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  • Kampfdrohne aus deutscher Fertigung

    Airbus stellt eigenes Konzept Wingman vor

    Airbus schafft den Kampfpiloten ab. Zumindest arbeitet die Verteidigungssparte des Konzerns an einer Drohne, die auch für die deutsche Luftwaffe im Einsatz sein könnte – als Aufklärer oder bestückt mit Raketen. Der Wingman soll bereits in wenigen Jahren abheben. Noch ist das Projekt in einer frühen Phase. Auf der Internationalen Luftfahrtausstellung ILA in Berlin ist erstmals ein Designmodell in Originalgröße zu sehen.

    „Das Unbemannte bekommt immer mehr Gewicht“, sagt Michael Schoellhorn, Chef von Airbus Defence and Space, der Militär- und Raumfahrtsparte des Airbus-Konzerns. Im Ukraine-Krieg sind Drohnen sowohl auf Seiten des Angreifers Russland als auch bei den Verteidigern im Einsatz. Russland stützt sich dabei unter anderem auf Fluggerät aus dem Iran. Die Ukraine wehrt sich mit teils selbstgebauten Kleindrohnen.

    Mit solchem Fluggerät hat die geplante Airbus-Drohne wenig zu tun. Die Designstudie ähnelt einem Kampfjet. Wie bei solchen Studien üblich, kann das Serienprodukt später abweichen – bei Aussehen und Funktionen – je nachdem, was Kunden sich wünschen.

    Ein Wingman ist ein Begriff aus der militärischen Luftfahrt. Er bezeichnet den Piloten eines Kampfflugzeugs, der den führenden Piloten mit seinem Kampfflugzeug schützt und unterstützt. „Das ist ein unbemannter Begleiter für bemannte Kampfjets“, sagt Marco Gumbrecht, zuständig für Luftkampfsysteme bei Airbus Defence and Space. Er soll die Einsätze unterstützen, zum Beispiel aufklären, also etwa Bilddaten der feindlichen Linien beschaffen. Die Drohne kann auch mit Lenkwaffen oder Raketen bestückt werden und Ziele in der Luft oder am Boden angreifen.

    Das Fluggerät wird nach den Plänen etwa 15 Meter lang sein und hat eine Spannweite von zwölf Metern. Die Drohne soll zwischen neun und zehn Tonnen wiegen. Vorgesehen ist eine Tarnkappenfunktion. Überschallgeschwindigkeit wie bei einem Kampfjet ist möglich. Die Drohne ähnelt einem Kampfflugzeug wie dem Eurofighter, der knapp 16 Meter lang und dessen Flügel sich etwa elf Meter spannen. Auch über eine ähnliche Traglast wird nachgedacht.

    Insgesamt soll die Drohne sehr autonom sein. Entsprechend kompliziert ist es, sie mit einem Kampfjet zu vernetzen. Zudem fliegt die Luftwaffe nicht nur mit Eurofightern, sondern auch mit amerikanischen F-35. Die Drohne muss jeden Typ „verstehen“. Das Komplexe sei nicht so sehr der Bau des Fluggeräts, sagt Gumbrecht, sondern die Software. Anfang der 2030er Jahre soll Wingman bereits einsatzfähig sein. Ambitioniert, aber aus Sicht der Verteidigungssparte von Airbus möglich.

    Airbus Defence and Space muss das Fluggerät nicht komplett neu erfinden. „Wir bauen auf vergangene Projekte auf“, sagt Schoellhorn. Er nennt unter anderem die militärische Forschungsdrohne Barracuda und die eigene Forschung zur Stealth-Technik, die ein Flugzeug möglichst unsichtbar machen soll. Entwickelt wird Wingman derzeit an den Standorten Manching und Ottobrunn in Bayern. Sehr wahrscheinlich werden andere deutsche Rüstungsunternehmen mit eingebunden, schließlich hat Airbus nicht in allen Gebieten Expertise. Gespräche laufen offenbar bereits.

    Bisher steckt Airbus Defence and Space vor allem eigenes Geld in das Projekt. „Solch eine Studie kostet noch nicht viel“, sagt Chef Schoellhorn. Er sprach von einer Summe „im unteren zweistelligen Millionenbereich“. Wenn es dann weitergehe, werde es teurer, je nachdem, was man alles einbaue. Und das hängt letztlich von den Kunden ab. Die Summe ist für die Verteidigungssparte von Airbus übersichtlich. Die Sparte setzte 2023 11,5 Milliarden Euro um.

    Gesprochen wird mit Deutschland, also der Luftwaffe als Kunden, und mit Spanien. Unklar ist noch, was die Drohne kosten soll. „Sie muss billiger sein als ein Kampfflugzeug“, sagt Gumbrecht. Es sei aber nicht als Wegwerfprodukt für eine Million Euro angelegt. Konkurrenz gibt es auch. Israel hat mit Heron bereits eine Kampfdrohne im Einsatz. Dassault entwickelt für Frankreich eine eigene Drohne. Und in den USA wird ohnehin an unbemannten Kampffliegern gearbeitet.

  • Wo die Energiewende befeuert wird

    In Österreich laufen erste Wasserstoffprojekte

    So sieht also ein Industrievorzeigeprojekt aus. Weißer Kies auf 30 mal 50 Metern, einige weiße Container, ein Zaun. Drumherum wogt sanft Weizen, dahinten steht ein Storch. Der Blick ginge bis zu den Alpen, regnete es nicht gerade. Stefan Bauer zeigt auf die Container: links der Elektrolyseur, der Wasserstoff erzeugen soll; in der Mitte der Verdichter, der den Druck des Gas erhöht; und etwa 1000 Meter unter der Oberfläche der Gasspeicher, randvoll mit Wasserstoff. „Und da drüben geht die Pipeline raus“, sagt er.

    Bauer leitet den Bereich Green Gas Technology bei RAG Austria. Das Unternehmen, früher zuständig für Gas- und Ölförderung in Österreich, betreibt derzeit zehn ehemalige Gaslagerstätten als Speicher, darunter diesen hier in Rubensdorf, gut 40 Kilometer nordöstlich von Salzburg, an dem Bauer gerade steht. Und es ist weltweit vorn dabei, wenn es um Wasserstoff geht. Das Gas soll die Energiewende vor allem in der Industrie befeuern. Es verbrennt CO2-frei, könnte also fossiles Gas oder Öl ersetzen.

    Weltweit arbeiten deshalb Regierungen und Unternehmen daran, auf Wasserstoff umzustellen. Passiert ist aber bisher wenig. Die Bundesregierung etwa hat eine nationale Wasserstoffstrategie verabschiedet. Die Industrie will Deutschland mit einem Netz besonderer Pipelines überziehen. Sehr viel Papier, sehr viele Ideen, bisher wenig Konkretes. Unklar ist vor allem, wo die riesigen Mengen Wasserstoff herkommen sollen, die nötig sind.

    Wer Projekte im Industriemaßstab sehen möchte, muss derzeit nach Oberösterreich, wie Timm Kehler, Chef des deutschen Gasverbands Zukunft Gas, sagt. „Wir haben da eine Führungsrolle weltweit“, formuliert es Bauer, während sanft der Regen auf Felder und Container rieselt. Delegationen aus aller Welt waren bereits hier, um sich die Anlage anzusehen.

    Bereits seit 2013 beschäftigt sich RAG Austria intensiv mit Wasserstoff. Im Sommer stehe sehr viel Solarstrom bereit, es werde aber wenig Strom gebraucht. Im Winter gebe es viel Bedarf, aber wenig Angebot, sagt Firmenchef Markus Mitteregger. „Wir brauchen den Wasserstoff also, um die Energie aus dem Sommer zu speichern.“ Und deshalb forscht sein Unternehmen jetzt an der CO2-freien Zukunft. Die Idee des Projekts: Der Elektrolyseur nutzt den Solarstrom, um aus Wasser Wasserstoff und Sauerstoff herzustellen. Der Wasserstoff wird im porösen Sandstein gespeichert und bei Bedarf in Strom und Wärme gewandelt.

    Die Pipeline verläuft acht Kilometern unter Feldern hindurch und mündet im RAG-Standort Puchkirchen praktisch in einen weiteren Standardcontainer, diesmal in grau. Im Innern schimmert ein riesiger Zwölf-Zylinder-Motor nebst Generator. Die Anlage, die Wasserstoff verbrennt, hat ein Megawatt Leistung, in dieser Größe einzigartig in Europa, wie Andreas Kunz sagt, Technikvorstand des österreichischen Motorenbauers Innio. Ein weiteres dieser Blockheizkraftwerke steht in Südkorea. Läuft es eine Stunde, könnte es ein Mehrfamilienhaus drei Monate mit Strom und Wärme versorgen.

    Rund 15 Millionen Euro staatliches Fördergeld sind bisher in das Projekt geflossen, vor allem um zu klären, wie gut sich das Gas im Boden speichern lässt. Inzwischen fördert die EU das Projekt bis 2029. In den nächsten Wochen sollen auch der Elektrolyseur, der Wasserstoff aus Wasser gewinnt, und Blockheizkraftwerk in Betrieb genommen werden. Und dann wird getestet, ob sich die Idee als praxistauglich erweist.

    44 Kilometer Luftlinie experimentiert RAG Austria mit einer anderen Art, Wasserstoff zu erzeugen: Methan-Pyrolyse. Jens Hanke öffnet die Front eines – weißen – Containers. Darin liegen zwei silbrige Zylinder übereinander, Magnetspulen, jede Menge Rohre – zwei Plasmalyseure. Im Container neben an ist noch ein dritter eingebaut. „Die Anlage ist weltweit einmalig“, sagt Hanke, Chef der Berliner Ingenieursfirma Graforce, die die Geräte entwickelt hat. Sie spalten Erdgas – Methan – mittels Lichtbogen in Wasserstoff und Kohlenstoff.

    Die weißen Container stehen in Krift bei Kremsmünster. Ein leichter Ölgeruch erinnert daran, dass das hier ein Ölstandort von RAG Austria ist. Rundherum fangen Solarflächen Sonne ein. Mit dem Strom wird in den Reaktoren ein Lichtbogen oder Plasma erzeugt. Dadurch wird das Erdgas geblasen, dass dann zerfällt. Vier Kilogramm Methan bringen ein Kilo Wasserstoff und drei Kilo Kohlenstoff. Insgesamt schafft die Anlage 50 Kilo Wasserstoff pro Stunde. Das Gas läuft über eine Leitung zum Blockheizkraftwerk, einem weiteren Container, etwa 200 Meter entfernt, das Strom und Wärme für den Standort liefert.

    Die Anlage läuft seit Ende September 2023. Der harte Testbetrieb soll in wenigen Wochen beginnen. Die RAG Austria freut sich bereits jetzt über internationales Interesse. Gerade war eine Delegation aus Thailand da und hat sich den Plasmalyseur zeigen lassen.

    Und der Kohlenstoff? Das schwarze Pulver wird per Lastwagen abtransportiert. RAG Austria arbeitet mit einem Düngerhersteller zusammen. „Kohlenstoff“, sagt Markus Krainz, Leiter RAG Energy Valley und verantwortlich für das Projekt, „kann die Qualität eines Bodens deutlich verbessern.“ Auch Zement- und Stahlindustrie hätten Interesse an dem schwarzen Material bekundet. „Ob sich das durchsetzt“, sagt Krainz, „wird in zehn Jahren der Markt entscheiden.“ Aber sie sind ziemlich zuversichtlich.

  • Wo die Gläschen gefüllt werden

    Zum 125. Geburtstag gewährt Hipp einen Blick hinter die Kulissen

    In der Luft hängt ein Hauch von Möhre. Auch wenn die Mitarbeiter in weißen Kitteln und Haarnetzen gerade die Edelstahlanlage abspritzen, ist klar, was hier vor kurzem noch in den Riesentöpfen gekocht hat und dann durch die Rohre zur Abfüllung gepumpt wurde. Stefan Hipp ist bereits durch die nächste Tür, steigt eine Treppe hoch, um die Ecke – diesmal riecht es nach Apfel. Hipp, Chef der gleichnamigen Firma, Biopionier nicht nur bei Babykost, hält inne, atmet tief ein.

    Generationen von deutschen Kindern sind mit den Produkten von Hipp aufgewachsen – Gläschen mit Möhrenbrei oder Apfelmus, die hier im Werk im beschaulichen Pfaffenhofen nördlich Münchens vom Band laufen. Normalerweise sind die Türen geschlossen, aber zum 125. Geburtstag des Familienunternehmens macht Stefan Hipp eine Ausnahme. Bevor es in das größte der fünf Werke geht, müssen Hände und Schuhe desinfiziert, saubere Kittel angezogen werden.

    Hipp ist hier schon als Kind durchgelaufen, dem Besucher kommt alles etwas labyrinthisch vor. Aber das Werk folgt einem optimalen Produktionsfluss – von der Anlieferung der Rohware bis zu den fertigen Gläschen, in Kartons zusammengestellt und auf Paletten gestapelt. Und während am Anfang noch teilweise von Hand abgewogen wird, läuft spätestens nach dem Kochen in Töpfen mit zwei Metern Durchmesser alles vollautomatisch. Etwa 1000 Beschäftigte arbeiten in drei Schichten, sieben Tage die Woche.

    Wichtig ist, dass die Bioqualität, die vorn angeliefert wird, hinten im Gläschen drin ist – auch im industriellen Maßstab. Hipp spricht viel über Anbau, Vorgaben, aufwändige Kontrollen in eigenen Laboren. Das Unternehmen spürt, dass sich weltweit etwas wandelt. „Es ist schwieriger als noch vor 20 Jahren, heute die hohe Qualität in der erforderlichen Menge zu bekommen“, stellt Hipp fest. „Das Klima hat sich geändert, die Böden und damit die Grundlagen, wie die Landwirte produzieren.“ Er merkt das selbst auf seinem Gut im Osten Polens, das er seit Jahren vom konventionellen zum Bio-Vorzeigebetrieb umbaut. So lässt sich mit Hipp auch nicht nur über optimierte Produktion und Kreislaufwirtschaft reden, sondern auch über die richtige Kompostierung von Mist. Und natürlich beliefert Hipp auch Hipp.

    Der Chef führt vorbei an Säcken mit Dinkel, mit Reis. Er öffnet eine weitere Tür. Riecht das nach Thymian und Oregano? Fleisch mit Tomate und Kräutern, vermutet Hipp. Auch hier Edelstahl überall, Waagen, Kästen, Rohre, Riesentöpfe. In einer Ecke steht ein Fleischwolf in Schrankkofferformat, bereits gereinigt und vorbereitet für die nächste Schicht. Der Firmenchef strebt einen Gang entlang.

    Begonnen hat alles am Marktplatz von Pfaffenhofen, wo Joseph Hipp in seiner Bäckerei Ende des 19. Jahrhunderts ein Zwiebackmehl entwickelt. Mit Milch gekocht, ist es als Zusatznahrung für seine erste Tochter Marianne gedacht. Auch andere wollen bald J. Hipps Kinder-Zwieback-Mehl kaufen. Sohn Georg erfindet das Gläschen, setzt als erster auf bio, bevor Enkel Claus das Unternehmen groß und mit Fernsehwerbung bekannt macht. Inzwischen hat er sich zurückgezogen. Die Firma gehört seinen Kindern Stefan und Sebastian.

    „Als wir in den 50er Jahren mit der Biokost angefangen haben, gab es keine Vorschriften, was Bio ist“, sagt der Firmenchef. „Wir haben eigene entwickelt, damit die Bauern wussten, was wir darunter verstehen.“ Und auch heute sind die Vorgaben für die Landwirte streng, teilweise strenger als die der EU – zu Produktqualität und Saatgut, zu Bodenqualität, Tierhaltung und Blühstreifen sowie Hecken, um die Artenvielfalt zu fördern. Wichtig ist Hipp auch, die rund 8000 Landwirte weltweit, die zuliefern, gut zu kennen und langfristig zu binden. „Heute arbeite ich mit jemandem zusammen, dessen Großvater schon mit meinem Großvater gearbeitet hat“, sagt er.

    Überhaupt Tradition: Das heutige Logo mit den vier Farben und den Herzen stammt von 1969. Es ist praktisch unverändert auf allen Produkten des Unternehmens zu sehen, ob sie in Europa, dem Nahen Osten oder im wachsenden asiatischen Markt in den Regalen stehen. Hipp liefert in mehr als 60 Länder, nicht nur Gläschen, die gut 40 Prozent des Geschäfts ausmachen, auch Milchprodukte für Babys, die aus dem Werk im nordrhein-westfälischen Herford kommen, Quetschbeutel, natürliche Sondennahrung für Menschen, die künstlich ernährt werden müssen, und Kosmetik.

    Die Geschäfte laufen, mit mehr als 3000 Mitarbeitern setzt das Familienunternehmen rund eine Milliarde Euro um. Über den Gewinn schweigt sich Hipp aus. Ein Selbstläufer sind die Gläschen nicht. „Der Markt ist herausfordernd“, sagt der Chef. Die Kosten für Energie, Verpackung und Rohstoffe seien enorm gestiegen, gleichzeitig sparten die Menschen. Und: „Die sinkende Geburtenrate in manchen Ländern macht uns zu schaffen“, sagt Hipp. Das betrifft vor allem die Babykost. „Den Umsatz halten wir stabil, weil anderes Geschäft wächst.“ Auf jeden Fall legt der Biomarkt zu.

    Dass Bioprodukte teuer sind, findet er nicht. Die anderen sind zu billig. „Der Regalpreis konventioneller Lebensmittel berücksichtigt nicht alle Kosten“, sagt er. „Für die Schäden wie zum Beispiel die Trinkwasserverunreinigung kommt der Steuerzahler auf.“ Hipp versucht, es anders zu machen, nicht nur mit den Anbauvorgaben. Die Firma setzt, wenn möglich, auf kurze Transportwege, Recyclingglas. Das neue Parkhaus ist mit Baumstämmen verkleidet, oben gibt es ein Storchennest. Und auf dem Dach des Werks nistet ein Falke als natürliche Taubenabwehr.

    Größter Markt für Hipp ist Deutschland, gefolgt von Polen und Italien. Die Geschmäcker unterscheiden sich etwas. Eltern in Deutschland greifen am liebsten zu Gläschen mit Milchreis oder Spaghetti Bolognese. Italiener mögen Kaninchen, Franzosen Fisch, Briten eher Lamm und Polen zum Beispiel Borschtschsuppe.

    Hinter der nächsten Tür rauscht es, so laut, dass Gespräche kaum möglich sind. Bänder überall, ein Gewirr von Stegen in Edelstahl, von Kabeln und Leitungen. Und es ist warm, die Öfen, in denen die Gläschen sterilisiert werden, strahlen Hitze ab. Die Anlage hier befüllt die Gläschen, verschließt sie, ein steter Strom Apfel. Weiter hinten greifen Roboterarme zu. An der letzten Station warten die vollen Paletten auf den Abtransport. Insgesamt verlassen täglich eine Million Gläschen das Werk. Die letzte Tür fällt hinter Stefan Hipp zu. Draußen zwitschern die Vögel.

  • Die Tricks der Passwort-Angler

    Kontodaten ködern: Was Sie zu Phishing wissen müssen

    Netflix informiert über eine blockierte Zahlung, die Postbank hat das Konto aus Sicherheitsgründen deaktiviert und Paypal will die Sicherheitsbestimmungen aktualisieren. Alle drei Mails der vergangenen Wochen haben eins gemeinsam: Sie sind gefälscht und wollen an die Kontodaten der Empfänger. Ein kleiner Leitfaden zum Phishing.

    Was ist Phishing?

    Der Begriff steht für eine besondere Form von Kriminalität im Internet. Er ist zusammengesetzt aus den englischen Worten „password“ und „fishing“ – Passwort angeln. Kriminelle versuchen, mit E-Mails, SMS oder etwa Whatsapp-Nachrichten Zugangsdaten zum Beispiel zu Bankkonten zu bekommen und dann dort Geld zu stehlen. Oft werden die Daten auch weiterverkauft.

    Wie gehen die Täter vor?

    Es gibt verschiedene Tricks. Der Klassiker ist eine E-Mail, die aussieht, als komme sie von einer Bank. Vermeintliche Absender können auch ein Paketdienst sein, ein Streamingdienst oder ein Hotelbuchungsportal. In der Mail wird auf einen Fehler hingewiesen, etwa bei der Buchung oder beim Bankzugang, und gebeten, einen Link anzuklicken. Oder der Empfänger wird aufgefordert, die TAN-Liste des Kontos zu aktualisieren oder eine Buchung zu stornieren. Der Link führt dann auf eine Internetseite, die täuschend echt aussieht, aber gefälscht ist. Wer hier die Bankzugangsdaten eingibt, meldet sich dann nicht bei seinem Konto an, sondern liefert den Kriminellen die Informationen. Nachrichten, die auf gefälschte Seiten verweisen, können auch bei Facebook, X (vormals Twitter), Whatsapp oder einem anderen Kurznachrichtenportal versandt werden.

    Neu sind QR-Codes in Mails oder Nachrichten. Das QR steht für quick response, schnelle Antwort. Der Begleittext fordert auf, den Code mit dem Mobiltelefon zu scannen, um zum Beispiel eine Rechnung zu öffnen oder schnell auf das Konto zuzugreifen. Auch dieser Code führt auf eine gefälschte Seite.

    Woran erkennt man ein gefälschtes Schreiben?

    Wer kein Kunde des Unternehmens ist, das die Mail angeblich geschickt hat, wird sie sofort als falsch erkennen und löschen. Andere gefälschte Schreiben entlarven sich durch Kleinigkeiten im Absender, etwa wenn die Mail vom Karrierenetzwerk LinkedIn kommen soll, im Absender aber als Linked-in auftaucht. Auch der angegebene Link kann Hinweise geben. Wer mit der Maus drüberfährt, ohne zu klicken, sieht die dahinterliegende Internetadresse angezeigt. Bei Vijsa.com statt Visa.com sollte man vorsichtig sein. Gleiches gilt für ergänzte Adressen wie Paypal-zahlen.de. Gefälschte Nachrichten verraten sich auch durch allgemeine Anreden sowie Schreib- oder Grammatikfehler, wobei die Täter inzwischen Programme nutzen, um ihre Mails oder Nachrichten echter aussehen zu lassen. Der Bankenverband rät, ein digitales Schreiben mit anderen zu vergleichen, die man bereits bekommen hat. Außerdem nutzen vor allem Banken und Sparkassen üblicherweise keine SMS oder Mails, um ihre Kunden anzusprechen oder gar nach sensiblen Daten zu fragen. Ist der Absender unbekannt, empfiehlt es sich grundsätzlich, skeptisch zu sein. Im Phishing-Radar der Verbraucherzentralen sind zudem viele der neuesten Tricks aufgeführt.

    Wie kann man sich schützen?

    Grundsätzlich sollten Sie Passwörter und Zugangsdaten nie für mehrere Webseiten gleichzeitig verwenden. Sonst haben Täter bei erfolgreichem Phishing möglicherweise noch mehr Zugriff. Haben Sie merkwürdige Post erhalten, bewahren Sie Ruhe, auch wenn die Mail oder Nachricht eine Frist setzt oder drängt, sofort zu handeln. Fragen Sie sich: Habe ich gerade etwas gebucht? Ein Paket über den Paketversender bestellt? Erwarte ich Post von der Bank? Melden Sie sich bei einem Buchungsportal oder Kreditinstitut grundsätzlich über den Weg im Internet an, den Sie sonst auch nutzen: Tippen Sie die Adresse im Browser ein, nutzen Sie die App oder Lesezeichen. Sie halten den Absender für unseriös? Dann kontaktieren Sie das Unternehmen, von dem Mail oder SMS stammen sollen, direkt etwa per Telefon. Klicken Sie nicht auf den Link. Antworten Sie nicht.

    Ich habe auf den Link geklickt. Was nun?

    Es kann sein, dass Sie sich jetzt ein Schadprogramm eingefangen haben, dass den Rechner nach Passworten scannt. Sie sollten das Antivirenprogramm, das Sie nutzen aktualisieren und laufen lassen. Suchen Sie im Zweifel professionellen Rat.

    Ich habe meine Daten eingegeben. Was tue ich?

    Informieren Sie Ihr Kreditinstitut und sperren Sie sofort das betroffene Konto und die dazugehörigen Karten. Lassen Sie ein aktualisiertes Antivirenprogramm laufen. Ändern Sie auch die Online-Zugangsdaten bei anderen Banken, Streamingdiensten oder dort, wo Sie sich sonst noch anmelden. Nutzen Sie am besten einen anderen Rechner dafür. Stellen Sie Strafanzeige und löschen Sie die Mail oder Nachricht, auf die Sie hereingefallen sind, nicht. Sie ist ein Beweismittel.

    Wie hoch ist der Schaden?

    Die internationale Anti-Phishing-Initiative APWG hat 2023 rund fünf Millionen Phishing-Angriffe verzeichnet. 2022 waren es 4,7 Millionen. Tendenz deutlich steigend. Wie hoch die Schäden beim Verbraucher sind, ist nicht genau erfasst. Der durchschnittliche Schaden im vierten Quartal 2023 Phishing über Geschäftsmails betrug nach Zahlen des Sicherheitsunternehmens Forta im Schnitt rund 56.200 Dollar (52.000 Euro). Ein Quartal zuvor war es doppelt so viel.

    Phishing-Radar der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen: https://www.vz-nrw.de/phishing

    Link zum BSI: https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Cyber-Sicherheitslage/Methoden-der-Cyber-Kriminalitaet/Spam-Phishing-Co/Passwortdiebstahl-durch-Phishing/Wie-erkenne-ich-Phishing-in-E-Mails-und-auf-Webseiten/wie-erkenne-ich-phishing-in-e-mails-und-auf-webseiten_node.html

  • Die letzte Fahrt des Atommülls

    Finnland testet im August das erste Endlager der Welt. Besuch 450 Meter tief im Gestein.

    Die letzte Fahrt des Atommülls

    Es ist trocken hier unten, bei dauerhaft elf Grad. Obwohl die Lüftung brummt, riecht es leicht nach Abgasen der schweren Maschinen. Während die Wände der Haupttunnel mit Stahlnetz und grauem Beton verkleidet sind, tritt hier im Seitentunnel das rohe Gestein hervor, 1,9 Millionen Jahre alt. Am Boden sind im Licht der Leuchtstoffröhren etwa alle acht Meter grüne Kreuze zu sehen. Jedes markiert die Stelle für ein Loch, in dem vermutlich 2025 ein Behälter mit Atommüll versenkt wird. Denn was wie ein Bergwerk aussieht, ist das bisher einzige Endlager der Welt: Onkalo.

    Knapp 450 Meter höher strahlt die Mai-Sonne auf das Gelände des finnischen Betreiberunternehmens Posiva. Rundherum drei Meter hohe Sicherheitszäune in zwei Reihen, an der Spitze Stacheldraht. Dahinter jenseits der Straße zum Atomkraftwerk Olkiluoto Birken, Fichten, Kiefern. Lynxe sollen herumstreifen, Elche, sogar Wölfe, die übliche finnische Natur an der Westküste. Das Besondere hier ist neben dem Tunnelsystem das verschachtelte graue Gebäude, auf das Pasi Tuohimaa zeigt. „Weltweit einmalig“, sagt er. Eine Fabrik, in der Atommüll endgültig eingedost wird.

    Tuohimaa ist Kommunikationschef von Posiva und schon wegen seiner Funktion äußerst überzeugt. „Uran stammt aus Stein, wir geben es dem Stein zurück“, zitiert er einen Werbespruch des Unternehmens. Und: „Wir haben eine Lösung für das Atommüllproblem.“ Was stimmt. Kein anderes Land der Welt ist annähernd so weit wie Finnland. In Deutschland etwa dauert es bis mindestens 2046, bis ein geeigneter Standort gefunden ist, eher länger.

    Derzeit lagert Finnlands hochradioaktiver Atommüll neben den Kraftwerken: nahe Lovissa, gut 80 Kilometer östlich von Helsinki, und eben in Olkiluoto, gut 230 Kilometer nordwestlich der finnischen Hauptstadt. Hier gibt es unterirdische Becken, in denen die gebrauchten Brennstäbe in Behältern auf das Endlager warten. Wohl im kommenden sollen die ersten dieser Behälter in das graue Gebäude wechseln.

    Dort werden sie geöffnet, die Stäbe herausgenommen, getrocknet, in einen neuen Stahlbehälter gesteckt, der in eine etwa sechs Meter lange Kapsel aus mehreren Zentimetern dickem Kupfer geschoben wird. Sie wird mit einem Deckel verschlossen und zugeschweißt. Der Vorgang dauert je Kapsel etwa eine Woche. Alles läuft vollautomatisch, die inneren Räume sind geschützt wie die Reaktorkammer eines Atomkraftwerks. Von dort aus geht es dann mit einem Aufzug ins Endlager. Der Testlauf noch ohne radioaktives Material ist für August geplant.

    Seit Anfang der Achtziger Jahre hat Finnland einen Standort gesucht. 150 Plätze schienen geeignet. Zuletzt stritten nur noch die beiden Gemeinden mit den Akw um Onkalo. Unter anderem ging es um Arbeitsplätze und das Geld, das das Endlager mit sich bringt. Bisher hat Posiva rund eine Milliarde Euro investiert. Die jährlichen Betriebskosten schätzt das Unternehmen auf 40 Millionen Euro. Das alles zahlt ein staatlich verwalteter Fonds, in den die Atomenergieunternehmen seit dem Start der Stromproduktion eingezahlt haben. Letztlich entschied sich der Staat für Olkiluoto. 2003 begann der Bau,. Die Lagerlizenz erwartet Posiva noch in diesem Jahr.

    Ingenieurin Marianna Hanni steigt in den Personenaufzug, drückt einen Knopf und es geht abwärts – von plus 13 auf minus 433 Meter in knapp einer Minute. Unten geht es durch zwei weiß gestrichene Räume vorbei an der Cafeteria. Hanni ist eine der rund 90 Mitarbeiter von Posiva. Sie öffnet eine weitere Tür in eine große Halle, die in den Fels getrieben ist. Von hier aus geht es mit dem Auto nach links in einen Tunnel. Sie fühle sich jedes Mal an eine Tiefgarage erinnert, sagt Hanni, während sie Gas gibt. Es gilt Tempo 20.

    Der Wagen stoppt. Hanni parkt in einer Nische, damit die schweren Maschinen im Haupttunnel genug Platz haben. Hier auf der untersten Ebene bei etwa 450 Metern unter Null liegen jene fünf Tunnel, in denen die ersten Kapseln mit Atommüll eingelagert werden sollen. Die Gänge sind jeweils 350 Meter lang, 4,5 Meter breit, 5,5 Meter hoch. In Tunnel zwei steht auf halber Strecke ein blauer VW-Bus. Dahinter dröhnt es. Mehrere Arbeiter in leuchtenden Westen und Schutzhelmen bohren Löcher in den Stein. Fertig werden sie acht Meter tief sein und einen Durchmesser von gut zwei Metern haben, so dass die Kapseln gut hineinpassen.

    Wenn es soweit ist, wird eine Spezialmaschine etwas Bentonit einfüllen, vulkanischen Lehm, der auch in Katzenstreu verwendet wird und die wenige Feuchtigkeit, die aus dem Gestein kommt, langsam aufsagen soll. Darauf wird ein anderes Fahrzeug eine Kapsel rutschen lassen. Dann werden die Hohlräume mit dem Lehm aufgefüllt, die Kapsel damit abgedeckt. Sind alle Löcher bestückt, verfüllt eine weitere Maschine den Tunnel mit Bentonit. Am Ende wird er mit einem Betonpropfen geschlossen. „Die Fahrzeuge sind einmalig, wurden extra angefertigt“, sagt Hanni. Und sie werden aus einem geschützten Raum praktisch per Joystick ferngesteuert.

    Die fünf Tunnel reichen Kommunikationschef Tuohimaa zufolge bis 2035, neue würden vermutlich von 2035 an gebohrt. Im Einsatz ist deutsche Technik  des Bohrspezialisten Herrenknecht. Insgesamt können bis zu 6500 Tonnen Atommüll eingelagert werden. Viel mehr finnischen Atommüll wird es wohl nicht geben, weitere Atomkraftwerke sind nicht geplant. Und der Import radioaktiven Abfalls aus dem Ausland ist verboten. Für Deutschland schätzt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung die hochradioaktive Abfallmenge auf 27.000 Tonnen.

    Jetzt zischt der Aufzug wieder nach oben gen Tageslicht. Derzeit liefern Finnlands Atomreaktoren etwa 40 bis 45 Prozent des benötigten Stroms, allein ein Drittel kommt aus den drei Reaktorblöcken von Olkiluoto, die oben etwa zwei Kilometer entfernt hinter den Bäumen stehen. Knallrot mit weißen Kanten heben sie sich markant vom blauen Himmel ab. Dahinter die offene Ostsee. Die Reaktorblöcke 1 und 2 laufen seit 1979 und 1982. Sie sollen 2039 und 2042 heruntergefahren werden.

    Block 3 ist der erste eines neuen europäischen Typs, bisher der leistungsstärkste europäische Reaktor, gebaut von der französischen Firma Areva. Siemens lieferte die Turbinentechnik. Er ging 2023 ans Netz, 14 Jahre verspätet und mit elf Milliarden Euro fast viermal so teuer wie geplant. Die Laufzeit ist auf 60 Jahre ausgelegt. Dazu kommen dann noch etwa 40 Jahre Abkühlzeit im Spezialbecken nahe des Reaktors, bevor die Brennstäbe unten in einem der Tunnel eingelagert werden können. Der letzte Atommüll dürfte dann Mitte der 2120er Jahre eingelagert werden. Dann werden die Tunnel komplett gefüllt, die Anlage oben abgebaut. Über Onkalo wachsen dann wahrscheinlich wieder Birken, Fichten und Kiefern.

  • Neue Öl- und Gasheizung

    Was dagegen spricht, was dafür

    Viele Hausbesitzerinnen und Besitzer lassen sich nun neue Gas- und Ölheizungen einbauen. Auf diese Wärmequellen kommen in viereinhalb Jahren jedoch erhebliche Veränderungen zu. Denn ab 2029 müssen die jetzt installierten fossilen Heizungen teilweise auf Ökoenergie umgestellt werden. Damit können Unsicherheiten verbunden sein, beispielsweise die Frage, ob Ökobrennstoff dann preisgünstig in ausreichender Menge zur Verfügung steht.

    Die aktuelle Lage
    Knapp zwei Drittel der zwischen Januar und März diesen Jahres verkauften Heizungsanlagen werden mit Gas betrieben, erklärte der Verband der Heizungsindustrie (BDH). Weitere gut zehn Prozent verfeuern Öl. Währenddessen brach der Verkauf von strombetriebenen Wärmepumpen stark ein. Diese Veränderungen im Kaufverhalten führt der BDH unter anderem auf die Verunsicherung zurück, die die lange Debatte über das Gebäudeenergiegesetz im vergangenen Jahr ausgelöst habe. Viele Hausbesitzende entscheiden sich deshalb für die bekannten, konventionellen Varianten Erdgas oder Erdöl.

    Was auf die Gas- und Ölheizungen zukommt
    Wer diese Entscheidung trifft, sollte Veränderungen beachten, die möglicherweise nicht ausreichend gewürdigt werden. Denn ab 2029 müssen die seit 2024 eingebauten neuen Öl- und Gasheizungen teilweise mit klimaneutralem Brennstoff befeuert werden. Das jetzt gültige Gebäudeenergiegesetz sieht diese Quoten vor: ab 1. Januar 2029 mindestens 15 Prozent, ab 1. Januar 2035 mindestens 30 Prozent und ab 1. Januar 2040 mindestens 60 Prozent Erneuerbare Energien. Folgende Ausnahmen von den Fristen gibt es nach Information des Bundeswirtschaftsministeriums (BMWK): Eine neue Gasheizung ist komplett auf Wasserstoff umrüstbar, und in der betreffenden Gemeinde wird künftig tatsächlich auch Wasserstoff angeboten. „Auch wenn der örtliche Fernwärme-Anbieter den Anschluss an ein Wärmenetz innerhalb von zehn Jahren zusagt, wird die Quoten-Regelung ausgesetzt“, heißt es beim BMWK außerdem.

    Welche Ökobrennstoffe kommen in Frage?
    Immobilienbesitzerinnen und Besitzer mit neuen fossilen Heizungen tun deshalb gut daran, sich schon jetzt mit der späteren Verfügbarkeit von klimafreundlichen Brennstoffen zu beschäftigen. Eine Variante der Beimischung zum Erdgas ist Biomethan, das in Biogasanlagen zum Beispiel aus Pflanzenresten produziert wird. Auch sogenanntes biogenes Flüssiggas kommt in Frage. Außerdem wird klimaneutraler Wasserstoff eine Rolle spielen.

    Gibt es die klimaneutralen Brennstoffe dann?
    In welcher Menge und zu welchen Preisen die Ökobrennstoffe für Erdgas- und Ölheizungen in einigen Jahren auf dem Markt sein werden, ist eine heute kontrovers diskutierte Frage ohne genaue Antwort. Einig sind sich viele Fachleute darüber, dass diese Treibstoffe später in erster Linie dort eingesetzt werden, wo Ökostrom keine gute Lösung ist – beispielsweise im Schwerlastverkehr und in der Chemieindustrie. Welche Mengen für Gebäudeheizungen übrig bleiben, ist fraglich. Deshalb warnt das BMWK: „Daher ist zu erwarten, dass die Preise über denen für Erdgas oder Heizöl liegen und entsprechende Lieferverträge teuer sein werden.“ Mit Ähnlichem müsse man bei Wasserstoff rechnen.

    Welche Heizung kostet was?
    Aktuelle Entscheidungen für neue Gas- und Ölheizungen werden oft getroffen, weil die Anschaffungskosten deutlich niedriger liegen als etwa von strombetriebenen Wärmepumpen. In einer solchen Betrachtung bleiben andere Faktoren jedoch häufig außer acht. Etwa die finanzielle Förderung, die der Staat nur für ökologische System zahlt, nicht aber für Gas- und Ölheizungen. Oder die langfristigen Kosten: So betont das Wirtschaftsministerium, dass künftig der Kohlendioxidpreis, quasi eine Steuer auf Erdgas und Erdöl, erheblich steigen wird. Schon 2030 könne er die doppelte Höhe des heutigen Wertes erreichen. Das Fraunhofer-Instituts ISE in Freiburg hat für einen Zeitraum von 20 Jahren berechnet: „Wird jetzt neu in einen Heizungsaustausch investiert, sind Wärmepumpen und Fernwärme nicht nur klimaschonender, sondern langfristig auch kostengünstiger als das Heizen mit Gas.“

    Fazit: Was spricht gegen neue Gas- und Ölheizungen?
    Neben der Umrüstpflicht auf Ökobrennstoffe ab 2029 weist Florian Munder vom Bundesverband der Verbraucherzentralen auf diesen Punkt hin: „2045 ist nach aktueller Rechtslage endgültig Schluss mit jeder Form von Heizung, die nicht klimaneutral ist.“ Das betreffe besonders „fossil betriebene Gas- und Ölheizungen“. Für heute eingebaute Brenner mag das dann bedeuten, dass sie ersetzt werden müssen, obwohl sie noch gut funktionieren. Zudem werden manche Energieversorger ihre Erdgasnetze nach und nach stilllegen, weil die Zahl der Kunden abnimmt.

    Und dafür?
    Gesetze können sich ändern. Vielleicht revidiert eine nächste Bundesregierung die Fristen und Vorschriften, so dass fossile Anlagen länger laufen dürfen. Ein Pluspunkt der konventionellen Heizungen sind zudem die teils niedrigen Anschaffungskosten. Und für manche älteren Gebäude scheint die Heizleistung der ökologischen Systeme nicht immer auszureichen.

    Die Alternativen zu Öl- und Gasheizungen?
    Neben reinen Wärmepumpen, die später vorzugsweise mit Ökostrom betrieben werden, können das auch Hybridsysteme sein – Kombinationen etwa von Erdgasbrennern und Wärmepumpen. Außerdem kommen unter anderem in Frage: Pellett-Anlagen, die Holz verfeuern, Sonnenkollektoren, Stromdirektheizungen oder Fernwärme.

    Informationen gibt es hier:
    www.energiewechsel.de
    https://www.ise.fraunhofer.de/de/presse-und-medien/presseinformationen/2024/guenstig-und-klimaschonend-heizen-waermepumpen-kosten-langfristig-weniger-als-das-heizen-mit-gas.html
     

  • Die Sicherheitsbremse

    Haushalt, Ukraine und der 2. Weltkrieg

    Robert Habeck klingt „ein bisschen nach Churchill“, schreibt der Spiegel. Zu Ostern 2024 hat der Grüne ein Video aufgenommen, in dem er den russischen Angriff auf die Ukraine als Bedrohung der westlichen Freiheit und der europäischen Demokratie einordnet. „Wir sind weit vom Frieden entfernt“, erklärt der Vizekanzler, ein Ende des Krieges sei nicht in Sicht. Der russische Machthaber Vladimir Putin „will die Welt in Unordnung stürzen. Deshalb sind wir gut beraten, mehr in unser eigene Sicherheit zu investieren.“

    Der britische Premierminister Winston Churchill war die eine westliche Führungspersönlichkeit, der es maßgeblich zu verdanken ist, dass Adolf Hitler, der Nationalsozialismus und die deutsche Wehrmacht den Zweiten Weltkrieg verloren haben. Der zweite demokratische Politiker, der mit Churchill verbündet alles in die Waagschale warf, war Franklin D. Roosevelt, der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Dieser historische Bezug, den der Spiegel-Autor herstellt, ist nicht übertrieben. Habeck legt ihn in seinem Video selbst nahe, wenn er sagt: „Putins Krieg gegen die Ukraine ist der blutigste, den Europa seit 1945 erlebt hat.“

    Einen derartigen gedanklichen Bogen über 80 Jahre zu konstruieren, kann man für überdramatisiert halten. Schließlich tobt jetzt kein Weltkrieg. Und doch spricht einiges dafür, dass wir uns in einer globalen, teilweise militärisch geführten Auseinandersetzung zwischen freiheitlichen Demokratien und autoritären Regimen befinden. Russland ist die eine Macht, die ihren neoimperialen Herrschaftsanspruch nicht nur den Nachbarländern aufzuzwingen versucht, sondern auch Konflikte in anderen Kontinenten schürt. Durch ähnliche Interessen teilweise mit Moskau verbunden, bedroht die Regierung Chinas den demokratischen Staat Taiwan und strebt gleichzeitig nach weltweiter ökonomischer Vorherrschaft. Zudem erleben manche westlichen Demokratien einen Moment innerer Schwäche: Nicht nur in Frankreich, den USA und Deutschland fordert die extreme Rechte die freiheitliche Lebensweise heraus, teils mit Unterstützung der russischen Regierung.

    Diese veränderte Weltlage ist bislang zu wenig im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit und den Diskussionen der hiesigen Politik angekommen. Besonders in der Finanzpolitik spiegelt sie sich nicht. Wenn das Bundeskabinett bald den Entwurf für den Bundeshaushalt 2025 beschließt sollte, steht dieser wohl unter dem Diktat der Schuldenbremse. Die Regel im Grundgesetz schreibt vor, dass der Bund sich grundsätzlich nur mit 0,35 Prozent der Wirtschaftsleistung pro Jahr neu verschulden darf. Die damit verfügbaren Summen sind jedoch zu gering, um auf die globalen Herausforderungen angemessen zu reagieren.

    Während also der grüne Vizekanzler sagt: „Wir müssen uns schützen, auch vor militärischen Angriffen“ und fordert, Deutschland solle „schutzfähig“ werden, fehlt dem sozialdemokratischen Verteidigungsminister Boris Pistorius Geld. Ob er die 58 Milliarden Euro, die er für kommendes Jahr als Ausgaben im normalen Haushalt angemeldet hat, von Finanzminister Christian Lindner (FDP) bekommt, ist fraglich. Dieser scheint bisher davon auszugehen, dass 52 Milliarden Euro für die Bundeswehr reichen – und verweist auf das zusätzliche 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen, wobei dieses schon bald aufgezehrt sein dürfte. Wenn aber, wie Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) versprochen hat, Deutschland weiterhin das Zwei-Prozent-Ziel der Nato einhalten will, sind auf Dauer Militärausgaben im Haushalt von rund 80 Milliarden Euro jährlich nötig, nicht gut 52 Milliarden wie im Augenblick.

    Deshalb rebelliert Pistorius gegen die Schuldenbremse. „Das Grundgesetz will sich selbst verteidigen“, lautet der zentrale Satz des Kurzgutachtens seines Ministeriums von Mitte Mai. Soll heißen: Die Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger als Kern der freiheitlichen Ordnung sind nur dann geschützt, wenn sich der Staat im Notfall nach außen verteidigen kann. Deshalb fordert der Verteidigungsminister eine „Ausnahme von Ausgaben für Verteidigung von den Schuldenregeln“. Diese sei nötig, weil die „Möglichkeit von Krieg“ in den Grundgesetz-Artikeln zur Kreditobergrenze bisher nicht mitgedacht worden sei.

    Die Regierungschefs des Vereinten Königreichs und der USA mussten sich in den 1940er Jahren nicht mit Schuldenbremsen herumschlagen. Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt erhöhten die Kreditaufnahme massiv, um gegen Nazi-Deutschland und Japan das Notwendige zu tun. Nach dem Angriff der Japaner auf den US-Marine-Stützpunkt Pearl Habour im Pazifik 1941 stieg die US-Staatsverschuldung beispielsweise von 58 Milliarden Dollar auf 260 Milliarden Dollar 1945. Die Schuldenquote im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung sprang von 50 Prozent auf 115 Prozent. Mit ausreichend Geld konnten die Alliierten ihre Verteidigung, Aufrüstung, die Invasion in der Normandie und schließlich den Sieg über die Diktaturen finanzieren.

    Freilich war die Lage damals insofern anders, als Großbritannien und die USA bereits selbst angegriffen worden waren. Das ist Deutschland, Europa und der Nato bisher erspart geblieben. Bei einem direkten Angriff würde die Schuldenbremse wohl auch keine Rolle mehr spielen. Trotzdem ist der Hinweis auf die hohen, kreditfinanzierten Verteidigungsausgaben während des Zweiten Weltkriegs produktiv. Sie setzten ein, als es zu spät war, als es nicht mehr anders ging.

    Heute geht es jedoch darum, einer solchen Eskalation durch höhere Ausgaben vorzubeugen. Die finanzielle Unterstützung der Ukraine und die Investitionen in die bessere Ausstattung der Bundeswehr sollen dazu dienen, den russischen Angriff auf das Nachbarland abzuwehren und die russische Regierung davon abzuhalten, noch einmal einen ähnlichen Versuch an anderer Stelle zu unternehmen. In den Worten des Pistorius-Gutachtens: „Das sicherheitspolitisch Notwendige auf die Zukunft gerichtet antizipatorisch zu veranlassen“ – einfach gesagt, die deutsche Armee jetzt zu einer schlagfähigen Truppe zu machen. Das jedoch verhindert heute die Schuldenbremse. Sie verhindert die Verhinderung weiterer Kriege, eigentlich ist sie eine Sicherheitsbremse.

    Nicht nur dabei steht die Kreditobergrenze in ihrer gegenwärtigen Form im Wege. Sie untergräbt auch eine vernünftige Industrie-, Infrastruktur- und Klimapolitik. So verabschieden sich hierzulande gerade zum zweiten Mal die Produzenten von Solarmodulen. Sie sind der chinesischen Billigkonkurrenz, die die meisten Anlagen fertigt, nicht gewachsen. Auch wegen der Schuldenbremse stellt die Bundesregierung keine ausreichende Förderung bereit, um das zu verhindern. Eine strategische Zukunftsbranche wird zunehmend abhängig von dem autoritären Regime in Peking.

    Der öffentlichen Infrastruktur fehlen ebenfalls Milliarden Euro. Die Deutsche Bahn AG fährt oft unpünktlich und langsam. Verkehr wird umgeleitet, weil Autobahnbrücken marode sind. Es dauert Jahre, bis Schulen saniert oder gebaut werden, denn auch die Länder leiden unter der Bremse. Diese Missstände tragen nicht selten dazu bei, dass Bürgerinnen und Bürger sich von der etablierten Politik ab- und den Rechtsextremen zuwenden. Wegen der Sparregel im Grundgesetz kommt auch die Reduzierung der klimaschädlichen Treibhausgase nicht so schnell voran wie sie sollte. Beispielsweise für die sozialverträgliche Energiesanierung von Wohngebäuden fehlen öffentliche Zuschüsse.

    Dabei raten zahlreiche Wirtschaftsforscher der deutschen Politik dazu, Geld für öffentliche Investitionen in gewissem Umfang von der Schuldenbremse ausnehmen. Der Internationale Währungsfonds vertritt diese Position, ebenso wie der Sachverständigenrat, die sogenannten Wirtschaftsweisen. Das unternehmensnahe Institut der Deutschen Wirtschaft hat ein entsprechendes Gutachten zusammen mit dem gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie veröffentlicht. Und selbst der Bundesverband der Deutschen Industrie kann sich unter bestimmten Bedingungen schuldenfinanzierte Investitionen vorstellen.

    Eine zusätzliche Begründung dafür lautet, dass der Zustand der öffentlichen Finanzen Deutschlands ziemlich gut ist – trotz Belastungen wie der Corona-Pandemie und der gegenwärtigen ökonomischen Stagnation. Die Schuldenquote beträgt 64 Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt – der bei Weitem niedrigste Wert der sieben großen westlichen Wirtschaftsnationen. Deutschland hätte damit einen gewissen Spielraum für eine höhere Kreditaufnahme, ohne seine finanzpolitische Solidität und die Rolle als Stabilitätsanker des Euroraumes aufzugeben.

    Weder jedoch kann sich gegenwärtig die rot-grün-gelbe Bundesregierung darauf einigen, die Schuldenbremse zu lockern – die FDP lehnt das ab, noch existiert eine verfassungsändernde Mehrheit dafür im Bundestag. Nach der nächsten Bundestagswahl könnte sich das ändern, wenn eine entsprechende Stimmung in der Union weiter um sich greift. Nützen würde das immer noch, auch weil der Krieg Russlands gegen die Ukraine dann wohl nicht zu Ende ist.

  • Die Tricks der Passwort-Angler

    Was Sie zu Phishing wissen müssen

    Netflix informiert über eine blockierte Zahlung, die Postbank hat das Konto aus Sicherheitsgründen deaktiviert und Paypal will die Sicherheitsbestimmungen aktualisieren. Alle drei Mails der vergangenen Wochen haben eins gemeinsam: Sie sind gefälscht und wollen an die Kontodaten der Empfänger. Ein kleiner Leitfaden zum Phishing.

    Was ist Phishing?

    Der Begriff steht für eine besondere Form von Kriminalität im Internet. Er ist zusammengesetzt aus den englischen Worten „password“ und „fishing“ – Passwort angeln. Kriminelle versuchen, mit E-Mails, SMS oder etwa Whatsapp-Nachrichten Zugangsdaten zum Beispiel zu Bankkonten zu bekommen und dann dort Geld zu stehlen. Oft werden die Daten auch weiterverkauft.

    Wie gehen die Täter vor?

    Es gibt verschiedene Tricks. Der Klassiker ist eine E-Mail, die aussieht, als komme sie von einer Bank. Vermeintliche Absender können auch ein Paketdienst sein, ein Streamingdienst oder ein Hotelbuchungsportal. In der Mail wird auf einen Fehler hingewiesen, etwa bei der Buchung oder beim Bankzugang, und gebeten, einen Link anzuklicken. Oder der Empfänger wird aufgefordert, die TAN-Liste des Kontos zu aktualisieren oder eine Buchung zu stornieren. Der Link führt dann auf eine Internetseite, die täuschend echt aussieht, aber gefälscht ist. Wer hier die Bankzugangsdaten eingibt, meldet sich dann nicht bei seinem Konto an, sondern liefert den Kriminellen die Informationen. Nachrichten, die auf gefälschte Seiten verweisen, können auch bei Facebook, X (vormals Twitter), Whatsapp oder einem anderen Kurznachrichtenportal versandt werden.

    Neu sind QR-Codes in Mails oder Nachrichten. Das QR steht für quick response, schnelle Antwort. Der Begleittext fordert auf, den Code mit dem Mobiltelefon zu scannen, um zum Beispiel eine Rechnung zu öffnen oder schnell auf das Konto zuzugreifen. Auch dieser Code führt auf eine gefälschte Seite.

    Woran erkennt man ein gefälschtes Schreiben?

    Wer kein Kunde des Unternehmens ist, das die Mail angeblich geschickt hat, wird sie sofort als falsch erkennen und löschen. Andere gefälschte Schreiben entlarven sich durch Kleinigkeiten im Absender, etwa wenn die Mail vom Karrierenetzwerk LinkedIn kommen soll, im Absender aber als Linked-in auftaucht. Auch der angegebene Link kann Hinweise geben. Wer mit der Maus drüberfährt, ohne zu klicken, sieht die dahinterliegende Internetadresse angezeigt. Bei Vijsa.com statt Visa.com sollte man vorsichtig sein. Gleiches gilt für ergänzte Adressen wie Paypal-zahlen.de. Gefälschte Nachrichten verraten sich auch durch allgemeine Anreden sowie Schreib- oder Grammatikfehler, wobei die Täter inzwischen Programme nutzen, um ihre Mails oder Nachrichten echter aussehen zu lassen. Der Bankenverband rät, ein digitales Schreiben mit anderen zu vergleichen, die man bereits bekommen hat. Außerdem nutzen vor allem Banken und Sparkassen üblicherweise keine SMS oder Mails, um ihre Kunden anzusprechen oder gar nach sensiblen Daten zu fragen. Ist der Absender unbekannt, empfiehlt es sich grundsätzlich, skeptisch zu sein. Im Phishing-Radar der Verbraucherzentralen sind zudem viele der neuesten Tricks aufgeführt.

    Wie kann man sich schützen?

    Grundsätzlich sollten Sie Passwörter und Zugangsdaten nie für mehrere Webseiten gleichzeitig verwenden. Sonst haben Täter bei erfolgreichem Phishing möglicherweise noch mehr Zugriff. Haben Sie merkwürdige Post erhalten, bewahren Sie Ruhe, auch wenn die Mail oder Nachricht eine Frist setzt oder drängt, sofort zu handeln. Fragen Sie sich: Habe ich gerade etwas gebucht? Ein Paket über den Paketversender bestellt? Erwarte ich Post von der Bank? Melden Sie sich bei einem Buchungsportal oder Kreditinstitut grundsätzlich über den Weg im Internet an, den Sie sonst auch nutzen: Tippen Sie die Adresse im Browser ein, nutzen Sie die App oder Lesezeichen. Sie halten den Absender für unseriös? Dann kontaktieren Sie das Unternehmen, von dem Mail oder SMS stammen sollen, direkt etwa per Telefon. Klicken Sie nicht auf den Link. Antworten Sie nicht.

    Ich habe auf den Link geklickt. Was nun?

    Es kann sein, dass Sie sich jetzt ein Schadprogramm eingefangen haben, dass den Rechner nach Passworten scannt. Sie sollten das Antivirenprogramm, das Sie nutzen aktualisieren und laufen lassen. Suchen Sie im Zweifel professionellen Rat.

    Ich habe meine Daten eingegeben. Was tue ich?

    Informieren Sie Ihr Kreditinstitut und sperren Sie sofort das betroffene Konto und die dazugehörigen Karten. Lassen Sie ein aktualisiertes Antivirenprogramm laufen. Ändern Sie auch die Online-Zugangsdaten bei anderen Banken, Streamingdiensten oder dort, wo Sie sich sonst noch anmelden. Nutzen Sie am besten einen anderen Rechner dafür. Stellen Sie Strafanzeige und löschen Sie die Mail oder Nachricht, auf die Sie hereingefallen sind, nicht. Sie ist ein Beweismittel.

    Wie hoch ist der Schaden?

    Die internationale Anti-Phishing-Initiative APWG hat 2023 rund fünf Millionen Phishing-Angriffe verzeichnet. 2022 waren es 4,7 Millionen. Tendenz deutlich steigend. Wie hoch die Schäden beim Verbraucher sind, ist nicht genau erfasst. Der durchschnittliche Schaden im vierten Quartal 2023 Phishing über Geschäftsmails betrug nach Zahlen des Sicherheitsunternehmens Forta im Schnitt rund 56.200 Dollar (52.000 Euro). Ein Quartal zuvor war es doppelt so viel.

    Phishing-Radar der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen:

    https://www.vz-nrw.de/phishing

    Link zum BSI:

    https://www.bsi.bund.de/DE/Themen/Verbraucherinnen-und-Verbraucher/Cyber-Sicherheitslage/Methoden-der-Cyber-Kriminalitaet/Spam-Phishing-Co/Passwortdiebstahl-durch-Phishing/Wie-erkenne-ich-Phishing-in-E-Mails-und-auf-Webseiten/wie-erkenne-ich-phishing-in-e-mails-und-auf-webseiten_node.html

  • Schlechte Nachrichten

    Kommentar zu US-Strafzöllen

    Mit drastischen Strafzöllen unter anderem auf E-Autos aus China will US-Präsident Joe Biden die mächtige Volksrepublik auf Abstand halten. Was auf den ersten Blick harsch und wirksam wirkt, ist Wahlkampfgetöse. Für die deutsche Autoindustrie, sogar die Wirtschaft insgesamt könnten Bidens Zölle noch schwierig werden.

    Auslöser der Strafzölle, die E-Autos aus China praktisch vom Markt ausschließen, ist vor allem die US-Innenpolitik. Es herrscht Wahlkampf. Biden plant eine zweite Amtszeit, Donald Trump will ebenfalls erneut ins Weiße Haus. Beide glauben, der Wahlsieg führe auch darüber, den Amerikanern den Erhalt von Industriearbeitsplätzen zu versprechen. Schon die Strafzölle, die Trump in seiner Amtszeit auf viele Produkte erhob, hatten wenig Effekt. Hinzu kommt, dass der US-Marktanteil chinesischer Hersteller bei E-Autos sehr übersichtlich ist. Einsame Spitze ist US-Hersteller Tesla, der unter anderem in Shanghai produziert.

    China taugt im Wahlkampf auch als große Gefahr, der es zu begegnen gilt. Das Land versucht, weltweit Einfluss und Kontrolle zu gewinnen, sei es wirtschaftspolitisch über die Neue Seidenstraße, bei Normen, kritischen Rohstoffen, Solarzellen, E-Autos. Um die Strafzölle zu umgehen, bauen chinesische Hersteller möglicherweise Fabriken in Mexiko, von denen aus sie zollfrei in die USA liefern können. Zunächst werden sie versuchen, ihre Fahrzeuge woanders abzusetzen, etwa in Europa.

    Die EU wird sich auf sehr viele billige E-Fahrzeuge aus China einstellen. Denn dank staatlicher Hilfen können die dortigen Hersteller die Preise drücken. Die EU könnte dann ihrerseits Zölle erheben, um die heimische Autoindustrie zu schützen. Das träfe wohl auch europäische Hersteller wie BMW oder Stellantis, die in China für Europa produzieren.

    Dann dürfte die chinesische Regierung reagieren, vielleicht nicht mit Strafzöllen, denn europäische Hersteller produzieren anders als US-Hersteller auch in China für den chinesischen Markt. Es könnte aber andere Branchen treffen. Für die deutsche Wirtschaft wäre das eine Katastrophe. Wir sind eine Exportnation. Freie Märkte sind unabdingbar.

  • Raketenstart verzögert sich

    Abheben in der Nordsee wohl erst im Juli

    Ein Prestigeprojekt der deutschen Industrie verschiebt sich. Im April sollte erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Rakete von einem Schiff in der Nordsee gen Weltraum starten. Doch wie oft in der Raumfahrt dauert es etwas länger. Ein neuer Termin ist jetzt für den Sommer angepeilt. Erstmals werden auch Einzelheiten bekannt.

    Ein erster Test war für April vorgesehen.

    „Der Start der Demo-Mission verzögert sich etwas“, sagt Sabine von der Recke, Geschäftsführerin der German Offshore Spaceport Alliance (Gosa), die das Projekt vorantreibt. „Wir mussten den Zeitplan anpassen, unter anderem, weil sich die Partner, die Raketen starten wollen, geändert haben.“ Der neue Termin liegt im Sommer. „Wir planen jetzt mit einem Start im Juni. Vielleicht dauert es auch bis Juli.“ Hinter Gosa stehen unter anderem der Satelliten-Spezialist OHB, bei dem von der Recke im Vorstand arbeitet, die Spezialreederei Harren Group und der Hafenbetreiber BLG, alle aus Bremen.

    Zunächst werden bis zu vier sogenannte Suborbital-Raketen abheben. Sie erreichen eine Höhe von bis zu 50 Kilometern und verlassen die Erdanziehung nicht, stürzen also wieder zur Erde zurück. Sie werden üblicherweise für Experimente genutzt. Und auch für die Demo-Mission sind sie wichtig, weil sich vieles testen lässt, ohne dass die Kosten stark steigen. „Damit sammeln wir technische Erfahrungen und proben die Zusammenarbeit mit Partnern und Behörden“, sagt von der Recke. „Das hilft, für orbitale Starts, die deutlich komplexer sind, und Satelliten in eine Erdumlaufbahn bringen können.“

    Die Raumfahrt wandelt sich seit ein paar Jahren – weg von vor allem staatlich finanzierten Missionen hin zu privaten Investitionen. Unternehmen entwickeln Satelliten und Raketen, versprechen sich Geschäft mit dem All, etwa über Satelliten-Schwärme, die Internet bieten oder die Erde beobachten oder Landmaschinen steuern. Allein den Markt für Satelliten schätzt die Beratungsfirma Novaspace bis 2032 auf 588 Milliarden Dollar (535 Milliarden Euro) weltweit.

    Die Satelliten werden immer kleiner und günstiger, weil sie in Serie hergestellt werden. Und um sie ins All zu befördern und später auch zu ersetzen, sind viele Raketen nötig. Drei deutsche Firmen entwickeln sogenannte Microlauncher. Sie sind um die 30 Meter hoch und haben einen Durchmesser von rund zwei Metern – deutlich kleiner als etwa die Ariane 6 der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa mit ihren gut 63 Metern Höhe und 5,4 Metern Durchmesser. Und unabhängig von anderen Ländern zu sein, hatten mehrere deutsche Unternehmen die Idee, von der Nordsee aus zu starten.

    Partner der Demo-Mission sind die dänische Studentengruppe DanStar, das Unternehmen T-Minus aus dem niederländischen Delft, das Space Team Aachen der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen und der gemeinnützige Verein FAR, der unter anderem Höhenforschungsraketen entwickelt. T-Minus entwickelt Suborbitalraketen sowie Satelliten und bietet wissenschaftliche Tests an. Space Team Aachen baut Raketen, Rover und Satelliten.

    Die Demo-Mission startet vom sogenannten Entenschnabel aus, dem äußersten Zipfel der Ausschließlichen Wirtschaftszone Deutschlands in der Nordsee, etwa 400 Kilometer vor der Küste. Ein Schlepper wird eine Barge, eine Art Ponton ohne Motor, von Bremerhaven aus dorthin bringen. Geplant sind bis zu vier Raketenstarts, die größte ist 4,5 Meter hoch. Die Demo-Mission wird deshalb mehrere Tage dauern.

    „Wir starten den Test von einem Ponton aus. Ein Schiff wäre für die kleineren Testraketen überdimensioniert“, sagt von der Recke. Das hat auch mit den Kosten zu tun, die die Gosa niedrig halten will. Darüber, wie viel die Partner für die Demo-Mission investieren, schweigt sich die Managerin aus. Klar ist dagegen bereits, dass der Startknopf auf einem Begleitschiff gedrückt wird. Auch wenn die Raketen eine eher übersichtliche Größe haben, ist es zu gefährlich, beim Start daneben zu stehen. Und genau genommen gibt es auch keinen Knopf, sondern einen Schalter, der umgelegt wird.

    Unklar ist auch, was ein Start mit einer großen Rakete vom Spezialschiff ins All kosten wird. Denn er hängt von vielen Faktoren ab. Wie leicht sich etwa auf ein geeignetes Schiff zugreifen lässt, das in der Regel kurzfristig gechartert wird. Und was Rohöl kostet, schließlich muss das Schiff betankt werden.

    Wichtig ist auch, ob es überhaupt Kunden für die Raketen gibt, die starten könnten. Im Gespräch sind die RFA One der Rocket Factory Augsburg und die SL1 von HyImpulse aus Neuenstadt am Kocher bei Heilbronn. Dritter Hersteller im Bunde ist Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München mit der Spectrum genannten Rakete. RFA plant den Erststart im Sommer von Shetland aus, Isar Aerospace will ebenfalls noch dieses Jahr von Nordnorwegen starten. HyImpulse entwickelt noch.

    Abheben ist nicht alles, deshalb denkt Gosa bereits weiter. „Bei dem Projekt geht es nicht nur um eine Startmöglichkeit auf deutschem Hoheitsgebiet“, sagt von der Recke. „Künftige Raketen sollen wiederverwertbar sein.“ Das bedeutet, sie müssen nach dem auch wieder zur Erde zurückkommen, wenn sie einen Satelliten in 400 Kilometer Höhe ausgesetzt haben. „In Europa ist eine Landung auf dem Festland wegen der dichten Besiedelung nicht möglich“, erklärt die Gosa-Managerin. „Deshalb bietet sich eine Landung auf einem Schiff an.“

  • Wo steht der Standort D?

    Auf der Suche nach dem neuen Bestseller

    Olaf Scholz streitet sich gerade mit Siegfried Russwurm. Der Chef des mächtigen Industrieverbands BDI wirft dem Kanzler vor, angesichts der dramatischen Lage die Wirtschaft zu vernachlässigen. Der wiederum behauptet, die Unternehmen redeten den Standort schlecht. Wer hat Recht? Wo steht Deutschland derzeit und was sollte angepackt werden?

    Die neuesten Zahlen zum Wirtschaftswachstum stimmen positiv: Im ersten Vierteljahr 2024 ist die deutsche Wirtschaft gewachsen, wie das Statistische Bundesamt berechnet hat, 0,2 Prozent im Vergleich zum letzten Vierteljahr 2023. Zudem haben die Statistiker für 2023 noch einmal nachgerechnet: Die deutsche Wirtschaft schrumpfte nur um 0,2 statt um 0,3 Prozent. Die Inflation ist da herausgerechnet. Und gerade verkündete die Bundesregierung, sie erwarte im laufenden Jahr ein Plus von 0,3 statt 0,2 Prozent.

    Dazu passt, dass sich die Stimmung der Wirtschaft bessert, wie der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts nahelegt. Er ist in den vergangenen drei Monaten gestiegen – ein Zeichen für eine Wende. Die Firmen bewerten demnach die aktuelle Lage besser als vorher. Und sie schauen optimistischer in die Zukunft. Das Institut befragt jeden Monat etwa 9000 Unternehmen.

    Also alles gut? Eher nicht. „Deutschlands Konjunktur hinkt gegenwärtig im internationalen Vergleich hinterher“, sagt Moritz Schularick, Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung in Kiel (IfW). Dies liege auch in der deutschen Wirtschaftsstruktur, die stark vom Export von Investitionsgütern geprägt sei. Da habe die Nachfrage besonders unter der Energiekrise und den hohen Teuerungsraten gelitten. Der Ökonom vermisst Planbarkeit und eine klare wirtschaftspolitische Agenda zur Klimatransformation.

    Im vergangenen Jahr lief es nicht rund für Deutschland. Während das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte, legte es zum Beispiel in Frankreich um 0,9 Prozent zu, in Japan um 1,9 Prozent. Die USA verzeichneten ein Plus von 2,5 Prozent. Insgesamt wuchs die Weltwirtschaft um 3,2 Prozent. Für 2024 rechnet der Internationale Währungsfonds (IWF) ebenfalls mit einem Gesamtplus von 3,2 Prozent. Die USA kommen danach auf 2,7 Prozent, Frankreich auf 0,7 Prozent und Japan auf 0,9 Prozent. Für Deutschland sollen es 0,2 Prozent sein.

    Für 2025 sieht es wieder besser aus. Der Währungsfonds erwartet 1,3 Prozent Wachstum für Deutschland, die EU-Kommission schätzt 1,2 Prozent, die Bundesregierung 1,0 Prozent. Allerdings sind solche Zahlen kaum belastbar. Im Jahreswirtschaftsbericht 2023 hatte die Bundesregierung für 2024 noch ein Plus von 1,8 Prozent angenommen. Die geopolitischen Spannungen, Kriege in der Ukraine und im Gaza-Streifen, die zunehmende Blockbildung in der Welt machen Vorhersagen schwierig.

    Wäre überhaupt mehr Wachstum möglich? Ökonomen arbeiten mit einer Größe, die zeigt, was erreichbar wäre, wenn, vereinfacht gesagt, alle Produktionsanlagen optimal genutzt werden – das Potenzialwachstum. Hier sieht es mau für die kommenden Jahre aus: „Der demografische Wandel bedeutet für Deutschland, dass sich das Potenzialwachstum von rund 1,5 Prozent im Durchschnitt der letzten Jahre auf unter 0,5 Prozent abschwächen wird, wenn die Politik nicht gegensteuert“, sagt Schularick. „Die höheren Wachstumsraten kommen nicht wieder von allein zurück, es braucht politische Initiative.“ Und da hapert es.

    „Den Ampelparteien fehlt eine gemeinsame, überzeugende wirtschaftspolitische Agenda, um entscheidende Weichen für mehr Wirtschaftswachstum zu stellen“, sagt der IfW-Präsident. „Sie scheuen derzeit die nötigen Kompromisse, um eine Wirtschaftspolitik auf den Weg zu bringen, die Deutschland dringen braucht.“ Die SPD müsse sich von der Aversion lösen, Bürger im Rentenalter weiterarbeiten zu lassen und Arbeitszeiten für Arbeitswillige zu flexibilisieren.

    „Die FDP muss angesichts der geopolitischen Bedrohungslage durch Russland und einem erstarkenden Ostblock die Regeln ihrer Ordnungspolitik updaten und schuldenfinanzierte Investitionen in Sicherheit und Verteidigung akzeptieren, die der Wirtschaft einen spürbaren Wachstumsimpuls bringen würden“, fordert Schularick. Die Partei hat zwar gerade ein Zwölf-Punkte-Programm für eine Wirtschaftswende vorgelegt, die das aber nicht berücksichtigt, Kompromisse schon gar nicht.

    Und die Grünen? Müssten sich angesichts der Dysfunktionalität des Wohnungsmarkts und des Kollapses der Neubautätigkeit „gegen eine ökologisch motivierte Not-In-My-Backyard-Kultur und das Regulierungsdickicht positionieren“. Beides verhindere seit Jahren, dass sich deutsche Städte flächen- und höhenmäßig verdichteten. Heißt vereinfacht: Lücken schließen, höher bauen und im Zweifel die ein oder andere Zauneidechse ignorieren.

    Bleibt die Frage, ob der Bundeskanzler auch ein bisschen recht hat, wenn er den Unternehmen vorwirft, alles schlecht zu reden. „Auch die Unternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen“, sagt Schularick. Deutschland sei auf den internationalen Märkten zunehmend Konkurrenz ausgesetzt, was für die deutsche Wirtschaft einen Umbruch bedeute. „Der deutsche Verbrennermotor hat als Exportschlager ausgedient, die energieintensive Chemiebranche dürfte nicht zu alter Stärke zurückfinden“, sagt der Ökonom. „An ihre Stelle müssen jetzt neue Bestseller Made-in-Germany treten. Die haben deutsche Unternehmen bislang noch nicht gefunden.“

  • Wasserstoffausbau stockt

    Viele Projekte, viel Zuversicht, wenig Konkretes

    Schon länger arbeitet die Salzgitter AG daran, Stahl CO2-neutral herzustellen. Gerade schloss das Unternehmen einen Vertrag mit dem Energiekonzern Uniper. Die Düsseldorfer werden Wasserstoff aus ihrem Werk in Wilhelmshaven per Pipeline nach Niedersachsen ans Werk des drittgrößten deutschen Stahlproduzenten liefern. Es ist ein Beispiel dafür, wie Deutschlands Wandel von Erdgas zu Wasserstoff vorangeht – allerdings nur auf dem Papier. Wunsch und Wirklichkeit klaffen, wie auch bei der nationalen Strategie, noch auseinander.

    Um die Klimaziele des Pariser Abkommens einzuhalten, setzt Deutschland auf erneuerbare Energieträger wie Sonne und Wind. Bis 2030 sollen 80 Prozent des deutschen Stroms aus solchen Quellen kommen. In der Industrie lässt sich aber vieles nicht mit Strom herstellen. Chemie-, Glas- und Stahlbranche etwa, die derzeit vor allem auf fossiles Erdgas setzen, brauchen Ersatz. Eine Lösung ist Wasserstoff. Bis 2030 sollen in Deutschland Elektrolyseure mit einer Leistung von zehn Gigawatt Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff aufspalten. So sieht es die Wasserstoffstrategie der Bundesregierung vor.

    Zuletzt planten Unternehmen bis 2030 Anlagen mit einer Leistung von 10,1 Gigawatt, wie aus der Wasserstoff-Bilanz des Energieunternehmens Eon hervorgeht. Die Daten ermittelt das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln seit zwei Jahren. Erstmals könnte das Ziel der Bundesregierung auch erreicht werden. Die Zahlen zeigen auch: Es gibt sehr viele Pläne, aber wenig Konkretes. 37 Elektrolyse-Anlagen mit 66 Megawatt Leistung sind in Betrieb. Weitere 88 Projekte gibt es. Doch nur für 16 davon ist auch klar, dass Firmen wirklich investieren. Sie haben eine Leistung von zusammen 322 Megawatt. Die anderen sind erst einmal nur beabsichtigt.

    „Wir brauchen mehr Tempo“, sagt Gabriël Clemens, bei Eon für das Wasserstoffgeschäft verantwortlich. Dass es nicht schneller geht, hat mehrere Gründe. Unter anderem fehlen Abnehmer. Zum einen lohnt sich für viele Unternehmen Wasserstoff im Vergleich zu anderen Energieträgern nicht, das Gas ist zu teuer. Zum anderen fehlen Leitungen,. Derzeit sind 420 Kilometer reine Wasserstoff-Pipelines in Betrieb. Sie gehören drei Gase-Anbietern in Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein. Geplant sind den Daten nach 6207 Kilometer bis 2035 – umgenutzte klassische Gaspipelines und neu gebaute. Das Wasserstoffkernnetz, das die Bundesregierung beschlossen hat, soll rund 10.000 Kilometer haben. Es würde gut 28 Prozent der Unternehmen, die Wasserstoff nutzen könnten, erreichen. Weitere Leitungen sind bisher nicht geplant.

    Auch das Projekt von Uniper und Salzgitter ist noch unsicher. So ist das Elektrolyse-Werk mit 200 Megawatt Leistung, in dem Uniper in Wilhelmshaven Wasserstoff mit Windstrom aus der Nordsee erzeugen will, noch nicht im Bau. Frühstens 2028 könne man jährlich bis zu 20.000 Tonnen liefern. „Eine Pipeline-Verbindung von Wilhelmshaven nach Salzgitter ist zwingend erforderlich und muss schnellstmöglich geschaffen werden“, heißt es bei Uniper und Salzgitter. Pipeline-Betreiber und politische Entscheidungsträger müssten sich dringend auf einen beschleunigten Fahrplan einigen.

    Eon-Wasserstoffchef Clemens zufolge sind auch noch einige Regelungen in Deutschland und der EU unklar. So fehlt eine klare Aussage, was genau grüner Wasserstoff ist. Er entsteht, wenn Wasser in einem Elektrolyseur mittels Strom aus erneuerbaren Quellen in Wasserstoff und Sauerstoff gespalten wird. Aber was ist mit dem Transport? Zählt beim Import etwa aus Namibia der CO2-Ausstoß des Tankers mit in die CO2-Bilanz? Und wird die Produktion des Elektrolyseurs ebenfalls mit erfasst?

    Auch heute schon wird Wasserstoff in Deutschland hergestellt. 400.000 Tonnen sogenannter grauer Wasserstoff werden aus Erdgas hergestellt. Gesprochen wird auch über blauen Wasserstoff, eine Art sauberer Version des grauen. Dabei wird das CO2, das entsteht, abgeschieden und eingelagert. Grüner Wasserstoff ist der sauberste, derzeit werden geschätzt 5172 Tonnen in Deutschland hergestellt. Trotz der Farbenspiele: Das Gas ist in jedem Fall unsichtbar.

    Ist das Ziel der Bundesregierung zu erreichen, wenn so vieles vage ist? Immerhin sind es nur noch sechs Jahre bis 2030. Clemens ist zuversichtlich. Der Bau eines Elektrolyse-Werks sei in drei Jahre möglich. Probleme könnten Teile wie Transformatoren bereiten, die auch wegen des Ausbaus der Stromnetze gefragt seien. Da gebe es einige Lieferengpässe. Dennoch: „Das ist in sechs Jahren zu schaffen“, sagt er.

    Importieren muss Deutschland ohnehin zusätzlich Wasserstoff. An der entsprechenden Strategie arbeitet die Bundesregierung gerade. Auch im Ausland stehen Investoren und Energiekonzerne vor ähnlichen Problemen wie in Deutschland. Es gebe zahlreiche Projekte, die aber nicht umgesetzt würden, weil niemand bestelle, sagt der Eon-Wasserstoff-Chef. Es ist ein bisschen wie das Henne-Ei-Problem. Immerhin ist das Thema erkannt, die deutsche Politik treibt es voran, die Industrie hat Interesse an Wasserstoff, Pipeline-Betreiber am Netz und Energieunternehmen an der Produktion. Ob wirklich etwas passiert, hängt wie immer in der Wirtschaft am Geld. Die Fördermittel sind aus Sicht von Eon nicht ausreichend, fehlende Förderzusagen bremsen zusätzlich. Clemens sagt: „Am Ende muss es sich lohnen.“

  • Gut in jeder Hinsicht

    EU-Lieferketten-Richtlinie beschlossen

    Martin Wansleben scheint wenig von Wirtschaft zu verstehen. Komisch für einen Funktionär, der als Geschäftsführer der deutschen Industrie- und Handelskammern amtiert. Er fordert, das deutsche Lieferkettengesetz auszusetzen. Und das jetzt, nachdem es gerade richtig in Kraft getreten ist, Unternehmen und Aufsichtsbehörde sich daran gewöhnen. Dem schlechten Rat Folge zu leisten, hieße, Durcheinander und Unsicherheit zu verbreiten – das Gegenteil von dem, was der Wirtschaft gefällt.

    Erst waren große deutsche Wirtschaftsverbände gegen das hiesige Lieferkettengesetz. Ihr Argument: Man muss das auf europäischer Ebene regeln. Dann waren sie gegen die entsprechende EU-Richtlinie. Argument: Alles zu kompliziert. Nun wurde am Freitag die europäische Regulierung beschlossen. Was sagt Martin Wansleben dazu? „Wir brauchen umsetzbare Lösungen auf betrieblicher Ebene.“ Das sind Äußerungen aus einer Parallelwelt, in der Kapitalismus ohne Gesetze funktioniert.

    Mag die Lieferkettenregulierung anfangs auch nervig sein, wird sie den europäischen und deutschen Unternehmen auf Dauer nützen. Sie verpflichtet die Firmen zu menschenrechtlichen Minimalstandards bei ihren globalen Lieferanten – halbwegs angemessenen Löhnen, Urlaub, gewerkschaftlicher Vertretung, Sicherheit am Arbeitsplatz für die Beschäftigten in aller Welt. Die Demokratien nehmen ihren eigenen Anspruch ernst. Sie bieten fairere Arbeitsverhältnissen als die Putins, Xi Jinpings und Autokraten dieser Welt. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in Asien, Afrika und Lateinamerika werden dieses Angebot beantworten – mit der Qualität ihrer Produkte und einem Lächeln nach Norden.

  • Ein Jahr ohne Akw

    Energie liefern vor allem Wind und Sonne

    Seit einem Jahr wird in Deutschland kein Atomstrom mehr erzeugt. Der Ausstieg war umstritten. Auch jetzt fordern Politiker immer wieder, die Anlagen ans Netz zu nehmen. Leidet der Verbraucher? Ein Blick auf die Lage am deutschen Strommarkt.

    Was ist passiert und warum?

    Am 15. April 2023 sind die drei letzten deutschen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 vom Netz gegangen. Es war der letzte Akt des Ausstiegs, der 2000 mit dem Atomkonsens der damals rot-grünen Bundesregierung begonnen hatte. 2011 beschloss die schwarz-gelbe Regierung das Aus bis Ende 2022. Die Ampel verlängerte die Laufzeit wegen Unsicherheit am Energiemarkt infolge des Ukraine-Kriegs bis Mitte April 2023.

    Wie sieht der deutsche Strommix jetzt aus?

    Erneuerbare Energieträger wie Wind und Sonne lieferten 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 56 Prozent des eingespeisten Stroms, darunter Windkraft allein 31 Prozent. Unter den konventionellen Energieträgern kam Kohle auf 21,3 Prozent. Aus Atomkraft stammten 1,5 Prozent. 2022 stammten 46,3 Prozent aus erneuerbaren Quellen, Akw lieferten 6,4 Prozent.

    Wie hat sich der Strompreis entwickelt?

    Wie stark das Aus der Atomkraft den Strompreis beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Nach Zahlen des Energieverbands BDEW muss ein Haushalt, der rund 3500 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht, in diesem Frühjahr rund 18,69 Cent je Kilowattstunde zahlen. 2023 waren es 23,83 Cent, 2022 gut 16,97 Cent. Hier machen sich die Folgen des Ukraine-Krieges bemerkbar. In den Jahren davor bewegte sich der Strompreis für Verbraucher zwischen sechs und acht Cent. Dazu kommen jeweils noch Netzentgelt, Umlagen, Steuern.

    Kann Deutschland genug eigenen Strom erzeugen?

    Deutschland ist eingebunden in das europäische Energienetz, das Schwankungen ausgleicht. So exportiert die Bundesrepublik manchmal Strom, manchmal importiert sie ihn. 2023 wurde mehr eingeführt als ausgeführt. Die Menge entsprach rund zwei Prozent des Bruttostromverbrauchs. Dieser Strom hätte nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums auch aus deutschen Kohle- oder Gaskraftwerken stammen können, die aber nicht hochgefahren wurden. Ein Grund: Strom aus dem Ausland etwa Dänemark war billiger.

    Ist die Gefahr eines Blackouts gestiegen?

    2022 – mit drei Atomkraftwerken – fiel der Strom nach Angaben aus dem Bundeswirtschaftsministerium im Schnitt 12,2 Minuten aus, der zweitniedrigste Wert seit 2006. Damals waren noch 17 Akw am Netz. Daten für 2023 liegen noch nicht vor. Bisher gleichen Stromnetz und konventionelle Kraftwerke Schwankungen aus. Sollte länger weder Wind wehen noch genug Sonne scheinen, wird es eng. Große Stromspeicher fehlen, das Netz muss ausgebaut werden.

    Was passiert mit den abgeschalteten Anlagen?

    Sie werden abgerissen. Das dauert wegen des radioaktiven Materials 15 Jahre oder mehr. Zurück bleibt ein neues Gewerbegebiet oder Natur.

    Lassen sich die letzten drei abgeschalteten Akw wieder hochfahren?

    Technisch wäre es wahrscheinlich möglich. Weil die Betreiber EnBW, Eon und RWE sich auf den Ausstieg eingestellt hatten, wurde kein neues Personal ausgebildet. Auch fehlen Brennstäbe. Zudem müssten alle Anlagen eine aufwendige Sicherheitsprüfung durchlaufen, was Jahre dauert. Für die Betreiber ist das Thema abgeschlossen – zu risikoreich, zu viel strahlender Abfall, zu teuer. Die US-Investmentbank Lazard bezifferte die Stromerzeugungskosten der Atomenergie 2021 auf rund 167 Dollar je Megawattstunde, für Wind und Solar lagen sie unter 50 Dollar. „Atomenergie“, sagt ein hochrangiger deutscher Manager im Hintergrund, „ist wirtschaftlich völlig uninteressant.“

    Wie sieht die Stromstrategie Deutschlands aus?

    Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Quellen am Strommix auf mindestens 80 Prozent steigen. Die Bundesregierung hat das Vergaberecht beschleunigt. Inzwischen werden auch neue Stromtrassen zwischen Nord- und Süddeutschland gebaut. Die hatte vor allem Bayern jahrelang blockiert. Sie sind für die Wirtschaft wichtig, weil der meiste grüne Strom aus dem Norden stammt, im Süden dafür sehr viele Firmen sitzen, die die Energie brauchen. Das Problem wird verschärft, weil die Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden sollen.

    Frankreich und Großbritannien bauen neue Akw. Wäre das in Deutschland möglich?

    Die komplizierte Planung nebst zahlreichen Klagen dürfte neue Atomkraftwerke in Deutschland auf Jahre verhindern. Die durchschnittliche Bauzeit liegt nach Angaben des World Nuclear Industry Status Report bei gut zehn Jahren. Die Kosten sind hoch. Frankreichs staatlicher Stromkonzern EdF ist beim Vorzeigereaktor in der Normandie zwölf Jahre in Verzug, er soll jetzt 13,2 statt 3,3 Milliarden Euro kosten.

    Wie wahrscheinlich sind neuartige, auch kleinere Akw-Typen?

    Viele existieren bisher nur auf dem Papier. Experten wie Christian von Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin erwarten marktreife Anlagen frühestens in vier Jahrzehnten. Und die meisten erzeugen ebenfalls Atommüll.

    Was passiert mit dem bestehenden Atommüll?

    Die rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Atommülls aus deutschen Akw sollen tief in der Erde sicher verstaut werden. Ein geeigneter Standort wird gesucht, er wird frühestens in 20 Jahren festliegen. Derzeit lagert der Atommüll von mehreren Jahrzehnten Akw-Betrieb an den Kraftwerken und in den Zwischenlagern Ahaus und Lubmin.

  • Die Gefahr der Klebezettel

    So sind sie sicherer digital unterwegs

    Auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich langsam ist, setzen sich digitale Dienste durch. Geld zum Geburtstag der Enkelin lässt sich vom Sofa aus überweisen; das Ferienhaus in Spanien oder das Hotel ist per Mobiltelefon buchbar; wer auf der Autobahn unterwegs ist, bekommt automatisch aktuelle Staumeldungen und Tipps, sie zu umfahren. Möglich macht das das Internet. Und wie im echten Leben kann alles gut gehen oder das Schnäppchen erweist sich als teurer Fehlkauf, der freundliche Herr im Chat als fieser Trickser. 20 (vermeintliche) Wahrheiten für mehr Sicherheit im Internet.

    1. Je länger das Passwort, desto besser.

    Stimmt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) empfiehlt eine Länge von mindestens acht Zeichen. Je länger es ist, desto schwerer ist es herauszufinden. Verwendet werden sollten Groß- und Kleinbuchstaben, Ziffern und Sonderzeichen. Das Passwort sollte nicht im Wörterbuch vorkommen. 123456 oder qwertz, die Buchstaben der obersten Tastaturreihe, sind sehr leicht zu knacken. Das gilt auch für iloveyou oder den eigenen Geburtstag.

    2. Drei Passwörter reichen aus, eines für Geldgeschäfte, eines für Social Media, eines für Mails und alles andere.

    Falsch. Grundsätzlich gilt: Für jedes Online- oder Benutzerkonto sollte ein eigenes, sicheres Passwort eingerichtet werden. So ist nur ein Konto gefährdet, wenn jemand sich illegal ein Passwort verschafft.

    3. Komplizierte Buchstaben und Zahlenkombinationen, die ein Onlineanbieter als Passwort vorschlägt, sind sicher.

    Im Prinzip sind lange Passwörter aus Buchstaben und Zahlen sicher. Gibt ein Anbieter ein solches Passwort vor, empfiehlt das BSI, es dennoch sofort zu ändern. Zum einen, weil man es sich kaum merken kann, zum anderen, weil unsicher ist, ob jemand Zugriff auf das Passwort hatte.

    4. Passwörter sollen regelmäßig gewechselt werden.

    Stimmt. Es erhöht die Sicherheit. Sollten Diebe etwa bei einem E-Mail-Anbieter Daten gestohlen haben, wird das nicht immer öffentlich. Dass Passwort etwa alle sechs Monate zu wechseln, schützt davor.

    5. Ich darf Passwörter nicht aufschreiben.

    Passwörter auf einen Klebezettel zu schreiben und an den Computerbildschirm zu hängen, widerspricht dem Sinn des Schutzes. Eine Liste mit Passwörtern anzulegen ist möglich, sie sollte nur nicht offensichtlich herumliegen. Gute Möglichkeiten, Passwörter sicher zu speichern bieten auch Passwort-Manager im Internet. Für die ist dann nur ein Masterpasswort nötig.

    6. Zusätzlich zum Passwort per Mobiltelefon eine PIN, den Fingerabdruck oder die Gesichtserkennung abzufragen, ist Schikane.

    Falsch, auch wenn manche das so empfinden. Die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung macht zum Beispiel Onlineeinkauf und Bankgeschäfte im Internet sicherer. Haben sich Gauner Anmeldenamen und Passwort eines Kontos erschlichen, können sie immer noch nicht darauf zugreifen, wenn zusätzlich auf dem Mobiltelefon die Anmeldung freigegeben werden muss.

    7. Mails, die ich nicht bestellt habe, kann ich nicht verhindern.

    Falsch. Zumindest, wenn der Absender in Deutschland sitzt, lässt sich unerwünschte Werbung per E-Mail blockieren. Dafür gibt es Sperrlisten, in die sich jeder kostenlos eintragen kann. Beim Interessenverband Deutsches Internet findet sie sich unter www.robinsonliste.de, beim Deutschen Dialogmarketing Verband unter www.ichhabediewahl.de. Hier lässt sich auch unerwünschte Werbung per Mobiltelefon sperren.

    8. Ich bekomme Mails und SMS von Banken und Paketdiensten, die mich auffordern, Daten zu aktualisieren. Das ist gefährlich.

    Stimmt. Nicht jede Mail oder SMS ist gut gemeint. Meist sehen sie täuschend echt aus, kommen aber von Betrügern, die sich so Zugang zum Computer, Mobiltelefon oder gar Bankkonto verschaffen wollen. Grundsätzlich verschicken Banken und Versicherungen keine Mails oder SMS, die auffordern, zum Beispiel Passwörter oder PIN einzugeben.

    9. Nicht alles, was frei zugänglich ist, etwa die Google-Suche oder Kartendienste, Facebook oder Whatsapp, ist kostenlos.

    Stimmt. Wer zum Beispiel Facebook nutzt oder die Google-Suche, bezahlt nur nicht mit Geld, sondern mit Daten, etwa seinem Suchverhalten oder Informationen über die Internetseiten, die man ansteuert. Diese Informationen helfen den Unternehmen, Werbung gezielter abzustimmen – mehr Angebote für Kinderkleidung etwa bei jemandem, der sich Kinderwagen angesehen hat.

    10. Mein Rechner ist zehn Jahre alt und läuft noch gut.

    Stimmt vielleicht, sicher ist er dann aber nur, wenn die Software regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Wer einen Computer mit sehr alten Programmen nutzt und damit auch ins Internet geht, macht sich angreifbar. Solche Programme enthalten oft noch Sicherheitslücken, die bei neueren Versionen geschlossen sind. Auch internetfähige Mobiltelefone und ihre Software sollten immer auf dem neuesten Stand sein.

    11. Mit Firewall und Virenschutz ist mein Rechner geschützt.

    Stimmt. Diese Programme schützen vor vielen Angriffen. Dennoch sollten Sie vorsichtig sein, welche Internetseiten Sie öffnen und wo Sie Programme Sie herunterladen. Die Seiten sollten verschlüsselt sein, was an der Abkürzung „https://“ oder einem Schlosssymbol in der Adresszeile zu erkennen ist. Sieht eine Seite unseriös aus, suchen sie über die Internetsuche Erfahrungsberichte.

    12. Das Wlan im Hotel oder der Bahn ist sicher.

    Nicht unbedingt. Öffentliches Wlan ist oft nicht verschlüsselt. Jeder, der das Netzwerk auch nutzt, könnte an Daten auf ihrem Rechner, Tablet oder Mobiltelefon kommen. Einen gewissen Schutz bieten den Verbraucherzentralen zufolge auch hier verschlüsselte Internetseiten, deren Adressen mit https beginnen. Um sicher zu gehen, sollten Sie zum Beispiel keine Bankgeschäfte über solch öffentliche Netze abwickeln.

    13. Cookies zu verweigern, bedeutet, weniger Werbung zu bekommen.

    Falsch. Cookies sind sehr kleine Dateien, die manche Internetseiten auf dem Rechner speichern, um schneller zu laden oder Videos abspielen zu können. Manche helfen, Werbung gezielt nach den Vorlieben der Person anzuzeigen, die eine Internetseite ansteuert. Wer alle Cookies blockiert, bekommt weiter Werbung, aber eben allgemeinere.

    14. Vergleichsportale, zum Beispiel für Stromverträge oder Kredite sind zuverlässig.

    Im Prinzip. Solche Portale sind Makler, die für einen Vertragsabschluss über ihre Seite Provision bekommen. Manche zeigen nur Angebote von Anbietern, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben. Die Verbraucherzentralen empfehlen, am besten bei mehreren Portalen zu suchen. So lässt sich der günstigste Anbieter finden.

    15. Hotels im Internet direkt zu buchen ist billiger als über Portale wie Booking.com, Hotels.de oder HRS.

    Stimmt oft, aber nicht immer. In der Regel vermitteln solche Portale nur Unterkünfte. Die Internetseite zu programmieren und aktuell zu halten, kostet Geld. Das muss ein Kunde mitbezahlen, wenn er einen solchen Dienst nutzt. Direkt beim Hotel zu buchen, kann deshalb günstiger sein. Dafür bieten die Portale eine große Auswahl und vor allem für Länder, deren Sprache man nicht versteht und deren Regeln man nicht kennt, eine mehr Sicherheit.

    16. Online-Einkauf im EU-Ausland ist kompliziert.

    Falsch. In der EU gelten einheitliche Regeln für den Onlinehandel, etwa eine 14-tägiges Widerrufsrecht. Über Zusatzkosten muss informiert werden, wie die Verbraucherzentralen berichten. Die Versandkosten können allerdings hoch sein, wenn die Ware etwa von Spanien nach Deutschland geschickt wird. Einfuhrzölle fallen in der Regel nicht an. Wer in den USA, Großbritannien oder China bestellt, muss mit Zöllen, hohen Versandkosten und zusätzlichen Steuern rechnen – ganz abgesehen von rechtlichen Bestimmungen, die von denen in der EU abweichen.

    17. Nicht jedes Schnäppchen im Internet ist ein Schnäppchen.

    Stimmt. Es gibt Internetseiten, die manche Produkte in großer Menge kaufen und deshalb günstiger verkaufen können. Stutzig werden sollte, wer Designerlampen, Luxuskleidung oder sehr hochwertige Kameras zum Drittel oder gar zur Hälfte des üblichen Preises angeboten sieht, der im nahen Geschäft gefordert wird. Betrüger fälschen ganze Internetseiten nebst Bewertungen und Bezahlmöglichkeiten. Die Suche nach Erfahrungen mit dem Shop etwa in Google bringen meist Hinweise, wie seriös der Anbieter ist.

    18. Mein Wlan-Router, über den ich Internet im Haus empfange, ist sicher.

    Stimmt, wenn er mit einem Passwort geschützt und die Verbindung verschlüsselt ist. Es sollte ebenfalls lang und kompliziert sein. Ohne einen solchen Schutz können andere den privaten Internetzugang kostenlos nutzen und im Zweifel Straftaten begehen, die auf diejenigen zurückfallen, die den Router angeschlossen haben.

    19. Meine Heizung hat eine Computersteuerung und kann deshalb gehackt werden.

    Nur, wenn der Heizungsrechner mit dem Internet oder eigenen Wlan verbunden und nicht verschlüsselt ist. Auch hier ist ein Passwort wichtig. Dass jemand absichtlich die Heizung im Winter herunterregelt, ist unwahrscheinlich. In der Regel greifen Profihacker Industrieanlagen an.

    20. Wenn ich sterbe, werden alle Konten im Internet automatisch gelöscht.

    Falsch. Die Hinterbliebenen erben alle Konten und müssen sie jeweils einzeln kündigen, Abonnements beenden. Es empfiehlt sich, eine Liste mit Internetseiten, Anmeldenamen und Passworten anzulegen und regelmäßig zu aktualisieren.

  • Zu früh

    Kommentar zu Zinssenkungen

    Für eine Zinssenkung ist es zu früh

    Die EZB hält sich zurück. Die Lage ist zu unübersichtlich für schnelles Handeln

    Von Björn Hartmann

    Ach, wäre das schön gewesen! Man stelle sich vor: Die Europäische Zentralbank senkt die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte, wie sich viele auch deutsche Politiker das wünschen. Geld wird billiger, Kredite auch. Die Unternehmen investieren mehr. Die Wirtschaft wird ankurbelt. Allein: Die gesamtwirtschaftliche Realität in der Euro-Zone ist nicht so. Deshalb belässt die Notenbank den wichtigen Leitzins bei 4,5 Prozent – zu Recht.

    Die Aufgabe der EZB ist, die Preise möglichst stabil zu halten. Und zwar in der gesamten Euro-Zone, nicht nur in Deutschland. Für eine Zinssenkung steigen sie noch zu stark. In der Euro-Zone betrug die Inflationsrate im März 2,4 Prozent. Das ist deutlich weniger als der Spitzenwert von 10,6 Prozent aus dem Oktober 2022. Doch die EZB strebt nahe zwei Prozent an – ein Wert, der als richtig für gesundes Wirtschaftswachstum gilt.

    Die Zeit ist, wie Notenbank-Chefin Christine Lagarde sagt, noch nicht reif, die Zinsen zu senken. Die Notenbank möchte sicher gehen, dass die Inflation wirklich zurückgeht. Noch steigen europaweit die Löhne tendenziell, was mehr Nachfrage bedeutet und höhere Preise bedingen kann. Und die Kerninflation, bei der die derzeit fallenden Lebensmittel- und Energiepreise herausgerechnet sind, liegt bei 2,9 Prozent. Eine gewisse Sicherheit ist wesentlich für die EZB. Die Zinsen zu senken und sie dann wieder erhöhen zu müssen, weil die Notenbank die Lage falsch eingeschätzt hat und die Inflation wieder steigt, wäre gefährlich, weil es Vertrauen verspielt – eine wichtige Währung an den Finanzmärkten, ohne die die Wirtschaft nirgends richtig läuft.

    Und auch wenn die EZB unabhängig über die Leitzinsen entscheidet, blickt sie dennoch in die USA. Schon wegen des internationalen Finanzgefüges, in dem Euro und Dollar wichtig sind. In Washington hält die mächtige Notenbank Fed die Leitzinsen derzeit hoch. Auch dort ist die Inflation gesunken, doch die Wirtschaft läuft trotz der hohen Zinsen sehr gut – unter anderem wegen der staatlichen Subventionen im Zuge des Inflation Reduction Acts, der klimafreundliche Energien fördern soll. In dieser Situation die Zinsen zu senken, könnte die Teuerung befeuern, was die Fed verhindern will.

    Im Juni, bei der nächsten Sitzung des EZB-Rates mag sich die Lage stabilisiert haben, der Ausblick klarer sein. Die Notenbank könnte dann die Zinsen senken. Dass es jetzt nicht passiert, ist für die deutschen Sparer mit ihrem Hang zu Fest- und Tagesgeldkonten eine gute Nachricht. Die Banken würden die Sparzinsen sonst wahrscheinlich sofort senken. Für deutsche Politiker ist die Nachricht eher schlecht. So gern sie niedrigere Zinsen sähen, sie müssen die heimische Wirtschaft doch anders in Schwung bringen – zum Beispiel mit klareren Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, finanzieller Entlastung.

  • Resteverwerter der Finanzkrise

    Seit 2010 wird die Hypo Real Estate abgewickelt

    Für die Bundesrepublik ist der Vorgang beispiellos: Ende März 2009 steigt der Staat bei der Hypo Real Estate (HRE) ein, wenige Monate später ist die Bank verstaatlicht. Und noch heute, 15 Jahre später, arbeiten in München mehrere hundert Beschäftigte daran, die Reste des einst mächtigen Kreditinstituts abzuwickeln. Ein Ende ist bisher nicht abzusehen.

    „Wir blicken auf ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr zurück“, sagt Christoph Müller, Vorstandssprecher der FMS-Wertmanagement, als er die Zahlen für 2023 vorlegt. FMS steht für Finanzmarktstabilität. Der etwas spröde Name bezeichnet genau, womit sich die Firma in München beschäftigt, seit sie der Staat 2010 gegründet hat: Das, was die HRE an Geschäft hatte, möglichst gewinnbringend zu verkaufen.

    175,7 Milliarden Euro war das Geschäft, mit dem die Abwickler starteten, auf dem Papier wert. Inzwischen sind es nur noch 44,4 Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr verkauften sie Anlagen im Wert von fünf Milliarden Euro. Im laufenden Jahr sollen Papiere für weitere fünf bis sechs Milliarden Euro verkauft werden – an Investoren, die darin ein Geschäft sehen. Interessenten gebe es viele, sagt Vorstandsmitglied Carola Falkner.

    Die HRE hatte vor allem Kredite ausgegeben und Anleihen übernommen – weltweit: für Gewerbeimmobilien, für staatliche Infrastruktur wie Autobahnen, Brücken, Häfen, für Kommunen und Regionen. Sie beschaffte sich Geld, um die Kredite überhaupt vergeben zu können. Und sie sicherte die Kredite mit komplexen Finanzgeschäften ab. Klassisches Geschäft eben. Dann kommt die Krise.

    2008 sieht es sehr eng aus für das weltweite Finanzsystem. In den USA können viele ihre Immobilienkredite nicht mehr bezahlen, Banken geraten in Schieflage. Drei Institute hat die US-Regierung gerettet, die Investmentbank Lehman Brothers aber geht bankrott. Weltweit vertrauen sich Kreditinstitute nicht mehr, leihen sich kein Geld. In Deutschland trifft es die HRE. Der Bund verstaatlicht die Bank 2009, um Schlimmeres zu verhindern.

    Ursprünglich sollte die FMS sich bis 2020 überflüssig machen. Doch die Aufgabe war schwieriger als zunächst gedacht. Dann wurde über 2025 nachgedacht. derzeit sieht es aber aus, als bestünde das Abwicklungsunternehmen länger. Chef Müller spricht zwar von großen Fortschritten beim Verkauf, aber es wird eben auch immer schwieriger. Denn das, für das sich leicht Interessenten finden, ist bereits weg.

    Was noch da ist, hat eine komplizierte Struktur oder läuft sehr lange. Einiges wird erst nach 2060 fällig, teils 2078. Der Markt für solches Geschäft ist eher illiquide, wie Falkner sagt – im Klartext: Niemand will es haben. Dann ist da die Zeit, aus der die Produkte stammen: „Viele wurden vor der Finanzkrise erstellt, daran hängen komplizierte Sicherungsgeschäfte“, sagt Falkner. Investoren heute, gerade bei den hohen Zinsen, bevorzugten einfache Produkte.

    Müller, Falkner und das Team von rund 216 Beschäftigten arbeitet auch daran, das eigene Geschäft zu vereinfachen. Statt mit fast 3200 Kunden hat das Unternehmen nur noch mit 421 in 28 statt 66 Ländern zu tun, vor allem in der EU. Von Vorteil ist, dass die Schuldner größtenteils einen staatlichen Hintergrund haben, ihre Bonität gut oder sehr gut ist. Und das Unternehmen verdient Geld mit den alten HRE-Papieren.

    Allein 2023 betrug der Gewinn 96 Millionen Euro. Chef Müller rechnet mit weiterem Gewinnen in den kommenden Jahren. Seit 2012 kamen insgesamt rund 2,42 Milliarden Euro zusammen, die das Unternehmen in die Rücklagen steckte. Ob der Bund noch einmal Geld nachschießen muss oder die Reste der HRE zumindest eine schwarze Null liefern, ist offen. Denn in den Tiefen der Bücher schlummern noch stille Lasten von 9,6 Milliarden Euro – der Unterschied zwischen dem Wert, den bestimmte Papiere einmal hatten, und dem, der in den Büchern steht. Still sind die Lasten, weil sie erst zum Tragen kommen, wenn etwa die gesamte FMS an einen Käufer gehen sollte.

    Deshalb rechnet der Vorstand jetzt damit, dass die HRE-Reste auch die kommenden Jahre noch abgewickelt werden. Ein konkretes Enddatum will Müller nicht nennen. Dafür ist dann doch alles etwas unsicher.

  • Wette auf die grüne Zukunft

    Der größte Klimafonds Europas

    Linienstraße, Berlin-Mitte. Die Häuser hier könnten Farbe vertragen. Gegenüber dem Café ein verlorenes Rasenstück, um die Ecke die etwas anarchistische Volksbühne, der Neubau des Suhrkamp-Verlags, die U-Bahn. Doch der erste Eindruck täuscht. In den Altbauten hier sitzen zahlreiche Investoren und viele junge Firmen. Danijel Viševi? kommt mit einem etwas angestaubten Rad. Und auch er sieht nicht aus wie jemand, der den bisher größten Risikokapital-Klimafonds Europas aufgelegt hat: 300 Millionen Euro.

    Das Geld steckt in Firmen mit sehr unterschiedlichen Produkten. Sie reichen von Kakao- und Fleischersatz ohne Ackerbau über integrierte Solardächer bis Quantencomputer, von Batteriespeichern und -recycling über serielle Gebäudesanierung bis zu Fabriken im All. Alles junge Unternehmen, Start-ups, die im industriellen Maßstab arbeiten können, wenn das Produkt fertig ist, und deren Technologie die Chancen bietet, auf sehr viel klimaschädliches CO2 zu verzichten.

    Viševi? hat Volkswirtschaft studiert, für Zeitungen und Rundfunk gearbeitet. „Ich dachte, wenn ich als Journalist über Gründer berichte, die im Klimabereich besonders viel bewegen, rüttelt das die Menschen auf, mehr zu tun“, sagt er später im Café über einem Müsli. „Der wahre Hebel sind aber die Unternehmen, das Unternehmertum an sich.“ Und der technische Fortschritt. „Wir verfügen in Deutschland über führende Klimatechnologien, weil unsere Forschung führend ist. Und wir haben auch mit die meisten Gründungen weltweit in diesem Bereich. Was fehlt, ist die Finanzierung. Das Kapital.“

    Dabei geben viele spezialisierte Fonds, Anlagefirmen großer Familien, Business Angels genannte Einzelinvestoren jungen Unternehmen Geld. Auch der Staat finanziert Start-ups, etwa die Sprunginnovationsagentur der Bundesregierung, der Hightech-Gründerfonds HTGF und der Deep Tech and Climate Fonds. Insgesamt flossen 2023 rund 2,5 Milliarden Euro Risikokapital, in der Branche Venture Capital oder VC genannt, in deutsche Unternehmen, wie der Bundesverband Beteiligungskapital berichtet. 1,1 Milliarden Euro weniger als im Jahr davor. Der Bedarf ist seit Jahren höher.

    Mit dieser Erkenntnis taten sich Viševi?, Daria Saharova und Tim Schumacher 2020 zusammen, um das Geldproblem der jungen Technologiefirmen zumindest zu verringern und die Klimawende voranzutreiben. 2021 gründeten sie World Fund. Sitz ist Berlin, wo die meisten der derzeit 20 Beschäftigten arbeiten. Standorte hat das Unternehmen auch in Amsterdam, Köln und München. World Fund legte einen ersten Fonds auf, beschaffte Investoren, sucht die Start-ups, in die der Fonds investiert und dafür Firmenanteile bekommt.

    Mehr als 200 Investoren aus dem europäischen Mittelstand gaben Geld. Dabei sind auch ein deutscher Rückversicherer, eine Stiftung, eine deutsche und eine französische Bank, zwei britische und ein kroatischer Pensionsfonds und ein litauischer Energieversorger. Sie alle hoffen darauf, dass das Team von World Fund mit seinen Anlagen richtig liegt, idealerweise alle dieser Firmen durchstarten und die Anteile mit Gewinn verkauft werden können. Der Fonds von World Fund läuft zehn Jahre. Spätestens dann sollen die Beteiligungen verkauft werden.

    Die 300 Millionen Euro hat der Fonds noch nicht komplett investiert. Anteile hält er an 15 Firmen, zehn bis 15 weitere sollen hinzukommen Und: „Wir haben etwa zwei Drittel unseres Kapitals reserviert, um den Firmen in Folgerunden weitere zehn und bis 25 Millionen Euro bereitstellen zu können“, sagt Viševi?. Ein übliches Vorgehen in der Branche. Junge Firmen brauchen meist zum Start in der sogenannten Frühphase etwa eine Million Euro. Um ein Produkt zu entwickeln, einen Prototypen zu bauen, sind weitere fünf bis zehn Millionen Euro nötig. Danach hilft Kapital, um zu wachsen.

    Und wie findet World Fund die Start-ups, die eine Investition lohnen? „Viele Unternehmen kommen auf uns zu, wenn sie Geld brauchen“, sagt Viševi?. „Wir arbeiten aber auch mit Universitäten zusammen, etwa die RWTH in Aachen, die TU in München, die ETH in Zürich oder das KIT in Karlsruhe. Dort entstehen die Ideen.“ Zudem haben die Gründer von World Fund jede Menge Kontakte. „Wir sind tief drin im VC-System und seit Jahrzehnten sehr gut in der Gründerszene vernetzt“, sagt Viševi?, der unter Passanten vor dem Café immer wieder jemanden erkennt.

    Er selbst hat unter anderem für einen Wagniskapitalgeber gearbeitet. Saharova war beim VC-Arm des Heizungsbauers Viessmann, bevor sie World Fund mitgründete. Schumacher ist Business Angel und Mehrfachgründer. Craig Douglas aus dem Führungsteam hat Fonds-Erfahrung und berät die EU-Kommission in Energiefragen. Viele andere Mitarbeiter sind ebenfalls Gründer, kennen sich in der Szene aus. Zudem hilft ein Team von Beratern, etwa von der TU Berlin, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer-Instituten, dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt DLR und dem Weltklimarat IPCC.

    Davon profitieren auch die Start-ups, die nicht nur Geld aus dem Fonds bekommen. Das World-Fund-Team berät auch und knüpft Kontakte, etwa zwischen Planet A Foods, die kakaofreie Schokolade entwickelt haben, und der Handelskette Rewe.

    Viševi? muss zum nächsten Termin und schwingt sich aufs Fahrrad. Der erste Fonds ist geschlossen, neue Investoren werden nicht mehr aufgenommen. Das World-Fund-Team arbeitet aber bereits am zweiten Fonds. Er soll noch größer werden.