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  • Betreuung gegen Fachkräftemangel

    Sozialbericht 2024: Mütter wollen mehr arbeiten, als sie können

    Wie tickt Deutschland? Alle drei Jahre liefert der Sozialbericht umfangreiche Daten zu Arbeit und Bildung, Familie und Gesundheit, Vermögen, Werten und Zufriedenheit der Bundesbürger mit ihrem Leben. Letztere ist erstaunlich gut, wie die neueste Ausgabe zeigt. Die Deutschen sind auch vermögender geworden. Und die Experten haben ein enormes Potenzial entdeckt, um den Fachkräftemangel zu mildern.

    Zufriedenheit: Mit ihrem Leben sind die Bundesbürger sehr zufrieden. Auf einer Skala von 0 „vollkommen unzufrieden“ bis 10 „vollkommen zufrieden“ liegen die Werte um die 7,4. Philip Wotschack vom Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), das den Sozialreport mit herausgibt, sprach von einem allgemein hohen Niveau. Seit 2004 ging es deutlich aufwärts, wie Zahlen des Sozioökonomischen Panels zeigen. Allerdings gab es 2021 einen Knick nach unten.

    Für das Panel befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jährlich wiederkehrend dieselben Haushalte umfangreich zu ihrer Lebenssituation. Aufwärts ging es beim Einkommen und bei der eigenen Wohnung. Hier sind die Bundesbürger deutlich zufriedener mit ihrer Situation als vor mehr als zehn Jahren. Die neuesten Daten stammen von 2021. Neuere sind im Sozialbericht nicht erfasst, das politische Hickhack der Ampelregierung, die teils stark gestiegenen Preise im Zuge des Ukraine-Krieges und die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank flossen nicht ein. Allerdings auch nicht die hohen Lohnzuwächse der vergangenen Jahre.

    Fachkräfte: Um den Fachkräftemangel zu mildern, eines der großen Probleme der deutschen Wirtschaft, schlagen Experten seit Jahren vor, Frauen stärker einzubinden. Der Sozialbericht liefert belastbare Zahlen, wie groß das Potenzial allein bei Familien ist. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Bib) hat untersucht, wie viel Mütter und Väter je nach Alter des jüngsten Kindes gern arbeiten würden und das mit den echten Arbeitszeiten verglichen. Vor allem Frauen würden danach gern mehr tun. Wäre das möglich, stünden dem Arbeitsmarkt rein rechnerisch 645.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung, wie Martin Bujard vom Bib ausgerechnet hat.

    Ein Grund dafür, dass Frauen nicht so viel arbeiten können, wie sie wollen: fehlende Ganztagsbetreuung an Kitas und Schulen. Sie sollte aus Sicht der Experten ausgebaut werden. Auch sollten die Arbeitgeber flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten und so Mütter fördern. „Das wäre für den Arbeitsmarkt im Fachkräftemangel hilfreich, sagte Bujard. „Das sind alles hochqualifizierte Frauen.“

    Es gibt auch Zahlen zu Vätern. Die arbeiten danach deutlich mehr, als sie eigentlich wollen. Könnten sie die aus ihrer Sicht ideale Zahl von Stunden arbeiten, verlöre der Arbeitsmarkt grob 320.000 Vollzeitkräfte. Das Bib befragte in Deutschland rund 30.000 Erwachsene zwischen 20 und 80 zu dem Thema.

    Vermögen: Ihre Vermögen haben die Bundesbürger zwischen 2011 und 2021 um 62 Prozent erhöht. Danach besaß jeder Haushalt zuletzt im Schnitt 316.500 Euro. Getrieben wurde das Plus ganz wesentlich von den Preisen für Häuser und Wohnungen, die in der betrachteten Zeit um 39 Prozent zulegten. Die Vermögen sind allerdings dem WZB-Experten Wotschack zufolge ungleich verteilt. Zehn Prozent der reichsten Bundesbürger besitzen 55,5 Prozent des Gesamtvermögens – viel im europäischen Vergleich. Im Schnitt gehört den Reichsten nach Zahlen der Europäischen Zentralbank von 2021 rund 53,4 Prozent des Gesamtvermögens.

    Und während in Ostdeutschland jeder Haushalt im Schnitt 151.000 Euro besitzt, sind es im Westen 360.000 Euro. Als Gründe nennen die Experten geringere Löhne im Osten, einen schwachen Immobilienmarkt und die Geschichte: In der DDR ließ sich kaum Vermögen aufbauen. Im Westen wird dagegen viel altes Vermögen vererbt, etwa Immobilien. Im Schnitt wohnen 41,8 Prozent der Bundesbürger in einer eigenen Immobilie. In Berlin und Hamburg sind es mit 16 und 20,1 Prozent am wenigsten, im Saarland mit 59,5 Prozent am meisten.

    Erfasst beim Vermögen sind neben Immobilien, Autos, privater Altersvorsorge, Geldanlagen, Hypotheken und andere Kredite. Nicht erfasst sind zum Beispiel Ansprüche auf staatliche Rente, Pensionen oder eine Betriebsrente. Würden sie einbezogen, dürfte sich das Nettovermögen verdoppeln, sagte Markus Grabka vom DIW. Solche Ansprüche lassen sich aber anders als Wohnungen oder Aktien nicht beleihen oder verkaufen, weshalb sie in den Statistiken zum Vermögen üblicherweise nicht eingerechnet werden.

    Demokratie: In Westdeutschland hielten 87 Prozent der Bundesbürger die Demokratie 2022 für die beste Staatsform, wie der Sozialbericht zeigt, in Ostdeutschland sind es 80 Prozent. So richtig begeistert sind aber nicht alle davon, wie sie funktioniert. 72 Prozent der Westdeutschen und nur 42 Prozent der Ostdeutschen sagten Anfang 2023, sie seien ziemlich oder vollkommen zufrieden. Der Schnitt in Osteuropa sind 48 Prozent, in Westeuropa 65 Prozent. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für die politische Bildung, bezeichnete die schwachen Werte vor allem im Osten als dramatisch.

    Den Sozialbericht gibt die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit dem Statistischen Bundesamt, dem WZB und dem Bib heraus. Die aktuelle Ausgabe bildet die Bundesrepublik auf 440 Seiten und unter www.sozialbericht.de in Zahlen ab. Zuletzt erschien der Bericht 2021, damals als Datenreport.

  • Armut geht leicht zurück

    Laut Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung sinkt der Anteil der Armen, weil sich unter anderem die Lage von Alleinerziehenden verbessere. Gewerkschaftsstiftung beklagt dagegen zunehmende Armut.

    Im Gegensatz zu den unerquicklichen Nachrichten, die momentan die Wirtschaftsentwicklung dominieren, steht ein positiver Befund. Die Armut in Deutschland scheint seit 2021 abgenommen zu haben. Darauf deuten drei Indikatoren hin, unter anderem der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wertet das als „Trendbruch“ angesichts der früher oft steigenden Armutszahlen.

    Die Armutsrisikoquote derjeinigen Personen in Deutschland, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist im Mikrozensus von 16,9 Prozent (2021) auf 16,6 Prozent 2023 zurückgegangen. In einer europäischen Datenreihe (EU-SILC) ist sie von 16,8 Prozent (2020) auf 14,4 Prozent in 2022 gesunken. Eigene Zahlen des DIW deuten ebenfalls in diese Richtung. Die bislang unveröffentlichte Auswertung liegt dieser Zeitung vor. Sie widerspricht einem Bericht, den die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung an diesem Montag präsentierte. Demnach wächst die Armut weiter.

    Die Armutsgrenze liegt für einen Privathaushalt mit einer Person beispielsweise bei 1.350 Euro netto. Dass ein geringerer Anteil die Bürgerinnen und Bürger mit solch niedrigen Einkommen zurechtkommen muss, beruht Markus Grabka zufolge unter anderem auf der besseren wirtschaftlichen Situation von Alleinerziehenden. Für diese Gruppe sei ein „starker Rückgang“ der Armut zu verzeichnen.

    Als Ursache nennt der Soziologe etwa den Ausbau von Kindertagesstätten, wodurch alleinerziehende Eltern mehr arbeiten können. Auch die Unterhaltszahlungen seien angehoben worden, so Grabka. Eine große Rolle spielt zudem die insgesamt positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt während der vergangenen Jahre. Die Zahl der Beschäftigten stieg permanent, und der gesetzliche Mindestlohn erhöhte die Verdienste.

    Diese positiven Entwicklungen hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung in seinem neuen „Verteilungsbericht“ möglicherweise nicht komplett erfasst, weil die von ihm verwendeten Zahlen des sozio-oekonomischen-Panels nur bis 2021 reichen. Den Böckler-Daten zufolge ist die Armutsrisikoquote zwischen 2016 und 2021 von 16,1 auf 17,8 Prozent gestiegen. Wobei die abweichenden Ergebnisse solcher Befragungen und Auswertungen teilweise auch mit unterschiedlichen Methoden zusammenhängen. Einig sind sich die beiden Institute jedoch darin, dass der Gini-Koeffizient weiter leicht steigt. Diese Größe ist ein Maß der sozialen Ungleichheit: Reiche profitieren mehr von der Entwicklung als Arme – selbst wenn sich deren soziale Lage ebenfalls verbessert.

    Böckler-Forscherin Bettina Kohlrausch kritisierte „die Zunahme sozialer Ungleichheit und die Verfestigung von Armut“. Materielle Sorgen grassierten nicht nur in Haushalten mit wenig Geld, sondern würden auch in wohlhabenderen Kreisen um sich greifen. „Deutlich mehr als die Hälfte der Menschen in der unteren Einkommenshälfte, aber auch knapp 47 Prozent in der oberen Mittelschicht fürchteten im vergangenen Jahr, ihren Lebensstandard zukünftig nicht mehr halten zu können“, heißt es im Verteilungsbericht. Als mögliche Ursachen wurden die steigenden Wohnungskosten genannt.

    „Der Staat löst sein Teilhabeversprechen nicht mehr ein“, beklagte Kohlrausch. In breiten Schichten der Bevölkerung machten sich „Statusängste“ breit. So würden Arbeitslose beschimpft, weil sie angeblich zu viel Bürgergeld erhielten. Radikale Rechte würden diese Missstimmung für ihre Interessen ausbeuten, befürchtet die Böckler-Stiftung.

    Als Therapie gegen zunehmende Armut empfehlen die Forscherinnen und Forscher eine stabilere soziale Grundsicherung und Infrastruktur. Die Bundesregierung solle darauf hinwirken, dass Unternehmen ausreichende Löhne zahlten. Als ein Mittel in dieser Richtung nannte Bettina Kohlrausch eine stärkere Tarifbindung: Firmen müssten dahingehend beeinflusst werden, Tarifverträge anzuwenden, die mit Gewerkschaften ausgehandelt würden.

  • Im Rausch der Goldbären

    Für Haribo ist Südkorea ein Wachstumsmarkt

    So also sieht ein südkoreanischer Haribo-Superfan aus: Dunkle Haare, runde Goldrandbrille, schwarzes Leinenhemd, Slipper. Mike Lee lächelt. Vielleicht, weil auf dem Unterwasserbild in diesem zehn Meter langen Videotunnel gerade ein Seepferdchen vorbeischwebt, das sehr nach Fruchtgummi aussieht. Sehr wahrscheinlich aber lächelt er, weil die Besucher aus Deutschland so beeindruckt sind. Südkorea ist für Haribo ein Wachstumsmarkt, der Goldbär wohlgelitten. Aber dass jemand aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung eine Hightech-Ausstellung über den deutschen Süßwarenhersteller organisiert, ist schon einmalig.

    Es ist warm auf Jeju und feucht. Wolken verdecken den Vulkankegel, der die beliebte südkoreanische Ferieninsel überragt. Hier, nur eine Flugstunde von der Hauptstadt Seoul entfernt, locken Sandstrände, Wasserfälle, subtropische Sonnenuntergänge mit Zikadengesang und jetzt auch die Happy World of Haribo. Dafür hat das südkoreanische Unternehmen Peopully, für das Mike arbeitet, eine Skate-Halle umgebaut. „Wir haben rund vier Millionen Euro investiert“, sagt er, während er auf der Ausstellungs-App zeigt, wie sich in der gut klimatisierten „Fruchtgummiküche“ virtuelle Goldbären finden und fotografieren lassen. Die Summe ist ein Vielfaches dessen, was Haribo 2022 für die Deutschlandtour zum 100. Geburtstag des Kernprodukts ausgegeben hat.

    Das Geld steckte Peopully nicht nur in die Technik. „Wir haben historisches Material zu Haribo über Ebay gekauft oder Sammler überzeugt, etwas auszuleihen“, sagt Mike – Modellbausätze, Spiele, Bettwäsche, alte Anzeigen. Einiges, was ausgestellt ist, fehlt sogar im Haribo-Archiv. Für Peopully ist das hier ein großes Risiko. Für den deutschen Konzern aus Grafschaft bei Bonn ist es ein Glücksfall.

    Seoul. Im kühlen 35. Stock eines Hotels im Hochhausstadtteil Gangnam sitzt Kostas Vlachos. Er ist bei Haribo für jene Länder zuständig, in denen sich das Geschäft kräftig entwickelt. „Südkorea ist der größte Markt außerhalb Europas und den USA. Innerhalb des Unternehmens liegt er in den Top Ten“, sagt er. Rund 150 Millionen Euro setzten alle Anbieter zuletzt mit Fruchtgummi in Südkorea um. Haribos Marktanteil liegt bei 42 Prozent, Tendenz steigend. Das Geschäft ist noch nicht groß angesichts der geschätzt weit mehr als drei Milliarden Euro Konzernumsatz, aber das hier ist aussichtsreiches Goldbären-Entwicklungsland, Teil der globalen Wachstumsstrategie, gut 52 Millionen Einwohner, sehr viele Fans.

    „Wir haben eine Figur als Markenbotschafter, die die Menschen hier anspricht. Das hilft im Markt schon sehr“, sagt Nikolay Karpuzov, der das Asiengeschäft verantwortet. Vlachos sagt noch: „Wir sind in Südkorea profitabel.“ Es läuft also in diesem Land, in dem sie Comics lieben und Croissants mit Bockwurst, Chili und Käse angeboten werden. In dem Manager im Einkaufszentrum am Werbestand eines Onlinespiels Tischtennisbälle mit Pfannen schlagen und die Hände des Rappers Psi als fünf Meter große Statue in Gold Touristen locken.

    Seit 2000 tummelt sich der Goldbär bereits in Südkorea. „Als wir gestartet sind, gab es hier nur wenig Fruchtgummi, sondern Bonbons. Die sind einfacher herzustellen und billiger“, sagt Vlachos. Das Land entwickelte sich, beliefert die Welt heute mit Mobiltelefonen, Computerchips, Bildschirmen, Autos, Containerschiffen, wandelte sich zum Industrieland. Mit der Kaufkraft stieg das Interesse für Neues. „Unser Fruchtgummi lieferte andere Geschmacksrichtungen. Das war aufregender.“ Doch einfach nur Tüten mit Goldbären per Container in den Häfen von Seoul oder Busan anzulanden und auf die Kraft der Marke zu vertrauen, reicht nicht. „Südkorea ist sehr wettbewerbsintensiv. Das sieht man bei Smartphones, Autos und auch bei Fruchtgummi“, sagt Karpuzov. Als der Markt wuchs, witterten plötzlich auch einheimische Anbieter ein Geschäft.

    Die Konkurrenten heißen Orion (20 Prozent Marktanteil) oder Lotte (sechs Prozent), sind, wie viele andere große südkoreanische Firmen Mischkonzerne. Sie verkaufen zum Beispiel halbkugelförmiges Kiwi-Fruchtgummi oder welches mit Traubengeschmack. Der ist in Asien so beliebt, dass auch Haribo entsprechendes Fruchtgummi im Programm hat – sonst ist es nicht zu bekommen.

    Wie fast überall in der Haribo-Welt sind auch in Südkorea die klassischen Goldbären am beliebtesten, gefolgt vom Starmix und Fruity Bussi, einem Fruchtgummi mit flüssiger Füllung. Die Produkte kommen aus Fabriken in Deutschland, Österreich, Ungarn und der Türkei. In die Supermärkte und vor allem die rund um die Uhr geöffneten rund 45.000 kleinen Läden im Land liefert ein örtlicher Partner, wie Haribo ein Familienunternehmen.

    Ausstellungsmacher Mike entdeckte die Goldbären 2007 in Deutschland. Damals half er seiner Mutter in Berlin bei einem Kunstprojekt zum Mauerfall. „Wir wohnten in Potsdam, hatten wenig Geld, das Fruchtgummi war günstig“, erinnert er sich, während er in der Ausstellung vor einer mehrere Meter großen Haribo-Tüte steht, aus der sich knallbunte Riesenbären in den Raum ergießen. Im Hintergrund fotografieren Eltern ihre Kinder, versuchen sich an Videospielen.

    Seit Potsdam ließ ihn Haribo nicht mehr los. „In Korea ändern sich Dinge schnell, auch das Design“, sagt er. „Bei Haribo hat sich nur sehr wenig in mehr als 100 Jahren verändert. Diese Philosophie und das Erbe haben mich interessiert.“ So sehr, dass er eine Ausstellung in Seoul organisieren wollte. Er reiste sogar zur Haribo-Zentrale, blitzte mit seiner Idee aber ab. Die Ausstellung machte er 2023 dennoch, überzeugte auch Haribo. Und dann legte er richtig los.

    „Es ist sehr selten, dass eine Marke eine solche Ausstellung unterstützt. Sie ist eine einmalige Marketing-Chance“, sagt Vlachos über den Dächern von Seoul. Kostas ergänzt: „Die Ausstellung auf Jeju zeigt nicht das Produkt, sondern das Gefühl von Haribo.“ Das Unternehmen genehmigte, Schriftzug und Produkte zu nutzen, und lizenzierte Nicht-Fruchtgummiprodukte. Und so wartet am Ende der Ausstellung auf Jeju der Shop, denn ohne den Verkauf von Handtüchern mit Bärenmotiv, Eiswürfelformen oder T-Shirts rechnet sich die Ausstellung nicht, trotz der Eintrittspreise. Bisher lief es: In den ersten zweieinhalb Monaten kamen mehr als 100.000 Besucher, wie Mike sagt. Er lächelt. Laufen soll sie drei Jahre.

    Zurück in Seoul geht es auf den Gwangjang-Markt. An diesem Abend drängen sich die Menschen zwischen den Ständen mit scharf gekochten Schweineinnereien, dampfenden Dumplings und Gemüsepfannkuchen. Sehr bodenständig alles. Bis eine ältere Verkäuferin in knallroter Schürze den goldfarbenen Plüschbären entdeckt, der an einem Rucksack der deutschen Besucher hängt. „Haribo!“ schreit sie. Tier wird geherzt, geküsst, soll für Fotos posieren – und adoptiert das Tier.

  • Unklare Finanzierung

    Kommentar zum Deutschlandfonds

    Für die deutsche Wirtschaft sieht der Ausblick gerade schlecht aus. Zum zweiten Mal in Folge wird sie schrumpfen. Ein Problem sind fehlende Investitionen. Die Bundesregierung versucht es da gern mit Subventionen, etwa für den US-Chiphersteller Intel. Jetzt schlägt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck eine neue Form vor, verpackt als Deutschlandfonds. Wer investiert, bekommt einen Teil vom Staat erstattet. Das Konzept ist immerhin kreativer als der übliche Vorschlag, die Unternehmenssteuern zu senken.

    Nach dem Plan soll jedes Unternehmen in Deutschland, das investiert, zehn Prozent dieser Summe von der Steuerschuld abziehen können. Firmen, die keine Steuern zahlen, wird Geld überwiesen. So bekommen nur jene, die investieren, auch staatliche Subventionen. Bei einer Steuersenkung profitieren dagegen alle, die Gewinn machen, selbst wenn sie kein Geld in die Zukunft der Firma stecken. Und wer sein Geschäft gerade aufbaut, geht ohnehin leer aus. Das Ganze über die Steuererklärung laufen zu lassen, ist unbürokratisch und erspart zusätzliche Anträge und Kontrollen.

    Was das Konzept nicht löst: Wer kein Geld zum Investieren hat, weil die Lage schlecht ist, wird sich nicht anregen lassen. Zu sehen ist das auch bei Intel. Obwohl der deutsche Staat ein Drittel der 30 Milliarden Euro übernehmen wollte, die das neue Werk bei Magdeburg kosten soll, wird bis auf Weiteres nicht gebaut. Denn Intel schlingert.

    Der Deutschlandfonds für Investitionen hat zudem ein grundlegendes Problem: Es ist unklar, wie er finanziert werden soll. Habeck deutet an, mehr Schulden seien eine Lösung. Vielleicht sollte die Bundesregierung die Ausgaben durchforsten und unproduktive streichen. Subvention könnten auch fallen. Dann hätte der Staat Geld zum Investieren und brauchte nicht einmal einen extra Fonds.

  • Immerhin versucht

    Kommentar zu US-Techkonzernen und Atomstrom

    In den USA stecken einige große Technologiekonzerne Millionen in Atomenergie. Amazon und Google fördern in kleine Unternehmen, die versprechen, mit neuartigen Konzepten günstig und sicher Strom zu erzeugen. Microsoft lässt ein altes Akw wieder hochfahren. Das ist keine umfangreiche Wiedergeburt der Atomenergie, sondern der unternehmerische Versuch, sich möglichst viel Zugriff auf CO2-freie Energie zu sichern.

    Alle drei Konzerne investieren groß in künstliche Intelligenz. KI soll Leben und Arbeiten für Menschen einfacher, leichter und besser machen. Doch der Energiehunger der KI-Rechenzentren ist gewaltig. Gleichzeitig wollen die US-Tech-Riesen klimaneutral werden. Schon jetzt beziehen sie gewaltige Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wasser und Wind. Allerdings wächst das Angebot wohl nicht in dem Maße, wie der grüne Strom benötigt wird. Die Unternehmen sind geradezu gezwungen, auch andere CO2-neutrale Quellen wie die Mini-Reaktoren anzuzapfen. Vor allem, wenn sie direkt an den Rechenzentren aufgestellt werden können.

    Allerdings sind die Strommengen, die Akw liefern sollen, sehr gering im Vergleich zu denen, die die Konzerne von Windturbinen und Solaranlagen beziehen. Und die neuartigen Reaktoren existieren meist nur auf Papier. Ob sie je gebaut werden und günstigen Strom liefern, ist unsicher, die Endlagerfrage nicht beantwortet.

    Die Investitionen von Amazon, Google und Microsoft mögen groß sein. Vielleicht bringt das Geld sogar den Durchbruch bei den Mini-Kraftwerken, dann profitieren auch andere. Wahrscheinlicher ist, dass sie scheitern werden. Dann haben die Tech-Konzerne es immerhin versucht. Und sie können sich solche Versuche mit ihren Multimilliarden-Umsätzen auch leisten.

  • Google unter Atomstrom

    US-Tech-Konzerne investieren in neue Reaktorkonzepte

    Amazon, Google und Microsoft wollen auch auf Atomenergie setzen. Sie investieren hunderte Millionen Dollar. Was hinter den Plänen steckt und wie wahrscheinlich sie sind.

    Warum brauchen Amazon, Google und Microsoft so viel Energie?

    Die drei US-Technologieunternehmen investieren viel Geld in künstliche Intelligenz. Solche Anwendungen verändern ganze Berufsbilder, sollen das Arbeiten erleichtern. Die Möglichkeiten der Technologie scheinen unbegrenzt. Allerdings benötigt zum Beispiel die Suche mit einem KI-Programm wie ChatGPT ein Vielfaches des Stroms einer normalen Google-Suche. Weil der KI-Bereich wächst, brauchen die Rechenzentren der Amazon-Tochter AWS, von Google und Microsoft, deutlich mehr Energie als bisher. Experten von Schneider Electric schätzen, dass sich der Energiebedarf für KI-Anwendungen von derzeit 4,5 auf 19 Gigawatt in vier Jahren erhöhen wird – das entspricht zwölf bis 16 herkömmlichen Atomkraftwerken (Akw).

    Was planen Amazon, Google und Microsoft?

    Die drei US-Technologieriesen wollen Strom aus Akw beziehen. Solche Anlagen liefern gleichmäßig Strom, der CO2-frei ist. Wichtig, weil die Unternehmen klimaneutral werden wollen.

    Wie geht Microsoft vor?

    Microsoft hat einen Vertrag mit Constellation Energy geschlossen. Das Unternehmen soll 20 Jahre lang Strom liefern und will deshalb Block 1 des Akw Three Mile Island wieder ans Netz bringen. Die Anlage in der Nähe von Harrisburg, Pennsylvania, ist seit 2019 abgeschaltet und sollte abgerissen werden. In Block 2 kam es 1979 zu einer teilweisen Kernschmelze, der schlimmste Zwischenfall in der kommerziellen Atomenergienutzung der USA.

    Lässt sich ein Atomkraftwerk grundsätzlich wieder hochfahren?

    Im Prinzip ja, sogar in Deutschland. Je nach Zustand der Anlage kostet das allerdings viel Geld. Möglicherweise so viel, dass sich ein Neubau eher lohnt. In Deutschland müsste der Bundestag das Atomgesetz ändern. Auf jeden Fall muss die Anlage neu genehmigt werden. Dabei wird auch die Bevölkerung beteiligt. Auch die Atomaufsicht muss zustimmen. Die Verfahren können sich über mehrere Jahre hinziehen.

    Welchen Weg gehen Amazon und Google?

    Google hat beim US-Unternehmen Kairos Power sieben Mini-Reaktoren bestellt. Es ist der erste Auftrag dieser Art überhaupt. Kairos arbeitet an einem Small Modular Reactor (kleiner modularer Reaktor, SMR). Eine Testanlage soll 2027 in Betrieb gehen. Google will Strom aus einer regulären Anlage bereits von 2030 an beziehen. Über finanzielle Einzelheiten schwiegen sich beide Seiten aus.

    Amazon überweist dem Start-up X-Energy 500 Millionen Dollar für den Bau eines SMR-Prototypen. Sollte es etwas werden, geht der Strom an Amazon. Anfang des Jahres kaufte der Konzern bereits für 650 Millionen Dollar ein Rechenzentrum auf dem Gelände eines klassischen Atomkraftwerks. Auch finanziert der Amazon Northwest Energy die Entwicklung von vier SMR, die rund 770.000 Haushalte versorgen sollen.

    Was sind SMR?

    Unter dem Begriff sind kleinere Atomreaktoren mit einer Leistung von bis zu 350 Megawatt zusammengefasst. Das größte deutsche Akw Isar 2 hatte 1485 MW elektrische Leistung. Neue Reaktoren wie im finnischen Olkiluotu haben 1600 MW. Die Idee hinter den Mini-Reaktoren: Statt ein großes Akw zu bauen, sollen viele kleine, standardisierte in großen Mengen hergestellt werden, was die Kosten senkt. SMR sollen auch sicherer sein. Eingesetzt wird zum Teil neue Technologie. Kairos etwa arbeitet an einem Reaktor, in dem geschmolzenes Salz statt Wasser den radioaktiven Brennstoff kühlt. Die deutsche Firma Dual Fluid setzt auf flüssiges Uran und flüssiges Blei. Herkömmliche Reaktoren nutzen feste Brennstäbe und Wasser als Kühlmittel.

    Wie wahrscheinlich sind die Pläne?

    Was gut klingt, ist bisher nur Theorie. „Die Lücke zwischen Hype und Realität der SMR wächst weiter“, heißt es im aktuellen World Nuclear Industry Status Report, eine Art Standardwerk zum Stand der Atomindustrie weltweit. Staatliche wie private Programme reichen zurück bis 2012. Ideen gibt es viele, funktionierende Anlagen fehlen. Nur in Russland produzieren zwei SMR – verkleinerte herkömmliche Reaktoren – auf einem Schiff Strom.

    Rechnet sich das?

    Bei den SMR ist die Lage klar: Es rechnet sich nicht. Im Herbst 2023 beendete das US-Unternehmen Newscale ein Kraftwerksprojekt – trotz genehmigtem Prototypen Der Strom wäre um ein Vielfaches teurer gewesen als etwa aus erneuerbaren Quellen oder konventionellen Akw. Auch die große Stückzahl, die nötig ist, um die Kosten der SMR zu drücken, lässt sich wohl nicht erreichen. Zulassungs- und Genehmigungsverfahren können sich Jahre hinziehen. Experten halten es insgesamt für Wunschdenken, dass Anfang der 30er Jahre funktionierende SMR laufen. Auch Endlagerkosten sind meist nicht einkalkuliert.

    Wie wichtig ist Atomkraft für die Techkonzerne?

    Angesichts des Gigawatt-Bedarfs sind die Mengen übersichtlich: Kairos etwa soll Google bis zu 500 MW Atomstrom pro Jahr liefern. Das ist eher ein Zusatz zum Energiemix. Alle drei Techkonzerne investieren umfangreich in erneuerbare Energien. Microsoft etwa will hier weltweit rund 10,5 Gigawatt Leistung aufbauen. Die Kosten schätzt der Konzern auf zehn Milliarden Dollar. Amazon nutzte 2023 mehr als 20 Gigawatt Strom aus Solar-, Wasser und Windkraftwerken. Google wollte in den vergangenen drei Jahren rund vier Milliarden Dollar in erneuerbare Energien stecken.

  • „Bremsen ist die wahre Kunst“

    Wenn die Vorständin den Zugführerschein macht

    Schon das Einsteigen ist sportlich. Der Zug steht nicht am Bahnsteig, der Tritt ist in Hüfthöhe. Kein Problem, zumindest nicht für Evelyn Palla. Im Hauptberuf ist sie im Konzernvorstand der Deutschen Bahn zuständig für den Regionalverkehr, an diesem Herbstnachmittag nimmt sie eine Fahrstunde mit einem dreiteiligen ET 442 Talent2, wie der rote Regionalzug offiziell heißt. Es geht vom Betriebsbahnhof Berlin-Lichtenberg zum Bahnhof Grunewald.

    Innen ist es etwas frisch, obwohl die Sonne auf den Zug scheint, aber heute sollen auch keine Fahrgäste mitfahren. Bevor es losgeht: Wie kommt die Bahn-Vorständin in den Führerstand? „Das Thema Lokführerschein hat mich fasziniert, seit ich bei der Bahn arbeite“, sagt sie. „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, im Führerstand zu sitzen. Und auch verstehen, was unsere Mitarbeitenden täglich leisten und was unser Geschäft ausmacht.“

    Was für Fahrgäste immer so einfach aussieht – anhalten, Türen auf, Türen zu, anfahren – wirkt ganz anders, wenn man im Führerstand sitzt. Der Zug hat eine ziemlich große Schnauze, die Sicht ist etwas eingeschränkt und im Cockpit gibt es zahlreiche Knöpfe, Schalterm, Displays und Hebel. Dazu der Fußtaster, der während der Fahrt regelmäßig getreten werden muss als Zeichen, dass die Person im Führerstand noch aufmerksam ist. Links vorn der Hebel, mit dem Gas gegeben werden kann.

    Der Lokführerschein hat Scheckkartenformat und ähnelt dem Führerschein fürs Auto. Er berechtigt dazu, Loks zu fahren. Aber wer einen hat, muss sich für jeden Zugtyp und für jede Strecke zusätzlich qualifizieren. Deshalb wird Palla heute den ET 442 steuern. Es geht um die Besonderheiten des Führerstands, Diesel- oder Elektroantrieb, um Reibung, Fahr- und Bremsverhalten. „Bremsen ist das Schwierigste, die wahre Kunst des Lokführers“, sagt die Fahrschülerin.

    Palla kam 2019 von den Österreichischen Bundesbahnen zur Deutschen Bahn, zunächst als Finanzvorständin für Fernverkehr. Seit Juli 2022 leitet die energische Managerin die Sparte DB Regio und arbeitet im Konzernvorstand. Der Aufsichtsrat hat ihren Vertrag gerade um fünf Jahre verlängert.

    Sie ist jetzt eine von fast 20.000 Bahnbeschäftigten, die Züge steuern. Das Gros, etwa 12.800 von ihnen, arbeitet für die bei der Regionalsparte DB Regio, 3700 fahren Güterzugloks bei DB Cargo. Rund 3100 sind in ICE und IC im Fernverkehr unterwegs. Der Frauenanteil betrug Mitte des Jahres 5,3 Prozent.

    Unter den Vorstandskollegen ist Palla die einzige mit der Lizenz zum Fahren. Jahrelang beklagte sich etwa die Lokführergewerkschaft darüber, dass das Management an der Spitze des Unternehmens keine Ahnung habe, was unten geleistet werde. Die Chefin fürs Regionalgeschäft weiß es jetzt.

    „Die Lokführerausbildung dauert drei Jahre. Quereinsteiger lernen rund ein Jahr“, sagt Palla. Zwischen 900 und 1200 kommen aus anderen Berufen zur Bahn, um künftig Züge zu fahren. „Wir haben unter anderem Ärzte, Mitarbeitende aus der Gastronomie, Menschen, die ihr Leben lang Bahnfans sind und irgendwann tatsächlich ihre Leidenschaft zum Beruf machen.“

    Bevor es richtig losgeht, werden alle Bewerberinnen und Bewerber genau geprüft. „Nach dem Eignungstest für physische Fitness, Hör- und Sehvermögen kommt ein Test der geistigen Fitness: Eine vierstündige Prüfung dazu, wie gut man sich konzentrieren kann, zu Merk- und Reaktionsfähigkeit“, erinnert sich Palla. „Die Prüfung ist wirklich hart, muss es aber auch sein. Als Lokführerin hat man schließlich Verantwortung für die Fahrgäste.“ Sonderregeln für die Vorstandsfrau gab es jedenfalls nicht.

    Palla hat den Führerschein berufsbegleitend gemacht, eher untypisch bei der Bahn, aber auch der Tatsache geschuldet, dass sie als Mitglied des Konzernvorstands nicht einfach zwölf Monate Auszeit nehmen konnte. Die Arbeit bleibt ja sonst liegen. „Es braucht sehr viel Disziplin und starken Willen, um den Führerschein nebenbei zu machen“, sagt sie. „Das hat die Abende und Wochenenden gefressen. Aber ich habe es wirklich gern gemacht.“ Gelernt und Fahrpraxis gewonnen hat die Vorstandsfrau in und um Frankfurt/Main, wo die Zentrale der Bahn-Nahverkehrssparte sitzt.

    Die DB-Regio-Chefin bezieht ein Konzernvorstandsgehalt, zusätzlich Geld gibt es nicht, wenn sie sich in den Führerstand setzt. Wer hauptberuflich als Lokführer arbeitet, verdient im Staatskonzern zwischen 45.000 und 56.000 Euro einschließlich Zulagen, je nach Berufserfahrung und ob sie im internationalen Verkehr fahren oder als Ausbilder eingesetzt werden. Ein Azubi bekommt je nach Lehrjahr zwischen knapp 13.500 Euro und 17.200 Euro im Jahr, dazu können Zulagen kommen. Letztere gibt es zum Beispiel für Wochenenddienste oder Nachtschichten. Und die Bahn garantiert die Übernahme, denn Lokführer sind gefragt.

    Um weiter fahrfähig zu bleiben, müssen alle Führerscheinbesitzer jedes Jahr mindestens 100 Stunden oder zwölf Schichten mit dem Zug unterwegs sein sowie regelmäßige trainieren, auch am Simulator. Alle drei Jahre prüft der Betriebsarzt die Tauglichkeit, wer älter als 55 Jahre ist, wird jährlich gecheckt. Diese Regeln gelten auch für Palla.

    Aber jetzt geht es erst einmal auf die Strecke mit dem roten ET 442, 56 Meter lang, 114 Tonnen Gewicht, Höchstgeschwindigkeit 160 Kilometer pro Stunde. Nach Grunewald. Auf welchen Strecken die Vorständin demnächst unterwegs sein könnte, womöglich mit Fahrgästen, hat die Bahn nicht verraten.

  • Wo wir künftig Urlaub machen

    Extremwetter trifft Deutschlands liebste Reiseziele. Alternativen sind rar

    Hitzewellen von mehr als 40 Grad in Italien, auf Mallorca und dem spanischen Festland, Waldbrände in Griechenland, Kroatien und Portugal – dieser Sommer bot in vielen klassischen Tourismusregionen nicht gerade das, was sich Urlauber aus Deutschland so wünschen. Der Klimawandel ändert auch das Wetter am Mittelmeer, begünstigt extreme Temperaturen, Dürre. Und das könnte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Nur, wenn Spanien, der Deutschen liebstes Reiseziel, im Sommer kaum noch erträglich ist, wohin dann reisen? Ist Island gar das neue Mallorca?

    Nordeuropa sieht tatsächlich große Chancen. Zum Beispiel die Aland-Inseln zwischen Schweden und Finnland: Sie bieten die meisten Sonnenstunden in Skandinavien, wenn die Tourismusoffiziellen dort recht haben. 6757 größere Inseln, noch einmal etwa 20.000 kleinere sowie Felsen, 30.500 Einwohner, ruhiges Wasser, spektakuläre Sonnenuntergänge. Und natürlich moderate Temperaturen. Oder etwa Achmelvich Beach, ein Strand in Nordwest-Schottland: Hier führt feiner weißer Sand in türkisfarbenes Wasser. Und abends färbt sich der Himmel im Westen glutrot.

    Selbst abgelegene Strände auf den Lofoten, einer Inselgruppe vor der norwegischen Westküste und bisher vor allem bei Surfern bekannt, könnten plötzlich im großen Stil Ziel deutscher Touristen werden. Coolcation nennt sich der Trend, eine Zusammensetzung aus den englischen Worten cool für kalt und vacation für Urlaub. Kühl ist es auf den Lofoten auf jeden Fall. Die Inseln liegen nördlich des Polarkreises. Dafür ist es im Sommer rund um die Uhr hell. Liegt hier die Zukunft des deutschen Massenurlaubs? Und wenn ja, wie teuer wird es?

    Beim zweitgrößten deutschen Reiseanbieter, Dertour in Köln, sind sie noch zurückhaltend. „Die Buchungen für Reisen in die Nordischen Länder haben zugenommen, dies liegt aber nicht zwingend an den Temperaturveränderungen“, sagt Sven Schikarsky, Produktchef. Man beobachte die Entwicklung und passe das Angebot gegebenenfalls an. Und: „Wir können an den aktuellen Buchungen derzeit keinen Trend zu einem veränderten Reiseverhalten feststellen.“

    2023 reisten 4,8 Prozent der Deutschen nach Skandinavien, 2022 waren es 3,9 Prozent, wie die Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen ergab. An der Spitze: Spanien (9,1 Prozent) und Italien (7,0 Prozent), jeweils mit leichtem Plus. 37,1 Prozent reisten innerhalb Deutschlands, ein leichtes Minus.

    Jürgen Schmude ist da klarer. „Coolcation kann man vergessen“, sagt der Professor für Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Tatsächlich sind die Zahlen für Skandinavien gestiegen, die für Spanien und Italien aber auch“, sagt er. Es gebe immer noch einen kleinen Erholungseffekt nach Corona. „Außerdem wächst der Tourismus weltweit, davon profitieren auch Spanien, Italien und die Türkei.“ Mehr Menschen können sich Urlaub leisten. Und sie konkurrieren mit den Deutschen um die Unterkünfte, was tendenziell steigende Preise bedeutet.

    Zudem scheint Hitze viele Menschen im Urlaub doch nicht zu stören. „Wir beobachten sogar, dass teilweise Destinationen mit hohen Temperaturen in der Beliebtheit steigen: So hat sich zum Beispiel Dubai in den letzten Jahren auch als Sommerziel etabliert“, sagt Dertour-Experte Schikarsky. „Dies deutet darauf hin, dass für Reisende vor allem Faktoren wie das Preis-Leistungsverhältnis, Komfort und Service relevant sind.“ Im Wüstenemirat Dubai liegt die Durchschnittstemperatur übers Jahr bei 33 Grad, im Juli und August ist es meist über 40 Grad warm.

    Und dann ist da noch etwas, was die Chancen für Nordeuropa deutlich schmälert: „Den skandinavischen Länder fehlt die Infrastruktur, etwa die Übernachtungskapazitäten, um so viele Touristen aufzunehmen wie etwa Spanien“, sagt LMU-Professor Schmude. Das gilt für Island, die Aland-Inseln wie für die Lofoten und auch für Schottland. Der Strand von Achmelvich mag spektakulär sein, aber es gibt nur einen Campingplatz und eine kleine einfache Jugendherberge. Die Anreise vom Flughafen Edinburgh dauert fast fünf Stunden und führt teilweise über einspurige Straßen mit Ausweichstellen.

    Große Hotels mit Strandzugang und Pool sind jedenfalls in Nordeuropa sehr selten. Wo aber Hotels, Flughäfen, Leihwagen für große Urlauberzahlen fehlen, herrscht wenig Wettbewerb. Das bedeutet höhere Preise. Tourismusfirmen können deshalb kaum günstige Reisen anbieten. Schon von 2022 auf 2023 stiegen die Ausgaben der Deutschen für einen Urlaub der Tourismusanalyse zufolge im Schnitt um 19 Prozent. In Spanien betrug das Plus sogar 35 Prozent.

    Möglicherweise ändert sich aber etwas auf lange Sicht. Zumindest beschäftigen sich Tourismusexperten damit. Harald Zeiss, Direktor des Instituts für Tourismusforschung der Hochschule Harz und früher Topmanager bei TUI, dem größten Reisekonzern Europas, sagt, es gebe noch keine belastbaren Studienergebnisse, wie sich die Touristenströme wegen des Klimawandels in Europa verändern. Man könne nur mutmaßen.

    „Plausibel erscheint, dass sich die Erkenntnis durchsetzen wird, dass es vor allem für Familien im Sommer am Mittelmeer zu heiß werden wird. Und die Nutzung des Flugzeugs wird gesellschaftlich auch immer problematischer gesehen“, sagt Zeiss. „Daher könnte ich mir vorstellen, dass Reiseziele rund um Nord- und Ostsee, aber vielleicht auch in den Mittelgebirgen, die ,Gewinner‘ der Klimakrise sein werden.“ Das könnte eine Renaissance von Bayerischem Wald, Fichtelgebirge und Sauerland bedeuten – deutschen Regionen, die vor allem in den Wirtschaftswunderjahren und kurz danach beliebt waren. Und an der deutschen Küste könnte es noch voller werden als ohnehin schon, was ebenfalls auf höhere Preise deutet.

    Möglicherweise ändert sich auch, wann die Deutschen in Urlaub fahren. „Ich kann mir vorstellen, dass sich in Deutschland in einigen Jahren die Ferienzeiten ändern: längere Pfingst- und Herbstferien, kürzere Sommerferien“, sagt Tourismusprofessor Schmude von der LMU. „Dann können die, die die Hitze nicht so mögen, in kühleren Zeiten Urlaub machen.“ Bisher zeichnet sich das nicht ab, Ferien sind Ländersache, die Kultusministerkonferenz legt sie Jahre im Voraus fest.

    Der Trend lässt sich aber jetzt schon erahnen. „Viele Urlauber sind an Ferienzeiten wie Sommerferien gebunden. Daher wird sich die Hauptreisezeit nicht verändern“, sagt Dertour-Spezialist Schikarsky. „Dennoch werden für Familien die Herbstferien als Reisezeit zunehmend relevanter.“ Auch seien die Randzeiten und die Nebensaisons schon jetzt sehr beliebt bei allen, die ihre Urlaube unabhängig von Ferienzeiten planen könnten. „Viele Ferienregionen werben konkret mit der Nebensaison, so zum Beispiel Mallorca für den Winter.

    „Spanien und Italien sind seit langer Zeit auf den ersten Plätzen. Daran haben alle Krisen der vergangenen Jahrzehnte nichts geändert. Das wird auch in Zukunft so bleiben“, sagt LMU-Professor Schmude. Eher ändert sich das Verhalten der Urlauber. „Ziele, an denen es heißer ist, bereiten die Urlauber heute schon vor, raten dazu, in der Mittagshitze Siesta zu machen. Solche Hinweise werden zunehmen.“ Es wird sich also doch etwas ändern, doch nicht so schnell, wie Schmude sagt: „Das dauert sehr lange, ist wie der Klimawandel ein schleichender Prozess.“

  • Allzeithoch im Kühlregal

    Wetter, Käse und Höfesterben treiben die Butterpreise

    Wer hätte das gedacht: Deutschlands Käsefans treiben den Butterpreis auf bisher nie dagewesene Höhen. 2,39 Euro kostet ein 250-Gramm-Stück der Eigenmarken bei den Discountern zuletzt – ein Rekordwert. Markenbutter ist noch teurer. Und alles, weil die Molkereien lieber Käse herstellen als Butter. Käse ist das wichtigste deutsche Milchprodukt, die Nachfrage gerade besonders groß.

    Der hohe Butterpreis ist ein Beispiel, wie der Markt funktioniert. Am wenigsten Einfluss haben die Bauer, die die Molkereien beliefern. Die Verarbeiter dort entscheiden, wofür sie das Fett aus der Milch verwenden. Bestellt der Einzelhandel bei ihnen viel Käse, weil der sich gerade sehr gut verkauft und entsprechend Gewinn verspricht, produzieren die Molkereien mehr davon. Entsprechend weniger ist Fett steht dann für Butter zur Verfügung. Selbst wenn etwas weniger Butter als bisher gekauft wird, das Angebot aber stärker sinkt, steigt der Preis.

    Doch nicht nur der Käsehunger beeinflusst den Butterpreis. So ist der Rohstoff Milch derzeit knapper als in den Vorjahren. Seit Jahren sinkt die Zahl der Milchbauern und Milchkühe. Zuletzt waren es gut 3,66 Millionen Tiere und etwas weniger als 50.000 Betriebe, nach 3,92 Millionen Tieren und gut 57.000 Betrieben 2020. Und obwohl die Leistung pro Kuh gestiegen ist: „Die Milchanlieferung der Landwirte in Deutschland liegt für dieses Jahr etwas unter dem Vorjahr“, heißt es beim Milchindustrieverband.

    Hinzukommt, dass die Rohmilch gerade einen geringeren Fettanteil hat. Der schwankt über das ganze Jahr – je nach Wetter. Denn Sonne und Regen beeinflussen das Gras auf der Weide und die Grundfutterqualitäten im Stall. Im Herbst ist die Milch tendenziell weniger fett. „In Summe steht damit weniger Milchfett auch für die Herstellung von Butter zur Verfügung“, erklärt der Milchindustrieverband.

    Normalerweise würde die Industrie in einer solchen Lage Milch aus dem Ausland kaufen, aus Frankreich zum Beispiel oder den Niederlanden. Dort sieht die Situation allerdings ähnlich aus – weniger Fettgehalt, weniger Angebot. Derzeit liegt die Milchmenge, die aus anderen EU-Staaten aus Deutschland eingeführt wird, nach Zahlen des Industrieverbands um gut ein Fünftel niedriger als 2023.

    Üblicherweise produzieren die Molkereien eine gewisse Menge Butter auf Vorrat, um Lieferschwankungen oder Nachfragespitzen auszugleichen. Weil die Lage jedoch schon etwas länger eng ist, gibt es praktisch keine Lagerbestände. Auch das macht sich beim Preis bemerkbar.

    Lange Jahre kostete die günstigste Butter meist zwischen 1,29 und 1,59 Euro. Manchmal gab es mit 0,99 Euro oder 1,79 Euro Ausreißer nach unten und oben. Doch mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 stiegen die Energiepreise drastisch. In der Folge verteuerte sich auch Butter. Teils kostete ein Standardpäckchen beim Discounter 2,29 Euro. Im vergangenen Jahr fiel der Preis dann wieder deutlich auf die langjährigen Werte. Und jetzt also das Allzeithoch im Kühlregal.

    Dem Statistischen Bundesamt zufolge, das 687 Produkte und Dienstleistungen beobachtet, haben die Bundesbürger im September 46,9 Prozent mehr für ein Stück Butter bezahlt als 2020. Im Vergleich zu September 2023 waren es 33,3 Prozent. Die Werte beziehen sich nicht auf Discounterbutter allein. Lebensmittel insgesamt kosteten nur 1,6 Prozent mehr. Wer also viel Butter ist, gibt beim Einkauf deutlich mehr aus als jemand, der exakt jene Produkte einkauft, nach denen die Statistiker die Inflation berechnen.

    Und wie entwickeln sich die Preise? Beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter können sie sich vorstellen, dass Butter sogar noch teurer wird. Schließlich steht das Weihnachtsgeschäft bevor – da wird reichlich gebacken und viele Keks- und Kuchenrezepte enthalten Butter. Doch es kann auch anders kommen. Denn an der Börse hat sich Butter bereits wieder verbilligt. Der Butterindex der Börse EEX jedenfalls ist binnen einer Woche gefallen, von 8500 auf 8075 Euro je Tonne. Der Index bildet ab, was aktuell für das Streichfett an Handelsplätzen bezahlt wird. Vor einem Jahr wurde die Tonne für 4700 Euro verkauft. Einen Hinweis für die nächsten Monate gibt der Terminmarkt. Dort kostet Butter, die im Dezember geliefert wird, zum Beispiel 7000 Euro je Tonne. Es wird günstiger

    Wie viel vom hohen Butterpreis bei den Milchbauern landet, lässt sich noch nicht genau sagen. Denn Bauern bekommen in der Regel keinen Fixpreis. Das Abrechnungssystem ist kompliziert und richtet sich danach, welchen Endpreis bestimmte Produkte im Einzelhandel erzielen. Danach wird, vereinfacht gesagt, zurückgerechnet.

    Wer übrigens denkt, Margarine zwischen Käse und Brötchen sei günstiger, wird enttäuscht. Im September kostete sie 56 Prozent mehr als 2020, allerdings 4,9 Prozent weniger als vor einem Jahr. Das Streichfett wird meist aus Pflanzenölen wie Sonnenblumenöl hergestellt. Und die haben sich im Zuge des Ukraine-Kriegs deutlich verteuert. Das Land ist wie auch Angreifer Russland einer der größten Sonnenblumenöl-Lieferanten der Welt.

  • Trügerischer Optimismus

    Kommentar zum Wachstum

    Jetzt sieht es auch die Bundesregierung ein. Deutschland steckt in einer Rezession, die Wirtschaftsleistung wird auch in diesem Jahr schrumpfen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) geht jetzt von einem Minus von 0,2 Prozent aus. 2023 gab es bereits ein Minus von 0,3 Prozent. Andere EU-Länder legen dagegen teils deutlich zu. 2025 soll es hierzulande wieder aufwärts gehen, die Ampelkoalition hofft, dass das Wachstumspaket der Bunderegierung dann greift. Der Optimismus ist trügerisch.

    Zu sehr wirkt das Paket wie Rumgebastel, mal hier streichen, mal da unterstützen, mal dort lockern. Der große Wurf wie die Agenda 2010 fehlt, die vor mehr als 20 Jahren vor allem den Arbeitsmarkt und Deutschlands Wirtschaft einen Schub nach vorn brachte. Hohe Sozialausgaben, fehlende Digitalisierung, bröselnde Infrastruktur – es gäbe viel zu tun. Die Schuld für die Lage im Land allein bei der Ampel-Koalition zu suchen, ist falsch. Die Union, die davor 16 Jahre lang regierte, hat ebenfalls Reformen vermissen lassen.

    Auch die Unternehmen tragen Verantwortung, zum Beispiel die wichtige deutsche Autoindustrie, der der Unternehmergeist etwas abhanden gekommen ist. Auf den Wandel zum Elektroauto hat sie zu spät reagiert. Statt vorn dabei zu sein, fährt sie jetzt international hinterher.

    Bleiben noch die Bundesbürger, die in mehreren Bundesländern Parteien wählten, die viel von Wut, Angst und Dagegensein leben. Fast wirkt es, als sei meckern wichtiger als anzupacken, für sich selbst zu sorgen wichtiger als gemeinsam vorzugehen. Deutschland ist ein reiches Land, Platz drei der größten Wirtschaftsnationen der Welt. Was fehlt, ist das Vertrauen in die eigene Kraft, die eigene Leistungsfähigkeit. Und Selbstmitleid hat noch nie Großes erreicht.

  • „Kein bestimmtes Präparat wünschen“

    Zum Verhalten bei Arzneimittelknappheit

    Kaum hat der Herbst begonnen, warnen Deutschlands Apotheker wieder vor Engpässen bei Medikamenten. Bereits in den vergangenen beiden Jahren gab es Probleme. Lohnt es sich, Medikamente auf Vorrat zu kaufen? Sollte man sich im Ausland eindecken? Und wie groß ist der Mangel überhaupt? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Welche Medikamente sind betroffen?

    Nach Angaben des Apothekenverbands Abda sind derzeit knapp 500 Medikamente nicht lieferbar. „Betroffen ist ein breites Spektrum, darunter auch Antibiotika, Diabetesmittel, Schmerzmittel, insgesamt zurzeit etwa 500 Wirkstoffe“, sagt Sprecher Christian Splett. Auch im vergangenen Jahr gab es Engpässe. Vor zwei Jahren waren Fiebersäfte für Kinder praktisch ausverkauft. Hier sei die Lage gerade nicht allzu besorgniserregend, sagt Splett.

    Was kann ich tun, wenn ich fürchte, ein Arzneimittel könnte knapp werden?

    „Aus Verbrauchersicht ist empfehlenswert, sich klarzumachen: ,Was ist mein Bedarf, wie wichtig ist mir ein bestimmtes Medikament?‘“ sagt Peter Grieble, Leiter der Abteilung Versicherung, Pflege, Gesundheit bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Und wenn ich dann Sorge habe, kann ich mich jetzt bereits mit Arzneimitteln eindecken.“ Das hat allerdings seine Tücken. So sei unklar, was tatsächlich knapp werde, sagt Grieble. „Und es besteht die Gefahr, dass man die Medikamente wegwerfen muss, wenn man sie nicht brauchte und sie abgelaufen sind.“ Zudem gilt: „Medikamente auf Rezept kann man ohnehin nicht langfristig auf großen Vorrat kaufen.“

    Worauf muss ich achten, wenn ich regelmäßig Medikamente benötige?

    Besonders schwierig wird die Lage für diejenigen, die chronisch erkrankt sind und dauerhaft auf Arzneimittel angewiesen sind. „Chronisch Kranke, die Medikamente auf Rezept bekommen, wissen, was sie brauchen und gehen auch rechtzeitig zum Arzt“, sagt Splett. „Wichtig ist hier, das Rezept rechtzeitig an die Apotheke zu geben, so dass die Apotheke ein paar Tage Zeit hat, die Medikamente zu beschaffen.“

    Wie verhalte ich mich, wenn ich akut erkrankt bin?

    „Wer sich selbst behandeln möchte und ohne Rezept in die Apotheke kommt, sollte sich nicht ein bestimmtes Präparat wünschen“, sagt Abda-Sprecher Splett. „Besser ist, das eigene Leiden zu schildern. Die Apothekerin oder der Apotheker finden dann das richtige Mittel, das hilft und verfügbar ist.“ Verbraucherzentrale-Experte Grieble empfiehlt, sich umzusehen. „Möglicherweise bekommt man ein Medikament nicht in der nächsten Apotheke, aber bei der nächsten oder spätestens der übernächsten.“ Auch wer zum Arzt geht, sollte auf die Experten vertrauen. „Oft weiß der Arzt bereits, ob zum Beispiel bestimmte Antibiotika fehlen und verschreibt andere, ähnliche“, sagt Splett. „Oder Apotheker und Arzt sprechen miteinander, welches Antibiotikum geeignet und verfügbar ist. Gegebenenfalls wird ein neues Rezept ausgestellt.“

    Können Online-Apotheken helfen?

    Grundsätzlich ist eine Online-Apotheke nichts anderes als eine stationäre Apotheke, nur, dass die Medikamente versandt werden. Der Experte der Verbraucherzentrale sieht kein Problem, sich dort einzudecken: „Wenn eine Online-Apotheke das Produkt bietet, dass die Verbraucherin haben will, kann sie die auch nutzen“, sagt Grieble. Engpässe dürften aber auch eine solche Apotheke treffen.

    Lohnt es sich ins EU-Ausland zu fahren?

    Rezeptfreie Arzneimittel lassen sich dort möglicherweise leichter bekommen. Bei rezeptpflichtigen gilt: „Ein deutsches Rezept, wenn es denn noch auf Papier vorliegt, wird im Ausland möglicherweise anerkannt“, sagt Abda-Sprecher Splett. „Es gilt dann wie ein Privatrezept: Der Patient muss das Medikament komplett bezahlen.“ Ob die Krankenkasse etwas erstattet, sollte man vorab erfragen. Schwierig wird es bei den neuen digitalen Rezepten. „Bei E-Rezepten müsste die ausländische Apotheke an das deutsche System angeschlossen sein“, sagt Splett. „Das ist unrealistisch.“

    Warum gibt es Engpässe?

    Medikamente können aus mehreren Gründen knapp werden, etwa wenn die Nachfrage plötzlich steigt. Das kann bei frei verkäuflichen Arzneien auch ausgelöst werden, wenn ein Produkt im Internet beworben wird. Engpässe kann es auch geben, weil nicht genug hergestellt wird. Viele Standardwirkstoffe kommen inzwischen aus wenigen großen Fabriken in Asien, weil es dort günstiger ist, als in Europa zu produzieren. Gibt es Probleme in einer dieser Fabriken oder auf dem Lieferweg, lässt sich kaum Ersatz an anderer Stelle herstellen. Zudem sind die Preise für Medikamente im deutschen Gesundheitssystem gedeckelt. In Zeiten der Knappheit lohnt es sich für Hersteller unter Umständen eher, Produkte in anderen Ländern zu verkaufen als hierzulande.

    Wie lassen sich Engpässe verhindern?

    Eine Möglichkeit ist, Hersteller zu verpflichten, wieder in Europa zu produzieren. Was einfach klingt, lässt sich nicht so einfach umsetzen. Zudem dauert es Jahre, bis eine Fabrik mit den Reinraumvorgaben aufgebaut ist. Bekommen die Unternehmen mehr Geld für ihre Produkte, könnten sie mehr Interesse daran haben, diese zu liefern. Die Bundesregierung hat im vergangenen Jahr ein Gesetz erlassen, dass die Lieferengpässe verringern soll. Unter anderem gibt es unter Umständen mehr Geld für Hersteller und Apotheken. Allerdings ist das gesamte Gesundheitsbudget in Deutschland begrenzt. Nicht nur die Hersteller, auch Apotheker und Ärzte fordern mehr Geld.

    Besteht grundsätzlich Grund zur Sorge?

    Auch wenn die Apotheker zum Beginn der Grippesaison wie auch schon im Vorjahr warnen, ist die Lage wohl nicht so schlimm wie in den vergangenen zwei Jahren. „Wir bekommen von Verbrauchern aktuell nicht mehr Beschwerden über Engpässe“, sagt Grieble von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Auch sonst ist er eher optimistisch. „Ganz grundsätzlich hat Deutschland im globalen Maßstab gute Chancen, knappe Produkte zu bekommen. Wir sind ein finanzstarkes Land.“

  • Mission Erdrettung, Teil 2

    Das spektakuläre Projekt Hera hebt ab

    In den unendlichen Weiten des Alls lauern einige Gefahren für die Erde: Weltraumwetter, Satellitenmüll, vielleicht Außerirdische. Während letzteres eher Stoff für Bücher oder Filme birgt, ist die Gefahr, dass ein Asteroid auf der Erde einschlägt, Städte zerstört, gar Länder verwüstet, groß. Die Weltraumbehörden der USA, Nasa, und Europas, Esa, wollen das verhindern, die Himmelskörper vorher ablenken. Für die Pläne sind Ingenieurleistung, Wissen und Geld aus Deutschland unabdingbar.

    Ende September 2022 hat eine Raumsonde der Nasa in mehreren Millionen Kilometern Entfernung einen Asteroiden aus seiner Bahn geworfen. Das ließ sich von der Erde aus messen. Jetzt schickt die Esa eine Sonde hinterher, um sehen, wie erfolgreich die Amerikaner waren und was sich verändert hat. Hera, wie die Mission genannt wird, soll am Montag, 7. Oktober, kurz vor 17 Uhr unserer Zeit mit einer Falcon9-Rakete des US-Raumfahrtunternehmens SpaceX vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral in Florida abheben. Ein einzigartiges Projekt. Beteiligt sind 18 Staaten und die japanische Weltraumagentur Jaxa.

    Der Bremer Satellitenspezialist OHB hat Hera als Generalunternehmer in nur vier Jahren entwickelt und gebaut. Für die Raumfahrt sei das äußerst schnell, sagt Rolf Densing, Esa-Leiter für den Missionsbetrieb und damit verantwortlich für jegliche Satelliten und Sonden. Man habe Hera nach New-Space-Konzept umgesetzt, sagt Sabine von der Recke vom OHB-Vorstand. Das lässt sich in etwa als mehr Privatwirtschaft, weniger Verwaltung übersetzen. Auch das ist etwas Neues bei der Esa.

    Die Sonde besteht aus einem Würfel mit zwei Meter Kantenlänge und zwei mehr als viereinhalb Meter langen Solargeneratoren. Sie wiegt voll beladen 1081 Kilogramm, deutlich weniger etwa als ein VW-Golf. Wichtige Technik stammt aus Deutschland. So funkt Hera über eine neuartige Antenne des Münchener Unternehmens HPS Daten zur Erde. Zwei Kameras von Jena-Optronik sollen Bilder liefern. Insgesamt waren bei OHB 100 Mitarbeiter nur mit Hera betraut, beteiligt sind Firmen aus Belgien, Frankreich, Italien, Portugal, Spanien und Tschechien. Einschließlich Start kostet die Mission 363 Millionen Euro, davon stammt mehr als ein Drittel aus Deutschland.

    Hat Hera erst einmal abgehoben, holt die Sonde im März 2025 am Mars noch einmal Schwung für den weiteren Flug. Anfang Dezember 2026 soll sie beim Doppelasteroiden Didymos/Dimorphos ankommen. Dann ist der Doppelasteroid etwa 195 Millionen Kilometer von der Erde entfernt sein. Didymos hat einen Durchmesser von etwa 780 Metern, Dimorphos kommt auf 150 Meter. Der kleinere Asteroid umkreist den größeren. Die Nasa hatte den kleineren mit ihrer Dart-Sonde gerammt und in eine andere Bahn gelenkt.

    Hera setzt vor Ort dann zwei Minisatelliten in der Größe von Schuhkartons aus, Juventas, an dem die TU Dresden beteiligt ist, und Milani. Beide werden den Asteroiden intensiv untersuchen. Zum Schluss werden sie auf Dimorphos landen. Hera selbst wird, so der Plan, die Mission auf Didymos beenden. Die Esa-Wissenschaftler versprechen sich Erkenntnisse über die Struktur der Asteroiden. Je nachdem ob sie fest sind oder nur durch Gravitation zusammengehalten werden, müsste die Abwehr unterschiedlich aussehen, bestünde die Gefahr, dass ein Asteroid auf die Erde stürze.

    Himmelskörper unter 50 Metern Durchmesser verglühten in Regel in der Erdatmosphäre, sagt Richard Moissl, Leiter des Leiter des Planetenverteidigungsbüros der Esa, zwischen 50 und 100 Metern Größe seien größere Gebiete gefährdet, zwischen 100 und 150 Metern sogar ganze Staaten. Nicht so sehr wegen des Einschlags als vielmehr wegen der Druck- und Hitzewelle. Für die nächsten 100 Jahre bedroht aber kein Himmelskörper die Erde. Zahlreiche Krater zeugen jedoch davon, dass Asteroiden in der Vergangenheit niedergingen. Der berühmteste Einschlagsort in Deutschland ist das Nördlinger Ries in Bayern.

    Welche Folgen ein Einschlag auf der Erde hat, zeigt der Asteroid, der im Februar in der Nähe des russischen Tscheljabinsk abstürzte. Er hatte etwa 20 Meter Durchmesser und verdampfte, die Reste explodierten in rund 30 Kilometern Höhe. Die Druckwelle zerstörte Scheiben in der russischen Millionenstadt. 1500 Menschen wurden verletzt. Um die Erde wirksam zu schützen, startete deshalb 2019 das Programm zur Weltraumsicherheit. Ziel: Asteroiden schon im All abzulenken, damit sie nicht auf die Erde stürzen.

    Bremsen kann das Projekt Hera jetzt noch schlechtes Wetter – in den USA ist Hurricane-Saison. Und SpaceX hat gerade Starts mit der Falcon9 wegen technischer Schwierigkeiten ausgesetzt. Die Esa ist aber zuversichtlich, dass Hera am Montag abhebt. Zurzeit wird noch verhandelt. Sollte der Start verschoben werden, ist bis 27. Oktober Zeit.

    Das Folgeprojekt hat die Esa bereits geplant. Denn am 13. April 2029 passiert der Asteroid Apophis die Erde. Er hat etwa die Größe eines Kreuzfahrtschiffs und fliegt in 31.750 Kilometern Höhe noch unterhalb der Satelliten vorbei, die an einem festen Punkt über der Erde stehen. Europäer werden ihn mit bloßem Auge sehen können. Für Esa-Missionschef Densing ist Apophis eine einzigartige Chance, hinzufliegen und mehr über Asteroiden zu erfahren.

    Ramses heißt die Mission, wieder ist OHB Generalunternehmer. Die Esa-Ministerkonferenz, in der alle beteiligten Länder über Projekte und deren Finanzierung befinden, muss noch zustimmen. Sie tagt im Herbst 2025. Dann die Sonde zu bauen, wird noch sportlicher, als es Hera war. Denn Ramses muss im April 2028 starten, um Apophis rechtzeitig zu erreichen.

  • Der Mond ist Kölner

    Im Nachbau Luna trainieren Astronauten

    Zum Mond führt eine schnöde weiße Stahltür. Es riecht etwas nach Farbe, irgendwo wird gebohrt. Ein Hausausweis, höchste Sicherheitsstufe, öffnet die Tür. Dahinter 700 Quadratmeter Sand, Staub und Gestein nebst künstlicher Sonne in einem tiefschwarzer Raum, Format Turnhalle. Willkommen in Luna, dem wohl spektakulärsten Projekt von Europas Raumfahrtagentur Esa und dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf Erden, genauer: in Köln. Idealer Trainingsort für die nächste Mondlandung.

    Rechts steht Astronaut Matthias Maurer in einem weißen Schutzanzug, den Luftfilter umgeschnallt, einen Spezialhelm unter dem Arm. Er hat das Projekt maßgeblich vorangetrieben. „Das hier kommt dem Mond auf der Erde am nächsten“, schwärmt er. Die Trainingsmöglichkeiten für Astronauten seien besser als selbst bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa. Vieles gebe es auch an anderer Stelle in Japan oder Amerika, aber nicht an einem Ort vereint. Und vor allem nicht so groß.

    Hinter ihm wölben sich 950 Tonnen fein gemahlenes weiß-graues Gestein aus der Vulkaneifel zu einem Tal und größeren Hügeln, alles sauber glattgezogen. Verteilt sind spitze Steine unterschiedlicher Größe. Die Brocken stammen aus dem Nördlinger Ries, vom Ätna und von den Lofoten. Betreten der Oberfläche ist streng verboten. Jeder Schritt könnte feinsten Staub meterhoch aufwirbeln. Alle Besucher müssen Schutzmasken tragen, dazu kommen Haarnetze und spezielle Schuhüberzüge, um nichts auf den Mond zu bringen, das dort nicht hingehört. Grassamen zum Beispiel.

    Das Material aus der Eifel, Bayern, Italien und Norwegen kommt dem auf der Mondoberfläche am nächsten. Es gibt auch noch 20 Tonnen Sand aus Grönland, die in einem Extraraum lagern, der „Staubbox“. Hier können die Experten später testen, wie sehr der Staub technischen Geräten zusetzen kann – ein Problem, dass zum Beispiel frühere Mondmissionen zu schaffen machte.

    Was wie ein großer Sandkasten aussieht, ist ein riesiges Testgelände für Astronauten, die einmal den Mond betreten sollen. Unter kühlen Reinraumbedingungen, deshalb brummt im Hintergrund dauerhaft die Lüftung. Im Sand versteckt sind verschiedene Gesteine und Hohlräume. Ein Teil des Bodens lässt sich gefrieren, so dass Astronauten in voller Ausrüstung üben können, wie es ist, den Mond anzubohren.

    Eine Rampe kann stufenlos auf bis zu 50 Grad angehoben werden. Hier lässt sich proben, wie Astronauten in ihren Raumanzügen solche Steigungen bewältigen können und ob sie, sollten sie abstürzen, selbst wieder hochkommen. Kein Problem, sollte man meinen in der schön ausgeleuchteten Halle. Doch dann erlischt das Deckenlicht, die „künstliche Sonne“, ein Strahler, wirft sehr harte Schatten. Der Sandkasten wirkt plötzlich, als sei er voller Löcher.

    Maurer hat die Anlage bereits mit einem etwa 25 Kilogramm schweren Raumanzug getestet. „Man sackt beim ersten Schritt schon mal 25 Zentimeter ein“, sagt er. Der Astronaut war bereits einige Zeit in der Internationalen Raumstation ISS, will bei der nächsten Mondmission von Nasa und Esa mit auf den Erdtrabanten. Artemis III, wie die Mission heißt, ist bereits geplant. Damit die Astronauten vorbereitet sind, sollen sie hier in Luna am südwestlichen Rand Kölns trainieren.

    Die Halle, außen weiß verkleidet, steht auf dem DLR-Gelände nahe des Flughafens. Der Rasen ist gemäht, Kiefern bewegen sich leicht im Wind. Gegenüber im ESA-Zentrum trainieren bereits die europäischen Astronauten für Einsätze. Gut 50 Millionen Euro kostet der Mondnachbau. 25 Millionen schießt das Land Nordrhein-Westfalen zu, den Rest teilen sich Esa und DLR. Vorgesehen ist, die Anlage auch anderen zur Verfügung zu stellen. Universitäten etwa oder Firmen. „Wir können hier Rover von der Größe eines Schuhkartons bis zu der eines Quads testen“, sagt Jürgen Schlutz, auf Esa-Seite für Luna verantwortlich.

    Noch ist die Halle nicht ganz fertig. So fehlt noch die richtige künstliche Sonne an der Rückwand, vollbeweglich, so dass über Luna auch Auf- und Untergang simuliert werden können. Unter der Decke ist eine Anlage geplant, an der die Astronauten dann mit Kabeln hängen. Sie soll ihnen fünf Sechstel ihres Gewichts abnehmen und die geringere Anziehungskraft des Mondes abbilden. Der Prototyp soll im nächsten Jahr kommen.

    Auch ein Anbau an die Halle ist geplant: ein langgestrecktes Wohnmodul für vier Astronauten mit Bad, Küche, Aufenthaltsraum und Schlafkojen in einem zwölf Meter langen Standard-Container. Die Möbel sind aus dem 3D-Drucker, die runde Außenhaut ebenfalls. Die dänische Firma Saga hat das Modul entwickelt. Auch ein Gewächshaus wird noch geliefert. Eden ISS des DLR versorgte fünf Jahre lang die Wissenschaftler der Station Neumayer III in der Antarktis mit frischem Gemüse. Und bald eben Astronauten in Köln. „Wir können dann auch eine Sieben-Tage-Mission auf dem Mond simulieren“, sagt Maurer.

    Nasa und Esa planen im Zuge des gemeinsamen Artemis-Programms ein Dorf auf dem Mond, ebenso China. Eine solche Station ist wichtig, wissenschaftlich, um den Mond besser zu erforschen, gar Kenntnisse über die frühe Erdgeschichte zu gewinnen, und wirtschaftlich, falls etwa Rohstoffe dort abgebaut werden sollen oder für Flüge zum Mars. Doch das ist alles noch Zukunft. An diesem Mittwoch (25. September) wird der Mondnachbau offiziell eröffnet. Den Rest des Jahres werde getestet, sagt Schlutz. Komplett einsatzfähig ist der künstliche Mond dann in zwei Jahren.

  • Reich und gleichzeitig arm

    Unsere Hausgemeinschaft ist in einer paradoxen Situation. Uns gehören teure Eigentumswohnungen, aber manche haben nicht das Geld, die Energiesanierung zu bezahlen. Was große Klimapolitik im Privaten bedeuten kann.

    Am Anfang ging es um 2.000 Euro. Mittlerweile reden wir über eine Investition von fast einer Million Euro. Ich mache mir Sorgen. Woher sollen wir soviel Geld nehmen?

    Unser Haus, Baujahr 1880, steht mit seinen elf Wohnungen auf fünf Etagen in einem angenehmen Viertel der Berliner Innenstadt. Ich lebe im Hochpaterre des Vorderhauses. Den NachbarInnen unter, neben, über und hinter mir im Seitenflügel gehören ihre Wohnungen ebenfalls. Nun führen wir eine Debatte, die auch Millionen andere ImmobilienbesitzerInnen hierzulande beschäftigt. In gut 20 Jahren soll Deutschland klimaneutral sein. Das heißt: neue Fenster, Dämmung aller Außenflächen, schließlich eine neue Heizung.

    Hausversammlung im Februar 2024. Wie so oft versammeln wir uns in meiner Küche. 15 Leute sitzen um den alten ausgezogenen Tisch, der in früheren Jahrzehnten mehreren Wohngemeinschaften als Mittelpunkt diente. Wein, Bier und Chips wurden mitgebracht. Unsere Treffen dauern oft bis in den späten Abend. Nach dem offiziellen Teil wird es locker. Was unser gemeinsames Haus angeht, haben wir ein gutes Verhältnis zueinander, in der Regel entscheiden wir im Konsens. Streit über Geld gab es bisher kaum.

    Jetzt aber rechnet unsere Hausverwalterin vor, dass ein gemeinsamer Kredit, mit dem wir einen guten Teil der Energiesanierung finanzieren könnten, 450 Euro pro Monat und Wohnung kosten würde. 20 Jahre lang. Irritierte Blicke werden gewechselt, Arme vor der Brust verschränkt. Ein „Puh“ ist zu hören und ein „Wie soll das denn funktionieren?“ Nicht alle sagen etwas, aber es ist klar: Manche von uns können oder wollen solche Summen nicht aufbringen.

    Meine NachbarInnen in diesem Artikel sind anonymisiert, ihre Namen geändert, ihre Lebensumstände nicht so detailliert beschrieben, dass sie leicht zu erkennen wären. Denn in der Öffentlichkeit über die privaten Vermögensverhältnisse zu sprechen, ist nicht selbstverständlich.

    In meinen Mails muss ich weit zurückgehen: Im Frühsommer 2021 taucht das Thema bei uns erstmals auf. Das Protokoll der Hausversammlung im zweiten Corona-Jahr vermerkt, wir wollten „die Nutzung alternativer Energien für die Heizungs- und Warmwasserversorgung prüfen. Beim nächsten Mal soll ein angemessenes Budget für einen Energieberater freigegeben werden.“

    Damals liegt etwas in der Luft. Die jugendliche Klimabewegung Fridays for Future ist eine große Nummer. Etliche unserer Kinder machen dabei mit. Die Grünen haben im Bundestagswahlkampf mit Annalena Baerbock zum ersten Mal eine Kanzlerkandidatin benannt. Ich frage ich mich: Was bedeutet die Klimadebatte für unser Haus? Ein Jahr später, im April 2022, beschließen wir, 2.000 Euro aus unserem gemeinsam angesparten Hausvermögen freizugeben, damit ein Energieberater uns ein Gutachten erstellt. Wir wollen genauer wissen, was wir tun können, und wie viel das kostet.

    Die meisten von uns zogen 2004 zum gleichen Zeitpunkt ein. Wir kauften unsere Wohnungen einzeln von einem Immobilienentwickler, der das Haus hatte sanieren lassen. Seitdem sind wir offiziell eine Wohnungseigentümergemeinschaft (WEG), die für Teile der Immobilie – Keller, Außenwände, Dach, Leitungen, Heizung, Garten – gemeinsam verantwortlich ist.

    Die Erwachsenen sind ungefähr zwischen Mitte 40 und 60 Jahre alt. Studienabschlüsse sind normal. Wir gehören eher zur liberalen, linken und grünen Klientel. Im Hof stehen sehr viele Fahrräder, auf der Straße drei Autos. In vier der elf Wohnungen leben Leute mit Migrationshintergrund.

    Der Wohnungskauf war das beste Geschäft meines Lebens. Ein Quadratmeter kostete damals gut 1.700 Euro. Kürzlich verkaufte einer unserer früheren Nachbarn seine Dachgeschosswohnung – und erzielte ungefähr 8.000 Euro pro Quadratmeter. Was umgerechnet für meine Wohnung bedeutet, dass sie statt 200.000 Euro vor 20 Jahren nun 800.000 Euro wert wäre. Den anderen geht es ähnlich. Vermögensmäßig sind wir fast Millionäre. Wobei das ein vorwiegend theoretischer Wert ist, solange man in der Wohnung lebt und sie nicht verkauft.

    Als der Energieberater zu unserer WEG-Versammlung erscheint, bringt er ein 44-seitiges Gutachten mit, den „individuellen Sanierungsfahrplan“, gefördert vom Bundesamt für Wirtschaft. Unter dem Strich steht dort, dass die energetische Sanierung unseres Altbaus 560.000 Euro kosten würde. Darin enthalten: Dämmung der Außenwände, des Kellers und des Daches, damit weniger Wärme entweicht und verschwendet wird, neue Fenster, sowie eine neue Heizungsanlage. Langfristig soll der Erdgasbrenner durch eine elektrische Wärmepumpe plus Sonnenkollektoren ersetzt werden. Die Investitionen würden mit etwa 200.000 Euro vom Staat bezuschusst, erklärt uns der Ingenieur. Die verbleibenden 360.000 Euro amortisierten sich im Laufe von zehn Jahren, weil unsere Heizkosten auf ein Viertel sänken. Das klingt machbar und sinnvoll.

    Doch noch an diesem Abend beginnen wir uns zu streiten. Vordergründig geht es um den Schimmel. Einige misstrauen der Dämmung. Sie wollen das Haus nicht luftdicht verpacken, so dass sich innen die Feuchtigkeit staut. Die Fraktion der Modernisierer argumentiert dagegen, man könne ja lüften, und Energie zu sparen sei gut. Dahinter lauern aber die großen Fragen: Ist die Energiesanierung wirklich sinnvoll, und sollen wir so viel Geld dafür ausgeben? Es zeichnet sich ab, dass es für dieses Projekt nicht den Konsens gibt, den wir sonst kennen.

    Außerdem haben wir hundert kleinere Fragen. Welches Dämmmaterial hat welchen Nutzen, gibt es ökologische Baustoffe, sind neue Fenster aus Holz oder Kunststoff besser, wie sieht es mit den Preisen aus, und welche Summen gibt der Staat genau für was dazu? Für die Antworten und die Bauplanung brauchen wir ein Architekturbüro.

    Einige Monate später besuchen uns zwei freundliche ArchitektInnen. Sie klären uns auf über den Wärmeverlust durch die alten Doppelkastenfenster, die wir so schön finden, und machen Vorschläge, wie wir die großen Haustüren sanieren könnten, durch die bisher im Winter der Frostwind pfeift. Schließlich schicken auch sie ein Gutachten, das nun eine erstaunliche Zahl erhält. Die Investition soll jetzt mit allem Drum und Dran 900.000 Euro kosten. Inzwischen ist es Ende 2023, und die Baupreise haben erheblich angezogen.

    Das ist die Lage, die wir im Februar 2024 mit unserer Hausverwalterin in meiner Küche diskutieren. Über den Daumen müssen wir jetzt davon ausgehen, dass die Klimaneutralität unseres Hauses pro Wohnung bis zu 100.000 Euro kostet. 900.000 geteilt durch elf, plus weitere Kostensteigerungen in den nächsten Jahren. Wie viel Geld habe ich auf dem Konto? Diese Frage stellen sich jetzt alle, die am Tisch sitzen. Kann ich mir vielleicht von Freunden Geld leihen oder einen Bankkredit aufnehmen? Was kosten die Zinsen und die Tilgung? Kann ich mir die monatlichen Zusatzbelastung von 400, 500 oder 600 Euro leisten? Was bleibt dann von meinem Verdienst übrig? „Gut und schön“, bricht es aus einer Person heraus, „meine Wohnung ist jetzt eine Menge Geld wert. Aber davon kann ich kein Essen kaufen.“

    Meine Nachbarin Margit zum Beispiel ist in dieser Lage: Sie arbeitet als Kunstlehrerin, ihr Mann als Musiklehrer. Für sich und ihre beiden Kinder haben sie etwa 2.500 Euro monatlich zur Verfügung. Weil sie noch dabei sind, den Kredit für die Wohnung abzubezahlen, bleiben vielleicht 1.000 Euro zum Leben übrig. „Wir haben keinen Spielraum, eine zusätzliche Belastung verkraften wir momentan nicht“, sagt Margit. Vermögen auf dem Konto gibt es ebenso wenig, wie die Hoffnung auf eine Erbschaft. Deshalb ist es auf absehbare Zeit unmöglich, 100.000 Euro für die Energiesanierung aufzubringen.

    Stefanie und ihre Partnerin, zwei andere Nachbarinnen, kommen dagegen gut über die Runden. Sie beziehen solide Gehälter und haben ihre Wohnung bereits abbezahlt. „Die Investition ins Haus würde jetzt gerade gut passen“, sagt Stefanie. Über die Finanzierung von 100.000 Euro „mache ich mir keine großen Sorgen, auch wenn es viel Geld ist, das wir anders gut nutzen könnten“.

    „Und Du“, fragt sie mich, „bekommst Du mit Deinen 62 Jahren überhaupt noch einen Kredit?“ Kleine Spitze, aber berechtigte Frage. Also Mail an die Bankenverbände. Ergebnis: Mein Lebensalter interessiert die Bank im Prinzip nicht. Entscheidend ist, ob ich in den nächsten 15 Jahren wahrscheinlich in der Lage sein werde, Zinsen und Tilgung für ein Darlehen zu zahlen. Und ob die Bank – mittels des Eintrags der Hypothek ins Grundbuch – Zugriff auf meine Wohnung hat, wenn ich sterbe.

    Diese Sache lässt sich regeln, denke ich. Aber was halte ich selbst grundsätzlich von dem Investitionsprojekt? Vor allem weil ich von meinen Eltern Geld geerbt habe, konnte ich den alten Kredit für den Wohnungskauf schon abbezahlen. Deshalb wohne ich nun ziemlich günstig. Mit meinen Einnahmen komme ich gut zurecht, außerdem verfüge ich über ein gewisses Vermögen. Damit ließe sich ein Teil der 100.000 Euro finanzieren, der andere Teil mit einem Kredit. Nachteil: Eigentlich ist mein Erspartes für den Ruhestand gedacht, denn die Rente wird so bescheiden ausfallen, dass ich ohne Geld vom Konto meinen Lebensstandard später stark einschränken müsste. Fazit: Ja, ich könnte die Energiesanierung bezahlen, eine deutliche Belastung wäre sie aber schon.

    Was bedeutet das alles für unsere Hausgemeinschaft? So, wie es jetzt aussieht, werden wir die komplette Modernisierung in den nächsten Jahren nicht gemeinsam finanzieren können, denn einige NachbarInnen sind dazu nicht in der Lage. Die Dämmung der Außenwände und neue Fenster für alle Wohnungen wären schlicht zu teuer. Einzelne WohnungseigentümerInnen tauschen ihre Fenster vielleicht individuell aus. Was wir zusammen leisten können, sind kleinere Verbesserungen, die sich aus unserem gemeinsam Hausvermögen bewältigen lassen – etwa neue, gut isolierende Haustüren. Auch eine ökologischere Heizung, die kein Erdgas mehr verfeuert, scheint finanzierbar. Dafür kommen eine Wärmepumpe oder der Anschluss an Fernwärme in Frage. Allerdings haben wir es künftig dann möglicherweise mit diesem Problem zu tun: Wir heizen zwar umweltbewusst, verschwenden durch die ungedämmten Wände aber viel Energie. Und die steigenden Heizkosten fressen unsere Einnahmen.

    Ob das so kommt oder anders, wissen wir nicht. Unsere ganze Energiediskussion ist eine Rechnung mit vielen Unbekannten. Wer kann schon sagen, was Energie in 20 Jahren kostet? Ob sich die Wärmedämmung dann lohnt, steht in den Sternen. „Und wenn die Temperaturen weiter steigen“, scherzt Stefanie, „ist eine Dämmung vielleicht nicht nötig, weil wir kaum noch heizen.“

    Wenn wir ImmobilienbesitzerInnen uns schon Sorgen machen, wie wir die Energiesanierung bewältigen, wie soll es dann es dann Leuten gehen, die finanziell schlechter gestellt sind? Energiewende und Klimapolitik kommen inzwischen bei allen Privathaushalten an. Deshalb konnte sich die Debatte über das Heizungsgesetz 2023 zu einem gesellschaftlichen Konflikt mit Sprengkraft entwickelt, auch deshalb haben die Grünen bei der Europawahl viele WählerInnen verloren.

    Was würde unser Problem lösen? Geld für diejenigen, die die Sanierung nicht alleine zu stemmen in der Lage sind. Förderprogramme gibt es heute bereits, aber sie reichen nicht aus. Der Staat könnte mehr Zuschüsse zur Verfügung stellen für EigentümerInnen, die nachweislich keine ausreichenden Einkommen und Vermögen haben. Ohne weitere Mittel kann es sein, dass die Sanierung von Millionen Gebäuden in Deutschland unterbleibt, die Energieverschwendung weitergeht und die Klimaneutralität insgesamt in Frage steht. Das, finde ich, wäre eine schlechte Entwicklung.

    Andererseits erscheint dieser Finanzierungswunsch unrealistisch. Der Bundeshaushalt ist tendenziell schon mit den existierenden Programmen überfordert. Und viele Leute würden es für ungerecht halten, dass vermögende HausbesitzerInnen zusätzlich mit Steuergeld gefördert werden.

    Hausversammlung Juni 2024: Wieder stehen Chips, Wein und Bier auf meinem Küchentisch. Die Stimmung ist etwas gelöster als beim vorangegangenen Haustreffen. Inzwischen haben wir viel diskutiert. Eine mögliche Lösung bestünde darin, dass wir zunächst einen kleinen Schritt machen, uns zum Beispiel auf den Einbau dichter Haustüren und die Dämmung des Hausflurs beschränken.

    Die Hausverwalterin ruft den Tagesordnungspunkt auf: „Wer ist dafür, maximal 45.000 Euro freizugeben?“ Diesen Betrag könnten wir einfach von unserem gemeinsamen Konto nehmen. Doch die Abstimmung bringt eine Überraschung: Nur drei Wohnungen sind dafür, zwei dagegen und sechs enthalten sich. Das Vorhaben ist beschlossen, aber mit einer mageren Mehrheit.

    Die meisten meinen wohl: Eine so große Summe für ein paar Haustüren auszugeben, sei Geldverschwendung angesichts der damit erzielbaren, bescheidenen Energieeinsparung. Wir stecken in der Klemme: Das Realistische ist meinen Nachbarn zu wenig, das Wünschenswerte zu teuer.

    Ich bin etwas ratlos. Wir werden der Architektin wohl den Auftrag über die Türen erteilen. Alles andere steht in den Sternen. Nachdenklich stehe ich am Wohnzimmerfenster, schaue auf die Straße, betrachte die alten Rahmen der Fensterflügel, durch die im Winter die Kälte reinzieht. Vielleicht sollte ich eine Einzelaktion anpeilen und nur die Fenster meiner Wohnung aufarbeiten oder austauschen lassen? Würde natürlich teurer, als wenn wir mit einem Großauftrag zusammen einen günstigen Preis aushandelten.

  • Chips aus dem All

    Space Forge entwickelt Fabriken für den Weltraum

    Es klingt wie aus einem Science-Fiction-Roman: Fabriken, die bei Bedarf ins All geschossen werden und nach der Produktion wieder zurückkehren. Doch ein Unternehmen aus dem walisischen Cardiff arbeitet genau daran. Internationale Investoren gibt es, erste Kunden ebenfalls. Die Technologie könnte zum Beispiel die Fertigung von Computerchips revolutionieren.

    Der Anspruch ist, wie so vieles, was mit dem Weltraum zu tun hat, sehr groß: „Space Forge ist auf einer Mission, das All für die Menschheit arbeiten zu lassen, in dem es die Kraft der Schwerelosigkeit nutzt“, heißt es vom Unternehmen, dessen Name so viel wie Schmiede im All bedeutet. Es geht darum, „neuartige Materialien der nächsten Generation herzustellen, die Grenzen des Möglichen zu verschieben und neue Industriestandards zu setzen“.

    Die Waliser sind Teil des so genannten New Space, Privatfirmen, die Geschäft im All machen wollen. Der Weltraum entwickelt sich zum Multimilliarden-Markt. Da gibt es Raketenentwickler wie die deutschen Firmen Isar Aerospace und bei München und RFA aus Augsburg oder den US-Konzern SpaceX. Die Amerikaner betreiben Starlink, ein Netz von Satelliten, das Internet rund um die Welt bringt. Satelliten sind auch wichtig für Erdbeobachtung, autonomes Fahren, optimierte Landwirtschaft. Und eben Produktion.

    Der Weltraum bietet einige Bedingungen, die auf der Erde so nur sehr teuer erzeugt werden können oder schlicht unmöglich sind. Interessant ist das, um etwa superfeine Wafer für Computerchips herzustellen. Hier stoßen die irdischen Hersteller an Grenzen. Da ist zum Beispiel das Vakuum, weshalb es im All praktisch keine Gefahr gibt, dass Produktionsteile mit Staub verunreinigt werden. Weil der Druck so niedrig ist, lässt sich schneller fertigen. In der Schwerelosigkeit bilden sich Kristalle in perfekter Form, Metalle lassen sich ideal verschmelzen. Und wegen Temperaturen nahe dem absoluten Nullpunkt härten Produkte schneller aus.

    Warum also nicht eine mehrfach verwendbare Minifabrik entwickeln, die im All automatisch nach einem vorgegebenen Plan produziert, fragten sich Joshua Western und Andrew Bacon. Sie kannten sich vom französisch-italienischen Konzern Thales Alenia Space. Beide hatten zuvor schon viel mit dem Weltraum zu tun. Western arbeitete etwa für die britische Raumfahrtagentur unter anderem am nationalen britischen Raumfahrtprogramm. Sie gründeten Space Forge 2018. Western ist Chef, Bacon verantwortlich für die Technologie.

    Seither arbeiten sie an einem wiederverwendbaren Satelliten, in den je nach Bedarf einzelne „Fabrikmodule“ eingebaut werden. Die richtet das Unternehmen danach ein, was ein Kunde herstellen möchte. Der Satellit wird per Rakete ins All geschossen, fliegt dann um die Erde, während im Innern vollautomatisch etwa Chips hergestellt werden. Ist die Produktion beendet, kommt der Satellit wieder zur Erde zurück. Soweit der Plan.

    Echte Testproduktion im All gab es bisher noch nicht. Einmal waren sie schon nah dran: Forgestar-0, die Testschmiede, sollte im Januar 2023 mit der britischen Firma Virgin Orbit vom Spaceport im britischen Cornwall starten. Es wäre der erste Flug ins All von britischem Boden aus gewesen. Doch der Start scheiterte. Forgestar-0 hätte in 555 Kilometern Höhe zeigen sollen, was er kann. Die internationale Raumstation ISS umrundet die Erde in gut 420 Kilometern Höhe. Die Waliser bauen gerade am Nachfolger des verlorengegangenen Satelliten. Forgestar-1 soll zehn Mal größer sein und etwa das Format einer Waschmaschine haben. Der Start ist für das kommende Jahr geplant.

    Etwas erfolgreicher war Konkurrent Varda Space Industries aus Kalifornien. Die Amerikaner, gegründet 2020 von ehemaligen Mitarbeitern des Raumfahrtunternehmens SpaceX, konnten im Sommer 2023 eine Minifabrik für Medikamente ins All schießen, die seit diesem Frühjahr zurück ist. Hergestellt werden sollte ein Medikament, das gegen HIV verwendet wird. Auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa unterstützt Firmen, die sich mit Produktion im Weltraum beschäftigt.

    Geld verdient Space Forge bereits jetzt. Das Unternehmen entwickelt im Kundenauftrag und verkauft bereits spezielle Halbleiterwafer, die Basis für Chipproduktion. Später können Kunden Platz im Produktionssatelliten mieten. Die Kosten richten sich danach, was im All hergestellt werden soll und ob die Kunden den gesamten Satelliten oder nur einen Teil buchen. Erste Kunden gibt es, Namen will Space Forge derzeit nicht nennen.

    Satellitenentwicklung ist teuer, Geld schwer zu bekommen – außer die Idee leuchtet direkt ein. Mehrere Investoren sehen jedenfalls großes Potenzial. Im Oktober 2023 sammelte Space Forge in einer ersten Finanzierungsrunde 10,2 Millionen Dollar (rund 9,2 Millionen Euro) ein – sehr üppig für ein europäisches Start-up. Zu den Geldgebern gehören unter anderem der World Fund aus Berlin, zahlreiche US-Finanzinvestoren und zwei US-Fonds, sowie Georg T. Whitesides, Chef des US-Raketenbauers The Spaceship Company, die zu Virgin Galactic des britischen Multimilliardärs Richard Branson gehört. Zuletzt kündigte der neue Nato-Innovationsfonds an, in Space Forge zu investieren.

    Bleibt die Frage: Warum Wales? Abgesehen davon, dass die Entwicklungsbank des britischen Landesteils zu den ersten Investoren gehörte: In Cardiff und Newport forschen die Universitäten an neuen Materialien. Es sei zudem ein wundervoller Ort zum Leben und Arbeiten, erklärt Space Forge. Deshalb hat das Unternehmen auch keine Probleme, Fachkräfte zu finden. Außerdem ist die Küste nah. Irgendwo dort im Ostatlantik sollen die Satelliten des Unternehmens künftig wieder zur Erde zurückkehren.

  • Wandel durch Handel

    Wegen EU-Klimapolitik wird investiert

    Europa verfolgt ehrgeizige Klimaziele. Die Regeln dazu verteuern das wirtschaftliche Handeln. Jetzt hat die Bundesbank erstmals genau untersucht, ob der Kern der EU-Strategie, der Emissionshandel, die Industrie aus Deutschland vertreibt. Die Experten fanden keinen Hinweis darauf. Die Unternehmen müssen andere Gründe dafür haben, Fabriken ins außereuropäische Ausland verlagern zu wollen. Eher investieren die Firmen, um weniger CO2 auszustoßen.

    Die EU soll 2050 klimaneutral sein. Wer in der Staatengemeinschaft etwas produziert und dabei CO2 in die Luft bläst, muss ein Zertifikat besitzen, dass ihm das erlaubt. Die Menge der Zertifikate ist durch die EU begrenzt und sinkt jedes Jahr. Die Papiere werden im Wesentlichen per Auktion vergeben und dann etwa an der Börse in Amsterdam oder der EEX in Leipzig gehandelt. Zertifikate kosteten zuletzt um die 70 Euro. Etwas zu produzieren, ist deshalb in der EU im Prinzip teurer als außerhalb, wo es vielfach keinen solchen Emissionshandel gibt.

    Das System gibt es seit 2005, mehrfach wurde es verschärft. Dem Handel unterliegen derzeit rund 9000 Unternehmen in Europa, darunter Chemie- und Stahlkonzerne, Raffinerien, Zementwerke. Sie stehen für etwa 40 Prozent aller Treibhausgasemissionen. Auch der innereuropäische Luftverkehr und die Schifffahrt sind dabei. Verkehr und Wohnen soll ebenfalls eingebunden werden.

    Die Bundesbank-Experten schauten sich jetzt an, wie viel deutsche Konzerne aus dem verarbeitenden Gewerbe zwischen 2005 und 2022 außerhalb der EU in Produktion investierten. Die Zahlen stammen von der Bundesbank. Die Autoren der Studie verknüpften sie mit Daten zum CO2-Ausstoß der Konzerne weltweit. Sie stammt vom Institutional Shareholder Service (ISS), einem Beratungsunternehmen, das mehrheitlich der Deutschen Börse gehört. Rausgerechnet wurden Effekte, die alle Unternehmen betreffen, etwa die Corona-Pandemie.

    Das Ergebnis: Es gibt keine Hinweise, dass der Emissionshandel deutsche Unternehmen maßgeblich dazu bringt, außerhalb der EU zu produzieren und Fabriken in Deutschland zu schließen. Das gilt der Studie zufolge gleichermaßen für Unternehmen, die überdurchschnittlich viel CO2 ausstoßen, wie für Firmen, die eher wenig erzeugen. Wenn eine Firma abwanderte, muss es demnach andere Gründe gegeben haben.

    Die Experten stellten eher fest, dass die Unternehmen in grüne Technologie investierten und ihren CO2-Ausstoß senkten. Offenbar rechnete sich das mehr, als teure Zertifikate zu kaufen oder gar die Produktion zu verlegen. Demnach wird nicht nur in Deutschland, sondern in allen europäischen Ländern mehr Geld in grüne Technologien gesteckt als außerhalb der EU. Ein Beweis, dass der Emissionshandel wirkt.

    Die Studie endet allerdings 2022. Da hatte die letzte Reform des Emissionshandels gerade erst gegriffen, die Preise für Zertifikate waren von um die 25 Euro auf etwa 80 Euro gestiegen. In der Spitze waren es sogar mehr als 100 Euro. Möglicherweise spielt der Handel deshalb jetzt doch eine Rolle, wenn es um Standortverlagerung aus Deutschland geht. Darüber entscheidet kein Unternehmen kurzfristig, zu hoch sind die Ausgaben und die Folgekosten. Sollten die Zertifikatspreise dauerhaft hoch bleiben, rechnen die Autoren der Bundesbank-Studie damit, dass es für große Konzerne doch interessant sein kann, Fertigung, die besonders viel CO2 ausstößt, aus Europa abzuziehen.

    Ein Problem sind auch Produkte wie Stahl, die in Ländern ohne Emissionshandel hergestellt und dann eingeführt werden. Er ist möglicherweise billiger als vergleichbarer Stahl aus Europa. Deshalb greift bald eine Art Importsteuer, die den außereuropäischen Stahl aus Ländern ohne Klimaprogramm verteuert und so den CO2-Ausstoß dort einpreisen soll. Die Regel gilt auch für andere Produkte. Allerdings bekommen europäische Firmen beim Export keinen Klimabonus, der ihre Produkte außerhalb der EU verbilligen könnte.

    Die Autoren der Bundesbank-Studie jedenfalls mahnen an, die Klimapolitik international zu koordinieren. In der aktuellen geopolitischen Lage mit den großen Blöcken Russland, China und USA/Europa, die alle ihre eigene Strategie fahren und zum Teil wenig auf die Umwelt schauen, dürfte das schwierig sein. Zudem haben nur wenige Länder einen Emissionshandel. Europa ist hier führend, ein Vorbild. Der Handel gilt in den 27 Staaten der EU sowie Island, Liechtenstein und Norwegen. Die Schweiz hat ein eigenes System, ist aber angebunden.

    Die Autoren empfehlen deutschen und EU-Politikern, Innovationen in grüne Technologien zu erleichtern und „internationalen wie nationalen Investoren auf diese Weise Investitionsanreize zu bieten“. So könnten teure Subventionen vermieden und stattdessen privates Kapital mobilisiert werden. Wichtig dabei: Ein klarer Rahmen und Planungssicherheit, damit die Unternehmen kalkulieren können, ob, wie und wo es sich lohnt, zu investieren.

    Warum Unternehmen dennoch überlegen könnten, Fabriken aus Deutschland zu verlagern? Unternehmer nennen immer wieder Berichtspflichten, Bürokratie, hohe Energiekosten, Fachkräftemangel und, dass es sehr lange dauert, bis Behörden etwas genehmigen. Vielleicht geht es auch nur darum, zu drohen, um Zugeständnisse der Politik zu erhalten. Was genau es ist oder gar eine Kombination aus allem, harrt noch wissenschaftlicher Untersuchung.

  • Sparer leiden, Aktionäre feiern

    Was die EZB-Zinssenkung bedeutet

    Zum zweiten Mal binnen weniger Monate hat die Europäische Zentralbank (EZB) den zentralen Leitzins gesenkt. Angesichts der moderaten Inflation von 2,2 Prozent in der Euro-Zone sah sie die Chance dazu. Für Sparer, die Geld auf dem Tagesgeldkonto oder gar einem Sparbuch liegen haben, sind das eher schlechte Nachrichten. Wer Aktienfonds besitzt, profitiert hingegen.

    Was hat die Europäische Zentralbank entschieden?

    In der Euro-Zone sinkt der wichtigste Zinssatz, der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld leihen können, um 0,6 Punkte auf 3,65 Prozent. Es ist die zweite Zinssenkung seit Juni 2024. Gleichzeitig sinkt der Zinssatz, zu dem Banken Geld bei der EZB parken können um 0,25 Punkte auf 3,5 Prozent. Die Entscheidung ist bemerkenswert, weil die US-Notenbank, die wichtigste Zentralbank der Welt, deutlich zögerlicher ist. Üblicherweise folgt die EZB den Amerikanern. Dieses Mal sind die Europäer diejenigen, die zuerst handeln. Mit einer Zinssenkung der Fed rechnen Experten in der kommenden Woche.

    Warum senkt die EZB die Zinsen?

    Die Zentralbank ist in der Euro-Zone für Preisstabilität zuständig. Die gilt bei einer Inflationsrate von nahe zwei Prozent. Den Wert hat die EZB festgelegt. Die Zentralbank kann die Preise nicht direkt beeinflussen, sondern nur dadurch, dass sie versucht, mehr oder weniger Geld im Umlauf zu halten. Über den Leitzins verteuert oder verbilligt sie Geld. Seit dem Ende der Corona-Pandemie und mit dem russischen Angriff auf die Ukraine verteuerten sich Waren und Dienstleistungen sehr stark. Die Inflationsrate stieg entsprechend kräftig, in der Spitze auf 10,6 Prozent im Oktober 2022. Seit Juli 2022 hatte die EZB den Leitzins in zehn Schritten deshalb von 0,0 auf 4,5 Prozent angehoben. Inzwischen ist die Inflationsrate in der Euro-Zone gesunken. Im August betrug sie 2,2 Prozent. Die Zentralbanker sahen die Chance, die Zinsen nach dem Juni zum zweiten Mal gefahrlos zu senken, ohne die Inflation anzuheizen.

    Wie wirkt die Zinssenkung?

    Sinkt der Leitzins, wird es stark vereinfacht, billiger für Banken und Sparkassen, sich Geld bei der Zentralbank zu beschaffen. In der Folge können sie billiger Kredite vergeben oder mehr gewähren. Für die Institute wird es zu dem weniger interessant, Geld bei der EZB zu parken, denn die Zentralbank verzinst es nicht mehr so gut. Das alles bringt mehr Geld in Umlauf. Für Unternehmen verbilligen sich Kredite. Das kann sie bewegen, mehr in neue Anlagen oder Gebäude zu investieren. Auch Verbraucher denken möglicherweise nach, einen Kredit aufzunehmen, um sich etwas zu leisten. Mehr Investitionen und Konsum kommen der Wirtschaft zugute.

    Warum handelt die EZB erst jetzt?

    Weil die Notenbank die Inflation nur indirekt beeinflussen kann, und der Mechanismus nicht zwingend funktioniert, muss sie auch zahlreiche andere Faktoren im Blick behalten wie die Weltwirtschaftslage oder geopolitische Risiken. Zudem ist die Rate ein Durchschnittswert. Sie berücksichtigt die Preise vieler Produkte, vom Ei über Miete bis zu Strom. Allein der deutsche Warenkorb, über den das Statistische Bundesamt die deutsche Inflation berechnet, enthält rund 700 Produkte. Nicht alle haben das gleiche Gewicht. Ein Plus bei Eiern wird die Inflationsrate kaum beeinflussen, steigende Gaspreise aber schon. Und vor allem Energiepreise schwanken stark, weil hier Politik eine Rolle spielt. Beschließt etwa die Organisation Erdöl exportierender Länder (OPEC), weniger Öl zu fördern, wird Öl deutlich teurer. Ähnliches gilt für Lebensmittelpreise, die zum Beispiel als Folge von Missernten wegen Unwetter steigen können. Deshalb gibt es als genauere Messgröße die sogenannte Kerninflationsrate, die Lebensmittel- und Energiepreise nicht berücksichtigt. Sie lag zuletzt höher als die normale Inflationsrate. Die Notenbanker müssen auch in die nahe Zukunft schauen können und abschätzen, ob die Inflation weiter fallen könnte (dann hätten sie richtig gehandelt) oder wieder steigen könnte (dann wäre eine Zinssenkung gefährlich).

    Was bedeutet die Zinssenkung für Sparer?

    Für Sparer sind Leitzinssenkungen keine gute Nachricht. Banken werden in der Folge Sparbücher und Tagesgeld geringer verzinsen. Auch wer jetzt einen neuen Festgeldvertrag abschließt, bekommt sehr wahrscheinlich weniger Ertrag. Wer in Aktien oder Aktienfonds investiert hat, kann sich hingegen freuen. Weil Aktien relativ gesehen mehr Ertrag versprechen als zinsabhängige Anlageformen, sind sie gefragter. Der Kurs steigt.

    Was bedeutet die Zinssenkung für die, die ein Haus oder eine Wohnung kaufen wollen?

    Wer darüber nachdenkt, eine Immobilie zu kaufen, kann sich freuen: Die Kredite dürften billiger werden. Banken bekommen Geld billiger, also können sie es auch billiger weitergeben. Doch das dauert. Banken und Sparkassen sind hier in der Regel weniger schnell, als sie Guthabenzinsen kürzen.

    Wie entwickelt sich die Inflationsrate?

    Die Zentralbanker glauben, dass sie tendenziell weiter sinkt, auf 1,9 Prozent 2026. Seit Jahresbeginn pendelt sie in der Euro-Zone zwischen 2,2 und 2,9 Prozent. Viele Einflüsse lassen sich aber nicht vorhersehen. Wetter zum Beispiel. Sollte es in diesem Winter sehr kalt werden, könnte es eng werden bei den Gas und Öl. Das würde die Preise für Energie kräftig steigen lassen, was wiederum die Inflationsrate treibt. Ähnlich dürfte es wirken, wenn ein Krieg in Nahost ausbricht, an dem der Iran direkt beteiligt ist. Auch ein Handelsstreit mit China könnte die Preise für viele Waren drastisch ansteigen lassen.

  • Der Trick mit der Vorkaufsgarantie

    Deutsches Konzept soll nächste Pandemie verhindern

    Für viele ist Corona längst Geschichte. Andere Probleme drängen. Doch einige Wirtschaftsexperten arbeiten daran, dass die Welt künftig besser vorbereitet ist auf solche Pandemien und sie schon zu Beginn stoppen kann. Wichtig sind Medikamente gegen Viren, doch Pharmafirmen weltweit wollen sie nicht entwickeln. Zu unklar ist, ob sich je Geld damit verdienen lässt. Ein Konzept aus Deutschland, das gerade in den USA ausgezeichnet wurde, soll dieses Problem jetzt günstig lösen. Schließlich kostete Corona die Welt Billionen Dollar.

    Die Pandemie startete Ende 2019 im chinesischen Wuhan und breitete sich dann immer schneller weltweit aus. Viele Länder reagierten mit Ausgangssperren, schränkten Reisen ein. Maskenpflicht galt. Dem deutschen Pharmaunternehmen Biontech aus Mainz gelang es, einen Impfstoff zu entwickeln. Auch Moderna aus den USA und Astrazeneca aus Großbritannien zogen nach. Doch da hatte sich das Virus schon über den Globus ausgebreitet, war mutiert und hatte großen Schaden angerichtet. Weltweit starben im Zuge von Corona geschätzt rund 27 Millionen Menschen, die Weltwirtschaft stockte.

    Zeit ist ein wichtiger Faktor: „Liegen Medikamente früh nach einem Ausbruch vor, sind insgesamt deutlich weniger davon nötig als zum Höhepunkt einer Pandemie“, sagt Jano Costard von der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig, die innovative Konzepte und Produkte entdecken und fördern soll. „So kann vielleicht verhindert werden, dass aus einem Ausbruch überhaupt eine Pandemie wird.“ Im Ernstfall ein Medikament kurzfristig zu entwickeln, dauere sehr lang, habe einen ungewissen Ausgang, sei sehr teuer und koste viele Menschenleben.

    Die Experten von Sprind errechneten gemeinsam mit Ökonomen der University of Chicago und der Harvard Kennedy School, dass die Zahl der erkrankten und gestorbenen um 99 Prozent niedriger gewesen wäre, hätte es entsprechende Medikamente bereits zu Beginn der Pandemie gegeben. Und es wären Verluste von 28 Billionen Dollar weltweit vermieden worden. Das entspricht etwa dem Bruttoinlandsprodukt der USA. Eingerechnet sind Todesfälle, wirtschaftliche Schäden und langfristige Schäden etwa durch Schulschließungen.

    Das Problem sind nicht so sehr die Medikamente selbst, die ein breites Spektrum von Viren ausschalten können, für weitere schnell anpassbar sind und verhindern, dass sie übertragen werden. „Entsprechende Medikamente zu entwickeln, ist eine Herausforderung, aber es ist möglich“, sagt Sprind-Experte Costard. Die Schwierigkeit liegt woanders: „Pandemien sind auch deshalb eine Herausforderung, weil wir nicht wissen, wann sie auftreten. Deshalb ist für die Pharmaindustrie unklar, wann es eine Nachfrage für Pandemie-Medikamente gibt und ob sie damit überhaupt einen Erlös erzielen. Deshalb wird nicht investiert.“ Der Markt versagt. Es gibt Bedarf, aber niemand kümmert sich um ein Angebot, weil es zu unsicher wäre.

    Die Idee, um das Problem zu lösen: konkrete, belastbare Nachfrage erfinden. Eine Staatengemeinschaft formuliert, welche Anforderungen die Medikamente erfüllen sollen. Und: „Die öffentliche Hand garantiert, die Medikamente abzunehmen“, sagt Costard, der das Konzept mitentwickelt hat – eine Art Vorkaufsrecht der Staaten.

    Der Clou: „Sind die Voraussetzungen erfüllt, kaufen die Länder, unabhängig davon, ob sie das Medikament in diesem Moment schon brauchen.“ Im Zweifel verfalle es. „Aber es ist wirtschaftlich sinnvoller, eines wegzuwerfen, als keines zu haben.“ Für die Staaten hat das Modell noch einen anderen Vorteil. Weil die Unternehmen das Medikament entwickeln, tragen sie und ihre Investoren auch das finanzielle Risiko, sollten sie scheitern. „Denn der Staat zahlt nur für erfolgreiche Medikamentenentwicklung“, sagt Costard.

    Mit dem Konzept hat Sprind jetzt einen internationalen Innovationswettbewerb der Universität von Chicago gewonnen. Zum Start 2023 gingen beim Market Shaping Accelerator (MSA) des Nobelpreisträgers Michael Kremer 190 Konzepte ein. Kremer und sein Team beschäftigen sich intensiv mit Fällen, in denen der Markt versagt und deshalb nicht investiert wird. Das MSA hat auch am Sprind-Konzept mitgeholfen. Es gab nicht nur 290.000 Dollar Preisgeld, das Siegerkonzept soll auch umgesetzt werden – mit umfassender internationaler Unterstützung.

    Denn ein Land allein wird das nötige Geld nicht aufbringen können. „Eine große Koalition ist nötig, damit solche Medikamente entwickelt werden“, sagt Costard. „Es besteht die Gefahr, dass einzelne Länder die anderen machen lassen und, wenn alles finanziert ist, als Trittbrettfahrer aufspringen. Weil das alle vorher wissen, kann eine Koalition scheitern – doch dann hat am Ende niemand ein Medikament.“

    Sprind fördert derzeit selbst vier Unternehmen, die Medikamente gegen Viren entwickeln. Darunter ist eine Firma, die Viren im Körper mit einer Art Kescher aus DNA-Origami einfangen will. Ein Team arbeitet daran, Viren per Genschere unschädlich zu machen. Ein weiteres plant ein Medikament, das Viren nach dem Einatmen auf der menschlichen Nasen-Schleimhaut festhält. Sie werden dann mit dem Schleim heruntergeschluckt und im Magen unschädlich gemacht.

    Die Firmen wollen jetzt nachweisen, dass ihr Ansatz im Tierversuch funktioniert. Danach wird es richtig teuer. Und es dauert. Von der Idee bis zum fertigen Medikament sind im Schnitt zehn Jahre nötig. Findet sich also jetzt kein Investor, war es das mit den Medikamenten.