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  • Uns füttert die Welt

    1.094 Tiere isst und verbraucht jeder Deutsche während seines Lebens. „Fleisch-Atlas“ von BUND und Böll-Stiftung

    Wer isst am meisten Fleisch in Deutschland? Männer in Thüringen. Zu Hause verzehren sie durchschnittlich etwa 100 Gramm Wurst und Fleisch pro Tag. Hinzu kommt der Konsum erstaunlicher Mengen an Thüringer Rostbratwurst und des dort als „Brätel“ bekannten Schweinekoteletts in Restaurants und Imbissen. Hochgerechnet auf das Jahr summiert sich der Verzehr so auf durchschnittlich 60 Kilo pro Kopf. Diese und andere interessante Zahlen stehen im sogenannten Fleischatlas, den der Umweltverband BUND und die Böll-Stiftung der Grünen am Donnerstag vorstellten.

    Den Herausgebern geht es darum, die Auswirkungen des Fleischkonsums zu thematisieren, den sich die Einwohner der Industriestaaten leisten. Zu den negativen Folgen dieser speziellen Ernährungsform gehören beispielsweise der erhöhte Ausstoß von klimaschädlichem Kohlendioxid und die zunehmende Entwaldung in Russland, Südamerika, Afrika und Südostasien. Vor der Ernährungsmesse Grüne Woche, die am kommenden Freitag in Berlin beginnt, fordern BUND und Böll-Stiftung deshalb, die Subventionen für die konventionelle, industrielle Fleischproduktion einzuschränken.

    Der durchschnittliche Deutsche verbraucht im Laufe seines Lebens eindrucksvolle Quantitäten Fleisch. Beispielsweise vier Rinder, 46 Schweine und fast tausend Hühner werden geschlachtet, damit immer Schnitzel und Bratwürste auf die Teller kommen. Ohne die industrielle Produktion in den Tierfabriken Europas wäre das nicht möglich. Diese stehen etwa in Niedersachsen, den Niederlanden, Dänemark, der italienischen Po-Ebene, der französischen Bretagne und Südengland – immer in der Nähe des Meeres, damit das Fleisch billig mit Schiffen abtransportiert und auch exportiert werden kann. Von der Massierung der gigantischen Ställe zeugt die Belastung des Bodens. Etwa in der Weser-Ems-Region sei das Grundwasser kaum noch als Trinkwasser nutzbar, sagte BUND-Chef Hubert Weiger.

    Um die Produktion zu ermöglichen, liefern die Entwicklungs- und Schwellenländer große Mengen Sojabohnen und andere Futtermittel. Der Atlas zeigt, welchen Umfang dieser Handel inzwischen angenommen hat. In Südamerika, Afrika und Asien sind über 30 Millionen Hektar Ackerland dafür reserviert, den europäischen Fleischkonsum zu speisen. Zum Vergleich: Das entspricht knapp einem Zehntel der Fläche Deutschlands. Solche Gebiete stehen für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung ärmerer Staaten mit Grundnahrungsmitteln nicht mehr zur Verfügung. Eine zusätzliche Folge ist, dass ökologisch wichtige Wälder abgeholzt werden, um Platz für die Futtermittel-Äcker zu schaffen. In Mittelamerika, Brasilien, Afrika südlich der Sahara und Südostasien ist dieser Prozess besonders zu beobachten.

    Weitere Probleme kommen hinzu: Einen Ausstoß von zwei Tonnen CO2-Äquivalenten verursacht der deutsche Durchschnittsverbraucher jährlich mit seiner fleischlastigen Ernährung. BUND-Chef Weiger wies darauf hin, dass auch die medizinische Sicherheit in Europa allmählich in Gefahr gerate. Antibiotika, die den Tieren permament verabreicht werden, rufen Resistenzen beim Menschen hervor und erschweren die Behandlung von Krankheiten.

    Böll-Vorsitzende Barbara Unmüßig forderte CSU-Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner daher auf, sie solle sich für die „Streichung der Subventionen für die intensive Fleischproduktion“ einsetzen. Im Rahmen der laufenden EU-Agrarreform müsse „die Vergabe der 60 Milliarden Euro Unterstützung an strenge Umwelt- und Tierschutzauflagen“ gebunden werden, ergänzte Weiger.

    Von solchen politischen Strategien abgesehen, sind aber auch andere Varianten möglich, wie der Atlas zeigt. Etwa 1,5 Millionen Deutsche bezeichnen sich als Vegetarier und verzichten auf den Verzehr von Fleisch. Und vier Prozent des Rindfleisches stammten 2010 aus biologischer Herstellung, für deren bessere Qualität die Verbraucher höhere Preise zu zahlen bereit waren. Bei Eiern waren es immerhin neun Prozent.

    Www. Boell.de/fleischatlas

    www.bund.net/fleischatlas

  • Die Sehnsucht nach der guten Bank

    Goldman Sachs-Aussteiger Greg Smith beschreibt den Kulturverfall der Wallstreet

    Das allwöchentliche Meeting der Praktikanten bei Goldman Sachs in New York: Die 20jährigen werden durch die Mangel gedreht. Die Bank will wissen, was die „intelligentesten Studenten der Welt“ draufhaben, die alle einen Job an der Wallstreet wollen. „Microsoft – was empfehlen wir? Kaufen? Verkaufen?“ will der Leiter des Kurses wissen. Die Praktikantin zögert. „Na los, ich brauche schnelle Antworten! Da ist doch nichts dabei – Microsoft ist eines der größten Unternehmen der Welt!“ Sie weiß es nicht, schlechte Karten, der Nächste.

    Unter den Absolventen der Elite-Universitäten wählt Goldman Sachs noch einmal die intellektuelle Oberschicht aus. Die Aspiranten müssen bestens informiert, sehr hell im Kopf, durchsetzungsstark und absolut loyal sein. Wochenlang sind sie mit Klapphockern in den Handelssälen der Bank unterwegs, um sich neben die Computerterminals der Wertpapierhändler zu quetschen und diese mit kleinen Dienstleistungen zu unterstützen – Lunch besorgen, ein paar neue Biotech-Aktien analysieren. Nur wer einen Fürsprecher findet, bekommt einen der begehrten Jobs.

    Greg Smith, dem Autor des Buches „Die Unersättlichen“ ist das gelungen. Als er 21 Jahre alt war, stellte Goldman ihn ein. Das war im Jahr 2000. Zwölf Jahre später, im März diesen Jahres, erschien in der New York Times ein Artikel von Smith unter der Überschrift „Warum ich Goldman Sachs verlasse“. Tief enttäuscht, wie er schreibt, hatte er kurz zuvor aus freien Stücken gekündigt. Im Artikel wie im Buch legt Smith den Grund dar: Goldman habe sich von einer guten in eine böse Bank verwandelt.

    Goldman Sachs galt und gilt vielen als die Bank der Banken, als Inbegriff des Aufstiegs der so genannten Finanzindustrie während der vergangenen 30 Jahre, als Synonym für Erfolg, Krise und Absturz der Wallstreet. Im April 2006 bescheinigte das Wirtschaftsmagazin Economist dem Institut per Titelblatt die Position „on top of the world“. Goldman Sachs´ ehemaliger Vorstandsvorsitzender Henry M. Paulson wurde unter US-Präsident George W. Bush Finanzminister der USA. Buchautor Smith beschreibt, wie Paulson zuvor seine Goldman-Aktien für 500 Millionen Dollar verkaufte. Dem Jung- und Karriere-Banker Greg Smith, Spross einer weißen südafrikanischen Familie mit jüdischer Tradition, gefiel es gut in dieser Umgebung.

    Smith beschreibt sein Arbeitsleben und die Firmenkultur bei Goldman Sachs. Er schätzt das Ethos der Firma, keine Fehler zu machen, die Genauigkeit, mit der jedes Geschäft dreimal geprüft wird, und die Bewunderung, die er von außen erhält. In seinen Zwanzigern verdient er 500.000 Dollar pro Jahr. 2006 erhält er eine Gesamtvergütung inklusive Bonus von rund einer Million. Er ist unzufrieden damit, er meint, er habe mehr verdient.

    Solche kulturellen Informationen machen das Buch lesenswert und spannend. Erhellend ist auch, wie beiläufig und selbstverständlich, frei von Vorwurfs- und Rechtfertigungsmotiven, das jüdische Leben in New York beschrieben wird. Und wie geschäftsmäßig der Banker und seine Freundin miteinander umgehen, als sie die Rollen-, Einkommens- und Arbeitsverteilung im Hinblick auf die geplante Gründung einer gemeinsamen Familie diskutieren. Bei den Vertragsverhandlungen wird ihnen klar, dass ihre Partnerschaft vermutlich kein guter Deal ist. So trennen sie sich, pragmatisch und abgeklärt in jungen Jahren.

    Im Kern des Buches jedoch geht es um den Kulturwandel innerhalb der Bank, den Smith eher Revue passieren lässt, als dass er ihn analysiert. Er bringt die Wende, die sich seit 2000 vollzogen habe, auf diesen Punkt: Früher sei Goldman Sachs „longterm greedy“ gewesen – gierig mit langfristiger Perspektive, heute dagegen „shortterm greedy“, die Gewinne müssten sofort oder mindestens sehr bald fließen.

    Wie soll man sich diesen Wandel am Beispiel einer Investmentbank vorstellen? Früher, so Smith, setzte sich das Institut für seine Kunden ein, handelte in ihrem Auftrag, vermittelte ihnen gute Geschäfte und redete ihnen schlechte aus. Goldman sammelte von anderen Banken, Pensionsfonds, Versicherungen oder Hedgefonds Milliarden Dollar ein, um diese in Aktienkäufe, Firmenübernahmen und Rohstoffhandel zu investieren. Im Sinne des internen Leitsatzes „Das Interesse unserer Kunden steht an erster Stelle“ war die Bank bestrebt, für ihre Klienten eine langfristige Rendite zu erwirtschaften und daran mit Provisionen zu partizipieren.

    Allmählich aber begann der Eigenhandel in den Mittelpunkt zu rücken. Die Bank investierte Milliarden auf eigene Rechnung – auch, um den finanziellen Aderlass der Finanzkrise ab 2007 zu kompensieren. Die Angestellten und Manager wurden angehalten, „elephant trades“ zu tätigen, Transaktionen mit schneller, hoher Gewinnmarge.

    Wie derartige Geschäfte funktionierten, stellt Smith am Beispiel eines Wertpapieres dar, mit dem auch die IKB-Bank in Düsseldorf rund 100 Millionen Euro Verlust machte. Goldman Sachs verkaufte unter anderem den Deutschen ein spezielles Papier, in dem US-Immobilienkredite gebündelt waren. Dem Manager, der das Wertpapier für die Bank zusammengestellt hatte, war klar, dass ein guter Teil dieser Kredite ausfallen würde. Die Käufer ließ man jedoch in dem Glauben, dass sich der US-Immobilienmarkt und damit der Kurs des Wertpapieres weiterhin positiv entwickeln werde. Die Bank spekulierte also gegen ihre Kunden. Während sie durch den Verkauf gewann, verloren die Käufer.

    Jahre später kam die US-Finanzaufsicht SEC dahinter und klagte Goldman Sachs wegen Betruges an. Smith schreibt, dass nicht nur dieser Fall sein Weltbild erschüttert habe. Angewidert war er von Kollegen, die sich über vertrauensselige Kunden lustig machten und ihnen gleich noch eine Million Dollar versteckter Gebühren in Rechnung stellten. Solche Erlebnisse nennt Smith als Grund für seine Kündigung. Er habe die Selbstachtung verloren und keinem Praktikanten mehr guten Gewissens empfehlen können, einen Job bei Goldman anzunehmen.

    Als Konsequenz verlangt Smith die alte Firmenkultur zurück. Ursachenforschung, warum diese auf der Strecke blieb, und politische Rückschlüsse sind seine Sache nicht. Nur am Rande auf den letzten paar der insgesamt 366 Seiten beschäftigt er sich mit Politik, etwa der Frage der Notwendigkeit einer neuen, schärferen Bankenregulierung – deren Abwesenheit viele Experten für die eigentliche Ursache der Finanzkrise und der Hybris bei Instituten wie Goldman halten.

    Wobei solche Fragen für die Leser in ihrer Rolle als Staatsbürger entscheidend sind: Wofür brauchen wir Banken? Was sollen sie tun dürfen? Wäre alles okay, wenn Goldman Sachs, wie Greg Smith es wünscht, zu seiner alten Firmenkultur zurückkehrte? Dieses Plädoyer ist heute en vogue: Banken, so heißt es, sollen sich wieder auf ihr Kerngeschäft besinnen und die Realwirtschaft finanzieren. Sie sollen Unternehmen und Bürgern Kredite zur Finanzierung von Investitionen und Lebensstandard zur Verfügung stellen. Dies müsse die Politik durch eine wirksame Regulierung sicherstellen. Aber wären wir damit die Probleme los? Wohl kaum. Dann gäbe es vielleicht keine Spekulation der Banken mehr auf eigene Rechnung, wohl aber gefährliche Geschäfte im Auftrag der Kunden.

    Ist es also ein schöner Traum, sich ein sozialverträgliches Bankwesen zu wünschen, das niemals mehr eine der Spekulationskrisen hervorbringt, die die Wirtschaft seit Jahrhunderten begleiten? Wahrscheinlich ist das eine Utopie. Gigantische Unternehmen wie Volkswagen oder Apple brauchen Financiers, die Dutzende Milliarden bewegen können. Gigantische Kapitalien aber beinhalten die Möglichkeit gigantischen Missbrauchs. Wer dagegen etwas tun wollte, müsste bereit sein, auf Autos oder Smartphones zu verzichten. Wer ist das schon?

    Bleibt der Versuch, das globale Hochgeschwindigkeitsgeldgeschäft ein wenig zu bremsen – mit Gesetzen gegen den Eigenhandel der Banken, wie der ehemalige US-Notenbankchef Paul Volcker 2010 vorgeschlug oder mit Vorschriften für ein höheres Reservekapital der Institute, wie das internationale Bankenabkommen Basel III vorsieht. Gerade die zweite Idee ist eine sehr gute: Wenn eine Bank beispielsweise für jedes Geschäft 50 Prozent als Notgroschen zurückhalten müsste, fehlte ihr Geld für die risikoreichen Transaktionen, die die vergangenen zehn Jahre kennzeichneten. Leider nur, so muss man feststellen, gelingt es den Banken und ihren Lobbyisten trotz Finanz- und Schuldenkrise erneut, allzu strenge Regulierungen abzuwenden.

    Solche Dinge allerdings interessieren Smith kaum. Sein Credo lautet: „Ich bin ein bekennender Kapitalist. Ich bin sehr dafür, dass Menschen reich werden und Unternehmen möglichst viel Geld verdienen.“ Da war er bei Goldman Sachs genau richtig.

    Greg Smith: Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Manager rechnet ab. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2012. 366 S., 19,95 €.

  • Banken sollen flüssig bleiben

    Internationale Aufseher einigen sich auf schärfere Vorschriften für künftige Geldreserve der Finanzinstitute. Einführung aber erst allmählich bis 2019

    Die internationalen Bankenaufseher ziehen eine weitere Konsequenz aus der Finanzkrise. Ab 2015 müssen die Banken neu definierte Reserven an schnell verfügbaren Mitteln nachweisen, damit sie Krisen aus eigener Kraft überstehen können. Allerdings werden die höheren Liquiditätsvorschriften 2015 nicht voll wirksam, sondern bis 2019 nach und nach eingeführt – ein Zugeständnis an die Institute.

    Der Baseler Ausschuss, ein Gremium der Zentralbanken und Bankenaufseher wichtiger Wirtschaftsnationen, veröffentlichte seinen Beschluss am Sonntagabend. Darin heißt es, die Finanzinstitute weltweit würden verpflichtet, „ausreichende liquide Werte“ vorzuhalten. Damit wollen die Bankenaufseher verhindern, dass Notenbanken und Steuerzahler angeschlagene Finanzinstitute kurzfristig unterstützen müssen – eine Lehre aus den Turbulenzen, die auf den Zusammenbruch der US-Bank Lehman Brothers 2008 folgten. Mit Hilfe ihrer eigenen Liquiditätsreserven sollen sich Banken im Krisenfalle künftig 30 Tage über Wasser halten können.

    Mervyn King, Chef der Britischen Notenbank und Vorsitzender des Baseler Ausschusses, wertete die Übereinkunft „als ersten wirklich globalen Mindeststandard für Bankenliquidität“. Die Beschlüsse der Bankenaufseher sind rechtlich nicht verbindlich, werden von den wichtigen Staaten, darunter Deutschland, in der Regel aber umgesetzt.

    Drei Fünftel des künftigen Finanzpolsters müssen aus Bargeld, Einlagen des jeweiligen Instituts bei der zuständigen Zentralbank und sicheren öffentlichen Wertpapieren bestehen. Die übrigen zwei Fünftel umfassen unter anderem weniger sichere Staatspapiere, Unternehmensanleihen und Hypothekenpapiere. 60 Prozent der gesamten Liquiditätsreserve müssen die Banken bis 2015 nachweisen. In den folgenden Jahren sollen jeweils zehn Prozent hinzukommen, bis 2019 die volle Höhe erreicht wird.

    Dass die Aufseher den Instituten diesen schrittweisen Aufbau zugestehen, hat mit dem gegenwärtig geringen Wert der Staatsanleihen zu tun, die viele Banken in ihren Büchern haben. Beispielsweise griechische, spanische oder italienische Staatsanleihen lassen sich heute nur mit teilweise hohen Wertverlusten verkaufen. Diese Papiere erfüllen somit oft nicht das Kriterium der schnellen Liquidierbarkeit zum Ausgangswert, dürften also eigentlich nicht Teil der künftigen Geldreserve sein.

    Würden die Banken diese Papiere jedoch abstoßen, um sichere Anlagen zu erwerben, müssen sie den Tausch unter anderem mit Mitteln finanzieren, die gegenwärtig für Kredite an Unternehmen zur Verfügung stehen. Das könnte die Kreditversorgung der Wirtschaft und die Konjunktur behindern. Um diesen nachteiligen Effekt zu dämpfen, geben die Bankenaufseher den Instituten mehr Zeit. Nachvollziehbar und richtig findet dieses Vorgehen auch Dorothea Schäfer, Finanzmarktexpertin beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

    Der neue Liquiditätspuffer ergänzt höhere Eigenkapitalanforderungen, die die Banken ebenfalls erfüllen müssen. Während es im ersten Fall um schnell verfügbares Geld geht, dient eine bessere Ausstattung mit Eigenkapital dazu, dass die Institute langfristig sicherer arbeiten.

  • „Beihilfe zur Überschuldung Griechenlands“

    Wirtschaftsethiker Wettstein über das Verhalten der Bank Goldman Sachs. Verleihung des Schmähpreises „Public Eye“

    Hannes Koch: Herr Wettstein, die als wirtschaftsfreundlich bekannte Universität St. Gallen in der Schweiz kritisiert jetzt Unternehmen wie die Bank Goldman Sachs scharf. Wie kam es dazu?

    Florian Wettstein: Unser Institut für Wirtschaftsethik vertrat schon immer kritische Positionen. Dieses Engagement passt zu unserer Mission und zu unserer akzeptierten Aufgabe innerhalb der Universität St.Gallen. Diese besteht darin, bestimmte Haltungen in der Wirtschaft zu hinterfragen. Eine Wirtschaftsuni braucht ein kritisches Element.

    Koch: Greenpeace Schweiz und die Erklärung von Bern verleihen bald wieder ihren Schmähpreis an unsoziale und unökologische Konzerne. Goldman Sachs trage eine Mitverantwortung für den Ruin Griechenlands und die Euro-Krise, lautet eine der Anschuldigungen. Halten Sie diese für zutreffend?

    Wettstein: Die Recherchen zum Verhalten der einzelnen Unternehmen erhalten wir in anonymer Form. Unsere Aufgabe ist es nicht, die darin genannten Fakten zu überprüfen. Da wir beim Verfassen der Gutachten die dahinter stehenden Firmen nicht kennen, müssen wir uns grundsätzlich darauf verlassen, dass die Angaben stimmen. Dies liegt in der Verantwortung der Organisationen, die den Preis verleihen. Unser Mandat besteht darin, die Politik der Firmen im Rahmen der Nominationen wirtschaftsethisch zu bewerten.

    Koch: Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

    Wettstein: Wenn die Vorwürfe gegen Goldman Sachs zutreffen, lässt sich eine Mitverantwortung der Bank für die Krise in Griechenland und Europa kaum von der Hand weisen. Sie hat dann wohl wissentlich Beihilfe dazu geleistet, den ohnehin hohen Schuldenstand der Regierung in Athen jahrelang zu verschleiern und zu perpetuieren.

    Koch: Die Kritiker sagen, Goldman Sachs habe die miserable Finanzsituation Griechenlands verborgen, indem die Bank Schuldpapiere Athens auf den internationalen Finanzmärkten verkaufte. Machen so etwas nicht viele transnationale Finanzinstitute?

    Wettstein: Das Eingehen und gleichzeitige Herunterspielen von enormen Risiken ist bei internationalen Großbanken in den vergangenen Jahren zum eigentlichen „business as usual“ geworden – mit bekanntem Resultat. Goldman Sachs steht damit nicht alleine. Es geht um ein systemisches Problem. Aber Goldman ist eine besonders wichtige und herausgehobene Bank mit starker Verflechtung zur internationalen Politik, weshalb an sie sicherlich auch höhere Erwartungen in Sachen Verantwortung gestellt werden können. Deshalb ist es auch gerechtfertigt, speziell auf dieses Institut hinzuweisen.

    Koch: Dem privaten britischen Sicherheitskonzern G4S werfen die Kritiker vor, israelische Gefängnisse auszustatten und für die widerrechtliche Verschleppung palästinensischer Gefangener aus dem besetzten Westjordanland mitverantwortlich zu sein. Wie sehen Sie das?

    Wettstein: Wir gehen davon aus, dass die Fakten stimmen. Dann läge ein Verstoß gegen die 4. Genfer Konvention vor, derzufolge Gefangene nicht im Besatzerstaat weit entfernt von ihrer Heimat eingesperrt werden dürfen. Die Unternehmung würde damit Beihilfe zu diesem Verstoß gegen internationales Recht leisten.

    Koch: G4S wird außerdem beschuldigt, das „israelische Apartheidregimes“ zu unterstützen. Setzt sich Ihr Institut damit nicht dem Vorwurf aus, in antisemitisches Fahrwasser zu geraten?

    Wettstein: Nein, wir machen uns die Formulierungen und moralischen Bewertungen der Nominationen nicht zu eigen. Im Gegenteil, wir analysieren aus neutraler Perspektive den wirtschaftsethischen Gehalt der Unternehmenspolitik – viele Vorwürfe werden so in unseren Gutachten auch relativiert.

    Koch: Müssen sich internationale Unternehmen mittlerweile mehr für ihr Verhalten rechtfertigen als früher?

    Wettstein: Große Firmen, die ihre Produkte direkt den Verbrauchern anbieten und auf ihre Reputation achten müssen, stehen unter stärkerer Beobachtung. Die Öffentlichkeit ist besser informiert und kritischer geworden. Manche Unternehmen haben deshalb ihr Verhalten geändert. Sie versuchen mehr oder weniger ernsthaft, soziale und ökologische Schäden zu verringern. Sehr viele andere Firmen fliegen jedoch noch immer unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung hindurch.

    Koch: Zwingen auch schärfere internationale Regularien die Wirtschaft inzwischen zu partiellem Wohlverhalten?

    Wettstein: Es tut sich was. Beispielsweise stellen die Verhaltensrichtlinien, die der UN-Beauftragte John Ruggie entwickelt hat, eine enorme Verbesserung dar. Unternehmen sind demnach in jedem Fall verantwortlich dafür, dass sie die anerkannten Menschenrechtsstandards einhalten, beispielsweise im Hinblick auf die freie gewerkschaftliche Betätigung ihrer Beschäftigten. Aber auch dieses Rahmenwerk ist in letzter Konsequenz nicht rechtlich verbindlich. Auch fehlen beispielsweise internationale Gerichte, vor denen solche Grundsätze eingeklagt werden könnten. Hier stehen wir vor einer riesigen Lücke. Davon, sie zu füllen, sind wir weit entfernt.

    Bio-Kasten

    Prof. Florian Wettstein (37) leitet das Institut für Wirtschaftsethik der Universität St.Gallen in der Schweiz zusammen mit Prof. Thomas Beschorner.

  • Vorwürfe gegen Unternehmen

    Anlässlich des Weltwirtschaftsforums in Davos vergeben die Kritiker ihren Negativpreis

    Alle Bürger weltweit können ab sofort per Internet auswählen, welches Unternehmen sie für das unsozialste und unökologischste des Globus halten. Sieben Konzerne stehen zur Auswahl – unter anderem die Bank Goldman Sachs, das britische Sicherheitsunternehmen G4S, der Ölkonzern Shell, die Bergbaufirma Lonmin aus Südafrika und der indische Kohleförderer Coalindia.

    Goldman Sachs werfen die Kritiker vor, den Bankrott Griechenlands mitverschuldet zu haben und daran Milliarden zu verdienen. Dem Sicherheitskonzern G4S wird Beteiligung an Menschenrechtsverstößen nicht nur im israelisch besetzten Westjordanland zur Last gelegt. G4S wies die Vorwürfe zurück und erklärte unter anderem, „in der Westbank keine Checkpoints mit Personal auszustatten“.

    Lonmin soll mitverantwortlich sein, dass Dutzende Arbeiter bei Streiks an der Marikana-Mine erschossen wurden. Shell werden versuchte Ölbohrungen in der Arktis vorgeworfen. Gerade ist bei Alaska ein Explorationsschiff des Konzerns auf Grund gelaufen. Ein Sprecher des Konzerns sagte, Shell sei in der Lage, Öl und Gas „sicher und verantwortungsvoll“ zu fördern.

    Das öffentliche Auswahlverfahren läuft bis zum 23. Januar. Dann wird anlässlich des Weltwirtschaftsforums, zu dem sich alljährlich tausende Manager und Politiker in Davos treffen, der Schmähpreis verliehen. Greenpeace Schweiz und die Erklärung von Bern vergeben die Negativauszeichnung. Das Institut für Wirtschaftsethik der Uni St. Gallen hat die zugrundeliegenden Gutachten über das Verhalten der vorgeschlagenen Unternehmen verfasst.

    www.publiceye.ch

  • Lockerung der Dynamopflicht

    Künftig dürfen Mountainbiker auch ohne elektrischen Generator legal auf Deutschlands Straßen unterwegs sein

    Fahrradfahrer können sich freuen: Die Dynamopflicht wird gelockert. Derzeit prüft das Bundesverkehrsministerium, ob eine entsprechende Regelung aus dem Jahr 1938 noch zeitgemäß ist. Zwar liegen konkrete Ergebnisse noch nicht vor. Doch beim Allgemeinen Deutschen Fahrradclub (ADFC) weiß man schon, in welche Richtung es geht. „Ausnahmen wird es für Mountainbikes und die elektrisch angetriebenen Pedelecs geben“, sagt ADFC-Rechtsreferent Roland Huhn.

    Viele Radler wissen gar nicht, dass hierzulande eine Pflicht zum Dynamo am Drahtesel besteht. Batterieleuchten sind nur in Ausnahmefällen erlaubt, etwa an Rennrädern, die nicht mehr als elf Kilogramm auf die Waage bringen. Wer ohne den fest installierten Stromerzeuger unterwegs ist, riskiert ein Bußgeld von zehn Euro. Rennradler sollten allerdings darauf achten, dass sie einen ordnungsgemäßen Batteriescheinwerfer dabei haben. „Alle Lichtanlagen müssen amtlich zugelassen sein“, erläutert ADFC-Jurist Huhn. Ob die Leuchte verkehrstauglich ist, verrät ein spezielles Prüfzeichen: eine Welle gefolgt vom Buchstaben „K“ und einer Prüfnummer.    

    Die Dynamopflicht steht immer wieder zur Debatte. Regelmäßig untersucht das Verkehrsministerium, ob bestehende Regelungen durch technische Neuerungen geändert werden müssen. „Gibt es Innovationen am Markt, muss man prüfen, ob diese zu mehr Sicherheit im Straßenverkehr beitragen“, sagt Ministeriumssprecher Stefan Ewert. Zurzeit ist der Fachausschuss Kraftfahrtechnik damit beauftragt, einen Entwurf zur Änderung der lichttechnischen Vorschriften in der Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) zu erarbeiten. Im Frühjahr 2013 ist mit einer Empfehlung der Experten zu rechnen.

    Laut ADFC kommen hierzulande 20 Prozent der Fahrräder ohne Dynamo in den Handel. Vor allem Rennräder, Mountainbikes und Kinderräder werden häufig ohne den Energieumwandler ausgeliefert. Wer sein Rad  nachrüsten will, kann zwischen mehreren Dynamo-Varianten wählen – etwa dem klassischen, aber bereits veralteten, Seitenläuferdynamo, der an der Seite des Rades mitläuft oder dem modernen Nabendynamo, der mitten im Vorderrad sitzt. Bei letzterer Version, ist ein Komplettaustausch des Rades nötig. 

    Trotz Dynamopflicht kommen Radfahrer, die sich mit einer eigentlich nicht erlaubten Leuchtquelle – etwa einem LED-Licht-Clip – in den Sattel schwingen, häufig um ein Bußgeld herum. „Die Beamten sind in der Regel froh, wenn Radler überhaupt beleuchtet in die Pedalen treten“, meint ADFC-Rechtsreferent Roland Huhn.

  • Ein Hoch auf Ihren Namen

    Wer Hoch- oder Tiefdruckgebiete auf die Vornamen lieber Menschen taufen lassen möchte, kann dies an der FU Berlin tun

    Mitunter ist es schwierig, für langjährige Partner und Freunde noch innovative Geschenke zu finden. Potenzielle Hilfe bietet hier das Institut für Meteorologie der Freien Universität Berlin: Die dort erhältlichen Präsente verschaffen dem Beschenkten sogar europaweite Bekanntheit. Denn auf den Vornamen der Gattin oder eines Jugendfreundes kann man Hoch- und Tiefdruckgebiete taufen lassen – einige Namen für 2013 sind noch frei.

    In diesem Jahr tragen die Hochs die weiblichen Vornamen. Weil jährlich erfahrungsgemäß nur 50 bis 60 Schönwettergebiete über den Kontinent hinwegziehen, sind deren Bezeichnungen bis auf X und Z bereits vergeben. Was schwierig klingt, ist trotzdem machbar: Beispielsweise Xandra oder Xenia kommen hier noch in Frage.

    Einfacher ist es bei den häufiger auftretenden Tiefs, die 2013 männlich benannt werden – bevor 2014 dann die Hochs wieder männliche Namen tragen. Zum Jahresbeginn war beispielsweise V noch frei: Volker wäre möglich. Auch O und P, etwa für Olaf und Paul, sind erhältlich.

    Nur zwei Institutionen weltweit vergeben Namen für die Luftdruckgebilde, die unser Wetter beeinflussen: Der US-Wetterdienst und das Meteorologische Institut in Berlin. Deshalb finden die Bezeichnungen unter Umständen eine große Verbreitung. Viele Wetterdienste und Medien im deutschsprachigen Raum übernehmen sie, aber auch in Frankreich und anderen Ländern sind sie auf den Wetterkarten zu sehen.

    Der Ruf, der mit einem Namen einhergeht, muss dabei nicht positiv sein. Julia Sieland (24), Studentin im dritten Mastersemester, nennt einen krassen Fall: 1999 hinterließ das Orkantief „Lothar“ eine Schneise der Zerstörung von Frankreich bis Süddeutschland. Etwa 110 Menschen starben.

    Das ist nach Sielands Auskunft aber nicht der Grund dafür, warum Tiefs billiger sind. Wie die Meteorologen wissen, entstehen sie viel häufiger als Hochs, bis zu 150 Mal pro Jahr. Ihre Taufe mit einem Vornamen kostet deshalb 199 Euro. Die seltener und länger anhaltenden Hochdruckgebiete dagegen werden mit 299 Euro berechnet. Die Regel für die Benennung ist einfach: Wessen Antrag zuerst eingeht, erhält den Zuschlag für einen freien Buchstaben.

    Mit dem Geld, die die seit zehn Jahren laufende Aktion „Wetterpate“ einbringt, finanziert die Freie Universität die Honorare der Studenten, die jahrein, jahraus mehr oder weniger rund um die Uhr die Geschehnisse in der Atmosphäre beobachten.

    Info-Kasten

    Wetter taufen

    Interessenten finden alle Informationen auf der Internetseite www.met.fu-berlin.de/wetterpate/. Dort stehen die Listen der zu vergebenden Buchstaben für Hoch- und Tiefdruckgebiete, sowie Namenslisten mit zulässigen Vorschlägen. Anträge auf Namensgebung müssen bei der FU Berlin per Fax oder Post eingehen. Wurde ein Wettergebilde getauft, und ist es über Europa hinweggezogen, erhält der Namenspate ein Info-Paket inklusive Taufurkunde und Wetterkarten. Die Vergabe aller Namen für das kommende Jahr 2014 beginnt voraussichtlich im September.

  • Klaus Wowereits vorletzter Tango

    Berlins Bürgermeister kommt aus dem Flughafen-Desaster nicht heraus

    Für Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit war 2012 ein schlechtes Jahr. Es endete damit, dass die Stadtillustrierte Tip einen häßlichen Witz auf Kosten des SPD-Politikers machte. Wowereit wurde zum „peinlichsten Berliner“ gekürt.

    Diese Verhöhnung markiert für den Regierungschef der Bundeshauptstadt, der eine große Koalition mit der CDU leitet, mehr als ein normales Stimmungstief. Früher verkörperte Wowereit das Lebensgefühl der international attraktiven Metropole des Amüsements. Höchstpersönlich surfte er durch das Nachtleben der Vernisagen, Clubs und Partys. Nun bescheinigen Umfragen ihm und seiner Partei desaströse Beliebtheitswerte. Mittlerweile liegt die SPD hinter der CDU.

    Auslöser des Niedergangs ist das haarsträubende Missmanagement, das Wowereit als Aufsichtsratschef des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg zu verantworten hat. Das Bauprojekt hat sich in dreifacher Hinsicht zu einem Desaster entwickelt. Erstens ist nach mehrmaliger Verschiebung auch der jetzt geplante Eröffnungstermin nicht sicher. Wowereit selbst will nicht garantieren, dass ab 27. Oktober 2013 tatsächlich Flugzeuge vom Airport „Willy Brandt“ abheben.

    Zweitens muss man damit rechnen, dass auch die nunmehr einkalkulierten 4,3 Milliarden Euro nicht ausreichen. Und drittens zeichnet sich die Notwendigkeit ab, gleich nach der Eröffnung weiterzubauen. Offenbar sind die Abfertigungsgebäude zu klein geraten, um den zunehmenden Touristenstrom zu bewältigen.

    Wie sehr dieser Misserfolg das politische und persönliche Fundament des 59jährigen Wowereit untergräbt, zeigen eigene Äußerungen. Unlängst sagte er: „Ich bin gerade erst gewählt worden als Regierender Bürgermeister für fünf Jahre, und das gilt.“ Ein Spitzenpolitiker, der beteuern muss, nicht vorzeitig zurücktreten zu wollen, ist schwach.

    Das bemerken auch Wowereits Gegner. Sie ziehen den Ring enger. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), der den Bund als Mitgesellschafter des Flughafens vertritt, wirft dem Bürgermeister ständig Knüppel zwischen die Beine. Mal zweifelt er den Eröffnungstermin öffentlich an, mal fordert er den Rücktritt von Flughafen-Geschäftsführer Rainer Schwarz, den Wowereit vorläufig halten will. Und mit Dirk Fischer, dem verkehrspolitischen Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag, verlangte unlängst ein herausgehobener CDU-Politiker, dass Wowereit persönliche Konsequenzen ziehen und „den Vorsitz des Flughafen-Aufsichtsrats niederlegen“ solle.

    In der SPD verliert der Bürgermeister ebenfalls an Unterstützung. Mit Fraktionschef Raed Saleh (35) und dem Parteivorsitzenden Jan Stöß (39) hat sich ein konkurrierendes Führungsduo etabliert, das Wowereit auf die Dauer ablösen will. Gegenwärtig halten sich die vergleichsweise jungen Herausforderer selbst aber noch für zu schwach, um den großen Machtkampf zu ihren Gunsten zu entscheiden.

    Ähnlich sieht es bei den Grünen aus. Nach dem Abschied der früheren Spitzenkräfte Renate Künast und Volker Ratzmann aus der Landespolitik fehlt es der Fraktionsvorsitzenden Ramona Pop (35) bislang an politischer Breitenwirkung und dem Angebot einer alternativen Machtkonstellation. Denn gegenwärtig zieht die Wowereit-SPD die CDU den Grünen vor.

    So kann Wowereit, angeschlagen wie er ist, trotzdem vorerst weiterregieren. Berlins Regierender Party-Meister hat seinen letzten Tango noch nicht getanzt. Wird aber beispielsweise die Eröffnung des Flughafens zum vierten Mal verschoben, könnten die Einladungen bald verschickt werden.

  • Kaum Angst vor Rezession in den USA

    Deutsche Firmen und Ökonomen: Auswirkung der US-Haushaltskrise begrenzt

    Auf den riesigen Parkplätzen von BMW im US-Werk Spartanburg werden in den ersten Monaten des Jahres 2013 vielleicht mehr Neuwagen auf Käufer warten als heute. Aber mit einem starken Einbruch von Verkauf und Produktion in den USA rechnet die deutsche Autoindustrie nicht. Auch viele Ökonomen in Deutschland betrachten die hektische Debatte über eine bevorstehende amerikanische Rezession eher entspannt. So sagt Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel: „Die Haushaltskrise in den USA bringt für den deutschen Arbeitsmarkt vermutlich kein großes Ungemach.“

    Völlig spurlos werden die politischen Turbulenzen in Washington an Europa und Deutschland jedoch nicht vorbeigehen. Denn sie beinflussen einen wichtigen Teil der Wirtschaftsbeziehungen. Etwa acht Prozent der deutschen Exporte gehen in die USA. Das sind in diesem Jahr Waren und Dienstleistungen im Wert von über 80 Milliarden Euro. Fahrzeuge und Autoteile spielen dabei eine besondere Rolle. Wenn nun die Steuern in den USA steigen, die staatlichen Ausgaben sinken, Privatleute und Verwaltungen deshalb sparsamer sein müssen, werden auch weniger Wagen aus deutscher Produktion gekauft.

    Hierzulande schmerzhaft bemerkbar machte sich, wenn die USA tatsächlich von der „finanziellen Klippe“ stürzen würden. Können Präsident Obama, die Demokraten und die Republikaner keinen Kompromiss finden, werden dort zu Beginn des Jahres Steuererhöhungen und Sparmaßnahmen wirksam, die etwa vier Prozent der US-Wirtschaftsleistung beanspruchen. Dies könnte nicht nur dazu führen, dass das amerikanische Bruttoinlandsprodukt zurückgeht. Auch die deutsche Wirtschaft würde gebremst.

    Den möglichen Effekt beziffert Gustav Adolf Horn vom Institut für Makroökonomie in Düsseldorf auf bis zu 0,8 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung. Hiesige Unternehmen müssten dann auf den Absatz von Waren und Dienstleistungen im Wert von bis zu 20 Milliarden Euro im kommenden Jahr verzichten. Angesichts solcher Erwartungen überlegen Firmenchefs und Manager durchaus, ob sie noch alle Beschäftigten brauchen. Hunderttausende Arbeitsplätze in Deutschland wären potenziell gefährdet.

    Freilich rechnen Firmen und Wirtschaftswissenschaftler nicht damit, dass es wirklich so kommt. Man geht von einer baldigen Einigung in Washington aus, die die dämpfenden Steuer- und Spareffekte zumindest reduziert. So kalkuliert Ökonom Kooths, dass schließlich nur noch zwei Prozent Wachstumseinbuße übrig bleiben. „Diese relative Verringerung der US-Wirtschaftsleistung wird sich zwar auch in Deutschland niederschlagen. Ein Krisenszenario droht damit jedoch nicht“, resümiert Kooths.

    Dafür führt der Kieler Ökonom drei Argumente in´s Feld. Erstens prognostiziert er eine Erholung der US-Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte 2013. Zweitens gelinge es den deutschen Unternehmen, Einbußen auf einem Markt durch Zuwächse in anderen Regionen auszugleichen. Beispiel Europa: Als die Firmen in den vergangenen Jahren weniger Produkte nach Griechenland, Italien, Spanien oder Portugal verkaufen konnten, richteten sie ihr Augenmerk stärker auf Asien. Die Exporte dorthin nahmen zu. Außerdem wirkt sich auch die stärkere Inlandsnachfrage in Deutschland positiv aus.

    Und drittens, so meint Kooths, trennen sich deutsche Unternehmen in diesen Jahren kaum von ihren Beschäftigten. Weil sie damit rechnen, sie demnächst wieder zu brauchen, schleppen sie sie lieber ein paar Monate durch. Die gute Nachricht für die Arbeitnehmer lautet somit: Die Arbeitslosenquote steigt 2013 wohl nur minimal, eher nimmt sogar die Zahl der Beschäftigten noch leicht zu.

    Die deutsche Ökonomie ist augenblicklich extrem robust. Dämpfer wie aus den USA können ihr nur wenig anhaben. Anders sieht es dagegen in manchen europäischen Nachbarstaaten aus. Frankreich, Italien, Spanien, Portugal: Dort stagniert die Wirtschaft oder sie schrumpft im kommenden Jahr. In einer solchen Situation verschärft sich dort die Krise, wenn die Nachfrage aus den USA ausfällt.

  • Auf die richtige Mischung kommt es an

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 5

    Den kleinen Sohn betreuen und trotzdem weiter den Beruf ausüben – diese Kombination war für Industriemechaniker Holger Hönig möglich. Mit seinem Arbeitgeber, der metallverarbeitenden Firma Rasselstein GmbH im rheinland-pfälzischen Andernach, vereinbarte er ein ausgeklügeltes Teilzeitmodell. Drei Werktage blieb er zu Hause, an zwei Tagen arbeitete er während der Frühschicht im Betrieb.

    Der Vorteil lag auf beiden Seiten. Hönigs ebenfalls berufstätige Frau ging weiter ihrer Arbeit nach. Dank der Teilzeittätigkeit bei Rasselstein konnte die Familie ihr gleichberechtigtes Lebensmodell fortführen. Aber auch die Firma profitierte: Mechaniker Hönig stand mit seinem Wissen weiter zur Verfügung. Die teure Einarbeitung eines Ersatzmannes war nicht notwendig.

    Gegen viele Widerstände gewinnen solche Arbeits- und Lebensmodelle allmählich mehr Raum. Dabei gehören Unternehmen wie Rasselstein noch einer Minderheit an. Bildungssoziologin Jutta Allmendinger, die Leiterin des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung, fordert die Unternehmen auf, mehr „Durchlässigkeit zwischen Arbeit und Familie zu ermöglichen“.

    Die Zahl und Vielfalt der neuen Arbeitszeitmodelle ist schon heute unüberschaubar. Manche Unternehmen gestatten ihren Beschäftigten beispielsweise, regelmäßig einige Tage pro Woche zu Hause zu arbeiten, andere sorgen dafür, dass den Angestellten Kita-Plätze für den Nachwuchs zur Verfügung stehen. Eine weitere Variante besteht darin, längere Auszeiten mit Rückkehrrecht zu vereinbaren, wenn Mitarbeiter Zeit für Erholung, Fortbildung oder die Pflege der sterbenden Eltern brauchen.  

    Früher waren die Sphären Arbeit und Familie weitgehend voneinander getrennt. Nun beginnen sie sich gegenseitig zu durchdringen. Die Ursachen liegen sowohl in der Wirtschaft, als auch im modernen Familienleben. „Einerseits erwarten die Unternehmen mehr Flexibilität von ihren Beschäftigten“, sagt Joachim Sauer, der Präsident des Bundesverbandes der Personalmanager. Das hat unter anderem damit zu tun, dass manche Firma weltweit in mehreren Zeitzonen arbeitet. Im Dienstleistungssektor kommen die Ansprüche der Kunden hinzu, die ihre Lieferanten rund um die Uhr erreichen wollen. 

    „Andererseits wünschen sich in modernen Familien beide Lebenspartner oft beides – berufliche Karriere sowie gleichberechtigte Anteile an der Erziehung der Kinder“, so Sauer. Weil diese Tendenzen aus Wirtschaft und Gesellschaft aufeinandertreffen, entsteht unweigerlich ein zusätzlicher Koordinationsaufwand, ein Bedarf an neuen Modellen der Kombination.

    Dabei ist die Bedeutung des Themas „Familienfreundlichkeit“ noch nicht überall angekommen. Informationen des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge hielt 2010 rund ein Drittel der hiesigen Spitzenkräfte solche Überlegungen für unwichtig. Eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes von 2011 zeigt hingegen die Vorteile für Unternehmen. Demnach rechnet es sich im Vergleich zu Neueinstellungen in der Regel, wenn erfahrene Mitarbeiter dank innovativer Arbeitszeitmodelle in der Firma bleiben – wie im Falle der Firma Rasselstein.

  • Familie ist auch ein Wirtschaftsfaktor

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 1

    Wenn Heiligabend die Kerzen am Weihnachtsbaum erleuchten, schart sich immer seltener eine  klassische Familie mit zwei Eltern und Kindern dazu. Das traditionelle Lebensmodell ist auf dem Rückzug, auch wenn jungen Menschen die lebenslange Partnerschaft und die gemeinsame Erziehung und Betreuung von Kindern weiter zu ihren wichtigsten Lebenszielen zählen. Doch am Gabentisch sitzen mittlerweile vielfältig zusammengewürfelte Gruppen. Patchwork-Eltern, Großeltern, Freunde oder bisweilen auch gleichgeschlechtliche Partner. „Heute stiftet Familie Sinn“, glaubt der Philosoph Richard David Precht. Mit Kindern hat dies nicht mehr zwangsläufig etwas zu tun.

    Das zeigt auch die jüngste Studie des Instituts für Bevölkerungsentwicklung im Auftrag der Bundesregierung. Trotz einer üppigen staatlichen Familienförderung bleibt die Geburtenrate in Deutschland so niedrig wie in kaum einen anderen Land. 1,39 Kinder bringt jede Frau durchschnittlich zur Welt. Um die Bevölkerungszahl konstant zu halten, müssten es wenigstens zwei sein. Das geht, wie es das Nachbarland Frankreich zeigt, in dem diese Marke sogar leicht übertroffen wird. Vorne liegen die nordeuropäischen Länder. Das Bundesamt erklärt diese Unterschiede mit der aktiven Familienpolitik in den Ländern, die Frauen zu mehr Gleichberechtigung im Job verschafft und für Kinderbetreuungsmöglichkeiten sorgt.

    Neben dem Wunsch nach Selbstverwirklichung, also Spaß am Leben, spielen wesentliche Schwächen der Gesellschaft die größte Rolle. Vor allem in den westlichen Bundesländern ist das Image berufstätiger Mütter immer noch schlecht. Auch schreckt die Doppelbelastung aus beruflicher Karriere und Erziehungsaufgaben viele Paare vor dem Kinderkriegen ab. Arbeit und Familie sind trotz aller Beteuerungen von Politik und Wirtschaft schwer miteinander zu vereinbaren. Das zeigt die Statistik deutlich. Je besser Frauen ausgebildet sind, desto weniger Kinder haben sie. Ein Drittel der Hochqualifizierten verzichtet ganz darauf.

    Warum ist die Familienförderung so erfolglos und wie kann für Eltern ein besseres Umfeld geschaffen werden? Das sind die zentralen Fragen, der in dieser Serie auf den Grund gegangen wird. Denn die Antworten darauf sind für den Erhalt des Wohlstands und des Sozialstaats von großer Bedeutung. Die Wirtschaft ist auf qualifizierte Arbeitskräfte angewiesen.  Fast ein Drittel der Mütter steigt nach der Geburt des ersten Kindes aus dem Erwerbsleben aus. „Die Frauen bleiben zu Hause, weil sie nicht die Rahmenbedingungen finden, die sie brauchen“, sagt Jutta Allmendinger, die Chefin des Wissenschaftszentrums Berlin.

    Am guten Willen der Politik mangelt es nicht. Immerhin 152 familienpolitische Maßnahmen gibt es in Deutschland. Jahr für Jahr kosten sie zusammen 123 Milliarden Euro. Daran gemessen ist der Erfolg miserabel. Es gibt zu wenige Kinder und Eltern sind statistisch betrachtet ein weitaus häufiger arm als Rentner. Warum das so ist, wird diese Serie zeigen.

    Ein Schlüssel zur Lösung der Probleme hält die Wirtschaft in der Hand. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen und Karrierechancen für Mütter und Väter könnten die Entscheidung für Kinder fördern. Doch die Praxis sieht entgegen allen Beteuerungen oft kinderfeindlich aus. Es wird die Präsenz am Arbeitsplatz verlangt, oft auch gerade in jungen Jahren ein überdurchschnittlicher Zeitaufwand für den Beruf. Betreuungsmöglichkeiten bieten die wenigsten Betriebe und je einfacher die Tätigkeit wird, desto weniger wird auf die Belange von Eltern Rücksicht genommen. Das rechnet sich volkswirtschaftlich, aber auch  unternehmerisch durch eine hohe Bindung der Eltern an den Betrieb, eine hohe Motivation und sinkende Rekrutierungskosten. Damit junge Menschen der Wirtschaft helfen, muss die Wirtschaft auch den jungen Menschen helfen.

  • Eltern kennen keine Atempause

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 2

    Wenn Silvia F. nach der Arbeit als Betreuerin psychisch Kranker nach Hause kommt, wartet dort eine zweite Schicht. Sohn Liam will betreut werden, spielen, bei den Hausaufgaben Hilfe erhalten. Die 40-jährige erzieht den Sohn allein. Die Verwandten wohnen weit weg und können nicht helfen. Für Freunde bleibt kaum Zeit. „Es ist immer etwas Dringendes zu tun“, sagt sie, „ich weiß oft nicht, wie ich alles schaffen soll.“ Mit knapp 1.400 Euro netto für die 30-Stunden-Woche sind auch finanziell keine großen Sprünge drin. Silvia F. steckt in der „Rush-Hour des Lebens“ fest.

    Diesen Begriff verwendet der Familienforscher Hans Bertram von der Berliner Humboldt-Universität, wenn er das Dilemma der Deutschen im Alter zwischen dem 25. und dem 45. Lebensjahr beschreibt. Gleichzeitig sollen junge Leute den Berufseinstieg schaffen, die ersten Karrieresprossen erklimmen, einen Partner suchen und anschließend Kinder erziehen und das Häuschen bauen. Da führt zu einer permanenten Überforderung dieser Generation. Bei Alleinerziehenden ist dieses Problem besonders stark. Daraus ergibt sich für Bertram die Erkenntnis, dass Familienförderung vor allem Zeit für alle Aufgaben verschaffen soll. Hier stehen Unternehmen und Staat gleichermaßen in der Pflicht, einerseits den Bedürfnissen der Eltern bei der Gestaltung der Arbeitsplätze mehr zu entsprechen, andererseits die Bildungskarriere zu verlängern.

    Es gibt mehrere Gründe für die Konzentration der Belastungen auf eine Zeitspanne im Leben. So haben sich die Biographien der Frauen in den vergangenen 40 Jahren massiv verändert. „In Deutschland ist die Zeit im Lebenslauf, in der sich junge Frauen für Kinder entscheiden, auf ein ganz kleines Zeitfenster zwischen dem 29. und 34. Lebensjahr reduziert worden“, beobachtet Bertram. Noch in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts bekamen die meisten Mütter das erste Kind mit Mitte 20, und mit etwa 33 Jahren das letzte. Zugleich ist der Abstand zwischen den Geburten gesunken. Erziehung ist nur noch ein Abschnitt des Lebens, nicht sei Inhalt.

    Auch die Arbeitswelt hat sich so verändert, dass die Entscheidung für Kinder entweder spät oder gar nicht fällt. Junge Frauen erwerben immer bessere Bildungsabschlüsse und sind dadurch zeitlich stark eingebunden und verfügen kaum über eine eigene materielle Basis. Das ändert sich im Gegensatz zu früher auch beim Einstieg in den Beruf nicht sofort. Viele Berufe bieten heute zum Einstieg nur befristete oder projektorientierte Arbeitsmöglichkeiten. Die finanzielle Sicherheit und ein hoher Verdienst werden oft erst nach dem 40. Lebensjahr erreicht.

    Die Herausforderung besteht in der Entzerrung der Rush Hour des Lebens. Länder wie Schweden, wo der Staat das Armutsrisiko junger Familien reduziert oder die USA, wo es auch nach der Kindererziehungzeit noch berufliche Chancen gibt, sind Beispiele für flexiblere Lebensläufe als bei uns, wo nach wie vor starr erst eine Ausbildung absolviert, dann die Familie gegründet wird.

    Es gibt auch in Deutschland gute Beispiele aus Unternehmen. Eines davon ist die Bosch-Gruppe, die in diesem Jahr zum familienfreundlichsten Großunternehmen Deutschlands gewählt wurde. In den Betrieben gibt es mehr als 100 Arbeitszeitmodelle, von der verkürzten täglichen Arbeitszeit bis hin zum Teilen des Jobs. Das bringt den Eltern keine Nachteile ein. „Mitarbeiter/-innen in Teilzeit erhalten die gleichen Chancen wie Vollzeitbeschäftigte“, erläutert Bosch-Sprecher Christoph Zemelka. Auch will das Unternehmen weg von der Präsenzkultur zu flexiblen Modellen, bei denen die Angestellten auch mal von Zuhause aus arbeiten können. Es ist also möglich, den Eltern die Zeit zu geben, die sie dringend brauchen.

  • Die Familienpolitik folgt dem Prinzip Gießkanne

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 3

    Eine große Kinderzahl oder alleine erziehen sind Lebensumstände, die ein weit überdurchschnittliches Armutsrisiko mit sich bringen. Das legt den Verdacht nahe, dass der Staat zu wenig für Familien tut. Doch die Realität sieht ganz anders aus. Kaum ein Staat gibt im Jahr so viel Geld für die Familienförderung aus wie Deutschland. „Mit Familienleistungen von 5.100 Euro pro Jahr je Kind liegt Deutschland weltweit auf dem vierten Platz“, sagt der frühere Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Wiegard. 152 familienpolitische Maßnahmen kosten jährlich 123 Milliarden Euro. Zugleich ist aber auch kaum ein Staat so erfolglos bei dem Versuch, die Geburtenrate anzuheben. Sie verharrt bei einem Wert von weniger als 1,4 Kinder pro Frau.

    Die große Zahl an Hilfen erstaunt den Laien. Was verbirgt sich dahinter? Der größte Posten ist das Kindergeld mit fast 39 Milliarden Euro. Die Aufstellung des Bundesfamilienministeriums listet etliche Posten auf, die kaum jemand bedenkt. Die Palette reicht von der beitragsfreien Mitversicherung der Familienmitglieder in der gesetzlichen Krankenkasse über Rentenleistungen für die Kindererziehung bis Wohnraum- oder Bildungsförderung. Sie enthält aber auch dicke Brocken, die nicht zwangsläufig mit der Kindererziehung zu tun haben wie das 20 Milliarden Euro teure Ehegattensplitting, von dem auch Paare ohne Kinder profitieren.

    „Mit weniger Steuergeld lässt sich mehr erreichen“, ist Volkswirt Wiegard überzeugt. Er kritisiert widersprüchliche Instrumente wie das Betreuungsgeld bei gleichzeitigem Ausbau der Betreuungsplätze für Kleinkinder. Auf der einen Seite gibt der Staat viel Geld aus, damit alle Kleinkinder mit Kita-Plätzen versorgt werden können. Auf der anderen Seite spendieren die Steuerzahler bald  all jenen ein Betreuungsgeld, die ihre Kinder zuhause erziehen. „Es ist kontraproduktiv und reine Geldverschwendung“, kritisiert der Professor. Auch das Müttern und Väter bis zu 14 Monate lang gewährte Elterngeld ist im Sinne der Geburtenförderung zwiespältig. Einerseits erleichtert es jungen Menschen die Entscheidung für Kinder. Da sich die Höhe der Zahlung aber am letzten Einkommen orientiert, schieben Paare den Zeitpunkt der Geburt des ersten Kindes möglichst hinaus, bis sie gut verdienen. Dadurch bleibt weniger Zeit für weitere Kinder.

    Dabei sind sich die meisten Experten über das Erfolgsrezept für mehr Familien in der Gesellschaft einig. Ein Blick nach Frankreich zeigt, wie es gehen kann. Während Deutschland vor allem auf  Verteilung setzt, also direkt Hilfen für Eltern und Kinder, schaffen die Franzosen auf eine gute Betreuungsinfrastruktur und eine hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen. Dazu fördert Frankreich Familien mit mehreren Kindern stärker als Paare mit nur einem Kind.

    „Die deutsche Familienpolitik ist stark fragmentiert und wenig koordiniert“, beobachtet Wiegard. Zuständig sind mal der Bund, mal die Länder oder die Kommunen. Allein auf Bundesebene liegt die Zuständigkeit für familienpolitische Leistungen bei acht Ministerien. Der Experte sieht Chancen dafür, das vorhandene Geld viel effizienter auszugeben, wenn statt auf Geldleistungen mehr auf den Ausbau der Infrastruktur für Familien gesetzt wird.

    Eine Gelegenheit zum Umdenken könnte es bald geben. Im kommenden Jahr werden die führenden Forschungsinstitute eine Untersuchung aller familienpolitischen Leistungen auf ihre Wirksamkeit hin abschließen. Danach könnte der Instrumentenkasten neu bestückt werden. Ob der politische Wille dazu reicht, zweifelt Wiegard jedoch an: „Da steht schon die Befürchtung im Raum, dass wissenschaftliche Ergebnisse weniger zählen als tradierte parteipolitische Glaubenssätze.“

  • Der Chef ist eine Frau

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 4

    In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg. Zwei von vier Vorständen sind weiblich, und drei von zehn Aufsichtsräten. Damit steht die Firma an der Spitze des Woman-on-Board-Index. Dieser zeichnet alljährlich auf, wieviele Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen sitzen.

    Während in Brüssel und Berlin eine mühsame Debatte darüber stattfindet, wie Frauen einen angemessenem Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen erhalten, schaffen Firmen wie GfK Fakten. „Wir sind ein international geprägtes Unternehmen. Deshalb spielt Vielfalt eine große Rolle“, begründet Sprecherin Marion Eisenblätter ein Motiv. Die GfK will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter die gesellschaftliche Realität abbilden. Viele Führungspositionen im Ausland werden deshalb mit Bewerbern aus dem jeweiligen Kulturkreis besetzt. Und der Frauenanteil hierzulande steigt in Richtung ihres Anteils an der Bevölkerung – rund 50 Prozent. 

    Was nach einer Kopfgeburt oder einer zufälligen Entwicklung aussehen könnte, bringt erhebliche Vorteile. Indem das Unternehmen sich nicht vornehmlich auf männliche Spitzmanager verlässt, steht ihm eine größere Zahl möglicher Kandidaten und Kandidatinnen für freie Stellen zur Verfügung. Damit wächst auch die Chance, wirklich die beste Bewerberin oder den besten Bewerber auszuwählen. Die Mehrheit der hiesigen Unternehmen ergreift diese Chance bisher jedoch kaum. Zwar ist etwa die Hälfte der angehenden Akademiker an deutschen Hochschulen weiblich, in unternehmerischen Spitzenpositionen sind die Frauen aber nur zu zehn Prozent vertreten. Die deutsche Wirtschaft leistet es sich, viele der vorhandenen Qualifikationen und potenziellen Bewerberinnen zu ignorieren.

    Einerseits geht es um Gleichberechtigung und modernes Familienleben. Viele Frauen möchten eine professionelle Karriere verwirklichen und gleichzeitig ein erfülltes Familienleben genießen. In der Praxis ist diese Vorstellung aber oft nicht durchzuhalten. Die Konsequenz: 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte verzichten lieber auf Kinder. Frauen, wie Telekom-Managerin Jeannette von Ratibor, die vier Kinder und einen Spitzenjob vereinbaren sind selten.

    Andererseits entdecken manche Unternehmen allmählich, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die neuen Ansprüche zu berücksichtigen. Denn die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel. Der Grund: Die deutsche Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Schon 2025 könnten mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann dürfte es kaum noch möglich sein, auf Frauen zu verzichten. Daher scheint es besser, die Firmen würden sich  heute bereits auf die Zukunft einstellen.

    Trotzdem tut sich nicht viel. GfK ist eher eine Ausnahme. Wie der Woman-on-Board-Index ausweist, liegt der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In einem Drittel der Gesellschaften sind die Führungsgremien komplett mit Männern besetzt.

    EU-Justizkommisarin Viviane Reding will deshalb eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis 2020 festschreiben. Richtig oder falsch? Auch in Deutschland ist die Debatte im Gange. Während den Gegnern die Quote zu starr erscheint, halten Befürworter sie für notwendig. Begründung: Nur wenn die Zahl der Frauen in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht, bekommen Bewerberinnen auch eine faire Chance.
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    Serie Familie und Wirtschaft
    Teil 4

    Der Chef ist eine Frau

    Von Hannes Koch

    In keinem anderen börsennotierten Unternehmen arbeiten mehr Frauen im obersten Management als beim Marktforscher GfK in Nürnberg. Zwei von vier Vorständen sind weiblich, und drei von zehn Aufsichtsräten. Damit steht die Firma an der Spitze des Woman-on-Board-Index. Dieser zeichnet alljährlich auf, wieviele Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten großer deutscher Unternehmen sitzen.

    Während in Brüssel und Berlin eine mühsame Debatte darüber stattfindet, wie Frauen einen angemessenem Einfluss in wirtschaftlichen und politischen Spitzenpositionen erhalten, schaffen Firmen wie GfK Fakten. „Wir sind ein international geprägtes Unternehmen. Deshalb spielt Vielfalt eine große Rolle“, begründet Sprecherin Marion Eisenblätter ein Motiv. Die GfK will in der Zusammensetzung ihrer Mitarbeiter die gesellschaftliche Realität abbilden. Viele Führungspositionen im Ausland werden deshalb mit Bewerbern aus dem jeweiligen Kulturkreis besetzt. Und der Frauenanteil hierzulande steigt in Richtung ihres Anteils an der Bevölkerung – rund 50 Prozent. 

    Was nach einer Kopfgeburt oder einer zufälligen Entwicklung aussehen könnte, bringt erhebliche Vorteile. Indem das Unternehmen sich nicht vornehmlich auf männliche Spitzmanager verlässt, steht ihm eine größere Zahl möglicher Kandidaten und Kandidatinnen für freie Stellen zur Verfügung. Damit wächst auch die Chance, wirklich die beste Bewerberin oder den besten Bewerber auszuwählen. Die Mehrheit der hiesigen Unternehmen ergreift diese Chance bisher jedoch kaum. Zwar ist etwa die Hälfte der angehenden Akademiker an deutschen Hochschulen weiblich, in unternehmerischen Spitzenpositionen sind die Frauen aber nur zu zehn Prozent vertreten. Die deutsche Wirtschaft leistet es sich, viele der vorhandenen Qualifikationen und potenziellen Bewerberinnen zu ignorieren.

    Einerseits geht es um Gleichberechtigung und modernes Familienleben. Viele Frauen möchten eine professionelle Karriere verwirklichen und gleichzeitig ein erfülltes Familienleben genießen. In der Praxis ist diese Vorstellung aber oft nicht durchzuhalten. Die Konsequenz: 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte verzichten lieber auf Kinder. Frauen, wie Telekom-Managerin Jeannette von Ratibor, die vier Kinder und einen Spitzenjob vereinbaren sind selten.

    Andererseits entdecken manche Unternehmen allmählich, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, die neuen Ansprüche zu berücksichtigen. Denn die betriebswirtschaftlichen Perspektiven stehen auf dem Spiel. Der Grund: Die deutsche Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten schrumpfen. Schon 2025 könnten mehrere Millionen Arbeitskräfte fehlen. Spätestens dann dürfte es kaum noch möglich sein, auf Frauen zu verzichten. Daher scheint es besser, die Firmen würden sich  heute bereits auf die Zukunft einstellen.

    Trotzdem tut sich nicht viel. GfK ist eher eine Ausnahme. Wie der Woman-on-Board-Index ausweist, liegt der durchschnittliche Frauenanteil in den Vorständen und Aufsichtsräten deutscher Aktiengesellschaften bei 8,7 Prozent. In einem Drittel der Gesellschaften sind die Führungsgremien komplett mit Männern besetzt.

    EU-Justizkommisarin Viviane Reding will deshalb eine verbindliche Frauenquote für Aufsichtsräte von 40 Prozent bis 2020 festschreiben. Richtig oder falsch? Auch in Deutschland ist die Debatte im Gange. Während den Gegnern die Quote zu starr erscheint, halten Befürworter sie für notwendig. Begründung: Nur wenn die Zahl der Frauen in den Führungsetagen eine kritische Masse erreicht, bekommen Bewerberinnen auch eine faire Chance.

  • Der Kitt der Gesellschaft

    Serie "Familie und Wirtschaft" Teil 6

    Immer weniger Paare gehen den Bund des Lebens ein. Immer seltener bekommen Familien Nachwuchs. Haben wir den Sinn für Familie verloren? Nein, sagen Wissenschaftler. Wir haben nur begonnen, sie neu zu definieren  

    „Ich habe zwei Mamas und zwei Papas, eine Menge Brüder und Schwestern, aber keiner von ihnen ist es eigentlich wirklich. Sie sind alle Halb-Irgendwas und Stief-Irgendwas und ein bisschen dies und ein bisschen das. Und ich liebe sie. (…) Jeder, den man zur Familie zählt, ist Familie. Auch Freunde können Familie sein.“ Mit diesen Worten brachte vor einiger Zeit eine 13-Jährige Schülerin aus dem Norden Londons in der Zeitung Independent zum Ausdruck, was für sie Familie bedeutet – nämlich genau das, was Wissenschaftler heutzutage propagieren.

    „Auch Freunde können Familie sein“, meint der Zukunftsforscher Horst Opaschowsky dazu. Die Familie beziehungsweise die Zweigenerationenfamilie habe mit dem demografischen Wandel aufhört, Idealtypus der Gesellschaft zu sein. Der Trend gehe zur Mehrgenerationenfamilie, die aber nicht immer und nicht zwangsläufig unter einem Dach leben müsse. Und, so der Forscher: Wer familien-, kinder- und enkellos lebt, ist mit zunehmenden Alter darauf angewiesen, Freunde als Wahlfamilie zu gewinnen.

    Dieses neue Verständnis von Familie, beobachtet Opaschowsky, ist in der westlichen Welt längst Wirklichkeit geworden. Auch mit Zahlen untermauert der Wissenschaftler seine These: „Mehr als die Hälfte, 55 Prozent der Deutschen, halten es erforderlich, ,sich frühzeitig um nichtverwandte Wahlfamilien zu kümmern’, zitiert er aus einer Studie der Stiftung für Zukunftsfragen, die er jahrelang leitete.    

    Nicht nur bei Opaschowsky erfährt die Familie eine Neudefinition. „Wir befinden uns inmitten einer sozialen Experimentierphase“, sagt beispielsweise der Philosoph Richard David Precht, Er glaubt, dass die Zukunft in Großfamilien liegen wird. Schließlich sei der Zusammenhalt von Clans ein „artspezifisches Verhalten“. Über Jahrhunderte lebten die Menschen so zusammen, argumentiert er. Zu einem solchen Familienverband gehörten ein Großteil der Verwandtschaft, unverheiratete Geschwister, Cousinen, Ammen, Hauspersonal, Gesinde. Die neue Großfamilie könnte eine modifizierte Wiederaufnahme dieser Struktur sein, indem sie Ex-Partner und Freunde einschließt.

    Die Gesellschaft profitiert von Familienmodellen, in denen man sich stärker um seine Angehörige kümmert, meint Precht. Schon allein deshalb, weil aufgrund der Überalterung der Bevölkerung ein Kollaps unserer Sozialsysteme droht und der Staat es sich immer weniger leisten kann, die Versorgung der Alten zu finanzieren.

    Die Wirtschaft, so Precht, muss sich auf diese Veränderungen einstellen. Er sagt: Heute arbeiten die Menschen am meisten an ihrer Karriere in dem Alter, in dem sie Kinder bekommen und aufziehen. Als Folge davon können sie sich nicht um den Nachwuchs kümmern, sind allzeit überfordert und leiden im äußersten Fall am Ende sogar an einem Burnout. Es müsste also Möglichkeiten geben, gerade in dieser Lebensphase weniger zu arbeiten.

    Das Bedürfnis nach mehr Zeit für Familie und ein gutes Leben passt zwar nicht ins Konzept vieler Unternehmen. Doch sie müssen sich wohl teilweise anpassen, wenn sie den Wettbewerb um die besten Leute nicht ausscheiden wollen. „Viele potenzielle Kandidaten winken ab, wenn sie viel unterwegs sein sollen oder überlange Arbeitszeiten haben“, klagt ein Personalberater. So schafft der Bedarf am Ende vielleicht auch ein neue Realität.

  • Honorarberater statt Finanzverkäufer

    Verbraucher sollen unabhängig beraten werden

    Die Bundesregierung stärkt die Beratung von Anlegern durch unabhängige Experten. Mitte nächsten Jahres werden zwei neue Berufsbilder geschaffen. Dann gibt es den „Honorar-Finanzanlagenberater“ und den „Honorar-Anlageberater“. Das hat das Bundeskabinett beschlossen. „Wir schaffen damit den Einstieg in eine Alternativkultur der Anlageberatung“, hofft Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner. Die Ratschläge der Fachleute würden nicht mehr durch Provisionen oder Umsatzziele beeinflusst, sondern allein durch die Bedürfnisse der Kunden.

    Es gibt bundesweit bereits rund 1.400 unabhängige Büros, die Anlegern für sie geeignete Produkte empfehlen. Dafür bezahlen die Kunden eine Gebühr, die durchaus über 100 Euro betragen kann. Da gerade bei lange laufenden Verträge die Unterschiede zwischen guten und schlechten Produkten durchaus einige Tausend Euro ausmachen können, lohnt sich eine Beratung dennoch. Bislang wenden sich die meisten Verbraucher an ihre Bank, wenn sie etwas sparen wollen. Die Beratung in den Geldinstituten ist meist vordergründig kostenlos. Doch die Banken kassieren für die Vermittlung bestimmter Produkte Provisionen. Insbesondere nach der Pleite der Lehman-Bank 2008 ist dieses System in die Kritik geraten, weil für die Bankberater die Höhe der Provisionen wichtiger war als das Wohl der Kunden. Mit unabhängigen Beratern will die Bundesregierung für mehr Wettbewerb auf diesem Markt sorgen und die Qualität der Tipps insgesamt verbessern.

    Es wird künftig drei Berufsbilder geben. Zu den bereits existenten Versicherungsberatern kommen die Finanzanlagenberater, die ausschließlich offene und geschlossene Fonds oder Unternehmensbeteiligungen empfehlen dürfen. Dagegen darf der Honorar-Anlageberater umfassend Vermögensanlagen und Wertpapiere untersuchen und zum Kauf raten. Manche Produkte wie Bausparverträge oder Darlehen bleiben jedoch außen vor. Finanzieren dürfen ich die Berater ausschließlich über die Vergütungen durch die Kunden. Wenn sie Produkte vermitteln und dafür Provisionen vorgesehen sind, müssen sie diese an den Sparer in voller Höhe weiter geben.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) begrüßt den Vorstoß der Bundesregierung, mahnt jedoch weitere Verbesserungen an. „Eine gute Beratung kann nur funktionieren, wenn sie alle Finanzprodukte umfasst“, kritisiert vzbv-Chef Gerd Billen. Er fordert ein Gesetz, dass die Honorarberatung umfassend regelt. Denn bedarfsgerecht Ratschläge seien nur möglich, wenn wenn der Kund unabhängig von einzelnen Produktgruppen Tipps erhalten kann.

    Auch die Opposition hält das Gesetz für missraten. Die Bundesregierung nehme eine künstliche Trennung nach Produktgruppen vor und schaffe damit Schlupflöcher für unseriöse Anbieter, erläutert die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen, Nicole Maisch. Für Carsten Sieling, den Finanzexperten der SPD, ist das Vorhaben „eine einzige Enttäuschung“. Trotz vielfacher Kritik verzichte die Bundesregierung bei den freien Finanzvermittlern, die es auch noch gibt, auf eine Überwachung des Marktes durch die Finanzaufsichtsbehörden. „So wird das Schutzniveau der Anlegerinnen und Anleger auch künftig davon abhängen, wo sie sich beraten lassen – in der Bank oder beim freien Vermittler“, befürchtet Sieling.

  • Wartungspflicht für Öltanks kommt

    2013 müssen Heizölkunden ihre Ölbehälter regelmäßig prüfen lassen/ Die Kosten dafür tragen sie selbst

    Marode Heizöltanks stellen ein extremes Risiko für die Umwelt dar. Deshalb arbeitet die Bundesregierung derzeit an einer deutschlandweiten Verordnung, die eine Prüfpflicht für Heizölanlagen vorsieht. Bis zu 4,5 Millionen Anlagen werden von der Regelung betroffen sein, schätzt der Bundesverband der mittelständischen Mineralölunternehmen UNITI. Im Juni 2013, noch vor der Sommerpause, soll sie in Kraft treten. 

    Ungefähr sechs Millionen Ölheizungsanlagen gibt es laut UNITI deutschlandweit. Schon heute gilt für einen Teil der Anlagen eine Prüfpflicht – etwa, weil der Tank ein recht großes Fassungsvolumen von über 10.000 Liter besitzt oder weil der Behälter in einem Naturschutzgebiet aufgestellt ist. Mit der Einführung der „Verordnung über Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen“ – kurz AwSV – geraten 2013 auch Besitzer kleinerer Heizölanlagen mit einer Füllmenge zwischen 1.000 und 10.000 Liter ins Visier der Prüfer.

    Die neue Verordnung löst die bisher in den Bundesländern geltenden Vorschriften ab. „Vor allem für Bewohner von Ein- und Zweifamilienhäusern hat die Regelung Konsequenzen“, erläutert Heiko Drews, Fachgebietsleiter für Tankanlagen beim TÜV Rheinland. Sie müssten dann zum ersten Mal einen autorisierten Sachverständigen beauftragen. Auf den Kosten für die Kontrolle, die zwischen 100 Euro oder 140 Euro – je nach Größe der Anlage liegen – bleiben die Betreiber höchstwahrscheinlich sitzen. „Auch heute bezahlen die Eigentümer die Überprüfung ihrer Heizöltanks selbst“, erläutert Drews.

    Stellt der Sachverständige bei seiner Untersuchung Mängel fest, muss der Eigentümer diese innerhalb einer angemessenen Frist durch einen Fachbetrieb beseitigen lassen. Je nach Umfang der festgestellten Mängel, kann dann auch eine sachkundige Nachprüfung erforderlich werden.

    In welchen Abständen Eigentümer die Überprüfung vornehmen lassen müssen, hängt von der Art des Tanks ab. Für oberirdische Heizöltanks mit einem Fassungsvermögen zwischen 1.000 und 10.000 Liter ist eine Frist von 15 Jahren vorgesehen. Das zumindest ist aus Verhandlungskreisen zu hören. Im Verordnungsentwurf war noch von zehn Jahren die Rede. Für unterirdische Tanks mit gleicher Größe wird wohl eine kürzere Frist von fünf Jahren gelten.

    „Die Ausweitung der Prüfpflicht auf kleine Anlagen geschieht nicht ohne Grund“, meint TÜV-Fachgebietsleiter Drews. Vor einigen Jahren habe man in Hessen festgestellt, dass vor allem kleine Anlagen sehr mangelbehaftet seien, weil die Eigentümer in der Regel nicht das notwendige Know-How für die sachgemäße Instandhaltung mitbrächten. Das Bundesland habe daraufhin seine landeseigene Prüfpflicht erweitert. „Allein mit einem Liter Öl kann bis zu einer Millionen Liter Grundwasser verseuchen“, gibt der TÜV-Experte zu Bedenken.