 über mehr Klimaschutz. Vertreten werden die drei von Roda Verheyen von der Kanzlei Günther in Hamburg. Die streitbare Rechtsanwältin war daran beteiligt, die erste Fassung des Klimaschutzgesetzes vor dem Bundesverfassungsgericht zu Fall zu bringen. BMW, Mercedes-Benz und Wintershall haben Post von der Berliner Kanzlei Geulen und Klinger im Namen der drei DUH-Geschäftsführer bekommen. Anwalt Remo Klinger vertritt auch einen peruanischen Bauern, der wegen Klimavergehen gegen den deutschen Energiekonzern RWE klagt.

    Wie gehen Greenpeace und die DUH vor?

    Juristisch ist die Lage etwas kompliziert. Sehr vereinfacht: Die sechs Kläger sehen sich in ihren Gesundheits- und Freiheitsrechten durch das Handeln der Unternehmen eingeschränkt. Zunächst haben BMW, Mercedes-Benz, VW und Wintershall Unterlassungserklärungen zugesandt bekommen. VW hat Zeit bis Ende September, um die Forderungen umzusetzen, die anderen drei Konzerne bis zum 20. September. Weil weder DUH noch Greenpeace offenbar damit rechnen, dass die Firmen den weitreichenden Einschnitten zustimmen, kündigten sie an, nach Ablauf der Fristen zu klagen – notfalls durch alle Instanzen.

    Wieso gehen Greenpeace und DUH von einem Sieg aus?

    Vorbild ist das Urteil eines niederländischen Gerichts gegen Shell, den größten Ölkonzern der Welt mit Sitz in Amsterdam und London. Erstmals wurde im Mai ein Unternehmen verpflichtet, dass seine Produkte künftig keinen Klimaschaden mehr anrichten können – ein radikaler Einschnitt in das Geschäftsmodell. Zudem hat das Bundesverfassungsgericht im April ein Grundrecht der kommenden Generationen auf Klimaschutz anerkannt. Auch rechnen die beiden Kanzleien damit, dass die vier deutschen Unternehmen es nicht darauf ankommen lassen, jahrelang durch alle Instanzen zu klagen und dann zu verlieren. „Dann müssten sie in noch kürzerer Zeit noch mehr tun“, sagte Anwalt Klinger.

    Wo wird geklagt?

    Sollte es soweit kommen, werden DUH und Greenpeace vor den Landgerichten Braunschweig (VW), Kassel (Wintershall), München I (BMW) und Stuttgart (Mercedes-Benz) klagen.

    Warum trifft es die vier Unternehmen?

    Die vier Unternehmen gehören zu den größten in Deutschland. Und sie sind global tätig. Die deutschen Autohersteller sind allein 2019 weltweit für eine CO2-Menge wie die Deutschlands verantwortlich, wie DUH und Greenpeace errechnet haben. Deutschland steht für zwei Prozent der CO2-Emissionen weltweit. Wintershall ist der größte deutsche Öl- und Gasförderer, der international tätig ist und auch Deutschlands einzige Offshore-Ölplattform betreibt, Mittelplate im Wattenmeer. Das Unternehmen will sein Geschäft ausbauen. Es gehört mehrheitlich BASF, dem größten Chemiekonzern der Welt außerhalb Chinas.

    Wird es weitere Klagen geben?

    DUH-Geschäftsführer kündigte weitere Klagen gegen andere Unternehmen an.

    Mit welchen Kosten rechnen Greenpeace und DUH? Wie werden die Verfahren finanziert?

    Mit welchen Kosten sie für die vier Verfahren rechnen, wollten Greenpeace und DUH nicht sagen. Der Streitwert der Klagen ist noch unklar. Greenpeace finanziert die Verfahren über Spenden, wie Geschäftsführer Martin Kaiser sagte. Die Deutsche Umwelthilfe setzt auf private Spenden. „Wir sind noch nicht durch und werben für Patenschaften“, sagte Geschäftsführer Jürgen Resch. Er sei zuversichtlich, dass alle Kosten gedeckt werden können.