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  • Kaum Angst vor Rezession in den USA

    Deutsche Firmen und Ökonomen: Auswirkung der US-Haushaltskrise begrenzt

    Auf den riesigen Parkplätzen von BMW im US-Werk Spartanburg werden in den ersten Monaten des Jahres 2013 vielleicht mehr Neuwagen auf Käufer warten als heute. Aber mit einem starken Einbruch von Verkauf und Produktion in den USA rechnet die deutsche Autoindustrie nicht. Auch viele Ökonomen in Deutschland betrachten die hektische Debatte über eine bevorstehende amerikanische Rezession eher entspannt. So sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel: „Die Haushaltskrise in den USA bringt für den deutschen Arbeitsmarkt vermutlich kein großes Ungemach.“

    Völlig spurlos werden die politischen Turbulenzen in Washington an Europa und Deutschland jedoch nicht vorbeigehen. Denn sie beinflussen einen wichtigen Teil der Wirtschaftsbeziehungen. Etwa acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA. Das sind in diesem Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von über 80 Milliarden Euro. Fahrzeuge und Autoteile spielen dabei eine besondere Rolle. Wenn nun die Steuern in den USA steigen, die staatlichen Ausgaben sinken, Privatleute und Verwaltungen deshalb sparsamer sein müssen, werden auch weniger Wagen aus deutscher Produktion gekauft.

    Hierzulande schmerzhaft bemerkbar machte sich, wenn die USA tatsächlich von der „finanziellen Klippe“ stürzen würden. Können Präsident Obama, die Demokraten und die Republikaner keinen Kompromiss finden, werden dort zu Beginn des Jahres Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen wirksam, die etwa vier Prozent der US-Wirtschaftsleistung beanspruchen. Dies könnte nicht nur dazu führen, dass das amerikanische Bruttoinlandsprodukt zurückgeht. Auch die deutsche Wirtschaft würde gebremst.

    Den möglichen Effekt beziffert Gustav Adolf Horn vom Institut für Makroökonomie in Düsseldorf auf bis zu 0,8 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Hiesige Unternehmen müssten dann auf den Absatz von Waren und Dienstleistungen im Wert von bis zu 20 Milliarden Euro im kommenden Jahr verzichten. Angesichts solcher Erwartungen überlegen Firmenchefs und Manager durchaus, ob sie noch alle Beschäftigten brauchen. Hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland wären potenziell gefährdet.

    Freilich rechnen Firmen und Wirtschaftswissenschaftler nicht damit, dass es wirklich so kommt. Man geht von einer baldigen Einigung in Washington aus, die die dämpfenden Steuer- und Spareffekte zumindest reduziert. So kalkuliert Ökonom Kooths, dass schließlich nur noch zwei Prozent Wachstumseinbuße übrig bleiben. „Diese relative Verringerung der US-Wirtschaftsleistung wird sich zwar auch in Deutschland niederschlagen. Ein Krisenszenario droht damit jedoch nicht“, resümiert Kooths.

    Dafür führt der Kieler Ökonom drei Argumente in´s Feld. Erstens prognostiziert er eine Erholung der US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2013. Zweitens gelinge es den deutschen Unternehmen, Einbußen auf einem Markt durch Zuwächse in anderen Regionen auszugleichen. Beispiel Europa: Als die Firmen in den vergangenen Jahren weniger Produkte nach Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal verkaufen konnten, richteten sie ihr Augenmerk stärker auf Asien. Die Exporte dorthin nahmen zu. Außerdem wirkt sich auch die stärkere Inlandsnachfrage in Deutschland positiv aus.

    Und drittens, so meint Kooths, trennen sich deutsche Unternehmen in diesen Jahren kaum von ihren Beschäftigten. Weil sie damit rechnen, sie demnächst wieder zu brauchen, schleppen sie sie lieber ein paar Monate durch. Die gute Nachricht für die Arbeitnehmer lautet somit: Die Arbeitslosenquote steigt 2013 wohl nur minimal, eher nimmt sogar die Zahl der Beschäftigten noch leicht zu.

    Die deutsche Ökonomie ist augenblicklich extrem robust. Dämpfer wie aus den USA können ihr nur wenig anhaben. Anders sieht es dagegen in manchen europäischen Nachbarstaaten aus. Frankreich, Italien, Spanien, Portugal: Dort stagniert die Wirtschaft oder sie schrumpft im kommenden Jahr. In einer solchen Situation verschärft sich dort die Krise, wenn die Nachfrage aus den USA ausfällt.

  • Auf die richtige Mischung kommt es an

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 5

    Den kleinen Sohn betreuen und trotzdem weiter den Beruf ausüben – diese Kombination war für Industriemechaniker Holger Hönig möglich. Mit seinem Arbeitgeber, der metallverarbeitenden Firma Rasselstein GmbH im rheinland-pfälzischen Andernach, vereinbarte er ein ausgeklügeltes Teilzeitmodell. Drei Werktage blieb er zu Hause, an zwei Tagen arbeitete er während der Frühschicht im Betrieb.

    Der Vorteil lag auf beiden Seiten. Hönigs ebenfalls berufstätige Frau ging weiter ihrer Arbeit nach. Dank der Teilzeittätigkeit bei Rasselstein konnte die Familie ihr gleichberechtigtes Lebensmodell fortführen. Aber auch die Firma profitierte: Mechaniker Hönig stand mit seinem Wissen weiter zur Verfügung. Die teure Einarbeitung eines Ersatzmannes war nicht notwendig.

    Gegen viele Widerstände gewinnen solche Arbeits- und Lebensmodelle allmählich mehr Raum. Dabei gehören Unternehmen wie Rasselstein noch einer Minderheit an. Bildungssoziologin Jutta Allmendinger, die Leiterin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, fordert die Unternehmen auf, mehr „Durchlässigkeit zwischen Arbeit und Familie zu ermöglichen“.

    Die Zahl und Vielfalt der neuen Arbeitszeitmodelle ist schon heute unüberschaubar. Manche Unternehmen gestatten ihren Beschäftigten beispielsweise, regelmäßig einige Tage pro Woche zu Hause zu arbeiten, andere sorgen dafür, dass den Angestellten Kita-Plätze für den Nachwuchs zur Verfügung stehen. Eine weitere Variante besteht darin, längere Auszeiten mit Rückkehrrecht zu vereinbaren, wenn Mitarbeiter Zeit für Erholung, Fortbildung oder die Pflege der sterbenden Eltern brauchen.  

    Früher waren die Sphären Arbeit und Familie weitgehend voneinander getrennt. Nun beginnen sie sich gegenseitig zu durchdringen. Die Ursachen liegen sowohl in der Wirtschaft, als auch im modernen Familienleben. „Einerseits erwarten die Unternehmen mehr Flexibilität von ihren Beschäftigten“, sagt Joachim Sauer, der Präsident des Bundesverbandes der Personalmanager. Das hat unter anderem damit zu tun, dass manche Firma weltweit in mehreren Zeitzonen arbeitet. Im Dienstleistungssektor kommen die Ansprüche der Kunden hinzu, die ihre Lieferanten rund um die Uhr erreichen wollen. 

    „Andererseits wünschen sich in modernen Familien beide Lebenspartner oft beides – berufliche Karriere sowie gleichberechtigte Anteile an der Erziehung der Kinder“, so Sauer. Weil diese Tendenzen aus Wirtschaft und Gesellschaft aufeinandertreffen, entsteht unweigerlich ein zusätzlicher Koordinationsaufwand, ein Bedarf an neuen Modellen der Kombination.

    Dabei ist die Bedeutung des Themas „Familienfreundlichkeit“ noch nicht überall angekommen. Informationen des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge hielt 2010 rund ein Drittel der hiesigen Spitzenkräfte solche Überlegungen für unwichtig. Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von 2011 zeigt hingegen die Vorteile für Unternehmen. Demnach rechnet es sich im Vergleich zu Neueinstellungen in der Regel, wenn erfahrene Mitarbeiter dank innovativer Arbeitszeitmodelle in der Firma bleiben – wie im Falle der Firma Rasselstein.

  • Familie ist auch ein Wirtschaftsfaktor

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 1

    Wenn Heiligabend die Kerzen am Weihnachtsbaum erleuchten, schart sich immer seltener eine  klassische Familie mit zwei Eltern und Kindern dazu. Das traditionelle Lebensmodell ist auf dem Rückzug, auch wenn jungen Menschen die lebenslange Partnerschaft und die gemeinsame Erziehung und Betreuung von Kindern weiter zu ihren wichtigsten Lebenszielen zählen. Doch am Gabentisch sitzen mittlerweile vielfältig zusammengewürfelte Gruppen. Patchwork-Eltern, Großeltern, Freunde oder bisweilen auch gleichgeschlechtliche Partner. „Heute stiftet Familie Sinn“, glaubt der Philosoph Richard David Precht. Mit Kindern hat dies nicht mehr zwangsläufig etwas zu tun.

    Das zeigt auch die jüngste Studie des Instituts für Bevölkerungsentwicklung im Auftrag der Bundesregierung. Trotz einer üppigen staatlichen Familienförderung bleibt die Geburtenrate in Deutschland so niedrig wie in kaum einen anderen Land. 1,39 Kinder bringt jede Frau durchschnittlich zur Welt. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, müssten es wenigstens zwei sein. Das geht, wie es das Nachbarland Frankreich zeigt, in dem diese Marke sogar leicht übertroffen wird. Vorne liegen die nordeuropäischen Länder. Das Bundesamt erklärt diese Unterschiede mit der aktiven Familienpolitik in den Ländern, die Frauen zu mehr Gleichberechtigung im Job verschafft und für Kinderbetreuungsmöglichkeiten sorgt.

    Neben dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, also Spaß am Leben, spielen wesentliche Schwächen der Gesellschaft die größte Rolle. Vor allem in den westlichen Bundesländern ist das Image berufstätiger Mütter immer noch schlecht. Auch schreckt die Doppelbelastung aus beruflicher Karriere und Erziehungsaufgaben viele Paare vor dem Kinderkriegen ab. Arbeit und Familie sind trotz aller Beteuerungen von Politik und Wirtschaft schwer miteinander zu vereinbaren. Das zeigt die Statistik deutlich. Je besser Frauen ausgebildet sind, desto weniger Kinder haben sie. Ein Drittel der Hochqualifizierten verzichtet ganz darauf.

    Warum ist die Familienförderung so erfolglos und wie kann für Eltern ein besseres Umfeld geschaffen werden? Das sind die zentralen Fragen, der in dieser Serie auf den Grund gegangen wird. Denn die Antworten darauf sind für den Erhalt des Wohlstands und des Sozialstaats von großer Bedeutung. Die Wirtschaft ist auf qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen.  Fast ein Drittel der Mütter steigt nach der Geburt des ersten Kindes aus dem Erwerbsleben aus. „Die Frauen bleiben zu Hause, weil sie nicht die Rahmenbedingungen finden, die sie brauchen“, sagt Jutta Allmendinger, die Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin.

    Am guten Willen der Politik mangelt es nicht. Immerhin 152 familienpolitische Maßnahmen gibt es in Deutschland. Jahr für Jahr kosten sie zusammen 123 Milliarden Euro. Daran gemessen ist der Erfolg miserabel. Es gibt zu wenige Kinder und Eltern sind statistisch betrachtet ein weitaus häufiger arm als Rentner. Warum das so ist, wird diese Serie zeigen.

    Ein Schlüssel zur Lösung der Probleme hält die Wirtschaft in der Hand. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Karrierechancen für Mütter und Väter könnten die Entscheidung für Kinder fördern. Doch die Praxis sieht entgegen allen Beteuerungen oft kinderfeindlich aus. Es wird die Präsenz am Arbeitsplatz verlangt, oft auch gerade in jungen Jahren ein überdurchschnittlicher Zeitaufwand für den Beruf. Betreuungsmöglichkeiten bieten die wenigsten Betriebe und je einfacher die Tätigkeit wird, desto weniger wird auf die Belange von Eltern Rücksicht genommen. Das rechnet sich volkswirtschaftlich, aber auch  unternehmerisch durch eine hohe Bindung der Eltern an den Betrieb, eine hohe Motivation und sinkende Rekrutierungskosten. Damit junge Menschen der Wirtschaft helfen, muss die Wirtschaft auch den jungen Menschen helfen.

  • Eltern kennen keine Atempause

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 2

    Wenn Silvia F. nach der Arbeit als Betreuerin psychisch Kranker nach Hause kommt, wartet dort eine zweite Schicht. Sohn Liam will betreut werden, spielen, bei den Hausaufgaben Hilfe erhalten. Die 40-jährige erzieht den Sohn allein. Die Verwandten wohnen weit weg und können nicht helfen. Für Freunde bleibt kaum Zeit. „Es ist immer etwas Dringendes zu tun“, sagt sie, „ich weiß oft nicht, wie ich alles schaffen soll.“ Mit knapp 1.400 Euro netto für die 30-Stunden-Woche sind auch finanziell keine großen Sprünge drin. Silvia F. steckt in der „Rush-Hour des Lebens“ fest.

    Diesen Begriff verwendet der Familienforscher Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität, wenn er das Dilemma der Deutschen im Alter zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr beschreibt. Gleichzeitig sollen junge Leute den Berufseinstieg schaffen, die ersten Karrieresprossen erklimmen, einen Partner suchen und anschließend Kinder erziehen und das Häuschen bauen. Da führt zu einer permanenten Überforderung dieser Generation. Bei Alleinerziehenden ist dieses Problem besonders stark. Daraus ergibt sich für Bertram die Erkenntnis, dass Familienförderung vor allem Zeit für alle Aufgaben verschaffen soll. Hier stehen Unternehmen und Staat gleichermaßen in der Pflicht, einerseits den Bedürfnissen der Eltern bei der Gestaltung der Arbeitsplätze mehr zu entsprechen, andererseits die Bildungskarriere zu verlängern.

    Es gibt mehrere Gründe für die Konzentration der Belastungen auf eine Zeitspanne im Leben. So haben sich die Biographien der Frauen in den vergangenen 40 Jahren massiv verändert. „In Deutschland ist die Zeit im Lebenslauf, in der sich junge Frauen für Kinder entscheiden, auf ein ganz kleines Zeitfenster zwischen dem 29. und 34. Lebensjahr reduziert worden“, beobachtet Bertram. Noch in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekamen die meisten Mütter das erste Kind mit Mitte 20, und mit etwa 33 Jahren das letzte. Zugleich ist der Abstand zwischen den Geburten gesunken. Erziehung ist nur noch ein Abschnitt des Lebens, nicht sei Inhalt.

    Auch die Arbeitswelt hat sich so verändert, dass die Entscheidung für Kinder entweder spät oder gar nicht fällt. Junge Frauen erwerben immer bessere Bildungsabschlüsse und sind dadurch zeitlich stark eingebunden und verfügen kaum über eine eigene materielle Basis. Das ändert sich im Gegensatz zu früher auch beim Einstieg in den Beruf nicht sofort. Viele Berufe bieten heute zum Einstieg nur befristete oder projektorientierte Arbeitsmöglichkeiten. Die finanzielle Sicherheit und ein hoher Verdienst werden oft erst nach dem 40. Lebensjahr erreicht.

    Die Herausforderung besteht in der Entzerrung der Rush Hour des Lebens. Länder wie Schweden, wo der Staat das Armutsrisiko junger Familien reduziert oder die USA, wo es auch nach der Kindererziehungzeit noch berufliche Chancen gibt, sind Beispiele für flexiblere Lebensläufe als bei uns, wo nach wie vor starr erst eine Ausbildung absolviert, dann die Familie gegründet wird.

    Es gibt auch in Deutschland gute Beispiele aus Unternehmen. Eines davon ist die Bosch-Gruppe, die in diesem Jahr zum familienfreundlichsten Großunternehmen Deutschlands gewählt wurde. In den Betrieben gibt es mehr als 100 Arbeitszeitmodelle, von der verkürzten täglichen Arbeitszeit bis hin zum Teilen des Jobs. Das bringt den Eltern keine Nachteile ein. „Mitarbeiter/-innen in Teilzeit erhalten die gleichen Chancen wie Vollzeitbeschäftigte“, erläutert Bosch-Sprecher Christoph Zemelka. Auch will das Unternehmen weg von der Präsenzkultur zu flexiblen Modellen, bei denen die Angestellten auch mal von Zuhause aus arbeiten können. Es ist also möglich, den Eltern die Zeit zu geben, die sie dringend brauchen.

  • Die Familienpolitik folgt dem Prinzip Gießkanne

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 3

    Eine große Kinderzahl oder alleine erziehen sind Lebensumstände, die ein weit überdurchschnittliches Armutsrisiko mit sich bringen. Das legt den Verdacht nahe, dass der Staat zu wenig für Familien tut. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Kaum ein Staat gibt im Jahr so viel Geld für die Familienförderung aus wie Deutschland. „Mit Familienleistungen von 5.100 Euro pro Jahr je Kind liegt Deutschland weltweit auf dem vierten Platz“, sagt der frühere Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Wiegard. 152 familienpolitische Maßnahmen kosten jährlich 123 Milliarden Euro. Zugleich ist aber auch kaum ein Staat so erfolglos bei dem Versuch, die Geburtenrate anzuheben. Sie verharrt bei einem Wert von weniger als 1,4 Kinder pro Frau.

    Die große Zahl an Hilfen erstaunt den Laien. Was verbirgt sich dahinter? Der größte Posten ist das Kindergeld mit fast 39 Milliarden Euro. Die Aufstellung des Bundesfamilienministeriums listet etliche Posten auf, die kaum jemand bedenkt. Die Palette reicht von der beitragsfreien Mitversicherung der Familienmitglieder in der gesetzlichen Krankenkasse über Rentenleistungen für die Kindererziehung bis Wohnraum- oder Bildungsförderung. Sie enthält aber auch dicke Brocken, die nicht zwangsläufig mit der Kindererziehung zu tun haben wie das 20 Milliarden Euro teure Ehegattensplitting, von dem auch Paare ohne Kinder profitieren.

    „Mit weniger Steuergeld lässt sich mehr erreichen“, ist Volkswirt Wiegard überzeugt. Er kritisiert widersprüchliche Instrumente wie das Betreuungsgeld bei gleichzeitigem Ausbau der Betreuungsplätze für Kleinkinder. Auf der einen Seite gibt der Staat viel Geld aus, damit alle Kleinkinder mit Kita-Plätzen versorgt werden können. Auf der anderen Seite spendieren die Steuerzahler bald  all jenen ein Betreuungsgeld, die ihre Kinder zuhause erziehen. „Es ist kontraproduktiv und reine Geldverschwendung“, kritisiert der Professor. Auch das Müttern und Väter bis zu 14 Monate lang gewährte Elterngeld ist im Sinne der Geburtenförderung zwiespältig. Einerseits erleichtert es jungen Menschen die Entscheidung für Kinder. Da sich die Höhe der Zahlung aber am letzten Einkommen orientiert, schieben Paare den Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes möglichst hinaus, bis sie gut verdienen. Dadurch bleibt weniger Zeit für weitere Kinder.

    Dabei sind sich die meisten Experten über das Erfolgsrezept für mehr Familien in der Gesellschaft einig. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es gehen kann. Während Deutschland vor allem auf  Verteilung setzt, also direkt Hilfen für Eltern und Kinder, schaffen die Franzosen auf eine gute Betreuungsinfrastruktur und eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen. Dazu fördert Frankreich Familien mit mehreren Kindern stärker als Paare mit nur einem Kind.

    „Die deutsche Familienpolitik ist stark fragmentiert und wenig koordiniert“, beobachtet Wiegard. Zuständig sind mal der Bund, mal die Länder oder die Kommunen. Allein auf Bundesebene liegt die Zuständigkeit für familienpolitische Leistungen bei acht Ministerien. Der Experte sieht Chancen dafür, das vorhandene Geld viel effizienter auszugeben, wenn statt auf Geldleistungen mehr auf den Ausbau der Infrastruktur für Familien gesetzt wird.

    Eine Gelegenheit zum Umdenken könnte es bald geben. Im kommenden Jahr werden die führenden Forschungsinstitute eine Untersuchung aller familienpolitischen Leistungen auf ihre Wirksamkeit hin abschließen. Danach könnte der Instrumentenkasten neu bestückt werden. Ob der politische Wille dazu reicht, zweifelt Wiegard jedoch an: „Da steht schon die Befürchtung im Raum, dass wissenschaftliche Ergebnisse weniger zählen als tradierte parteipolitische Glaubenssätze.“

  • Der Chef ist eine Frau

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 4

    In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg. Zwei von vier Vorständen sind weiblich, und drei von zehn Aufsichtsräten. Damit steht die Firma an der Spitze des Woman-on-Board-Index. Dieser zeichnet alljährlich auf, wieviele Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen sitzen.

    Während in Brüssel und Berlin eine mühsame Debatte darüber stattfindet, wie Frauen einen angemessenem Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen erhalten, schaffen Firmen wie GfK Fakten. „Wir sind ein international geprägtes Unternehmen. Deshalb spielt Vielfalt eine große Rolle“, begründet Sprecherin Marion Eisenblätter ein Motiv. Die GfK will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter die gesellschaftliche Realität abbilden. Viele Führungspositionen im Ausland werden deshalb mit Bewerbern aus dem jeweiligen Kulturkreis besetzt. Und der Frauenanteil hierzulande steigt in Richtung ihres Anteils an der Bevölkerung – rund 50 Prozent. 

    Was nach einer Kopfgeburt oder einer zufälligen Entwicklung aussehen könnte, bringt erhebliche Vorteile. Indem das Unternehmen sich nicht vornehmlich auf männliche Spitzmanager verlässt, steht ihm eine größere Zahl möglicher Kandidaten und Kandidatinnen für freie Stellen zur Verfügung. Damit wächst auch die Chance, wirklich die beste Bewerberin oder den besten Bewerber auszuwählen. Die Mehrheit der hiesigen Unternehmen ergreift diese Chance bisher jedoch kaum. Zwar ist etwa die Hälfte der angehenden Akademiker an deutschen Hochschulen weiblich, in unternehmerischen Spitzenpositionen sind die Frauen aber nur zu zehn Prozent vertreten. Die deutsche Wirtschaft leistet es sich, viele der vorhandenen Qualifikationen und potenziellen Bewerberinnen zu ignorieren.

    Einerseits geht es um Gleichberechtigung und modernes Familienleben. Viele Frauen möchten eine professionelle Karriere verwirklichen und gleichzeitig ein erfülltes Familienleben genießen. In der Praxis ist diese Vorstellung aber oft nicht durchzuhalten. Die Konsequenz: 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte verzichten lieber auf Kinder. Frauen, wie Telekom-Managerin Jeannette von Ratibor, die vier Kinder und einen Spitzenjob vereinbaren sind selten.

    Andererseits entdecken manche Unternehmen allmählich, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die neuen Ansprüche zu berücksichtigen. Denn die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel. Der Grund: Die deutsche Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Schon 2025 könnten mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann dürfte es kaum noch möglich sein, auf Frauen zu verzichten. Daher scheint es besser, die Firmen würden sich  heute bereits auf die Zukunft einstellen.

    Trotzdem tut sich nicht viel. GfK ist eher eine Ausnahme. Wie der Woman-on-Board-Index ausweist, liegt der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In einem Drittel der Gesellschaften sind die Führungsgremien komplett mit Männern besetzt.

    EU-Justizkommisarin Viviane Reding will deshalb eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis 2020 festschreiben. Richtig oder falsch? Auch in Deutschland ist die Debatte im Gange. Während den Gegnern die Quote zu starr erscheint, halten Befürworter sie für notwendig. Begründung: Nur wenn die Zahl der Frauen in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht, bekommen Bewerberinnen auch eine faire Chance.
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    Serie Familie und Wirtschaft
    Teil 4

    Der Chef ist eine Frau

    Von Hannes Koch

    In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg. Zwei von vier Vorständen sind weiblich, und drei von zehn Aufsichtsräten. Damit steht die Firma an der Spitze des Woman-on-Board-Index. Dieser zeichnet alljährlich auf, wieviele Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen sitzen.

    Während in Brüssel und Berlin eine mühsame Debatte darüber stattfindet, wie Frauen einen angemessenem Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen erhalten, schaffen Firmen wie GfK Fakten. „Wir sind ein international geprägtes Unternehmen. Deshalb spielt Vielfalt eine große Rolle“, begründet Sprecherin Marion Eisenblätter ein Motiv. Die GfK will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter die gesellschaftliche Realität abbilden. Viele Führungspositionen im Ausland werden deshalb mit Bewerbern aus dem jeweiligen Kulturkreis besetzt. Und der Frauenanteil hierzulande steigt in Richtung ihres Anteils an der Bevölkerung – rund 50 Prozent. 

    Was nach einer Kopfgeburt oder einer zufälligen Entwicklung aussehen könnte, bringt erhebliche Vorteile. Indem das Unternehmen sich nicht vornehmlich auf männliche Spitzmanager verlässt, steht ihm eine größere Zahl möglicher Kandidaten und Kandidatinnen für freie Stellen zur Verfügung. Damit wächst auch die Chance, wirklich die beste Bewerberin oder den besten Bewerber auszuwählen. Die Mehrheit der hiesigen Unternehmen ergreift diese Chance bisher jedoch kaum. Zwar ist etwa die Hälfte der angehenden Akademiker an deutschen Hochschulen weiblich, in unternehmerischen Spitzenpositionen sind die Frauen aber nur zu zehn Prozent vertreten. Die deutsche Wirtschaft leistet es sich, viele der vorhandenen Qualifikationen und potenziellen Bewerberinnen zu ignorieren.

    Einerseits geht es um Gleichberechtigung und modernes Familienleben. Viele Frauen möchten eine professionelle Karriere verwirklichen und gleichzeitig ein erfülltes Familienleben genießen. In der Praxis ist diese Vorstellung aber oft nicht durchzuhalten. Die Konsequenz: 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte verzichten lieber auf Kinder. Frauen, wie Telekom-Managerin Jeannette von Ratibor, die vier Kinder und einen Spitzenjob vereinbaren sind selten.

    Andererseits entdecken manche Unternehmen allmählich, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die neuen Ansprüche zu berücksichtigen. Denn die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel. Der Grund: Die deutsche Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Schon 2025 könnten mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann dürfte es kaum noch möglich sein, auf Frauen zu verzichten. Daher scheint es besser, die Firmen würden sich  heute bereits auf die Zukunft einstellen.

    Trotzdem tut sich nicht viel. GfK ist eher eine Ausnahme. Wie der Woman-on-Board-Index ausweist, liegt der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In einem Drittel der Gesellschaften sind die Führungsgremien komplett mit Männern besetzt.

    EU-Justizkommisarin Viviane Reding will deshalb eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis 2020 festschreiben. Richtig oder falsch? Auch in Deutschland ist die Debatte im Gange. Während den Gegnern die Quote zu starr erscheint, halten Befürworter sie für notwendig. Begründung: Nur wenn die Zahl der Frauen in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht, bekommen Bewerberinnen auch eine faire Chance.

  • Der Kitt der Gesellschaft

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 6

    Immer weniger Paare gehen den Bund des Lebens ein. Immer seltener bekommen Familien Nachwuchs. Haben wir den Sinn für Familie verloren? Nein, sagen Wissenschaftler. Wir haben nur begonnen, sie neu zu definieren  

    „Ich habe zwei Mamas und zwei Papas, eine Menge Brüder und Schwestern, aber keiner von ihnen ist es eigentlich wirklich. Sie sind alle Halb-Irgendwas und Stief-Irgendwas und ein bisschen dies und ein bisschen das. Und ich liebe sie. (…) Jeder, den man zur Familie zählt, ist Familie. Auch Freunde können Familie sein.“ Mit diesen Worten brachte vor einiger Zeit eine 13-Jährige Schülerin aus dem Norden Londons in der Zeitung Independent zum Ausdruck, was für sie Familie bedeutet – nämlich genau das, was Wissenschaftler heutzutage propagieren.

    „Auch Freunde können Familie sein“, meint der Zukunftsforscher Horst Opaschowsky dazu. Die Familie beziehungsweise die Zweigenerationenfamilie habe mit dem demografischen Wandel aufhört, Idealtypus der Gesellschaft zu sein. Der Trend gehe zur Mehrgenerationenfamilie, die aber nicht immer und nicht zwangsläufig unter einem Dach leben müsse. Und, so der Forscher: Wer familien-, kinder- und enkellos lebt, ist mit zunehmenden Alter darauf angewiesen, Freunde als Wahlfamilie zu gewinnen.

    Dieses neue Verständnis von Familie, beobachtet Opaschowsky, ist in der westlichen Welt längst Wirklichkeit geworden. Auch mit Zahlen untermauert der Wissenschaftler seine These: „Mehr als die Hälfte, 55 Prozent der Deutschen, halten es erforderlich, ,sich frühzeitig um nichtverwandte Wahlfamilien zu kümmern’, zitiert er aus einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen, die er jahrelang leitete.    

    Nicht nur bei Opaschowsky erfährt die Familie eine Neudefinition. „Wir befinden uns inmitten einer sozialen Experimentierphase“, sagt beispielsweise der Philosoph Richard David Precht, Er glaubt, dass die Zukunft in Großfamilien liegen wird. Schließlich sei der Zusammenhalt von Clans ein „artspezifisches Verhalten“. Über Jahrhunderte lebten die Menschen so zusammen, argumentiert er. Zu einem solchen Familienverband gehörten ein Großteil der Verwandtschaft, unverheiratete Geschwister, Cousinen, Ammen, Hauspersonal, Gesinde. Die neue Großfamilie könnte eine modifizierte Wiederaufnahme dieser Struktur sein, indem sie Ex-Partner und Freunde einschließt.

    Die Gesellschaft profitiert von Familienmodellen, in denen man sich stärker um seine Angehörige kümmert, meint Precht. Schon allein deshalb, weil aufgrund der Überalterung der Bevölkerung ein Kollaps unserer Sozialsysteme droht und der Staat es sich immer weniger leisten kann, die Versorgung der Alten zu finanzieren.

    Die Wirtschaft, so Precht, muss sich auf diese Veränderungen einstellen. Er sagt: Heute arbeiten die Menschen am meisten an ihrer Karriere in dem Alter, in dem sie Kinder bekommen und aufziehen. Als Folge davon können sie sich nicht um den Nachwuchs kümmern, sind allzeit überfordert und leiden im äußersten Fall am Ende sogar an einem Burnout. Es müsste also Möglichkeiten geben, gerade in dieser Lebensphase weniger zu arbeiten.

    Das Bedürfnis nach mehr Zeit für Familie und ein gutes Leben passt zwar nicht ins Konzept vieler Unternehmen. Doch sie müssen sich wohl teilweise anpassen, wenn sie den Wettbewerb um die besten Leute nicht ausscheiden wollen. „Viele potenzielle Kandidaten winken ab, wenn sie viel unterwegs sein sollen oder überlange Arbeitszeiten haben“, klagt ein Personalberater. So schafft der Bedarf am Ende vielleicht auch ein neue Realität.

  • Honorarberater statt Finanzverkäufer

    Verbraucher sollen unabhängig beraten werden

    Die Bundesregierung stärkt die Beratung von Anlegern durch unabhängige Experten. Mitte nächsten Jahres werden zwei neue Berufsbilder geschaffen. Dann gibt es den „Honorar-Finanzanlagenberater“ und den „Honorar-Anlageberater“. Das hat das Bundeskabinett beschlossen. „Wir schaffen damit den Einstieg in eine Alternativkultur der Anlageberatung“, hofft Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Die Ratschläge der Fachleute würden nicht mehr durch Provisionen oder Umsatzziele beeinflusst, sondern allein durch die Bedürfnisse der Kunden.

    Es gibt bundesweit bereits rund 1.400 unabhängige Büros, die Anlegern für sie geeignete Produkte empfehlen. Dafür bezahlen die Kunden eine Gebühr, die durchaus über 100 Euro betragen kann. Da gerade bei lange laufenden Verträge die Unterschiede zwischen guten und schlechten Produkten durchaus einige Tausend Euro ausmachen können, lohnt sich eine Beratung dennoch. Bislang wenden sich die meisten Verbraucher an ihre Bank, wenn sie etwas sparen wollen. Die Beratung in den Geldinstituten ist meist vordergründig kostenlos. Doch die Banken kassieren für die Vermittlung bestimmter Produkte Provisionen. Insbesondere nach der Pleite der Lehman-Bank 2008 ist dieses System in die Kritik geraten, weil für die Bankberater die Höhe der Provisionen wichtiger war als das Wohl der Kunden. Mit unabhängigen Beratern will die Bundesregierung für mehr Wettbewerb auf diesem Markt sorgen und die Qualität der Tipps insgesamt verbessern.

    Es wird künftig drei Berufsbilder geben. Zu den bereits existenten Versicherungsberatern kommen die Finanzanlagenberater, die ausschließlich offene und geschlossene Fonds oder Unternehmensbeteiligungen empfehlen dürfen. Dagegen darf der Honorar-Anlageberater umfassend Vermögensanlagen und Wertpapiere untersuchen und zum Kauf raten. Manche Produkte wie Bausparverträge oder Darlehen bleiben jedoch außen vor. Finanzieren dürfen ich die Berater ausschließlich über die Vergütungen durch die Kunden. Wenn sie Produkte vermitteln und dafür Provisionen vorgesehen sind, müssen sie diese an den Sparer in voller Höhe weiter geben.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) begrüßt den Vorstoß der Bundesregierung, mahnt jedoch weitere Verbesserungen an. „Eine gute Beratung kann nur funktionieren, wenn sie alle Finanzprodukte umfasst“, kritisiert vzbv-Chef Gerd Billen. Er fordert ein Gesetz, dass die Honorarberatung umfassend regelt. Denn bedarfsgerecht Ratschläge seien nur möglich, wenn wenn der Kund unabhängig von einzelnen Produktgruppen Tipps erhalten kann.

    Auch die Opposition hält das Gesetz für missraten. Die Bundesregierung nehme eine künstliche Trennung nach Produktgruppen vor und schaffe damit Schlupflöcher für unseriöse Anbieter, erläutert die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch. Für Carsten Sieling, den Finanzexperten der SPD, ist das Vorhaben „eine einzige Enttäuschung“. Trotz vielfacher Kritik verzichte die Bundesregierung bei den freien Finanzvermittlern, die es auch noch gibt, auf eine Überwachung des Marktes durch die Finanzaufsichtsbehörden. „So wird das Schutzniveau der Anlegerinnen und Anleger auch künftig davon abhängen, wo sie sich beraten lassen – in der Bank oder beim freien Vermittler“, befürchtet Sieling.

  • Wartungspflicht für Öltanks kommt

    2013 müssen Heizölkunden ihre Ölbehälter regelmäßig prüfen lassen/ Die Kosten dafür tragen sie selbst

    Marode Heizöltanks stellen ein extremes Risiko für die Umwelt dar. Deshalb arbeitet die Bundesregierung derzeit an einer deutschlandweiten Verordnung, die eine Prüfpflicht für Heizölanlagen vorsieht. Bis zu 4,5 Millionen Anlagen werden von der Regelung betroffen sein, schätzt der Bundesverband der mittelständischen Mineralölunternehmen UNITI. Im Juni 2013, noch vor der Sommerpause, soll sie in Kraft treten. 

    Ungefähr sechs Millionen Ölheizungsanlagen gibt es laut UNITI deutschlandweit. Schon heute gilt für einen Teil der Anlagen eine Prüfpflicht – etwa, weil der Tank ein recht großes Fassungsvolumen von über 10.000 Liter besitzt oder weil der Behälter in einem Naturschutzgebiet aufgestellt ist. Mit der Einführung der „Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen“ – kurz AwSV – geraten 2013 auch Besitzer kleinerer Heizölanlagen mit einer Füllmenge zwischen 1.000 und 10.000 Liter ins Visier der Prüfer.

    Die neue Verordnung löst die bisher in den Bundesländern geltenden Vorschriften ab. „Vor allem für Bewohner von Ein- und Zweifamilienhäusern hat die Regelung Konsequenzen“, erläutert Heiko Drews, Fachgebietsleiter für Tankanlagen beim TÜV Rheinland. Sie müssten dann zum ersten Mal einen autorisierten Sachverständigen beauftragen. Auf den Kosten für die Kontrolle, die zwischen 100 Euro oder 140 Euro – je nach Größe der Anlage liegen – bleiben die Betreiber höchstwahrscheinlich sitzen. „Auch heute bezahlen die Eigentümer die Überprüfung ihrer Heizöltanks selbst“, erläutert Drews.

    Stellt der Sachverständige bei seiner Untersuchung Mängel fest, muss der Eigentümer diese innerhalb einer angemessenen Frist durch einen Fachbetrieb beseitigen lassen. Je nach Umfang der festgestellten Mängel, kann dann auch eine sachkundige Nachprüfung erforderlich werden.

    In welchen Abständen Eigentümer die Überprüfung vornehmen lassen müssen, hängt von der Art des Tanks ab. Für oberirdische Heizöltanks mit einem Fassungsvermögen zwischen 1.000 und 10.000 Liter ist eine Frist von 15 Jahren vorgesehen. Das zumindest ist aus Verhandlungskreisen zu hören. Im Verordnungsentwurf war noch von zehn Jahren die Rede. Für unterirdische Tanks mit gleicher Größe wird wohl eine kürzere Frist von fünf Jahren gelten.

    „Die Ausweitung der Prüfpflicht auf kleine Anlagen geschieht nicht ohne Grund“, meint TÜV-Fachgebietsleiter Drews. Vor einigen Jahren habe man in Hessen festgestellt, dass vor allem kleine Anlagen sehr mangelbehaftet seien, weil die Eigentümer in der Regel nicht das notwendige Know-How für die sachgemäße Instandhaltung mitbrächten. Das Bundesland habe daraufhin seine landeseigene Prüfpflicht erweitert. „Allein mit einem Liter Öl kann bis zu einer Millionen Liter Grundwasser verseuchen“, gibt der TÜV-Experte zu Bedenken.

  • Schönrechnerei

    Kommentar

    Für die Bundesregierung ist die Welt noch in Ordnung. Altersarmut ist kein Problem, also ist auch keine Strategie dagegen vonnöten. Wohlfahrtsverbände und Gewerkschaften schauen auf die arbeitende Bevölkerung und entdecken Schattenseiten des Wohlstands. Fast jeder Sechste ist danach arm und Hartz IV schuld daran. So einfach kann die Welt sein, je nach Sicht der Dinge.

    Vor allem die Bundesregierung muss sich den Vorwurf der Schönrechnerei gefallen lassen. Es ist bekannt, dass es der heutigen Rentnergeneration so gut geht wie keiner zuvor und wohl auch keiner zukünftigen mehr. Die Lage wird sich ändern. Vielleicht treffen die Hochrechnungen der Regierung sogar zu, nach der der Anteil der auf die Grundsicherung angewiesenen Alten sich in den nächsten 20 Jahren höchstens verdoppeln wird. Entscheidend ist aber nicht, wie viele Rentner dann über weniger als die rund 680 Euro des statistischen Existenzminimums verfügen, sondern wie viele tatsächlich arm sind und sich wesentliche Dinge wie Wohnen, Essen, Mobilität oder Strom nicht mehr leisten können. Dieses Schicksal droht deutlich mehr Menschen als der Gang zum Sozialamt.

    Wie viele es sein werden, lässt sich nicht verlässlich prognostizieren. Ein Blick auf die heutige Einkommenslage der künftigen Rentnergenerationen verheißt nichts Gutes. Jeder vierte Arbeitnehmer hat einen niedrigen Lohn. Daraus können keine ausreichenden Ansprüche für den Ruhestand entstehen. Sage hinterher niemand, dass habe man nicht gewusst. Die Zeit für eine neue Strategie gegen die soziale Polarisierung ist längst gekommen.

  • Die Perspektive der Wirtschaft

    Kommentar zur Sozialdebatte beim Strom von Hannes Koch

    Sein Herz für die Armen hat nun das Institut der deutschen Wirtschaft entdeckt. Wie der Name jedoch sagt, betrachtet diese Forschungseinrichtung die Welt aus der Perspektive der Unternehmen. Die Klage über die sozial ungerechten Strompreise muss man deshalb interpretieren als Teil des Kampfes vieler Firmen gegen die Förderung der Erneuerbaren Energien.

    Das Institut treibt um, dass die Ökoförderung zum Preisanstieg beim Strom beiträgt. Das ist der Punkt, der die Wirtschaft stört. Die sozialen Kosten sind dabei nachrangig – was das Argument jedoch nicht entwertet. Denn tatsächlich ist die Verteilung der Ökoumlage ungerecht. Alle Verbraucher – egal, ob arm oder wohlhabend – zahlen den gleichen Cent-Betrag pro verbrauchter Kilowattstunde, um den Aufbau von Wind- und Solarparks zu finanzieren. Allerdings sind solche Ungerechtigkeiten überall in unser System eingebaut. Beispiel Mehrwertsteuer: Auch die unterscheidet sich für Arme und Reiche nicht. Leute mit geringem Einkommen werden im Verhältnis zu ihrem Verdienst stärker belastet. Die Mehrwertsteuer aber will das Institut der Wirtschaft nicht abschaffen.

    Ökostromkosten sind für viele Bürger lästig. Aber für 80 Prozent der Deutschen spielen die paar Euro mehr pro Monat keine Rolle. Für die Armen dagegen schon. Dafür allerdings gibt es das staatlich garantierte Existenzminimum, dessen Berechnung jüngst zur Erhöhung des Hartz-IV-Satzes um acht Euro monatlich führte. Wenn diese Summe nicht ausreicht, muss die Regierung ein paar Scheine drauflegen.

    Grundsätzlich kann man auch über den Vorschlag des Instituts reden, die Ökoumlage abzuschaffen und die 20 Milliarden Euro jährlich mittels der Einkommensteuer zu erwirtschaften. Dadurch würden einkommensstarke Bürger stärker herangezogen. Aber ist das realistisch – eine Steuererhöhung von 20 Milliarden für die Mittelschicht? Wohl kaum. Solche konfliktträchtigen Vorschläge dienen eher dazu, die Energiewende zu stoppen. Besser sollte man im bisherigen System bleiben und versuchen, die Kosten zu drücken.

  • Die Leidtragenden der Energiewende

    Wirtschaftsinstitut kritisiert unsoziale Stromkosten. Ärmere Bürger stärker belastet als Wohlhabende

    Ärmere Bevölkerungsgruppen werden durch die steigenden Stromkosten stärker belastet als wohlhabende Haushalte. Darauf wies am Montag das unternehmernahe Institut der deutschen Wirtschaft hin. Eine Ursache ist nach Angaben des IW die höhere Umlage für die erneuerbaren Energien, die die meisten Firmen und die Privathaushalte zahlen.

    Die ärmsten zehn Prozent der Haushalte entrichten demnach etwa 1,3 Prozent ihres verfügbaren Einkommens für die Öko-Umlage, bei den reichsten zehn Prozent sind es dagegen nur 0,2 Prozent. 2013 steigt die Umlage im Rahmen des Gesetzes zur Förderung der erneuerbaren Energien (EEG) auf 5,3 Cent pro verbrauchter Kilowattstunde. Sie ist unabhängig vom jeweiligen Einkommen. Einen mittleren Mieterhaushalt mit einem Jahresverbrauch von 2.250 Kilowattstunden kostet die Umlage dann rund zehn Euro monatlich.

    Dieser Betrag macht sich für arme Haushalte stärker bemerkbar. Einerseits unterscheidet sich ihr Stromverbrauch nicht grundsätzlich von dem einkommensstarker Bürger. Kühlschrank, Herd, Waschmaschine, Computer und so weiter gehören überall zum Standard. Andererseits beanspruchen die Stromkosten einen größeren Anteil vom Einkommen, wenn ein Haushalt beispielsweise nur 1.000 Euro monatlich zur Verfügung hat. Bei 5.000 Euro Verdienst fällt die Stromrechnung viel weniger ins Gewicht.

    Weiter verschärft wird die soziale Schieflage laut IW dadurch, dass wohlhabende Bürger zusätzliche Einnahmen erwirtschaften. Sie investieren beispielsweise in Windparks oder bauen Photovoltaikanlagen auf ihre Häuser, deren Strom sie verkaufen. Arme Bürger können dies nicht tun.

    In seiner Studie blendet das IW aus, dass die Stromkosten auch durch andere Faktoren in die Höhe getrieben werden. So erhöhten die privaten Stromunternehmen den Preis pro Kilowattstunde zwischen 2000 und 2012 um durchschnittlich 5,5 Cent, während die Ökoumlage in dieser Zeit auf 3,6 Cent stieg. Auch der Staat partizipiert mit der Strom- und Mehrwertsteuer, die fast ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen. Am Montag bestritt das Finanzministerium einen Bericht, demzufolge die Mehrwertsteuer 2013 wegen der höheren Strompreise rund 3,5 Milliarden Euro zusätzlich einbrächte.

    Um die soziale Schieflage zu verringern, schlug das Wirtschaftsinstitut vor, die Ökoumlage abzuschaffen und die Einnahmen von rund 20 Milliarden Euro jährlich stattdessen mittels eines höheren Solidaritätszuschlages auf die Einkommenssteuer zu erwirtschaften. Dies würde gutverdienende Bevölkerungsgruppen überproportional belasten. FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler will eine grundsätzliche Reform des EEG noch vor der Bundestagswahl 2013 durchsetzen. Angesichts der Weigerung von CDU-Umweltminister Peter Altmaier ist dieses Vorhaben aber wohl unrealistisch.

  • Der Kern der Gesellschaft schrumpft

    Die Mittelschicht nimmt ab. Das zeigt eine neue Studie der Uni Bremen.

    Der Kern der sozialen und politischen Identität der Deutschen steckt in einem Begriff: Mittelschicht. Diese Gruppe bildet gleichermaßen die Basis und Mehrheit der Gesellschaft. Ihr möchte man angehören, sie fungiert als sozialer Sehnsuchtsort jenseits materieller Not. Und doch bekommt dieses Fundament zunehmend Risse.

    Diese Botschaft sendet eine Studie der Universität Bremen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung, die überzogener Sozialkritik gänzlich unverdächtig ist. Demnach schrumpft die Mittelschicht in Deutschland. Während ihr 1997 rund 65 Prozent der Bevölkerung angehörten, ging der Anteil bis 2010 auf 58,5 Prozent zurück. In jenem Jahr umfasste der Kern der bundesrepublikanischen Gesellschaft etwa 5,5 Millionen Menschen weniger als 13 Jahre zuvor.

    Dieser Aderlass steht für einen Trend, den zuvor schon andere Studien aufdeckten. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) beschreibt diese Entwicklung seit Jahren. In dem im vergangenen September veröffentlichten Entwurf des Armuts- und Reichtumsberichtes der Bundesregierung war sie ebenso verzeichnet. Nicht alle Wissenschaftler allerdings teilen die These von der schrumpfenden Mittelschicht. Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung veröffentlichte vor wenigen Tagen ein Gutachten mit der Aussage: „Die mittlere Einkommensschicht in Deutschland zeigt sich ingesamt stabil.“

    Die Zahlen, auf denen die Bremer Studie beruht, stammen aus dem Sozioökonomischen Panel des DIW, für das jährlich 20.000 Erwachsene befragt werden. Als Angehöriger der Mittelschicht wird definiert, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung netto zur Verfügung hat. Für Einpersonenhaushalte bewegt sich diese Spanne zwischen 1.130 und 2.420 Euro monatlich, für Vierpersonenhaushalte mit zwei minderjährigen Kindern zwischen 2.370 und 5.080 Euro.

    Während die Bevölkerungsschichten mit solchen mittleren Einkommen abnehmen, dehnen sich die Ränder bei der Einkommens- und Vermögensverteilung aus. Mehr Menschen als früher sind arm und mehr reich. Das Schrumpfen des Mittelschicht sei dabei aber nicht nur eine „Verlustgeschichte“ schreibt Olaf Groh-Samberg von der Uni Bremen. Zahlreichen Angehörigen der Mittelschicht gelinge auch der Aufstieg zu Reichtum.

    Eine Ursache des Drucks auf die Mittelschicht ist die demografische Entwicklung: Mehr Menschen leben alleine, wodurch ihnen die finanziellen Vorteile größerer Haushalte fehlen. Andererseits spielen die Arbeitsmarktreformen (unter anderem Hartz IV) und die Lohnmoderation der Wirtschaft während der vergangenen Dekade eine Rolle: Die Arbeitseinkommen stagnierten, während die Preise durch Inflation stiegen. Hinzu kam eine Steuer- und Abgabenpolitik, die die obersten Einkommensgruppen begünstigte.

    Diese Tatsachen bestreiten auch Wissenschaftler konservativer Provenienz nicht. Allerdings relativieren sie die Ergebnisse. In seiner neuen Studie „Zwischen Stabilität und Fragilität“ für die Konrad-Adenauer-Stiftung legt Christian Arndt beispielsweise einen längeren Beobachtungszeitraum (1993 bis 2009) zugrunde. Dabei fällt die Differenz zwischen Anfangs- und Endpunkt geringer aus. Ergebnis: Die Mittelschicht schrumpft ebenfalls, aber nicht so stark.

  • Alarmsignal

    Kommentar

    Die Mittelschicht als stärkste Säule der Gesellschaft bricht nach und nach weg. Auch die gute Beschäftigungslage und die kräftigen Lohnzuwächse der letzten Zeit haben den schon länger anhaltenden Trend nicht gebrochen. Das ist aus verschiedenen Gründen ein Alarmsignal. Die Haushalte mit mehr oder minder durchschnittlichem Wohlstand sorgen für die Stabilität im Lande. Zerbröselt dieser Block, zerfällt die Gesellschaft in ein Oben und ein Unten. Man könnte auch sagen, das alte Klassenmodell mit vielen Verlierern und wenigen Gewinnern entfaltet sich wieder. Der soziale Friede steht damit auf dem Spiel.

    Auch versagt die soziale Marktwirtschaft, wenn sie nicht für eine gleichmäßige – nicht gleiche – Verteilung des erwirtschafteten Volksvermögens sorgen kann. Und die meisten Bürger verbinden dies auch mit dem Begriff Gerechtigkeit. Der Eindruck, es gehe gerecht zu in Deutschland, ist vielen Bürgern jedoch schon längst abhanden gekommen. Die Nachrichten vermitteln ein anderes Bild: Die Reichen greifen ungeniert zu, wenn es etwas zu holen gibt. Die Armen sollen weiter sparen,weil der Staat kein Geld mehr hat. Die jüngsten Zahlen zur Einkommens- und Vermögensverteilung bestätigen die Vermutung, dass die soziale Spaltung zunimmt.

    Die Anzeichen für eine bedenkliche Entwicklung sind nicht mehr zu übersehen, auch wenn der Mittelstand nach wie vor sehr stark ist. Daher ist eine Debatte über die künftige Gestaltung der Gesellschaft fällig. Es geht um mehr Durchlässigkeit von unten nach oben. Leistung muss belohnt werden, nicht die Arbeit des Vermögens Weniger. Es sind Ideen gefragt, die allen ein materiell auskömmliches Dasein ermöglichen, ohne dass der Sozialstaat über die Maßen geplündert wird. Ohne zwei Grundlagen wird aber kein Konzept fruchten. Die Wohlhabenden und Gutverdiener müssen stärker an der Finanzierung des Gemeinwohls beteiligt werden. Und es bedarf einer neuen und breiten Übereinkunft, dass die soziale Marktwirtschaft mit neuem Leben erfüllt werden soll.

  • Der Kampf um die europäische Demokratie

    Warum das Europaparlament mehr Kompetenzen braucht, und wie es sie bekommt

    Am Schuman-Platz in Europas Hauptstadt Brüssel rattern die Presslufthämmer und drehen sich die Baukräne. Dem Europäischen Rat wird ein neuer Sitz gebaut. Angela Merkel, Francois Hollande und ihre 25 Regierungschef-Kollegen sollen es praktisch, bequem und repräsentativ haben, wenn sie über die Zukunft der 500 Millionen Europa-Bürger entscheiden.

    Man kann den Neubau als Sinnbild für den augenblicklichen Entwicklungsstand der Europäischen Union betrachten. Von der Krise der vergangenen Jahre hat am meisten der Rat der Regierungen profitiert. In der Not verschaffte er sich ständig neue Machtbefugnisse. Im Vergleich zu den anderen Säulen der EU wurde die Rolle des Rates deutlich aufgewertet. Besonders das Parlament, für die demokratische Legitimation der Brüsseler Politik zuständig, ist zurückgefallen.

    „Wir beklagen einen exekutiven Überhang“, sagt Udo Bullmann, der Vorsitzende der deutschen sozialdemokratischen Abgeordneten im EU-Parlament. Beispiel European Stability Mechanism (ESM): Das Pendant zum Internationalen Währungsfonds wurde von den im Rat vertretenen Regierungen mittels eines zwischenstaatlichen Vertrages gegründet. Parlamentarische Mitwirkung oder Kontrolle durch die europäische Volksvertretung: null.

    Ähnlich, so befürchten viele Abgeordnete, könnte es an einem anderen Punkt laufen. Merkel, Hollande & Co. haben vereinbart, dass die Kommission die Haushalte der Einzelstaaten zurückweisen soll, wenn sie den Kriterien einer soliden Finanzpolitik widersprechen. Bislang ist auch hier eine Mitwirkung des europäischen Souveräns nicht vorgesehen. Die allerdings wollen sich Parlamentarier Udo Bullmann und seine Kollegen nun erkämpfen. „Das Parlament versucht, mehr Einfluss zu gewinnen. Europa ist im Fluss“, sagt Bullmann.

    Den Konflikt mag man als Nebensächlichkeit betrachten angesichts der gefährlichen Verschuldungskrise. Doch es geht um die Grundlagen der europäischen Einigung. Fühlen sich die Bürger mit ihren Interessen durch die Institutionen noch angemessen vertreten? In vielen Fällen muss die Antwort heute „Nein“ lauten. Die Demonstranten in Athen, Madrid und Lissabon beschweren sich, dass Brüssel ihnen eine unsoziale und brutale Sparpolitik aufoktroyiere. Viele Menschen in Deutschland, den Niederlanden, Österreich oder Finnland glauben dagegen, dass die Südeuropäer noch viel zu wenig sparen. Gemeinsam hegen die Bürger ein zunehmendes Misstrauen gegenüber den Brüsseler Beschlüssen.

    Ohne das Vertrauen seiner Einwohner aber kann der föderative Verbund Europa nicht bestehen. Ob Demokratie glaubhaft stattfindet, ist deshalb essentiell für die gemeinsame politische Zukunft des Kontinents. Dabei hat die Krise gezeigt, dass die bisherigen, nationalen Legitimationsmechanismen nicht mehr ausreichen. „Stellen Sie sich vor, die Parlamente und Regierungen der 50 Mitgliedsstaaten der USA würden jedes Mal mitentscheiden, wenn die Regierung in Washington einen Beschluss fassen will“, sagt Guy Verhofstadt, der Chef der Liberalen im EP. „Das würde nicht funktionieren.“ Dieses Verfahren wäre viel zu kompliziert, langwierig und verdammte die Zentralregierung häufig zu Untätigkeit.

    Eine praktikable und wirksame demokratische Kontrolle neuer EU-Institutionen wie des ESM kann daher nur auf europäischer Ebene stattfinden – durch die direkt gewählten Abgeordneten des Europäischen Parlaments. Das Verfahren dafür ist im Prinzip vorhanden – in der Fachsprache der EU heißt es „Gemeinschaftsmethode“. Das bedeutet: Wenn beispielsweise der EU-Haushalt aufgestellt wird, hat das Parlament volle Mitwirkungsrechte. Ohne die Abgeordneten in Brüssel läuft dann nichts. In der aktuellen Auseinandersetzung geht es nun darum, dieses demokratische Verfahren auszudehnen – auf neue Institutionen wie den ESM oder auch die Eingriffsrechte der Kommission gegenüber den Mitgliedsstaaten. Die Bürger in den 27 EU-Staaten müssen glauben können, dass die gewählten EU-Abgeordneten in allen Fragen tatsächlich ihre Interessen vertreten.

    Bei der nächsten Wahl des EU-Parlamentes 2014 sollen deshalb erstmals Spitzenkandidaten die europaweiten Listen anführen – beispielsweise der gegenwärtige Präsident des EU-Parlaments, Martin Schulz, die Liste der Sozialdemokratischen Parteien, oder der polnische Ministerpräsident Donald Tusk die der mitte-rechts orientierten Europäischen Volkspartei. Damit verbunden ist der Anspruch der Parlamentarier, dass der siegreiche Spitzenkandidat als neuer Präsident der EU-Kommission europäischer Regierungschef werden soll.

    Gelänge dies, wäre das ein Novum, das in den EU-Verträgen nicht kodifiziert, aber auch nicht ausgeschlossen ist. Bisher haben die im Rat vertretenen Regierungen die Person des Kommissionspräsidenten ausgesucht und dem Parlament zur Bestätigung vorgeschlagen. Dass die Parlamentarier nun versuchen, den Spieß umzudrehen, ist „ein Kräftemessen mit dem Rat“, sagt Bullmann. Der Kampf um die europäische Demokratie ist in vollem Gange.

  • Geschmiert wird auch gerne am Bau

    Deutschland ist nicht korrupt bis in die Knochen. Ein paar tausend Straftaten gibt es jedes Jahr

    Wer auf deutschen Straßen zu schnell fährt und von der Polizei angehalten wird, kann die Beamten in der Regel nicht mit einer Handsalbung milde stimmen. Auch die MitarbeiterInnen der Finanzämter neigen nur in Ausnahmefällen dazu, die Steuerzahlung gegen Bestechungsgeld zu reduzieren. Trotz der neuen Nachrichten über den Verkauf vertraulicher Informationen aus dem Bundesgesundheitsministerium lautet der Befund: Deutschland ist kein bis in die Knochen korruptes Land.

    Im Vergleich steht Deutschland ganz gut da. Im Korruptionswahrnehmungsindex der Organisation Transparency International kommen wir auf Platz 13 – hinter Staaten wie Dänemark, Finnland, der Schweiz und Kanada, die noch sauberer sind. Auf dem letzten Platz 174 rangieren gemeinsam die Vorhöllen Afghanistan, Nordkorea und Somalia.

    Aber ungerechtfertigte Einflussnahme gibt es auch hierzulande. Die beginnt unter den geschätzt 5.000 Lobbyisten alleine in Berlin, von denen manche die Politiker abseits offener, demokratischer Verfahren für ihre Interessen einspannen wollen. Und sie endet in nicht wenigen Fällen da, wo öffentliche Aufträge und Informationen ver- und gekauft werden.

    „Korruption ist der Missbrauch anvertrauter Macht zum privaten Nutzen oder Vorteil“, sagt Edda Müller, die Deutschland-Vorsitzende der Anti-Korruptionsorganisation Transparency. Meist geht damit ein Schaden für die Allgemeinheit einher – beispielsweise in Form sinkenden Vertrauens der Bürger in ihren Staat oder als wirtschaftlicher Verlust zu Lasten der Steuerzahler.

    Dabei geht es um ähnliche Fälle wie die von VW früher bezahlten Edelreisen für Betriebsräte, schwarze Siemens-Kassen, Zahlungen von Waffenkonzernen an Politiker und illegal gekaufte Bauaufträge der Bahn AG.

    Für 2010 weist das „Bundeslagebild Korruption“ des Bundeskriminalamtes 1.813 Ermittlungsverfahren wegen Korruption aus. Dahinter verbergen sich 15.746 einzelne Straftaten. Den „monetären Vorteil“ derjenigen, die unter anderem Bestechungszahlungen annahmen, beziffert das BKA auf 96 Millionen Euro. Der finanzielle Vorteil auf Seiten der Geber belief sich dagegen auf 128 Millionen Euro. Laut Kriminalamt haben die illegalen Aktivitäten Schäden von 176 Millionen Euro verursacht. Dies sei aber nur ein „Anhaltspunkt“, schreiben die Ermittler. Die Dunkelziffer dürfte beträchtlich sein.

    Die bekannten Korruptionsfälle 2010 spielten sich unter anderem in der Baubranche ab. Der Lagebericht 2011 des Landeskriminalamtes von Nordrhein-Westfalen verzeichnet beispielsweise Verfahren wegen Betruges und Bestechlichkeit bei Bauprojekten des Landes. Weitere Fälle kamen bei einem Automobilhersteller, der Britischen Rheinarmee und dem TÜV vor. Als Branchen, in denen der verdeckte Lobbyismus groß sei, nennt Ulrich Müller, Geschäftsführer von Lobbycontrol, das Gesundheitswesen, Automobilbau, Energie, Rüstung und Finanzkonzerne.

    Für Transparency-Vorsitzende Edda Müller sind diese Fälle ein Beleg dafür, dass die Politik trotz allem zu wenig gegen Korruption unternehme. Bei manchen Politikern erkennt sie „mangelnde Neutralität“ und Bereitschaft, die Anliegen schwacher, finanziell schlecht ausgestatteter Bevölkerungsgruppen genauso wichtig zu nehmen wie die Wünsche starker Interessengruppen.

  • Verlust begrenzt

    Bundesfinanzministerium limitiert Abschlag bei Auszahlung von Lebensversicherungen

    Die möglichen Einbußen bei der Auszahlung von Lebensversicherungen sollen geringer ausfallen als befürchtet. Das Bundesfinanzministerium will den Verlust der Versicherten auf maximal fünf Prozent der Ablaufleistung ihrer Lebensversicherung begrenzen. Dies legt eine Ministerverordnung fest, die wie die Änderung des Versicherungsaufsichtsgesetzes am 21. Dezember in Kraft treten soll.

    In den vergangenen zwei Wochen hatte es Aufregung um die sogenannten Bewertungsreserven von Lebensversicherungen gegeben, die die Unternehmen zum Ende der Vertragslaufzeit an ihre Kunden ausschütten müssen. Während die Firmen bislang 50 Prozent dieser stillen Reserven an ihre Kunden auszahlen, soll dieser Anteil ab 21. Dezember per Gesetz reduziert werden. Dadurch hätten manche Versicherten einen Verlust von bis zu zehn Prozent der Auszahlungssumme erlitten. Jetzt will die Regierung den Abschlag auf maximal fünf Prozent begrenzen.

    Bewertungsreserven bei Lebensversicherungen entstehen dadurch, dass die Unternehmen alte, festverzinsliche Wertpapiere mit hohen Zinssätzen in ihren Büchern haben, deren Kurse angesichts der augenblicklich niedrigen Zinsen weit über dem Nominalwert liegen. Dieser Kursgewinn müsste eigentlich zur Hälfte an Versicherte ausgeschüttet werden, deren Verträge in den kommenden Monaten zur Auszahlung kommen. Dies könnte den ohnehin geschwächten Lebensversicherungen allerdings Probleme bereiten. Die Regierung will das Gesetz deshalb ändern.

    Die Bewertungsreserven machen nach Darstellung des Finanzministeriums nur ungefähr fünf Prozent des Auszahlungsbetrages von Lebensversicherungen aus. Die hautpsächlichen Bestandteile – die Garantieleistung und die Überschussbeteiligung – sind von der Änderung nicht betroffen und fließen ungeschmälert.

    Verbraucherschützer warnen Versicherungskunden davor, ihre Verträge vor Inkrafttreten der Gesetzesänderung am 21. Dezember einfach zu kündigen. Wer versuchen wolle, sich auf diesem Weg die 50-Prozent-Beteiligung an den stillen Reserven zu sichern, solle die Details seines Vertrages genau prüfen. Die Auszahlungssumme, mithin auch die Folge der Gesetzesänderung, hänge von des Ausgestaltung des jeweiligen Vertrages ab. Durch irreführende Schreiben hatten einige Versicherungsunternehmen Kunden zur Kündigung veranlasst. Die Finanzaufsicht BaFin will nun prüfen, ob dadurch einer größeren Anzahl von Versicherten Schäden entstanden sind.